Efeu - Die Kulturrundschau

Ein eigentliches Fabelwesen

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04.11.2020. Noch schlimmer als falsche Nachrichten sind falsche Gefühle, erkennt der Schriftsteller Ernst-Wilhelm Händler, der in der SZ Instagram-Rezensionen durchforstet. Der Guardian bewundert die queere Drastik in den Fotografien Zanele Muholis. Die taz freut sich über die Post-Internet-Ästhetik, die mit der Roma-Baukultur in Dortmund Einzug hält. Die Welt ist dankbar, dass vor fünfzig Jahren nicht die Gare d'Orsay abgerissen wurde. Und die NZZ feiert Tilda Swinton als große Uneindeutige des Gegenwartskino.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.11.2020 finden Sie hier

Kunst

Zanele Muholi: Qiniso, The Sails, Durban 2019 © Zanele Muholi

Im Guardian berichtet Adrian Searle von der wahrscheinlich angesagtesten Schau überhaupt: Fotografien der queeren südafrikanischen Fotograf*in Zanele Muholi in der Tate Modern: "Aufgewachsen im Durban der Apartheid-Ära, hat Muholi die verganenen zwei Jahrzehnte Leben queerer Schwarzer in Südafrika nach der Apartheid zu dokumentiert und gefeiert. So sehr ihre Arbeit Affirmation und manchmal Commemoration ist, so sehr ist sie auch eine Lektion in Sachen Sichtbarkeit und auch eine Provokation. Eine schwarze Frau, der Kopf vom Bild abgeschnitten, legt einen Gürtel um ihren nackten Oberschenkel: Der Gürtel trägt einen weißen Umschnalldildo, der schwer an seinem Gurt hängt. Fick dich, scheint der Dildo zu sagen. Schwarze Haut, weißes Silikon, auf eigene Weise harte Eier."

Weiteres: In der SZ berichtet nun auch Karin Janker, wieviel Kritik der Madrider Prado für seine Ausstellung "Invitadas" auf sich zog, mit der er eigentlich Abbotte für die Frauenfeindlichkeit in der spanischen Kunstgeschichte leisten wollte (mehr hier). In der Berliner Zeitung listet Hanno Hauenstein all die Peinlichkeiten auf, die mit der Olivenöl-Attacke auf der Berliner Museuminsel verbunden sind: Die Überwachungskameras waren "leider unbemerkt ausgefallen" und die beschädigten Objekte obendrein nicht versichert. Im Tagesspiegel besichtigt Nicola Kuhn die Kunstwerke, die jetzt immerhin am neuen Berliner Flughafen zu sehen sind, etwa den Fliegenden Teppich von Pae White oder eine Lampionkette von Olaf Nicolai, "die sich wie ein Armband um die Brücke für das Großraumflugzeug A380 schlingt".

Besprochen wird die Artemisia-Gentileschi-Schau in der Londoner National Gallery (SZ).
Archiv: Kunst

Literatur

Der Schriftsteller Ernst-Wilhelm Händler berichtet in der SZ von seinen Erfahrungen mit Literaturrezensionen auf Instagram. Dass es dort mitunter seicht, wenn nicht gar gekauft zugeht, nimmt er achselzuckend zur Kenntnis, viel bemerkenswerter erscheint ihm der Stellenwert des Gefühls in diesen Zirkeln, bei denen nicht immer ganz klar werde, welchen tatsächlichen Stellenwert sie haben. Zwar könne man "'so what' sagen. Fake oder nicht Fake - was sollen im Kontext des Diskurses über Literatur vorgespiegelte Gefühle und moralisch falsche Gefühle schon anrichten. Ein Unterschied zwischen Emotionen und Kognitionen besteht darin, dass kognitive Inhalte revidiert werden können. Emotionen können nicht zurückgenommen werden." Und "wenn in toto mehr falsche Gefühle in Umlauf sind, dann hat das Folgen für den Menschen, der auch das Ergebnis seiner Interaktionen im Internet ist. Nehmen nach der obigen Definition falsche Gefühle zu, verändern sie den Gefühlsbegriff, den wir jetzt leben. Literarische Gefühls-Fakes müssen nicht folgenlos bleiben."

