Efeu - Die Kulturrundschau

Rapstee, Kurkuma, Vitamin C

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22.06.2021. Die Feuilletons freuen sich über den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels für die simbabwische Schriftstellerin und Filmemacherin Tsitsi Dangarembga: Sie wird die erste schwarze Preisträgerin seit Chinua Achebe 2002. Wo bleibt denn jetzt die so oft reklamierte Relevanz des Theaters?, fragt die SZ. Die FAZ besichtigt im Centre Pompidou die weibliche Seite der Abstraktion. Die taz sucht beim FrauenFilmFest in Köln mit der Biosuppenhexe nach Alternativen zur chemischen Produktion.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.06.2021 finden Sie hier

Literatur

Tsitsi Dangarembga (Bild: Mateusz Żaboklicki/Börsenverein des Deutschen Buchhandels)

Die in London und Rhodesien aufgewachsene und in Berlin promovierte Schriftstellerin, Filmemacherin und Filmfestivalleiterin Tsitsi Dangarembga erhält bei der Frankfurter Buchmesse den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Das deutsche Feuilleton hat bislang kaum Notiz von ihr genommen - ihr bereits 1991 von Ilja Trojanow übersetztes Romandebüt "Aufbrechen" erschien immerhin kürzlich nochmal bei einem Berliner Kleinverlag, vergangenes Jahr war sie für den Booker Prize nominiert -, aber in Simbabwe ist sie ein Star, erklärt Andreas Platthaus in der FAZ. Mit dieser Auszeichnung sei "nun eine klaffende Lücke im Preisgefüge der jüngeren Zeit geschlossen worden. Der letzte schwarze Friedenspreisträger, der nigerianische Schriftsteller Chinua Achebe, wurde 2002 ausgezeichnet. Der letzte Preisträger vom afrikanischen Kontinent war vor zehn Jahren der Algerier Boualem Sansal. Angesichts dessen, dass die Bewältigung der sozialen Probleme in diesem Teil der Erde so eng zusammenhängen sollte mit dem Selbstverständnis Europas und seiner Werte, ist die Auszeichnung ein wichtiges Signal."

Detailliert führt Judith von Sternburg in der FR zumindest durchs erste Buch aus Dangarembgas Roman-Trilogie über Tambudzai, ein Mädchen, das im Rhodesien der Siebziger aufwächst und erwachsen wird. Dangarembga schildert die "bittere Realität" ihres Heimatlandes. Die Autorin war dort "im vergangenen Jahr während einer Protestaktion in Harare vorläufig festgenommen worden. Dafür brauchte es nicht viel in einem Land, das sich auch nach dem Sturz des Diktators Mugabe 2017 und unter der zunächst mit großen Hoffnungen gewählten Regierung von Emmerson Mnangagwa aus der durch Korruption, einen weiterhin dramatischen Mangel an demokratischen Reformen und eine wirtschaftliche Dauermisere verursachten und weiterhin geprägten Krise kommt. Fotos zeigen Dangarembga vor und bei ihrer Festnahme mit einem kleinen Plakat, auf dem steht: 'Wir wollen Besseres. Reformiert unsere Institutionen'."

Auch aus diesem Grund geht diese Auszeichnung "wahrlich an eine würdige Preisträgerin", kommentiert Christian Putsch, der Afrika-Korrrespondernt der Welt. Dangarembgas Werk "thematisiert sprachlich brillant das oft verweigerte Recht auf menschenwürdiges Leben und weibliche Selbstbestimmung in Simbabwe. Vor allem aber stammt es von einer Autorin, die ihre Ansichten nicht nur mit bisweilen autobiografischen Zügen mutig niederschreibt, sondern ihren Status als international bekannte Schriftstellerin auch offensiv und unter persönlichem Risiko einsetzt." Dlf Kultur hat mit der Preisträgerin gesprochen.

Felix Stephan erklärt in der SZ, wie Dangarembga die Enttäuschungen einer ganzen Generation in Worte fasst: "Anders als ihre Eltern wächst Dangarembgas Protagonistin in Freiheit auf. Die weißen Kolonisatoren sind abgezogen, theoretisch gehört das Land wieder ihr. Dass es ihr trotzdem nicht besser geht, dass der gesellschaftliche Aufstieg ausbleibt und sich die Unterdrückung eher noch verschärft, Freiheit und Bürgerrechte weiter eingeschränkt werden, stürzt eine ganze Generation in existenzielle Selbstzweifel. In den ersten drei Jahren unter Mnangagwa wurden in Simbabwe mehr Oppositionelle wegen Verrats angeklagt als in der gesamten Regierungszeit Mugabes, berichten Menschenrechtsgruppen. Die Enttäuschung ist grenzenlos, und sie bündelt sich in Dangarembgas Romanen."

