Efeu - Die Kulturrundschau

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28.05.2022. Die Welt gibt sich in Potsdam den utopischen Autonomievorstellungen der deutschen Abstrakten hin. Die taz reist zur Art Dakar und findet gestretchte Kuhhaut aus China. Die SZ blickt im zerstörten Charkiw bang in eine Stadt der Zukunft mit Bunkern und Radwegen. Das Beste kam in Cannes zum Schluss, nämlich Kelly Reichardts Künstlerinnenkomödie "Showing Up" und die Familiengeschichte "Mother and Son" von Léonor Serraille, notiert der Tagesspiegel. Den "Odeur der Notlösung" vernimmt indes die FAZ. Die SZ feiert mit Abba in London den Sieg des Nichtseins über das Sein.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.05.2022 finden Sie hier

Kunst

Wie die "Besichtigung einer ehemaligen Front" erscheint Hans-Joachim Müller (Welt) der Besuch der Ausstellung "Die Form der Freiheit" im Museum Barberini in Potsdam, die ihm zeigt, wie sich die Künstler der deutschen Abstrakten unter "Supervision" der amerikanischen abstrakten Expressionisten "utopischen Autonomievorstellungen" hingaben: "Wenn die deutschen 'Abstrakten' im Kreis der europäischen und amerikanischen bella figura machen, so, als seien die freien Formen, weltlosen Zeichen, selbstgenügsamen Farben, unzugänglichen Gesten nicht eben noch in Hitler-Deutschland verächtlich gemacht und verboten worden. Die Lerngeschwindigkeit jedenfalls kann immer noch erstaunen. Und wenn man Winfred Gaul, Rupprecht Geiger neben Arshile Gorky und Adolf Gottlieb sieht, Karl Otto Götz, Gerhard Hoehme zusammen mit Lee Krasner oder Willem de Kooning, wenn es von George Mathieu, Alberto Burri, Jean Dubuffet oder Jean Paul Riopelle immer nur ein paar Schritte zu Mark Rothko und Ad Reinhardt sind, wenn man neu entdeckt, wie souverän sich Bernard Schultze neben den auftrumpfenden Bildern des Sam Francis und den lyrisch zarten der Helen Frankenthaler ausnimmt, dann ist das Bild der Phalanx wirklich zwingend."

Bild: Anna Uddenberg. FOCUS #2 (pussy padding) 2018. Foto: Boros Collection, Berlin © NOSHE

Gleichermaßen geschockt und beglückt kommt Nicola Kuhn im Tagesspiegel aus der Berliner Boros Collection, wo das Sammlerpaar zum dritten Mal Werke aus seiner Sammlung zeigt. "Diesmal geht es um den Körper, was wir ihm zumuten, welche Spuren Corona hinterlassen hat. Olmedos Orthesen-Marionettentheater passt zu den gewaltsamen Optimierungen an Leib und Seele, die schon Kinder erfahren. Gleichzeitig lassen ihre Puppen ahnen, dass der Ukraine-Krieg das Thema Versehrtheiten sehr viel drastischer in die Mitte unserer Gesellschaft katapultieren wird. Die eisigen, todtraurigen Selbstporträts von Bunny Rogers, in denen sie sich zur Kunstfigur morpht, wirken ebenfalls wie eine Vorausschau auf die mentalen Folgen aktueller Ereignisse."

Außerdem: Für die taz berichtet Anna Helfer von der Art Dakar, die sich unter dem Titel "ī Ndaffa" zwar als panafrikanisches Projekt gibt, aber doch auffallend von China beeinflusst ist: "Eine der drei großen Spielstätten, das Musée des Civilisations Noires, wird von China finanziert und wurde von dem chinesischem Architekturbüro Beijing Institute entworfen. In dem mächtigen Rundbau präsentiert sich das expansive Weltreich also in einem eigenen nationalen Pavillon. Ein seltsames Setting inmitten einer Kunstschau, die sonst vor allem die Frage nach afrikanischen Identitäten stellt. Chinas Künstler:innen wie Tan Xun oder Liu Shangying machen mit kitschig-düsteren Malereien von Kaninchen oder Mustern aus gestretchter Kuhhaut einen ungelenk wirkenden Brückenschlag zu den sonstigen Themen von Handwerklichkeit und Materialtraditionen der übrigen Schau." FAZ-Kritiker Kevin Hanschke lernt in Weimar, Sprache zu sehen, wo die Klassikstiftung ihr Themenjahr "Sprache" im Schiller-Museum mit der Ausstellung "Neusprech: Kunst widerspricht" eröffnet.
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Film