Weitere Artikel: Cornelia Geißler berichtet in der Berliner Zeitung von Frank-Walter Steinmeiers Digitalsalon zu Ehren von Paul Celan.

Besprochen werden unter anderem Elena Ferrantes "Das lügenhafte Leben der Erwachsenen" (taz), Don DeLillos "Stille" (FR), Ben Lerners "Die Topeka-Schule" (NZZ), John Burnsides Essay "What light there is. Über die Schönheit des Moments" (Tagesspiegel), Monika Hinterbergers Studie "Eine Spur von Glück" über lesende Frauen in der Geschichte (online nachgereicht von der FAZ), Ayad Akhtars "Homeland Elegien" (Dlf Kultur), eine Jubiläumsausgabe zu 70 Jahre "Peanuts" (Jungle World) und Josef von Neupauers "Österreich im Jahre 2020" (FAZ).
Archiv: Literatur

Film

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Tilda Swinton wird 60 - in der NZZ würdigt Andreas Scheiner die Schauspielerin als die große Uneindeutige des Gegenwartskino: Sie ist "der Orlando-Typ: Diese Figur aus der Virginia-Woolf-Verfilmung, die die Jahrhunderte durchstreift und auf halbem Weg das Geschlecht wechselt - das ist Tilda Swinton 'in a nutshell': alterslos, androgyn bis postgender, ein eigentliches Fabelwesen", worin allerdings auch die Gefahr bestehe, "dass sie an Leute gerät, die sie als ein Accessoire fürs Ausstattungskino missverstehen. ... Aber sie vollbringt das Kunststück, gleichzeitig unverkennbar und unkenntlich zu sein."

Außerdem: Im Freitag begrüßt Marlen Hobrack die Entscheidung von Disney, die hauseigenen Zeichentrickklassiker im eigenen Streamingdienst künftig mit vor rassistischen Darstellungen warnenden Einblendungen zu markieren. Die Duisburger Filmwoche beginnt ihr Projekt "Protokult - Duisburger Protokolle", das einen besseren Zugriff auf die traditionell sehr engagierten und schriftlichen protokollierten Filmdebatten des Festivals ermöglichen soll, wie Alexander Scholz im Geleitwort schreibt. Den Auftakt im Blog macht Matthias Dell mit Beobachtungen zu den aktuellen Filmvorführungen.

Besprochen werden Andreas Voigts gerade bei Dok.Leipzig gezeigter Dokumentarfilm "Grenzland" über das Leben an der deutsch-polnischen Grenze (Zeit) und die Netflix-Serie "Big Mouth" (FR).
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Archiv: Film

Architektur

"Faţadă / Fassade": Ausstellungansicht. Foto: China Hopson

Max Florian Kühlem freut sich in der taz, dass die Roma-Baukultur jetzt auch in Dortmund ein sichtbares Zeichen gefunden hat: In der Schleswiger Straße in der Nordstadt prangen gleich vier Versace-Medusen auf der Fassade eines buntbemalten Hauses mit einem schmalen Vordach aus Metall. Sehr typisch für die Bauten der Roma, lernt Kühlem in der begleitenden Ausstellung "Faţadă / Fassade" im HMKV: "Neben den Metallaufbauten und Sprenglerarbeiten weisen sie oft Mansardenfenster, Säulen und kleine Balkone auf, die eigentlich auf die französische Baukultur des 19. Jahrhunderts verweisen. Diese war in Rumänien sehr beliebt - und Rom*nja waren oft als Arbeiter an ihrem Bau beteiligt. Haben sie jetzt die Chance auf eigene Häuser, spielen sie selbst mit einer Form, die in der Ausstellung als 'Post-Internet-Ästhetik' bezeichnet wird und die Ausdruck oder Behauptung eines neuen Selbstbewusstseins ist: Die Häuser weisen Elemente von Neorenaissance und Bollywoodkitsch und eben Luxusemblemen wie dem Versace-Logo oder dem Mercedes-Stern auf."