Weitere Artikel: Für 54books resümiert Marcel Inhoff den Bachmannwettbewerb. Giorgio Fontana wirft für die NZZ einen Blick auf die italienische Dante-Rezeption. In der Dante-Reihe der FAZ denkt Maria Wiesner über den Weg nach, der von Dante zum Kino führt. Vor 80 Jahren erschien der erste Batman-Comic, schreibt Daniel Damler in einem online nachgereichten Artikel aus der FAS. Ulrich Rüdenauer erinnert in der FR an Wolfgang Herrndorfs Freitod vor einigen Jahren.

Besprochen werden unter anderem Hallgrimur Helgasons "60 Kilo Sonnenschein" (NZZ), Chester Browns Comic "Louis Riel" (Tagesspiegel), Katharina Döblers "Dein ist das Reich" (Zeit), der nun auch auf Deutsch vorliegende Briefwechsel zwischen Albert Camus und Maria Casarès (SZ) sowie eine Neuausgabe von Alphonse Karrs "Reise um meinen Garten" (FAZ).
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Musik

Robert Mießner hört sich für die taz durch die von Matthias Koch herausgegebene CD-Kompilation "This is Tehran?", auf der sich experimentelle Popmusik und avantgardistische Musikentwürfe aus Iran finden. Die Kontakte knüpfte Koch vor ein paar Jahren bei einer Rucksackreise durchs Land. Er "hat sich umgehört und festgestellt, dass seine Gesprächspartner:innen bestens über westlichen Pop Bescheid wissen ... Frappierendes Beispiel einer west-östlichen Wechselbeziehung ist der Song 'Rotenburg 2020' von der Otagh Band: Piano, Metallperkussion und eine Soundästhetik wie beim TripHop der Neunziger. Ein Nachtstück, das den Fall des 'Kannibalen von Rotenburg', Armin Meiwes, aufgreift und mit einem Gedicht des serbischen Lyrikers Vasko Popa in Beziehung setzt, der lakonischen Schilderung eines zerstörerischen Kreislaufs. Auf der Website der Otagh Band wird deutlich, dass es sich bei ihr um eine literaturaffine Performancecombo handelt. Die Welt ihrer Videos ist postindustriell und grotesk, an einer Stelle zerfällt der Quaderkopf einer Figur in unzählige weitere, sie bilden einen Chor vereinzelter Münder."


 
Weitere Artikel: Die Karajan-Akademie der Berliner Philharmoniker vergibt künftig das Siemens Conductors Scholarship, meldet Frederik Hanssen im Tagesspiegel. In der FR gratuliert Harry Nutt Kris Kristofferson zum 85. Geburtstag. Frank Schäfer erinnert in der Welt an die bayerische Band Mass, die vor 50 Jahren als Landkommunarden den Metal nach Deutschland brachten. Auf Youtube finden wir ihr noch hübsch holperiges, vom Bluesrock geprägtes Debüt von 1977:



Besprochen werden ein Konzert des Jazztrompeters Till Brönner (Tagesspiegel) und neue Klassikveröffentlichungen, darunter eine Aufnahme von Franz Schuberts "Winterreise" von Markus Schäfer und Tobias Koch (SZ)
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Stichwörter: Iranische Musik

Bühne

Wo zeigt sich denn jetzt, fragt eine äußerst unwirsche Christiane Lutz in der SZ, die Relevanz der Theater? Monatelang haben sie über ihre Schließung geklagt, sich selbst für unverzichtbar erklärt. Und was passiert im Moment der Öffnung? Ein paar erwartbare Premieren am Wochenende, bevor es in die Sommerpause geht. Falls den Bühnen nichts einfällt, hätte Lutz ein paar Vorschläge: "Warum nicht die ganze geplante Saison umschmeißen? Man könnte eine Weile weg vom Vorstellungsbetrieb und die Häuser rund um die Uhr öffnen für Gespräche, Begegnungen. Prüfen, ob man wirklich 19 und mehr Premieren braucht. Draußen auftreten, den Sommer durchspielen. Hätte man mit vorgezogener Pause oder aufs Jahr verteilten Urlaubstagen, siehe Schaubühne, hinkriegen können. Warum sich nicht den armen, ziemlich systemrelevanten Teenagern widmen, die tapfer hinter ihren Laptops paukten, und ein Jahr lang Schullektüre inszenieren, nur für sie? Oder sie fragen, was sie wollen? Warum nicht zehn richtig brillante Komödien, klassisch bis neu, raushauen, weil genau das es jetzt ist, was wir brauchen? Was gibt es zu verlieren?"

