Efeu - Die Kulturrundschau

Diese Feindlichkeit tut weh

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01.04.2022. Die Welt begibt sich in Hamburg auf die braunen Spuren im Farbbad von Ernst Wilhelm Nay, der Besatzer und Frankreichfan zugleich war. Die Neue Musikzeitung erinnert daran, dass Deutschland nach dem Überfall auf die Sowjetunion schon einmal russische Komponisten aus dem Programm nahm. Die Oper in Nowosibirsk hat indes Anna Netrebko ausgeladen und setzt künftig lieber auf Künstler mit "klarer staatsbürgerlicher Haltung", meldet der Standard. Und das VAN-Magazin erkennt die Nähe zwischen der Musik des Barock und Techno.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.04.2022 finden Sie hier

Kunst

In der Welt taucht Boris Pofalla ein in das fast zeitgenössisch wirkende "Farbbad" der Werke Ernst Wilhelm Nays, aber auch in das Wirken des Künstlers im Dritten Reich, das die Hamburger Kunsthalle in einer großen Retrospektive nun beleuchtet. Nays Kunst galt zwar 1937 als "entartet", aber schon 1939 konnte er weiterarbeiten und hatte Zugang zu höchsten Kreisen der Wehrmacht und zur intellektuellen Elite des 'Dritten Reiches', wie Pofalla im Katalog von dem Kunsthistoriker Martin Schieder erfährt: "Dieses Nebeneinander während der Horrorjahre, in dem auch Carl Schmitt und Wassily Kandinsky ihre Auftritte hatten, ist faszinierend. Wie Ernst Jünger unterhielt Nay während des Krieges Kontakte zu französischen Künstlern, wie Jünger war er Frankreichfan und Besatzer zugleich, ein Feingeist und der Soldat eines mörderischen Regimes. Ein Hobbymaler und Industrieller stellte ihm seine Bibliothek in Le Mans zur Verfügung, Nay malte den Garten des Pierre Térouanne, ein erstaunliches Bild, wie überhaupt die selten in dieser Breite gezeigten Frankreichbilder eine Schlüsselstellung in seinem Oeuvre darstellen. Es sind regelrechte Dschungel, Wildnisse, in denen die Figuren aber nicht verlorengehen, sondern ekstatisch aufgehoben sind. Diese aus dicker Farbe zusammengespachtelten Bildräume, die überhaupt keine Tiefe haben und doch so viel enthalten, bilden die unmittelbare Grundlagen für den Nay der Nachkriegsära."

Bild: Tobias Rehberger: self portrait 2. 2020. Courtesy of Gallery Baton. Foto: Lim Yang Hwal. Copyright: Tobias Reherger.

Katinka Fischer (FAZ) lässt sich im Kunstmuseum Stuttgart in der Ausstellung "I do if I don't" nicht von der grellen Oberfläche über die "politischen Schwingungen" im Werk von Tobias Rehberger hinwegtäuschen, etwa wenn der Bildhauer seine Kollegen als Vasen arrangiert: "Anders als gewohnt stehen indes die Vasen nicht auf Sockeln, sondern verteilen sich in Petersburger Manier vor der Museumswand wie traditionelle Blumenstillleben auf Tafelbildern. Was die 'Porträts' mit den Künstlern verbindet, deren Namen ihnen jeweils die Titel geben, erschließt sich meist nur schwer. Bei 'William Kentridge' etwa entspricht die Zweifarbigkeit der Vase seinen charakteristischen Kohlezeichnungen. Von deren Virtuosität hat das windschiefe Gefäß jedoch nichts. Leichter zu dechiffrieren ist die Baumwolle, die sich aufdrängt als Symbol für Sklavenarbeit und Unterdrückung der Schwarzen, die zu Kentridges zentralen Themen gehören."

Besprochen werden die Renoir-Ausstellung im Frankfurter Städel (Tagesspiegel), die Ausstellung "Anna Haifisch - Chez Schnabel" im Museum der bildenden Künste in Leipzig (Tagesspiegel) und die Ausstellung "Macht! Licht!" im Kunstmuseum Wolfsburg (taz)
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Musik

Nach Anna Netrebkos gestrigem Statement gegen Russland (Unser Resümee) hat die Oper im sibirischen Nowosibirsk ein Konzert im Juni mit der Sängerin abgesagt und ihr vorgeworfen, das Land verraten zu haben, meldet der Standard mit apa: "'In Europa zu leben und die Gelegenheit zu haben, in europäischen Konzertsälen aufzutreten, hat sich als wichtiger erwiesen als das Schicksal des Vaterlandes', hieß es in der Mitteilung der Oper mit Blick auf Netrebko. 'Wir dürfen keine Angst vor Kulturschaffenden haben, die ihrem Land den Rücken zukehren. Unser Land ist reich an Talenten und die Idole von gestern werden durch andere ersetzt, die eine klare staatsbürgerliche Haltung haben.'"

