Efeu - Die Kulturrundschau

Spezialist für interessantes Schweigen

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19.08.2024. Die Ruhrtriennale rockt ihr Publikum: nmz, nachtkritik und SZ erliegen bei der Ruhrtriennale dem Charisma von Sandra Hüller als PJ Harvey, die FAZ bleibt unbeeindruckt. Im Standard gruselt es den Schriftsteller Thomas Sautner bei der Vorstellung, KI könnte künftig Romane schreiben. Die Welt besucht das Glasmuseum von Murano. Die SZ trauert schon um die Wilde Renate, einen Berliner Technoclub, dem nach einer saftigen Mieterhöhung das Aus droht. Und die Filmkritiker trauern um den schönsten Mann und einzigen homme fatale, den das Kino je sah: Alain Delon.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.08.2024 finden Sie hier

Film

Alani Delon in "Der Clan der Sizilianer", 1969. (Bild: gemeinfrei)

Mit Alain Delons Tod geht ein weiteres Kapitel europäischer Filmgeschichte zu Ende. Clément, Visconti, Melville - es sind die ganz großen Namen (auffälligerweise aber keine der Nouvelle Vague, von einem sehr späten Film mit Godard abgesehen), mit denen er gedreht hat. "Er war der strahlendste Star im französischen Film", schreibt Daniel Kothenschulte in der FR. "Alles schien ihm auf faszinierende Weise leicht zu fallen. Dieser Sorglosigkeit, die sein makelloses Auftreten begleitete, verlieh er allerdings einen doppelten Boden. Er steigerte sie zu einer Coolness, die etwas Unheimliches annehmen konnte. ... Nie zuvor in der Filmgeschichte hat ein männlicher Star so konsequent wie er die tragische Seite der Attraktivität verkörpert. ... Die Unberechenbarkeit im Schatten der Schönheit wurde fortan Delons Markenzeichen."



Er "war der erste Schauspieler, der ganz aus seiner Fotogenität lebte", schreibt Jürgen Kaube, der Delon in der FAZ als "Spezialist für interessantes Schweigen" würdigt. "Selbstsicher, mit gespieltem Desinteresse an der erotischen Attraktion, die er für die Zuschauer bot, verkörperte er den Darsteller als Model, in dem Einsamkeit und Schönheit zueinander fanden. Alle begehrten ihn, der berufsmäßige Verführer war im Film aber selbst nur schwer verführbar." Von 1960 bis 1970 "hatte sich Alain Delon im Kino ... den Ruf eines unwiderstehlichen optischen Magneten erspielt, für den Recht und Unrecht, Liebe und Verachtung stets nur ästhetische Probleme waren. Er war der 'homme fatal' des europäischen Kinos."



Dieses Attest der Kühle lässt Welt-Kritikerin Cosima Lutz indes nur halb und nur als Zuschreibung gelten: Denn "sein Gesicht, jedenfalls in jungen Jahren, stand unter einer paradoxen Spannung: der zwischen Engagiertheit und Unbeteiligtsein, ähnlich vielleicht dem Gesicht Brigitte Bardots, als deren männliches Pendant er einmal beschrieben wurde. Diese Mischung von Gefühlen zwang dazu, immer und immer wieder hinzusehen: Die geschwungene, aber erfrorene Linie des Mundes widersprach dem Zug um die Augen mit ihrer leicht unausgeschlafenen Verweintheit, die immer schon lange zurückzuliegen schien. Zornesfalten, noch unverbindlich, standen abweisend darüber, immer aber auch die leise Möglichkeit eines Sich-Aufhellens. So säte Delon eine vibrierende Hoffnung, ein Auflauern, ob nicht aus der akkurat gemeißelten Kühle doch noch etwas Samtiges hervorbrechen könnte."

Der Regisseur Christoph Hochhäusler erzählt in seinem Blog von einer späten Begegnung mit Delon, die auch darauf abzielte, den Filmstar aus seinem Rentnerdasein zu einer Rückkehr auf die Leinwand zu verführen. Ann-Catherine Simon erinnert in der Presse unter anderem daran, dass sich Delon seit den Achtzigern politisch immer weiter rechts verortete und in den letzten Jahren ein Parteigänger des Front National war. Die SZ hat ihre Seite Drei freigemacht: David Steinitz erzählt dort Leben und Werdegang Delons. Weitere Nachrufe in NZZ, Standard und taz. Die Arte-Mediathek bietet Porträts und Filme, die verschnarchte ARD-Mediathek nichts dergleichen.

