Efeu - Die Kulturrundschau

Epochale Verdoppelung der Welt

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.06.2021. Die SZ fragt sich, ob Amazon mit seiner Verpflichtung auf eine "authentische Darstellung" in seinen Filmen auf dem Weg zu einer Blut-und-Boden-Politik ist. Auf Intellecture beklagt die Orlanda-Verlegerin Annette Michael ein fehlendes Sensorium für afrikanische Literaturen. Die FR feiert die avantgardistische Modefotografie von Yva. Dezeen lernt von Architekt Francis Kéré das Zusammenspiel von materieller Kühle und visueller Wärme. Und die taz feiert die schrullige krautrockhafte Freakigkeit der Fische.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.06.2021 finden Sie hier

Kunst

Yva: Reise- und Segelanzug, ca. 1932 Bild: Städel-Museum

Sehr avantgardistisch findet Sandra Danicke in der FR die Fotografien aus den zwanziger und dreißiger Jahren, die das Frankfurter Städel Museum in seiner Schau "Neu sehen" zeigt: "Spektakulär für ihre Zeit sind auch die Modeaufnahmen von Yva. 1925 hatte die Berliner Szenefotografin, die unter dem Namen Else Ernestine Neuländer-Simon geboren wurde, ein Atelier für Mode- und Werbefotografie eröffnet. Aufträge erhielt sie vor allem von den großen Illustrierten des Ullstein-Verlages wie Die Dame oder UHU. Im Städel sind derzeit ein 'Regenmantel mit praktischer Rückenfalte' sowie ein 'Reise- und Segelanzug' zu sehen, doch legendär sind vor allem Yvas elegante Inszenierungen von Damenbeinen in Seidenstrümpfen."

Walter Pfeiffer, ohne Titel, 2009. Bild: Galerie Gregor Staiger

Jungen, schönen und gesunden Männern begegnet NZZ-Kritiker Jürg Zbinden in der Zürcher Galerie Gregor Staiger, die die großartigen Polaroids des Schweizer Fotografen Walter Pfeiffer zeigt. Zbinden rückt Pfeiffer in die Nähe von Jean Cocteau und Andy Warhol, wenn nicht sogar darüber hinaus: "Eine Gemeinsamkeit besteht darin, dass die drei ihr Schönheitsideal in jungen Männern verkörpert sehen. Wer sich jedoch in der künstlerischen Auseinandersetzung mit der eigenen Homosexualität auf diese beschränken würde, bliebe im Gefängnis der Subkultur stecken und hätte den Kunstmarkt nicht zu transzendieren vermocht."

Besprochen werden die Ausstellung "Hellas in München" zu 200 Jahren bayerisch-griechischen Verbindungen in der Glyptothek (SZ), die Schau "Da seid ihr ja!" im Berliner Kunstverein Ost e.V. (taz), die Ausstellung "Vorbilder / Nachbilder" im Berliner Museum für Fotografie (FAZ) und eine Ausstellung der britischen Künstlerin Sonia Boyce im Middlesbrough Institute of Modern Art (Guardian).
Archiv: Kunst

Film

Amazon verpflichtet sich mit einer "Inclusion Policy" für seine Filme dazu, künftig Mindestquoten für Frauen und sexuelle Minderheiten vor unter hinter der Kamera zu erfüllen, ferner soll es auch beim Casting um diee "authentische Darstellung" ethnischer und kultureller Gruppen, Nationalitäten, Religionen, Körpermaße etc. gehen (von Armut ist im übrigen keine Rede - Multimillionäre können also weiterhin darauf hoffen, für ihre Darstellung von Obdachlosen Oscars zu gewinnen). Hellhörig wird SZ-Kritiker Tobias Kniebe beim Punkt der Nationalität, denn "im Vergleich zu all den anderen fragilen Punkten der Aufzählung" ist diese "ja nur dadurch definiert, was als solche im Pass steht, und da man die allerverschlungensten und absurdesten Wege kennt, wie solche Einträge zustande kommen, erscheint sie an dieser Stelle besonders bürokratisch und arbiträr. Und was sollte ihre Betonung in dieser Liste eigentlich bewahren? Alles, was man sich vorstellen kann, geht sofort in Richtung einer Blut-und-Boden-Verwurzelung, oder aber es driftet hinüber zu einem geckenhaften Nationalstolz aus der Vergangenheit, den man nun wirklich nicht geschützt sehen möchte."