Selbst innerhalb der vernischten Klassik bildet Barock noch eine Nische für sich, muss Jürg Meister im VAN-Magazin bekümmert feststellen - dabei liege der Barock doch näher an Technomusik aus dem Club, als man meinen mag. Oder lässt sich zumindest mit Techno gut beschreiben, wie Meister eindrücklich detailliert belegt. Nur dass Techno eben deutlich körperlicher als der Barock ist: "Leider erzählt das Barockkonzert heute meist die Geschichte einer erkalteten, starren Form" und "diese Begrenztheit, diese Feindlichkeit tut weh. ... Vermutlich wäre Bach sehr erstaunt, könnte er sehen, mit welcher Ehrfurcht wir heute seine Stücke zelebrieren." Dabei "müssen wir es uns erlauben, den Barock ästhetisch zu öffnen. Ihn variieren. Neu verknüpfen, mit neuen Noten oder neuen Instrumenten. Unsere veränderte Zeit sucht veränderte Formen. Und wir müssen diese Musik und ihre Aufführung inklusiver machen, barriereärmer. Offener für unsere und andere Körper. Diese Musik ist so irdisch schön, dass wir sie teilen müssen."

Weitere Artikel: Lars Fleischmann wirft für die taz einen Blick in den Kölner Club Acephale, wo viele Menschen mit sowjetischen Wurzeln arbeiten. Für das VAN-Magazin spricht Volker Hagedorn mit dem Pianisten Markus Becker, der in den jüngsten Jahren von der Klassik in den Jazz gewechselt ist. Im Standard erzählt Karl Fluch die Geschichte von Patrick Haggerty, den man besser als Lavender Country kennt, der vor 50 Jahren das erste schwule Country-Album veröffentlichte - damals gehasst ("ein schwuler Cowboy mit Karl Marx als Lektüre in der Latzhose, das ging zu weit"), heute dafür gefeiert. In seiner VAN-Reihe über Komponistinnen schreibt Arno Lücker hier über Alicia Urreta und dort über Maria Rosa Coccia. Außerdem vergleicht Lücker für das VAN-Magazin Interpretationen von Jean Sibelius' erster Symphonie. In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Kai Sina über Bernd Begemanns "Fernsehen mit deiner Schwester".



Besprochen werden neue Veröffentlichungen von Jimi Tenor (taz), das neue Album des Versager-Rap-Pioniers Kamp (Freitag), das neue Album des Zücher House-DJs Jimi Jules (NZZ), ein Bach-Abend mit Daniil Trifonov (SZ), eine Chopin-Aufnahme von Ivo Pogorelich (FR), Craig Browns Beatles-Buch (FR), ein Berliner Konzert des Violinisten Gidon Kremer (Tsp), ein neues Album der Red Hot Chili Peppers (Welt, Standard) und Ibibio Sound Machines neues Album "Electricity" (Standard).

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Literatur

In einem Essay für 54books befasst sich Milosh Lieth mit der Geschichte Afghanistans in der deutschen Literatur. Die NZZ bringt eine weitere Folge von Sergei Gerasimows Kriegstagebuch aus Charkiw. Dirk Knipphals wundert sich im taz-Kommentar, dass Suhrkamp das für den Mai angekündigte Erscheinen von Uwe Tellkamps neuem Roman "Der Schlaf in den Uhren" mit einer Uhren-Edition flankiert. In der FR plaudert die Schriftstellerin Asa Larsson unter anderem über die Vorzüge des Krimis. André Franquins Erben versuchen in Frankreich, eine Fortsetzung des Comicklassikers "Gaston" zu verhindern, berichtet Niklas Bender in der FAZ. Die Schriftstellerin Esther Dischereit erklärt in der SZ, was sie gerade auf dem Nachttisch liegen hat. In der FAZ gratuliert Dietmar Dath dem Science-Fiction-Autor Samuel R. Delany zum 80. Geburtstag. Außerdem präsentiert Dlf Kultur die besten Krimis des Monats - mit Riku Ondas "Vergiftete Fragen" an der Spitzenposition, den Sonja Hartl bespricht.

