Efeu - Die Kulturrundschau

Gespür für Zwischen- und Übergangszeiten

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30.07.2020. Monopol linst mit dem Fotografen Jeff Mermelstein auf die SMS-Nachrichten fremder Handys. Die SZ wärmt sich mit Sam Wassons Roman "The Big Goodbye" am Gruppengeist der Macher von "Chinatown". Wenn die Berliner Clubs sterben, sterben auch Schutzräume für die Außenseiter, fürchtet die Zeit. Warum plötzlich dieses Interesse für orthodoxe Juden im Film, fragt die NZZ.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.07.2020 finden Sie hier

Literatur

In der SZ empfiehlt Fritz Göttler wärmstens Sam Wassons - bisher nur auf Englisch erschienenen - Roman "The Big Goodbye" über die Entstehung des Films "Chinatown": "'Chinatown' war wie ein Abgesang, in ihm wurde noch einmal der Geist des alten Hollywood beschworen, der Gruppengeist, ein gemeinschaftlicher Enthusiasmus, eine spontane Generosität, eine selbstverständliche Loyalität, eine professionelle Lust am Erzählen. Davon erzählt Sam Wasson in seinem Buch. Es ist die ungemein intime und intensive Geschichte der vier Männer [Robert Evans, Roman Polanski, Jack Nicholson und Robert Towne], ihrer Träume und Visionen, und der Frauen und Freunde um sie her, der Techniker und Kollegen - zum Beispiel Art Director Richard Sylbert oder seine Schwägerin Anthea, die Kostümbildnerin, oder der Kameramann John Alonzo. Wasson hat ein aufregendes Gespür für Zwischen- und Übergangszeiten... Es ist eine Geschichte auch von L. A., der Pionier- und Hippiestadt, von ihrer Freiheit, immer von Korruption und Perversität durchzogen: 'Wenn die Stadt je wusste, was sie war, blieb sie dabei, dies zu vergessen.'"

Weiteres: Der in diesem Jahr erstmals vergebene Große Preis des Deutschen Literaturfonds geht an Felicitas Hoppe, meldet die FR. Besprochen werden u.a. Ulrike Almut Sandigs Roman "Monster wie wir" (taz), Marius Goldhorns Roman "Park" (FAZ), Michael Tomasellos "Mensch werden" (SZ) und Robert Seethalers Roman "Der letzte Satz" (Zeit). Mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr.
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Stichwörter: Wasson, Sam, Chinatown

Kunst

Bild: © Jeff Mermelstein, Courtesy of MACK

Ob das nun moralisch vertretbar ist, dass der amerikanische Street-Fotograf Jeff Mermelstein heimlich intime SMS von fremden Personen fotografiert, will Miriam Hinternesch im monopol-magazin lieber nicht beantworten. "Erweitert sich das persönliche Recht auf Privatsphäre auf unsere Bildschirme, selbst wenn wir im öffentlichen Raum unterwegs sind?", fragt sie. Unseren Voyeurismus stillen die Bilder in jedem Fall, meint sie: "Die Fotos funktionieren auch ohne zugehörige Gesichter. Ist sowieso viel spannender, sich mögliche Charakterzüge der Autoren an ihrer Emoji-Wahl, gerissenen Bildschirmen oder mehr oder weniger manikürten Nägeln herzuleiten. Gerade in einer Stadt wie New York, die von der Anonymität der Masse lebt, faszinieren die Einblicke in solch unpolierte, bizarre, witzige und tiefgründige Handy-Gespräche, die eigentlich nicht für die Öffentlichkeit gedacht waren. Und auch zur durchinszenierten Instagram-Welt, in der anscheinend für alle immer alles perfekt läuft, ist das ein erfrischend ehrlicher Gegensatz. Da muss schon erst einmal jemand Voyeurismus betreiben, um einen realen Augenblick zu erhaschen."

Weiteres: Arno Widmann betrachtet für die FR Artemisia Gentileschis Gemälde "Judith und Holofernes" von ca. 1620, mit dem sie ihre Vergewaltigung verarbeitete. In der taz schreibt Kit Schulte den Nachruf auf die Kuratorin Rebeccah Blum, die in Berlin offenbar von dem britischen Fotokünstler Saul Fletcher erstochen wurde, der anschließend Suizid beging (weitere Stimmen zum Tod Rebeccah Blums hier). Im monopol-magazin gratuliert Saskia Trebing der amerikanischen Konzeptkünstlerin Jenny Holzer zum Siebzigsten. Im Tagesspiegel gratuliert Nicola Kuhn der Konzeptkünstlerin Jenny Holzer zum Siebzigsten.