Monster-Doppel in verdoppelter Welt: Godzilla und Kong beim Schiffeversenken

Standard-Kritiker Bert Rebhandl wird beim neuen, extrem hochauflösend gestalteten Monsterspektakel "Godzilla vs. Kong" philosophisch: Die Blockbuster der letzten 20 Jahre bilden so etwas "wie Jahresringe einer großen Bewegung auf einen bis auf die Atomebene fein ziselierten Realismus zu, der eben keinerlei Vorlage mehr braucht - außer das riesige Repertoire der Vorstellungen von Humanität, Monstrosität, Natürlichkeit und erhabener Gewalt, das die Menschheit entwickelt hat. Fast scheint es, als hätte 'Godzilla vs. Kong' von dieser epochalen Verdoppelung der Welt durch ein digitales Imaginäres einen Begriff. Denn die hohle Erde, das Reich im Inneren, das sich hinter einem Kipppunkt der Druckverhältnisse eröffnet, ist ein Vorschein eines Planeten, der sich nach Belieben neu erfinden kann." Weitere Besprechungen in FAZ und taz.

Außerdem: Für die SZ besucht Axel Rühle den großartigen TV-Dokumentaristen Georg Stefan Troller, der in diesem Jahr hundert Jahre alt wird, in dessen Pariser Wohnung zum Gespräch über sein bewegtes Leben - wann bergen die Öffentlich-Rechtlichen eigentlich endlich Trollers "Pariser Journale" als Mediatheken-Schatz?

Besprochen werden Sandra Wollners "The Trouble With Being Born" (ZeitOnline), Paul W.S. Andersons "Monster Hunter" (Presse), Otto Waalkes' "Catweazle" (Presse) und die ZDFneo-Serie "Loving Her" (taz).
Archiv: Film

Literatur

Als Tsitsi Dangarembga vor einer Woche als Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels bekannt gegeben wurde, war bei weiten Teilen des Feuilletons die sanfte Ratlosigkeit durchaus zu spüren (unser Resümee). Dangarembgas Bücher erscheinen in Deutschland beim Kleinverlag Orlanda, dessen Bücher kaum zu den Literaturseiten der Zeitungen durchdringen. Thomas Hummitzsch vom Intellectures-Blog hat mit der Verlegerin Annette Michael gesprochen. Kennengelernt hat sie die Autorin beim African Book Festival in Berlin, das Dangarembga 2019 kuratiert hatte. Laut Michael fehlt in Deutschland "eine Offenheit, oder nein, ein Sensorium, ein Gespür" für die afrikanischen Literaturen. "Sie liefern uns Innenansichten aus Gesellschaften die uns weitgehend unbekannt sind und sie bringen uns deren Probleme und Lebensumstände näher, was uns in die Lage versetzt, die Welt als Ganzes zu verstehen. ... Man spricht immer von afrikanischer Literatur, dabei sind das so viele Länder, in denen vollkommen unterschiedliche Produktionsbedingungen für Literatur und auch komplett andere Lebensbedingungen herrschen. Wir wissen so viele Dinge nicht und genau das wollten wir ändern. Indem wir Geschichten verlegen, die diese Innenansichten bieten, um Verständnis und Wissen zu entwickeln."

Außerdem: Für die FAZ besucht Tilman Spreckelsen das neue vom japanischen Architekten Kengo Kuma entworfene Andersen-Museum in Odense, das dem Märchendichter eine milde Kindheit zuschreibt: "Aus der von bitterer Armut, Trunksucht, Aberglauben und Promiskuität bestimmten Atmosphäre bleiben in Andersens späterer Darstellung für das Publikum nur Armut und Unwissenheit übrig, gepaart mit Sittlichkeit." Im Tagesspiegel schreibt Nicola Kuhn. In der Dante-Reihe der FAZ reist Patrick Bahners bis in den untersten Höllenkreis. Richard Kämmerlings erinnert in der Welt an Ror Wolfs Gedicht zum legendären Wembley-Tor 1966.

Besprochen werden unter anderem Katharina Döblers "Dein ist das Reich" (taz), Riad Sattoufs Comicserie "Esthers Tagebücher" (Tagesspiegel), die erstmals auf Deutsch erscheinende, unzensierte Fassung von Violette Leducs "Thérèse und Isabelle" aus dem Jahr 1967 (SZ) und neue Bücher über Marcel Proust, dessen Geburtstag sich in der kommenden Woche zum 150. Mal jährt (FAZ).
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Archiv: Literatur