Weitere Artikel: Jakob Thaller gratuliert im Standard der österreichischen Regisseurin Kurdwin Ayub, die für ihren zweiten Film "Mond" beim (in der FAZ von Michael Ranze resümierten) Filmfestival Locarno mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet wurde. Ulrich Gutmair berichtet in der taz von einem Berliner Abend zu Ehren von Lydia Lunch im Rahmen der Hommage an die New Yorker Underground-Filmemacherin Beth B (mehr dazu bereits hier). Wieland Freund spricht in der Welt mit J.D. Payne, dem Showrunner der Tolkien-Serie "Ringe der Macht" auf Amazon.

Besprochen wird Steffi Niederzolls in der ARD-Mediathek abrufbarer Dokumentarfilm "Sieben Winter in Teheran" über die Geschichte der Reyhaneh Jabbari, die hingerichtet wurde, weil sie sich gegen ihren Vergewaltiger, einen Mann des iranischen Regimes, gewehrt hatte (SZ, mehr dazu bereits hier).
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Kunst

Saskia Trebing unterhält sich für monopol mit der dänischen Künstlerin Nina Beier, die gerade zeitgleich drei Soloausstellung hat: "Parts" im Kiasma in Helsinki, "Auto" im CAPC in Bordeaux und "Casts" im Museo Tamayo in Mexiko-Stadt. Besprochen wird die Ausstellung "Der Krake - Kann man ein Seeungeheuer lieben?" im Oldenburger Landesmuseum Natur und Mensch (taz).
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Design

Glasteller von Hans Stoltenberg Lerche. Foto: Enrico Fiorese


Marcus Woeller besucht für die Welt in Venedig das Museum Le Stanze del Vetro, das die Glaskunst Muranos hochhält und gerade in einer Ausstellung die Glaskunst aus den Jahren 1912-1930 für die Biennale von Venedig zeigt. Dazu gehörten auch Gläser des norwegischen Kunsthandwerkers Hans Stoltenberg Lerche: "H. St. Lerche (wie er signierte) wollte die 10. Internationale Kunstausstellung von Venedig mit gläsernen Objekten erobern, die es so bisher nicht gegeben hatte: Vasen, die aussehen wie Meerestiere, Schalen wie geöffnete Muscheln. Fragile Gefäße auf Krebsbeinen, transparente Schneckenhäuser und Quallengläser mit Tentakeln. ... Kein Glas ist wie das andere. Einzigartig sind somit neben den maritim skulpturalen Gläsern auch die beiden Teller, die in einer der ersten Vitrinen des venezianischen Ausstellungshauses 'Le Stanze del Vetro' zu sehen sind. Auf dem einen schnappt ein Fisch nach Luft, auf dem anderen krabbelt eine Krabbe. Die Teller sind glasklar, am Rand grünlich gefärbt. Die expressiven Tiermotive wurden mit heiß aufgetragenem Glasgranulat, farbigem Glaspulver und polychromen Glasfäden gestaltet."
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Musik

Bittere Ironie der Geschichte: Kaum ist der Berliner Techno Teil des immateriellen Kulturerbes, muss mit der Wilden Renate eines seiner Aushängeschilder 2025 schließen: Nach Angaben der Betreiber will der in Berlin nicht völlig unbekannte Vermieter Gijora Padovicz die Miete verdoppeln, berichtet Juliane Liebert in der SZ (online gestellt vom Tagesanzeiger): "Das Problem ist nicht, dass einem Club mal der Mietvertrag gekündigt wird, sondern die systematische Verdrängung solcher Orte, weil es immer weniger Ausweichmöglichkeiten gibt. Wenn die gesamte Stadt aussieht wie das Umfeld des Hauptbahnhofs, ist sie steril. ... Natürlich stellt sich etwa die Frage, ob man die Schäden der Gentrifizierung wirklich realistischerweise durch Musealisierung der Clubkultur lösen kann. Clubs sind ja eigentlich immer etwas Temporäres, sie existieren für den Moment, sprießen hier aus dem Boden, verschwinden, machen dort wieder auf. Viele berühmt gewordene Clubs haben nur wenige Jahre existiert", doch "wenn es so weitergeht, wird das Weltkulturerbe 'Berliner Techno' bald wirklich immateriell sein, weil es in der Stadt keinen bezahlbaren Raum mehr dafür gibt."

Weitere Artikel: Katharina Moser unterhält sich auf faz.net mit den Rappern Common und Pete Rock über die Zukunft des Hiphop. Christian Wildhagen resümiert in der NZZ den Auftakt des Lucerne Festivals. Christoph Irrgeher berichtet im Standard vom Auftakt des Grafenegg-Festivals.