Die Filmkritiker - zumindest jene, die nicht gerade in Cannes weilen - trauern um den Schauspieler Ray Liotta. Er war "das Gegenteil eines Helden", hält Georg Seeßlen auf ZeitOnline fest. "Alles in ihm ist Zerrissenheit und Gekränktheit, sogar seine Bösartigkeit scheint immer aus einer mehr oder weniger verborgenen Erfahrung des Leidens an sich selbst zu stammen." Ein Star wurde er zwar nie, "Wie auch, bei einem Charakter, der umso fremder wirkt, je näher man ihn anblickt? Wenn Schauspieler der zweiten Reihe oft dazu dienen, Lücken zu schließen, Ensembles zu vervollständigen, 'Zutat' für eine narrative Rezeptur zu sein, dann funktioniert Ray Liotta genau andersherum. Er reißt die Lücke erst richtig auf, er macht den Widerspruch erst richtig deutlich, er ist das kreative Verderben einer Rezeptur."

Privat soll er wohl sehr nett gewesen sein, aber in die Filmgeschichte ein ging er "als einer der gefährlichsten und unheimlichsten Männer, die in den vergangenen Jahrzehnten das amerikanische Kino bevölkerten", schreibt Claudius Seidl in der FAZ. "Schon der stechende Blick und erst recht die entschlossen aufeinander gepressten Lippen, die schnellen und zugleich sehr beherrschten Bewegungen - das alles schien von dem Willen zu zeugen, mit dem Ray Liotta behauptete, Ray Liotta zu sein, ein Außenseiter, dem die Cowboystiefel, die Lederjacken und die knappen T-Shirts immer besser passten als die Button-down-Hemden und die Loafers des Establishments." Weitere Nachrufe schreiben Fritz Göttler (SZ) und Gerhard Midding (Welt).

Léonor Serrailles "Mother and Son" 

Heute Abend werden in Cannes die Palmen vergeben - und die besten Filme wurden erst ganz am Schluss gezeigt, meint Andreas Busche im Tagesspiegel, nämlich Kelly Reichardts Künstlerinnenkomödie "Showing Up" und die Familiengeschichte "Mother and Son" von Léonor Serraille. Reichardts Film "ist erfüllt von der Liebe zur Handarbeit" und Serraille "gelingt es, ohne falsche Sentimentalität und dramaturgisch überzeugend, familiäre Bindekräfte zu beschreiben", und insbesondere auch "ein nüchterner, einfühlsamer Blick auf die Einwanderergeneration in der langen Ära Jacques Chiracs, die im französischen Kino noch immer einen blinden Fleck darstellt". In der FAZ widerspricht Andreas Kilb energisch: "Beide Filme dürften für die Goldene Palme nicht infrage kommen, obwohl der eine ein drängend aktuelles Sujet behandelt und der andere ein furioses Solo für die Schauspielerin Michelle Williams bietet. 'Showing Up' ist eine Sorte Kino, die in Cannes oft Furore gemacht hat: ein amerikanischer Autorenfilm. Nur dass von Furor bei Kelly Reichardt nichts zu spüren ist und von Kunst nur ein müder Hauch." Überhaupt glaubt Kilb, dass "die Entscheidung dieses Jahres auf jeden Fall ein Odeur von Notlösung haben wird". Chancen hätten seiner Meinung nach aber wohl Tarik Salehs "Boy From Heaven", das iranische Filmdrama "Leila's Brothers" von Saeed Roustayi und Valeria Bruni Tedeschis "Les Amandiers".

Im Standard resümiert Dominik Kamalzadeh das Festival: Der Wettbewerb war solide, setzte aber auf Bewährtes und Etabliertes - lange Runs, die von der Croisette aus bis zu den Oscars reichen, werde es dieses Jahr eher nicht geben. Auch fällt es ihm bei der für Cannes typischen Anhäufung großer Namen "schwer, klare Haltungen auszumachen. ... Godards Diktum, dass es nicht um politische Filme geht, sondern darum, Filme politisch zu machen, wurde am ehesten durch eine Handvoll satirische Arbeiten eingelöst". Gemeint sind Ruben Östlunds "Triangle of Sadness" und João Pedro Rodrigues' "Fogo-Fatuo". Unter Palmenverdacht stehen für ihn Lukas Dhonts "Close" und Kelly Reichardts "Showing Up".