Besprochen werden unter anderem Julia Schochs "Das Vorkommnis" (SZ) und Sang Young Parks "Love in the Big City" (Dlf Kultur).
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Bühne

In der Neuen Musikzeitung erinnert Albrecht Düring daran, wie nach dem Hitler-Stalin-Pakt die Aufführungen russischer und sowjetischer Werke auf deutschen Bühnen plötzlich zunahmen, um nach dem Überfall auf die Sowjetunion wieder aus dem Programm zu verschwinden: "Schon am 12. Juli gab die Reichsmusikkammer bekannt, es sollten 'die Werke russischer Komponisten bis auf weiteres ausnahmslos nicht aufgeführt werden. Sinngemäß ist auch die öffentliche Darbietung russischer Volkslieder unstatthaft.' Im November 1939 wurde generell Musik aus Feindstaaten, mit Ausnahme von Chopin und Bizets 'Carmen', verboten. Staatliche Boykott-Maßnahmen diktierten die musikalischen Sympathien und Abneigungen. Anstelle der einst geliebten Russen erklangen jetzt Werke befreundeter Nationen: der Italiener Bossi, Casella und Malipiero, des Spaniers Manuel de Falla oder der Finnen Sibelius, Kilpinen und Palmgren. Sodann ging man daran, einige besetzte Gebiete zu 'germanisieren'. So bestimmte der Reichskommissar für die Ukraine den bislang in Königsberg tätigen Dirigenten Wolfgang Brückner zum neuen Direktor der Oper in Kiew und zum Leiter der dortigen Philharmonie."

Auch der Tänzer und Choreograf Ilia Jivoy hat Russland verlassen. Im FAZ-Gespräch mit Wiebe Hüster erklärt er: "Die Ereignisse haben mir Angst gemacht. Die Aggression schockierte mich. Und natürlich ist da meine geliebte Frau, Sophia Vartanyan, die zur Hälfte Ukrainerin ist. Mitglieder ihrer Familie sind noch in der Ukraine. Wir waren entsetzt über die Ereignisse und beschlossen, dass wir unsere kreative Arbeit in Sankt Petersburg nicht fortsetzen können. Meine Frau ist Kostümbildnerin, und wir arbeiten oft zusammen. Es wurde immer stressiger und gefährlicher für uns. Die Kluft wurde von Tag zu Tag größer - die Dissonanz zwischen dem, was offiziell gesagt wurde, und dem, was wir fühlten."

Besprochen wird Charlotte Sofia Garraways Inszenierung von Gwendoline Soublins Stück "Pig Boy 1986-2358" am Theater Plauen-Zwickau (nachtkritik).
Archiv: Bühne
Stichwörter: Boykott, Russland, Ukraine

Film



"Er hat die Erde vor einem todbringenden Asteroideneinschlag bewahrt, Terroristen unschädlich gemacht, Bomben entschärft und manch bösem Burschen vor dessen biologischem Ablaufdatum das Licht ausgeknipst", schreibt Karl Fluch im Standard im Nachruf zu Lebzeiten auf Bruce Willis. Der Schauspieler zieht sich wegen einer Aphasie aus der Öffentlichkeit zurück. Unter all den harten Männern des Actionkino hat er sich "eine Sonderstellung als Hollywoodstar erarbeitet", schreibt Anke Sterneborg auf ZeitOnline. "Weil er sich nie sonderlich ernst genommen hat, sein Machismo immer auch selbstironisch war und hinter jeder Kampfmaschine, die er spielte, auch ein kleiner Junge hervorblitzte, der einfach nur Spaß haben wollte." Was wird von Willis bleiben, fragt sich Tobias Kniebe in der SZ und ist sich sicher: "Dieses Gesicht, das man über all die Jahre so gern betrachtet hat, das einem dieses einzigartige Bruce-Willis-Filmgefühl gab, das man weder beschreiben noch richtig erklären kann. Jung, ironisch und schon fast unverschämt siegesgewiss in der Fernsehserie 'Das Model und der Schnüffler'; ein großes Deadpan-Komikergesicht bei Blake Edwards, in 'Blind Date'; das Einer-gegen-die-Übermacht-Gesicht aus 'Stirb langsam', wenn er - 'Yippee-ki-yay, motherfucker!' - sein Schicksal noch einmal dreht; oder dieser heilig-komische Ernst im Gesicht des Boxers aus 'Pulp Fiction', als es um die Uhr des Vaters geht und auf welch verschlungenen Wegen sie den Vietnamkrieg überstanden hat."

Nachklapp zur Oscar-Verleihung: Ein Trend zeichnet sich bei den großen Filmpreisen ab, kommentiert ein vom Oscar-Gewinner "Coda" ziemlich hingerissener Thomas Hummitzsch in seinem Intellectures-Blog. "Es sind junge Regisseurinnen, die auf den großen Bühnen der Filmwelt triumphieren. Und nein, es hat in Cannes, Venedig und Berlin nicht an großen Namen gemangelt. ... Diese jungen Regisseurinnen haben den (meist) männlichen Dinos ihrer Zunft den Rang abgelaufen. Sie alle haben in ihren Filmen Menschen in den Blick genommen, die marginalisiert, übersehen, ignoriert und diskriminiert werden. Ihre Triumphe zeigen, dass das Kino der alten weißen Männer tot ist."