In der Welt erinnert Rainer Haubrich daran, dass vor fünfzig Jahren die Gare d'Orsay aus der Belle Epoque, die heute das schöne Musée d'Orsay beherbergt, abgerissen werden sollte, um einen modernen Messezentrum mit Hotelkomplex von Le Corbusier zu weichen. Es waren die rigorosen Jahre der Stadplanung: "1958 hatte Charles de Gaulle - im alten Ballsaal der Gare d'Orsay übrigens - die Fünfte Republik angekündigt und mit einer Modernisierung des Staates begonnen, im gleichen Jahr war der elegant geschwungene Neubau der Unesco-Zentrale von Marcel Breuer und Pier Luigi Nervi gegenüber der École Militaire eröffnet worden. Ein Jahr später verabschiedete man einen Generalplan für Paris, der vorsah, besonders unhygienische Quartiere abzureißen - etwa ein Fünftel der Stadtfläche. Und es gab bereits Gedankenspiele, neue Schnellstraßen durch das historische Zentrum zu bauen, unter anderem entlang der beiden Seine-Ufer. Aber mit dem Hotel-Projekt der französischen Bahn ging es nicht recht voran. Grund waren zunehmende Proteste von Denkmalpflegern, Kunsthistorikern und Bürgern, die mit Entsetzen verfolgten, wie das überlieferte architektonische Erbe von Paris Stück für Stück abgetragen wurde."
Archiv: Architektur

Bühne

Besprochen wird Frank Castorfs Inszenierung von Walter Braunfels' Oper "Die Vögel" nach Aristophanes an der Bayerischen Staatsoper (und mit einer fabelhaften Sängercrew, wie Joachim Lange in der taz versichert).
Archiv: Bühne
Stichwörter: Bayerische Staatsoper

Musik



Das muss ihr auch erstmal jemand nachmachen: Kylie Minogue hat im Quasi-Lockdown nahezu komplett in Eigenregie ein Album aufgenommen, das einfach "Disco" heißt. Die Spannbreite von der Pandemie-Quarantäne zum Sehnsuchtsraum Club könnte kaum größer sein, schreibt Jakob Biazza in der SZ-Popkolumne, noch dazu ist das Album "wirklich zum Clubhimmel-schreiend überproduziert, glitzernd, oberflächlich, mehrschichtig kandiert und in Zuckerstreuseln gewendet." Einige Stücke "sind richtig gut. Viele richtig egal. Aber selbst die egalen Nummern lassen so sehr die Verheerungen spüren, die die Corona-Einschränkungen im Endorphin-Haushalt anrichten, dass man sie mögen und sogar ihre Texte ignorieren kann - alles für eine kleine Dosis Club-Leichtigkeit." Auch Tagesspiegel-Kritiker Ulf Lippitz saugt aus diesem Album in darbenden Zeiten viel bitter benötigte Nahrung und glaubt: "Eines Tages werden wir wieder nach einer durchtanzten Club-Nacht aufwachen, Glücksmomente im Kopf und einen Kater im Schädel. Dadurch ähnelt 'Disco' einer Zeitschleife, einmal als musikalische Referenz an die späten 70er Jahre - zum anderen als Gedächtnisstütze, wie das Leben post-Corona sein sollte und dürfte. Was einmal war, wird wieder sein", schließlich "war Pop immer auch Eskapismus, ob in der Thatcher-Ära, im Kalten Krieg oder nach der Finanzkrise".



Außerdem: Im Tagesspiegel porträtiert Ken Münster den schwedischen Jazzmusiker Otis Sandsjö. Für die FAZ spricht Edo Reents mit dem Gitarristen Mike Campbell über Tom Petty, an dessen Seite er gespielt hat und der dieses Jahr 70 geworden wäre. Peter Praschl liest für die Welt den spirituellen Lebensratgeber, den Tina Turner gerade veröffentlicht hat.

Besprochen werden eine Aufnahme des Ensembles Modern von Ensemble Modern von Pascal Dusapins Oper "Passion" (SZ), die neuen Album der Gorillaz (NZZ) und derFleet Foxes (FR) sowie Philip Normans Biografie über Jimi Hendrix (FAZ).
Archiv: Musik