Besprochen werden Ghost Dubs' Album "Damaged" (Standard-Kritiker Karl Fluch lauscht in eine musikalische "Welt, in der sich Eraserhead und der Elefantenmensch im 16. Tiefgeschoß eine Ratte grillen"), Roland Kaisers Konzert in der Waldbühne Berlin (Zeit-Online-Kritikerin Laura Ewert beschleicht "das Gefühl, er mache das nicht sonderlich gern") und das neue Album "Love Changes Everything" der Post-Rocker Dirty Three (taz).

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Literatur

Den Schriftsteller Thomas Sautner packt in einem Standard-Essay das Schaudern, wenn er daran denkt, wie sich KI Romane nicht nur einverleibt, sondern künftig wohl auch noch welche schreiben wird. "Die Romane dieser Welt ... werden uns weiterhin erzählen, wer wir waren, sind und sein können. Werden weiterhin Spiegel uns sein. Eine unbestechliche Bibliothek des Menschseins besitzen wir dank ihnen. Der Traum jeder leidenschaftlichen Leserin, alle wichtigen Romane in ihrer Gesamtheit aufzunehmen, wird nur für eine wahrwerden. Und ausgerechnet sie wird diese berückende Fülle gänzlich kaltlassen, die KI. Die Romane aller Zeiten und Kontinente wird sie lesen, nein, nicht lesen, nicht lustvoll sinnig aufnehmen, sondern blitzschnell verschlingen. ... Ihr Rechner wird sie die Flosse Moby Dicks nicht spüren lassen, ebenso wenig die Brise der Windmühlensegel Cervantes'. Keinen Ellenbogen wird sie sich stoßen an der Kutsche Kareninas, nichts hören vom Schlag einer blechernen Trommel, kein Kopf ihr versinken im Zauberberg, kein Puls ihr schneller gehen wegen K.s Käferlein, und die Hoppetosse sie niemals abholen kommen."

Besprochen werden unter anderem Michael Köhlmeiers "Im Lande Uz" (FR), Jana Volkmanns "Der beste Tag seit langem" (Standard), Sven Pfizenmaiers "Schwätzer" (Presse) und neue Hörbücher, darunter Richard Barenbergs Lesung von Abdulrazak Gurnahs Roman "Das versteinerte Herz" (FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Michael Krüger über Jürgen Beckers "Tief im Geäst, unerreichbar die Birnen":

"Tief im Geäst, unerreichbar die Birnen.
Früher kletterte ich hoch, mit einem Körbchen, das ..."
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Bühne

Sandra Hüller in "I Want Absolute Beauty". Foto © Jan Versweyveld


Am Wochenende startete die Ruhrtriennale, diesmal geleitet von Ivo van Hove, der auch die Eröffnung inszeniert hat: "I Want Absolute Beauty" ist jedoch kein Theaterstück, sondern ein Rockkonzert, staunt Joachim Lange in der nmz, "bei dem [Sandra] Hüller eindrucksvoll unter Beweis stellt, dass sie das auch noch kann: singen! Und das Anderthalbstunden mit einer Wucht und Kondition, dass einem schon als Zuschauer die Luft wegbleibt. ... Ivo Van Hove hat aus 26 Songs von Sängerin und Songwriterin PJ Harvey eine Art Geschichte gebastelt, in deren Mitte Sandra Hüller steht. Sie haucht den Songs mit ihrer imponierend sicheren, wandlungsfähigen Singstimme einer Schauspielerin Leben ein; sie legt aber auch durchschlagkräftig los, spielt und tanzt zum Teil auch gemeinsam mit neun Tänzern von (La)Hore aus Marseilles eine Geschichte aus vielen kleinen Geschichten. ... Hier ist man quasi on the road ins Innere von Abgründen, Wünschen und Obsessionen."

In der FAZ zeigt sich Patrick Bahners unbeeindruckt: "Die kollektive Versorgung des Publikums mit klischeehaften Hintergrundbildern von Grabsteinen und Feuersbrünsten ist geradezu absichtsvoll reizlos. Sie dient dazu, das gesamte Interesse auf die Hauptperson zu lenken, die starke Frau, die jede noch so unappetitliche Situation übersteht, die Starschauspielerin, die berühmt dafür ist, extreme Herausforderungen zu suchen, und die hier ebenso ungerührt hinnimmt, dass ihr im Nuttenkostüm von hinten in den Schritt gefasst wird, wie sie gegen eine sinnlos bombastisch verstärkte Band ansingt. Kraftaufwand gleich Effekt: Gedankenlos ergibt sich die Aufführung dem Ortsgeist der Industriehalle. Ein Abend voller Wucht und ohne Belang." Nachtkritiker Andreas Wilink ergibt sich hingegen widerstandslos dem Charisma der Hauptdarstellerin: "Das sanft Unerschrockene, Verschlüsselte ihres Charakters, dessen Substanz einem so wenig geheuer ist, weil es an der Oberfläche porentief sauber zu sein scheint, durchdringt ihre Bühnen- und Film-Figuren. Sie zeigen Beherrschtheit durch Intelligenz und die Befähigung, den Körper als Präzisionsinstrument einzusetzen. Die Sängerin Hüller sprengt alle Vorstellungskraft und zeigt anderes als ihr weich gezeichnetes Gesicht: leicht aufgeraut die Stimme, grollend, sirenenhaft sehnend, tosend, heulend, stöhnend und brüllend."

