Efeu - Die Kulturrundschau

Die Milch des Funktionalismus

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26.10.2020. Die SZ schlägt sich auf der Çanakkale-Biennale die Fäuste an Marmor blutig. In der FR erklärt sich Siv Bublitz zum Rauswurf von Monika Maron beim Fischer Verlag. Nachtkritik und Berliner Zeitung singen mit Sibylle Berg eine Hymne in Moll auf Katja Riemann. ZeitOnline lauscht berührt dem wunden Alt der Folksängerin Shirley Collins. Die Welt verabschiedet den Architekten Klaus Humpert, der in den röhrenden Hirschen einen Verzweiflungsschrei gegen den Funktionalismus erkannte.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.10.2020 finden Sie hier

Kunst


Füsun Onur: 'Ohne Titel', 1993-2012. Foto: Çanakkale Biennale

Dass die Internationale Çanakkale-Biennale überhaupt stattfinden kann, freut Christiane Schlötzer in der SZ riesig, aber auch dass sie das großartige neue Troja-Museum bespielen darf, hält sie für einen Glücksfall: "Dort empfängt ein Werk der türkischen Grande Dame der Konzeptkunst, Füsun Onur, geboren 1938. Es ist ein abgewetzter Bürostuhl, umschlossen von einer schweren Kette. Auf der Sitzfläche, auf der niemand sitzen kann, das Namensschild der Künstlerin. Ein Objekt, das wenig Erklärung braucht. Was der rote Boxsack, den der kurdisch-türkische Künstler Halil Altindere, Jahrgang 1971, von der Decke hängen lässt, in sich hat, das merkt dagegen erst, wer versucht, ihm einen Punch zu geben: Er wird sich die Fäuste blutig schlagen, denn das Innere des Sacks ist aus Marmor. 'Spiel' lautet das Motto, dem sich die Objekte zuordnen lassen, ein Spiel mit durchaus unfairem Ausgang."

Nicht nur die Absage der Philip-Guston-Schau aus Angst vor politischem Unmut findet Sarah Pines in der NZZ schlimm. Auch die stattfindende Ausstellung von Gefängniskunst im New Yorker Moma PS1 hält sie für einen weiteren Pflasterstein auf dem Irrweg der identitären Kunst: "Aus politisch korrekter Sicht stimmt hier bis hin zu den genderneutralen Toiletten für Besucher alles: Die Kunst - Skulpturen aus den Essenstabletts der Knastkantine, feine Bleistiftzeichnungen von Insassen, die Rap-Video-Installation einer Gefangenen - stellt diejenigen dar, die sie schufen, und niemanden sonst. Die dargestellten Werke erscheinen kontextlos, der Betrachter erfährt nichts über die Künstler, außer dass sie im Gefängnis waren oder sind. Solches ist debattenfreie Kunst, auf dem Silbertablett serviert, ohne Ecken, Kanten, den unangenehmen Stich des Neuen. Die Optionen, im MoMA PS1 kritisch über Rassismus oder die Brutalitäten des US-Gefängnissystems nachzudenken, sind äußerst limitiert, die Kunst selber ist ebenso repetitiv wie die Kerkerzellen ihrer Autoren. Ja das alles ist fast schon Propaganda für die US-Gefängnisse, ausgetragen auf dem Rücken der Wehrlosen."

Besprochen werden außerdem die eine Ausstellung der Fotografinnen Ruth und Lotte Jacobi im Willy-Brandt-Haus in Berlin (Tsp), Münchner Ausstellungen von Franz Erhard Walther und Michael Armitage im Haus der Kunst sowie Olaf Metzel in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste (FR) sowie die Georges-Braque-Retrospektive im Bucerius Kunst Forum in Hamburg (FAZ).
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Design

Nicola Kuhn schreibt im Tagesspiegel zum Tod des Designers Enzo Mari (mehr dazu bereits hier).
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