Architektur

Das Burkina Institute of Technology. Foto: Jaime Herraiz für Kéré Architecture

Der in Berlin arbeitende burkinische Architekt Francis Kéré hat ein weiteres seiner spektakulär schönen, einfachen und praktischen Gebäude errichtet: Auf Dezeen stellt Lizzie Crook das Burkina Institute of Technology in Koudougou vor, das Kéré allein aus Lehm und Eukalyptus errichtet hat: "Lehm wurde auch deshalb gewählt, weil er vor Ort reichlich vorhanden ist und durch seine thermische Masse zur Kühlung der Innenräume des Instituts beiträgt. Die kühlenden Eigenschaften des Lehms wirken im Zusammenspiel mit einer mechanischen Klimaanlage, Öffnungen in den Wänden und einem sägezahnförmigen Dachprofil. Die Dachöffnungen sind so konzipiert, dass die warme Luft durch den Kamineffekt entweichen kann - eine Technik, die Gebäude auf natürliche Weise belüftet, indem sie aufsteigende heiße Luft ableitet. Um jedes Klassenzimmer herum befinden sich schattige Korridore und Gehwege, die von Schirmen aus lokalem Eukalyptusholz eingerahmt werden. Diese Schirme verbinden das Institut mit der Lycée Schorge Secondary School, die mit dem gleichen Holz verkleidet ist. Eukalyptusholz wurde auch im Inneren verwendet, um die abgehängten Decken in den Klassenzimmern zu verkleiden, was den Innenräumen visuelle Wärme verleiht und die Lehmwände ergänzt."

Bereits gestern erinnerte Klaus Englert in der taz an den marxistischen Stadtsoziologe Henri Lefebvre, der bereits vor sechzig Jahren die Krise der Stadt und gegen die 'beschädigte urbane Gesellschaft' auf öffentliche Räume setzte, in denen die Menschen wieder Konfrontation mit Unterschieden erfahren.
Archiv: Architektur

Bühne

Martin Krumholz berichtet in der SZ vom Festival Theater der Welt in Düsseldorf, bei dem unter anderem auch der European Philosophical Song Contest stattfand. Besprochen werden das Stück "Konsum" im Wiener Werk X (Standard), der Abschluss von Tom Stoppards Trilogie "Die Küste Utopias" am Staatstheater Wiesbaden (FR) und eine deutsch-russische "Rheingold"-Produktion im Ural (FAZ).
Archiv: Bühne

Musik

Große Freude hat tazler Aram Lintzel an der aktuellsten Wiederveröffentlichung von bureau_b, dem Label, das sich in seiner archivarischen Produktlinie sowohl dem Krautrock der 70er, als auch den Sumpfblüten des deutschen Punk- und Post-Punk-Undergrounds der 80er widmet. Die neueste Entdeckung: "Eine Nacht in Cairo" von Die Fische, 1986 privat gepresst. Anders als auf einem Tape in den frühen 80ern klingt das Düsseldorfer Duo hier zwar professioneller, aber es gehe auch immer hier noch darum, "New Wave, Postpunk und Dark-Wave-Texturen durch Improvisation seitlich auszufransen. Das Ergebnis ist eine schrullige, oft durchaus krautrockhafte Freakigkeit, die mit dem für experimentelle Bands dieser Zeit gerne bemühten Dadaismus-Klischee nicht wirklich zu fassen ist. Auf alten Bandfotos sieht man die beiden Künstler mit halbem Globus als Helm auf dem Kopf oder FAZ-lesend, zwischen Schabernack und Ernsthaftigkeit bewegt sich denn auch das Stimmungsspektrum der Songs. Der Anti-Gesang klingt stellenweise hysterisch und aufgekratzt, in Kombination mit dem kargen Synth Pop und dem nach Postpunk-Kriterien ungewohnt muskulös klingenden Schlagzeugspiel sorgt das für interessante Kontrasteffekte." Wir hören rein:



Außerdem: Die aktuellen #MeToo-Debatten im Deutschrap haben das Potenzial, die Szene tatsächlich nachhaltig zu verändern, glaubt Klaus Nowotny im Freitag. In der FAZ gratuliert Jan Wiele dem Bassisten Stanley Clarke zum 70. Geburtstag. Mit seinem Album "No Mystery" hat er den Fusion-Jazz geprägt - hier eine Live-Aufnahme:



Besprochen werden die Wiederveröffentlichung des Albums "A Night in Cairo" des Düsseldorfer Duos Die Fische von 1986 (taz), die Musikdoku "The Pedal Movie" über Gitarreneffektgeräte (Jungle World), Tyler, the Creators neues Album "Call Me If You Get Lost" (Pitchfork), Sofia Kourtesis' neues House-Album "Fresia Magdalena" (NZZ), neue Popveröffentlichungen, darunter die EP "Linksradikaler Schlager" von Swiss & Die Andern (SZ), und L'Rains Album "Fatigue" (Pitchfork). Wir hören rein:

Archiv: Musik