Mehr aus Cannes: Matthias Dell bespricht für ZeitOnline Jan Soldats in Cannes gezeigten Kurzfilm über die zahlreichen Filmtode des Schauspielers Udo Kier. Tim Caspar Boehme reicht in der taz seine Besprechung zu Hirokazu Kore-Edas "Broker" nach (mehr dazu bereits hier). Außerdem berichten critic.de und Artechock fleißig vom Festival.
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Literatur

Die FAZ dokumentiert im "Literarischen Leben" die Dankesrede der Schriftstellerin und Buchgestalterin Judith Schalansky zum Erhalt des Carl-Amery-Preises. Darin bringt sie Kelsos' in der Spätantike verfasste Kritik am damals noch jungen Christentum und dessen Apokalyptik sowie Carl Amerys Untergangswarnungen aus den Siebzigern nahe beisammen. "Faszinierenderweise sind es nicht nur die gleichen Argumente wie Kelsos, die Amery in seiner Kritik am christlichen Weltzugang hervorbringt, sondern bisweilen sogar die gleichen rhetorischen Mittel." Und "er scheut keinen Abgrund, weder Tabu noch Disziplin- oder Genregrenze. Es ist die Originalität und Unerschrockenheit, mit der er die angebliche Alternativlosigkeit unserer Gegenwart hinterfragt und dabei - in seinen engagierten Essays, aber auch in seinen spekulativen Romanen - erahnen lässt: Es könnte alles ganz anders sein. Es ist nicht die geringste Aufgabe der Literatur, in Erinnerung zu rufen, dass die Historie eben nicht nur aus Siegern, aus mess- und aufzählbaren Taten, Erfindungen, Eroberungs- und Ausbeutungszügen, sondern auch aus dem Auf-der-Strecke-Gebliebenen besteht, dessen Erfolg einzig der Zufall vereitelte."

Weitere Artikel: Der Schriftsteller Joshua Cohen könnte der zukünftige Philip Roth sein, glaubt Maxim Biller in seiner Zeit-Kolumne. Uwe Tellkamps neuer Roman "Der Schlaf in den Uhren" werden von den Feuilletons nicht literatur-, sondern gesinnungskritisch besprochen, meint Michael Hametner im Freitag. Jens Uthoff porträtiert in der taz die in Deutschland lebende, belarussische Lyrikerin Volha Hapeyeva. Paul Ingendaay berichtet in der FAZ von Tomas Venclovas Besuch im Münchner Lyrik-Kabinett. Für die FR wirft Cornelia Geißler einen Blick auf die vor fünf Jahren von  der Schriftstellerin Annika Reich gegründete Literatur-Plattform für Geflüchtete.


Besprochen werden unter anderem Bettina Wilperts "Herumtreiberinnen" (taz), Timo Feldhaus' "Mary Shelleys Zimmer" (taz), Tove Ditlevsens "Gesichter" (SZ), Brigitte Benkemouns "Das Adressbuch der Dora Maar" (NZZ), Leonardo Paduras "Staub im Wind" (Freitag), Michael Leiris' "Phantom Afrika" (FAZ) und Julia Schochs "Das Vorkommnis" (FAZ).
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Bühne

Besprochen werden Boris Nikitins und Sebastian Nüblings "Dämonen" am Theater Basel (nachtkritik) und Tiago Rodrigues' Inszenierung von Tschechows "Kirschgarten" bei den Wiener Festwochen (Isabelle Huppert zieht als Ljubow Ranjewskaja "alle Register", aber die Inszenierung bleibt "arg pauschal", seufzt Ronald Pohl im Standard).
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Stichwörter: Wiener Festwochen

Architektur

Ein Drittel aller Wohnhäuser in Charkiw sei unbewohnbar, zerstört wurden auch zahlreiche Schulen, Kindergärten und Krankenhäuser, erfährt Sonja Zekri, die sich für die SZ mit dem Streetart-Künstler Gamlet und Charkiws Bürgermeister Ihor Terechow getroffen hat. Und auch wenn die Angriffe weitergehen, wird bereits der Wiederaufbau samt neuer Vororte geplant, erfährt sie von Terechow: Er pflege bereits "enge Kontakte zu Norman Foster. Der Brite hat ein 'Charkiw-Manifest' verfasst, in dem von einer 'Stadt der Zukunft' die Rede ist, die das 'geliebte und verehrte Erbe' der Architektur mit den 'wünschenswertesten und grünsten Elementen an Infrastruktur und Gebäuden' kombiniert. Er, Foster, wolle einen Generalplan entwerfen, für den die weltweit besten Köpfe internationaler und ukrainischer Architekten und Städteplaner kooperieren sollen. Unter Mitwirkung der UN soll Charkiw ein Modell werden für das ganze Land. Das klingt nach vielem, vor allem aber nach einem Riesengeschäft. (…) Ausländische Geber wie die EU wiederum möchten die Aufbauhilfe an Reformen knüpfen - weniger Korruption, klimagerechteres Bauen. Terechow setzt andere Prioritäten, gerne Radwege und bessere Verkehrsführung, aber vor allem: Bunker, Dual-Use-Tiefgaragen, Schutzräume, kurz: Bauen wie in Israel."
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Musik