Besprochen werden Herbert Fritschs Inszenierung von Thomas Bernhards "Der Theatermacher" am Schauspiel Frankfurt ("höchste Verabsolutierung in Bernhardscher Exaltationsmanier", gibt Christine Dössel in der SZ zu Protokoll, Nachtkritik, FR, FAZ), Donizettis "Lucia di Lammermoor" an der Zürcherr Oper (NZZ, FAZ).
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Archiv: Bühne

Film

Silvia Hallensleben berichtet in der taz vom Frauen*Film Fest Dortmund+Köln, wo unter anderem auch ein Kurzfilm von Dagie Brundert gezeigt wurde: "Die anerkannte Super-8-Legende und selbsternannte 'Biosuppenhexe' experimentiert im Sinn ökologischer Integrität auch bei der Filmherstellung mit Alternativen zu herkömmlicher Chemie. Dabei reicht ihr der tägliche Abfall an Obst- und Gemüseschalen plus ein paar Extras für einen Liter Gebräu zur Entwicklung eines (extrakurzen) Dagie-Brundert-Films wie dem Zwei-Minüter 'Feeding the Birdies', der in verwischtem Grau eine Meisenfütterung ohne sichtbare Meise zeigt, aber - in Superfood-Zeiten höchst korrekt - in Rapstee, Kurkuma, Vitamin C und Waschsoda entwickelt wurde." Und das sieht dann so aus:



Besprochen werden Russel T Davies' Miniserie "It's a Sin" über die britische Aidskrise in den 80ern (taz) und der neue, auf Disney+ gezeigte Pixarfilml "Luca" (Presse, SZ).
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Kunst

Judy Chicago: Smoke Bodies / California Desert, 1972 Bild: Centre Pompidou

Das Centre Pompidou rollt mit der Ausstellung "Elles font l'abstraction" ein entscheidendes Kapitel der Kunstgeschichte neu auf, jubelt Bettina Wohlfahrt in der FAZ: Mit fünfhundert Werken von 108 Künstlerinnen zeigt die Schau die vernachlässigte weibliche Seite der Abstraktion in der Kunst: "Manche Räume zeigen monografische Miniatur-Ausstellungen, etwa zum Multitalent Sonia Delaunay-Terk mit Textilarbeiten, Gemälden, Zeichnungen oder zu der englischen Malerin Vanessa Bell mit Farbfeldgemälden (1914) und subtilen geometrischen Stoffentwürfen. In anderen Räumen wird je eine Bewegung oder Abstraktionsrichtung vorgestellt. Die Künstlerinnen der russischen Avantgarde wie Natalja Gontscharowa, Alexandra Exter, Olga Rozanowa oder Warwara Stepanowa entwickelten in den Zehnerjahren ein reiches abstraktes Vokabular, wobei neben Malerei und Zeichnung verschiedene Textiltechniken und szenografische Entwürfe im Vordergrund standen. Von dort führt ein direkter Weg zum Bauhaus und seinen Künstlerinnen, darunter Gunta Stölzl oder Florence Henri. Die dekorative, ornamentalische Dimension der Abstraktion wurde lange Zeit - mit Adolf Loos und seinem berühmten Aufsatz von 1910 'Ornament und Verbrechen' - missachtet oder, etwa von Wassily Kandinsky und Paul Klee, als Sackgasse betrachtet."

Samson Kambalu: New Liberia, Ausstellungsansicht. Foto: Mark Blower / Modern Art Oxford

Hingerissen ist
Laura Cummings im Observer von der Schau "New Liberia" des aus Malawi kommenden und in Oxford lehrenden Künstlers Samson Kambalu in der Modern Art Oxford. Augenfällig sind Kambalus Flaggenentwürfe für ein neues Liberia, aber künstlerisch stünden die Kurzfilme im Mittelpunkt: "Die Filme, verdichtet wie Sonette mit ihrer eigenen konzeptionellen Poesie, sind alle nach den selbst auferlegten Regeln des 'Nyau Kinos', wie Kamalu es nennt, in Anlehnung an malawische Praktiken des Maskentragens. Es gibt zehn Regeln - Ton muss sparsam eingesetzt werden, das Schauspiel muss subtil, aber transzendent sein -, aber Nummer vier fehlt. Es ist ein Hinweis auf Kambalus Witz. Seine Kunst erscheint schnell, aber sie entfaltet sich erst bei längerem Nachdenken."

Weiteres: In der Berliner Zeitung meldet Ulrich Seidler, dass die "drei letzten Kernmitglieder" das Performance-Kollektiv Peng! verlassen, das zwar durch Aktionen wie den "Klingelstreich beim Kapitalismus" (unser Resümee) oder Tortenwürfe auf AfD-Politiker bekannt wurde, aber am Ende offenbar doch zu sehr mit sich selbst beschäftigt war. Jörg Häntzschel schreibt in der SZ zum Tod des Schweizer Polizisten Arnold Odermatt, der als Fotograf zum "Chronisten des Schreckens" wurde.

Besprochen werden die bereits vielfach gewürdigte Ausstellung "Documenta. Kunst und Politik" im deutschen Historischen Museum in Berlin (FR) und Jo Ractliffes Band "Photographs 1980s - now" (taz).
Archiv: Kunst