"Legende" von Kirill Serebrennikov. Foto © Frol Podlesnyi


In der SZ ist Alexander Menden vor allem vom Ende beeindruckt, wenn Isabelle Huppert auf einem Video für ein Duett mit Hüller eingeblendet wird: "Ein Gipfeltreffen zweier weiblicher Sphinx-Figuren. Ein großartiger Abend", schwärmt Menden, der sich hier deutlich besser amüsiert hat als in Kirill Serebrennikows etwas zu langer Inszenierung "Legende", ein Stück über den brillanten, aufmüpfigen armenisch-georgischen Filmregisseur Sergej Paradschanow, der wegen seiner Homosexualität lange im Gefängnis saß: "Die Geistesverwandtschaft und Parallelen zwischen beiden ist offenkundig: Paradschanow, 1924 in Tiflis geboren, 1990 in Eriwan gestorben, eckte wie Serebrennikow ständig mit seiner kompromisslosen künstlerischen Vision an. Er war eine Art sowjetischer Terry Gilliam, einzigartig, größenwahnsinnig, kindlich und brillant. ... 'Legende' ist das Ergebnis der Arbeit eines mutigen Künstlers, der einen mutigen Künstler feiert. Es ist eine Materialschlacht, mit einem brausenden georgischen Männerchor, aufwendigen Kostümen und exzellenten Darstellern, die alles geben. Das ist wunderbar. Aber es bleibt dabei: Diese allegorische, bildstarke Überhöhung einer fraglos faszinierenden Figur würde sehr von einem gestrafften Director's Cut profitieren." Nachtkritiker Martin Krumbholz sieht es ähnlich. Er hat wie Menden Probleme, dem Stück zu folgen: "Die einzelnen Episoden als Sinneinheiten zu entschlüsseln, ist ohne Kenntnis der jeweiligen Filmzitate allerdings schwierig beziehungsweise unmöglich." (Vielleicht hilft dieser Artikel weiter.)

Weitere Artikel: Valeria Heintges schickt für die nachtkritik einen Auftaktbericht zum Zürcher Theater Spektakel 2024. In der Berliner Zeitung berichtet Michaela Schlagenwerth vom Berliner Festival "Tanz im August", im Tagesspiegel Sandra Luzina.

Besprochen werden außerdem das queere Musiktheaterstück "The Faggots and Their Friends Between Revolutions" von Ted Huffman und Philip Venables bei der Ruhrtriennale (nachtkritik), Peter Sellars' Inszenierung von Prokofjews "Der Spieler" bei den Salzburger Festspielen (nmz, Welt) und - ebenfalls in Salzburg - eine konzertante Aufführung von Ambroise Thomas' Oper "Hamlet" in Salzburg mit einer fantastischen Lisette Oropesa als Ophelia ("Die Amerikanerin ist die momentan führende Sängerin im seltenen Fach des lyrischen Koloratursoprans. Was nichts anderes heißt, als dass sie einfach alles kann: Triller, Skalen, repetierte Spitzentöne von sensationeller Präzision - und dabei auch noch lyrisch klingen, herzwärmend, ergreifend", schwärmt Michael Stallknecht in der SZ, FAZ-Kritiker Jürgen Kesting stimmt in das Lob ein, feiert aber auch den Bariton Stephane Dégout: "Der Franzose gehört nicht zum Typus jener Stimm-Athleten, die nach der maniera italiana den Kiefer fallen lassen und einen mächtigen Sound, meist ein Gemisch aus den Vokalen A und O, röhren. ... Er versteht es, in der hohen Lage zwischen Es und F, wie im Duett mit Ophélie, die Linie mit der Halbstimme zu karessieren. Gerade die Fähigkeit, leise zu singen, sichert die zauberischen Wirkungen der messa di voce".)
Archiv: Bühne