Besprochen wird die Ausstellung "Queens" im Schwulen Museum mit Fotografien von Nihad Nino Pušija aus den queeren, (post)migrantischen Subkulturen im Berlin der 1990er (taz),
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Musik

In der Zeit fragt Jens Balzer, ob die Berliner Clubkultur am Ende ist und erinnert, was damit verloren gehen würde: "Im Kollaps der Clubkultur, wie wir ihn derzeit erleben, spiegelt sich der Kollaps einer Globalisierung, die Menschen eben auch dabei helfen konnte, sich aus der Repression, der kulturellen und politischen Enge ihrer Heimatländer zu befreien. So wie das Berghain aus den Schutzräumen der schwulen Szene im Berlin der Nachwendejahre entstand, so waren Clubs schon immer safe spaces für all jene, die sich aus der Mehrheitsgesellschaft ausgeschlossen fühlten - seit ihrer Entstehung im New Yorker Disco-Underground der frühen Siebzigerjahre, in dem Schwule und Lesben, Queere und Heteros, Weiße und People of Color wenigstens für die Dauer einer durchgefeierten Nacht sich so selbstverständlich miteinander vereinten, wie es in der Welt außerhalb dieser Clubs bis heute unmöglich ist."

Weiteres: Das hat gedauert, aber jetzt hat Twitter doch das Konto des britischen Rappers Wiley gesperrt, der sich mit antisemitischen Tiraden bloßgestellt hatte, meldet die Presse. Besprochen werden Synthie-Pop-Alben von den Sparks und den Parcels (FR).
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Stichwörter: Berghain, Queer

Film

Szene aus dem Horrorfilm "The Vigil"


Die Netflix-Produktionen "Unorthodox", "Wolkenbruch", "Shtisel", Sebastián Lelios Liebesdreieck "Disobedience", der US-Indie "Menashe", "Tikkun" und der Horrorfilm "The Vigil" - orthodoxe Juden sind zur Zeit ein beliebtes Filmthema, stellt Andreas Scheiner in der NZZ fest. Wie kommt's? Aber vor allem: "Was denkt sich der Mehrheitszuschauer, der auf allen Kanälen verbiesterte Orthodoxe sieht? Weiß er, dass ein Satmarer Chassid aus Williamsburg mit einem Frommen aus Zürich Enge so viel gemein hat wie ein Scientologe mit einem Freikirchler? Weiß er, dass es weltweit ähnlich viele ultraorthodoxe Juden gibt wie, sagen wir, Muslime in Nordrhein-Westfalen? Weiß er den Orthodoxen vom Dreitagejuden, der dreimal im Jahr zur Synagoge geht, zu unterscheiden, oder bleibt am Ende nicht doch ein verzerrtes Bild des Judentums haften?"

Weitere Artikel: Lory Roebuck porträtiert in der NZZ den Filmregisseur Christopher Nolan. In der taz findet Wilfried Hippen "Otto - Den Film" immer noch sehenswert, auch ohne Schnitte. Im Tagesspiegel bereitet uns Andreas Busche auf die Filmfestspiele von Venedig in Coronazeiten vor. Ebenfalls im Tagesspiegel stellt Christiane Peitz das Buch zum Weinsteinskandal der New-York-Times-Reporterinnen Jodi Kantor und Megan Twohey vor.

Besprochen werden Judd Apatows "The King of Staten Island" (FR, Berliner Zeitung), Mika Kaurismäkis Lappland-Romanze "Master Cheng in Pohjanjoki" (SZ, FR, Tagesspiegel, Berliner Zeitung), Manele Labidi Labbés Debütfilm "Auf der Couch in Tunis" (SZ, Presse, Standard), Derrick Bortes Thriller "Unhinged" mit Rusell Crowe (NZZ), "Black American Cinema - L.A. Rebellion", eine Reihe mit Filmen schwarzer Filmregisseurinnen, im Hamburger Metropolis-Kino (taz) und eine DVD mit der restaurierten Fassung von Hans Karl Breslauers Stummfilms "Die Stadt ohne Juden" von 1924 und mit Musik der Komponistin Olga Neuwirth (taz).
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Bühne

Ganz hingerissen ist Christine Dössel in der SZ nach dem Besuch der Ausstellung "Das Große Welttheater" im Salzburg-Museum in der Neuen Residenz, die interaktiv mit Requisiten, Videos und in hundert Objekten zurück auf hundert Jahre Salzburger Festspiele blickt: "Ein früher elektrischer Scheinwerfer, eine alte Inspizientenglocke, Dirigierpartituren von Karl Böhm, Herbert von Karajan, Riccardo Muti. Jedes Objekt steht stellvertretend für ein Jahr. Den Anfang macht das handlich kleine Regiebuch Max Reinhardts, mit dessen 'Jedermann'-Inszenierung 1920 vor dem Dom alles begann. Die Vitrine von 1924 bleibt leer, weil damals die Festspiele ausfielen."

Weiteres: Im Standard-Gespräch mit Stefan Ender versprechen Dirigent Frank-Welser Möst und Sopranistin Ausrine Stundyte eine "glühende" Elektra-Premiere unter der Regie von Krzysztof Warlikowski bei den Salzburger Festspielen. Während die Theater hierzulande laut klagten, nutzte das Theatr Clwyd in Mold im Nord-Osten von Wales die Zeit des Lockdowns für Gemeindearbeit und die Förderung von Jugendlichen, berichtet Chris Wiegand im Guardian. Und: Die neue musikzeitung gibt Streaming-Tipps für die Festivalsaison. Besprochen werden zwei Neuerscheinungen zum 150. Geburtstag von Franz Lehar (Standard).
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