In London haben Abba ihr Spektakel "Voyage" auf die Bühne gebracht und damit zum ersten Mal seit 42 Jahren ein abendfüllendes Konzert gegeben - wobei, Abba? Nicht die Musiker selbst verausgabten sich auf der Bühne, sondern holografische Avatare bestritten den Abend. "Die technische Perfektion ist im ersten Moment überwältigend", staunt Jens Balzer in der Zeit am Wochenende, der von etwas weiter hinten im Saal nicht auf Anhieb sagen könnte, ob da nun echte Menschen oder deren Digitalisate aufspielen. Die Großprojektionen verraten den synthetischen Charakter dann allerdings doch: Hier "wirkt die Darstellung freilich gleich weniger naturalistisch. Besonders die Abbatare von Agnetha Fältskog und Anni-Frid Lyngstad leiden unter einer gewissen Steifheit. Sie bewegen sich beim Singen zu langsam, ihre Augen blicken ins Leere." Am besten werde der Abend daher immer dann, wenn die "Abbatare" in Video-Fantasiewelten fliehen können, wenn der Abend sich also "bei ganz traditionellen Techniken des Theaters und des Kinos bedient".

SZ-Kritiker Joachim Hentschel ist ziemlich umgehauen vom Hyperrealismus der Darbietung: Die Band wirke "besser als Menschen. Blonder, geschmeidiger, definierter, farbkorrigierter. Souveräner, verschmitzter, bis in die Details der simulierten Großaufnahmen hinein, die auf den gewaltigen Screens links und rechts zu sehen sind. Auf bizarre Art wirken sogar die Reflexionen auf den Paillettenkleidern der zwei Sängerinnen brillanter als die Scheinwerfer, die sich in ihnen spiegeln. ... Endlich sehen Abba so aus, wie die Fantasie sie für uns immer gezeichnet hat. Es ist der Sieg des Nichtseins über das Sein." Außerdem berichten Katja Schwemmers (Tsp) und Sebastian Borger (Standard).

Außerdem trauert die Popkritik um Andrew Fletcher, den Keyboarder von Depeche Mode. In der Welt erinnert sich Max Dax an eine persönliche Begegnung mit Fletcher, der auf ihn wie "ein unglaublich kommunikativer, verbindender, in sich ruhender Mann in Aktion" wirkte: "Ein natürlicher Leader, dessen Kraft in der Ruhe zu liegen scheint, dem freilich der Drang, sich ins Rampenlicht zu begeben, insofern abgeht, als er zwar die Bühne liebt, sich aber gerne im letzten Winkel derselben hinter seinen Keyboards verschanzt - als ob sein Job nicht darin besteht (...) im Rampenlicht die Massen zu verzaubern. Nein, sein Job scheint mehr im schamanischen Zusammenhalt, in den halbdunklen Basswellen der Beschwörung der eigenen Kraft zu liegen." Fletcher hat "als Gründungsmitglied und Keyboarder der wohl auf ewig größten Keyboardband dieser Welt den glaskalten und trotzdem ja zum Reinflauschen warmen Sound mitgeprägt, den im Kielwasser der Achtzigerjahre alle imitiert haben", schreibt Jakob Biazza in der SZ und würdigt insbesondere auch Fletchers Verdienste um den Zusammenhalt von Depeche Mode, die notorisch verkracht waren. In der taz erzählt Julian Weber die Geschichte der Band und sammelt Stimmen zum Tod Fletchers. Weitere Nachrufe schreiben Gerrit Bartels (Tsp), Anne Vorbringer (BLZ) und André Boße (ZeitOnline).

Außerdem: Für VAN spricht Hartmut Welscher mit Michael Maul, dem Intendanten des Leipziger Bachfests. Auch serielle Musik kann sinnlich sein, schreibt Jeffrey Arlo Brown in einem kleinen Video-Dossier für VAN. Für die FAZ begutachtet Jan Brachmann den neuen Konzertsaal des Casal-Forums der Kronberg Academy. In der SZ schreibt Andrian Kreye einen Nachruf auf den Yes-Schlagzeuger Alan White. n seiner VAN-Reihe über Komponistinnen widmet sich Arno Lücker in dieser Woche hier Liana Alexandra und dort Franghiz Ali-Zadeh.

Besprochen werden neue Alben von Harry Styles (Presse), Liam Gallagher (SZ) sowie von David Grubbs und Jan St. Werner (taz).
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