Rüdiger Suchsland von Artechock glaubt, dass eine flapsige Bemerkung von Jane Campion gegenüber zwei schwarzen Frauen "Power of the Dog" um den Oscarregen gebracht hat, mit dem im Vorfeld gerechnet wurde (als beste Regisseurin wurde Campion freilich dennoch ausgezeichnet). So "gewann das läppische Feelgood-Movie gegen das komplexe Drama. Und Apple gewann gegen Netflix. Das ist vielleicht das Unsympathischste an der ganzen Oscar-Chose des letzten Wochenendes: Es war ein Wettbewerb zwischen Streaming-Diensten und zwischen Filmen, die für den Handy-Bildschirm gemacht waren, nicht für die Kinoleinwand."

Weitere Artikel: Rüdiger Suchsland setzt in seiner Artechock-Glosse wenig Hoffnungen auf die nächste Novelle des Filmförderungsgesetzes: "Die Lage ist immer noch deprimierend. Verbände verfolgen ihre Partikularinteressen; der Blick auf das Ganze des deutschen Films fehlt." Auf Artechock berichtet Sedat Aslan über die Tagung "Sehen und gesehen werden" über Diversität im Film. Dunja Bialas berichtet auf Artechock vom Ukraine-Schwerpunkt beim Filmfestival Vilnius.

Besprochen werden Juho Kuosmannens "Abteil Nr. 6" (Artechock, critic.de, unsere Kritik), Audrey Diwans "Das Ereignis" nach Annie Ernauxs gleichnamigem Roman (SZ, Intellectures, Artechock, critic.de, mehr dazu hier und dort), Asghar Farhadis "A Hero" (critic.de, Welt, Standard, unsere Kritik), die zweite Staffel der Netflix-Serie "Bridgerton" (NZZ), der Marvel-Vampir-Superheldenfilm "Morbius" mit Jared Leto (Presse) und Jerry Rothwells "Warum ich euch nicht in die Augen schauen kann" (Artechock).
Archiv: Film

Architektur

Für die FAZ besichtigt Hannes Hintermeier die Stiftskirche auf Herrenchiemsee, bekannt als Inseldom, die als ehemalige Kirche und ehemalige Brauerei eine der "seltsamsten Baugeschichten" aller Zeiten aufweist: "Mit der Säkularisation wird das Kloster 1807 aufgelöst, der Bau profaniert und verkauft. Ohne Rücksicht auf Verluste der historischen Bausubstanz: Bereits 1727 war die gotische Spitze des Südturms eingestürzt, worauf man den Türmen welsche Hauben verpasste. 1819/20 kappt man beide Türme und trägt den Chor ab. Im verbliebenen Langhaus des Kirchenschiffs wird - möglicherweise erst in den Sechzigerjahren des neunzehnten Jahrhunderts - auf vier Hauptgeschossen ein Sudhaus, Mälzerei, Darre, Bierkeller und alles weitere für eine Brauerei Nötige eingebaut. Die Geschichte dieser Verwandlung ist noch nicht in allen Details erforscht."
Archiv: Architektur
Stichwörter: Inseldom

Design

Bei Roland Barthes war Plastik noch "magische Materie", heute ist der Werkstoff der "Bad Guy der Gegenwart", schreibt Gerhard Matzig in der SZ anlässlich der großen Ausstellung zur Geschichte des Plastiks im Vitra Design Museum bei Basel (unser erstes Resümee). Und dennoch: Wer durch diese Hallen läuft, "durchschreitet mit großem Vergnügen die überaus komplexe, rasend ernste Geschichte eines einst verehrten, später verdammten Materials, das wie kein anderer Stoff von schillernder, sehnsuchtsvoller und zugleich apokalyptischer Natur ist." Immerhin kann man hier auch Diskussionen verfolgen, "was alles zu tun ist, um aus dem Plastikelend einer verschrotteten Kunststoffwelt in die existenzielle Sphäre der Umweltverträglichkeit zu gelangen. Leicht wird das nicht. Um hier abzukürzen: Vor allem wird es nicht gehen ohne eine andere Art von Ökonomie. Das billige Plastik muss zum preisbewussten Wert-Stoff an sich werden. Statt zum Endlager-Teppich."
Archiv: Design
Stichwörter: Plastik, Plastikmüll