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21.10.2024. Die Zeitungen beschäftigen sich weiter mit dem Ausraster von Clemens Meyer bei der Buchmesse: das "unverstandene Originalgenie" verkörpert er für den Spiegel, die NZZ findet, der Buchmarkt muss seine Stars auch im Straucheln unterstützen. Die Zeit trifft in Christina Friedrichs DDR-Film "Zone" auf die wütenden Gespenster der Vergangenheit. Die Echos der Kolonialgeschichte hallen bei Serge Coulibalys neuer Choreografie "Balau" wieder, die die FAZ in München besucht hat.
Der nach dem Spiegel-Interview (unser Resümee) nochmal befeuerte Buchpreis-Aufreger um ClemensMeyer zeigt "wie herrlichsimpel die seit langer Zeit gut eingeübten Mechanismen der Öffentlichkeit funktionieren", schreibt Adam Soboczynski auf Zeit Online. Das ist alles "schon ganz großes Kino und wie gemacht für die Erregungskurven der sozialen Medien", findet Dirk Knipphals in der taz. Wer auch immer wo auch immer welche Position auch immer vertritt: "Das klickt sich alles." In dem ganzen Disput verkörpert Meyer "das einsame, aus brachialer Schaffenskraft handelnde Originalgenie". Allerdings ist dieses "Autorenmodell zum Glück nicht mehr von sich aus hegemonial".
"Die lieben Resonanzorgane des Literaturbetriebes sind auf solche Ausraster, wie sich in den Tagen danach zeigte, nicht mehr recht eingestellt", stellt Hilmar Klute in der SZ fest. Dabei ist es doch "gut, erleichternd und erfrischend, wenn Autoren die Regeln brechen. Auch und vor allem die Regeln des Literaturbetriebes, der heute mehr denn je auf Konformität angelegt ist und auf eine Tugend, die freie Schriftsteller zu gefälligen Dienern jener Erwartungen macht, für deren Erfüllung es ebendiese Art von Preisen gibt: Dankbarkeit." Meyer hat hier nun die Rolle "des zorngetriebenen Systemsprengers" eingenommen: "Vergangene Zeiten kannten solche Typen zur Genüge, beim Film, weiß Gott bei den stolzen Zeitungen, und in den Buchverlagen hießen sie zum Beispiel Rolf Dieter Brinkmann, Thomas Bernhard und Peter Handke - und man muss sagen: Ironischerweise haben alle Zeitungen, Verlage und Filmfirmen von ihnen auch merkantil in höchstem Maße profitiert."
Solche "Eitelkeit" und "zur Schau getragene Verletzung" lässt sich zwar gut kritisieren und verspotten, meint Nadine Brügger in der NZZ. "Gleichzeitig muss sich der Literaturbetrieb aber darüber im Klaren sein, dass man durchaus eine Mitverantwortung trägt." Die "Buchmesse mit ihren überlebensgroßen Postern von Autorinnen, den ausgebuchten Signierstunden und Türmen von Büchern ist das beste Beispiel dafür, wie sehr der Literaturbetrieb über großeNamen und deren Inszenierung funktioniert. ... Kein Wunder also, bauscht sich das Selbstbild auf, werden aus zaghaften Hoffnungen rasch große Erwartungen und aus Autoren - mindestens in der Selbstwahrnehmung - Stars. Man baut sie auf und hebt sie hoch, ist aber nicht bereit, ihnen beim Straucheln zur Seite zu stehen. Dann gilt: Pokerface und Bodenhaftung, alles andere ist Entgleisung."
Derweil ging die Frankfurter Buchmesse gestern Abend zu Ende. Julia Hubernagel berichtet in der taz von ihren Schlendereien übers Buchmessengelände. Kaum zu Gesicht bekommen und auch fast nicht gehört hat sie RobertoSaviano bei seinem Auftritt am Stand von PEN Berlin, wo sich die Massen um den italienischen Schriftsteller scharten. Dem Abhilfe verschaffen Marc Reichweins Resümee in der Welt und eine Video-Aufzeichnung bei Zeit Online von Savianos Auftritt zwar nicht beim PEN Berlin, wohl aber am Stand der Zeit.
Das GastlandItalien sorgte bei dieser Buchmesse für "Stirnrunzeln", stellt Moritz Post in der FR fest: Dass mit dem italienischen Kulturminister AlessandroGiuli ein dem "Spektrum des Neofaschismus" zurechenbarer Politiker anwesend war, führte im dialog- und diskursfreudigen Betrieb vor allem zu einfach noch mehr Dialog und Diskurs. "Doch niemandem ist mit der hundertsten Rede von Kulturstaatsministerinnen, Ministerpräsidentinnen und Oberbürgermeisterinnen geholfen, in der die Macht des Buches und die Freiheit des Wortes hervorgehoben werden." Man traute "sich offensichtlich nicht, sich den italienischen Regierungsvertreter an Ort und Stelle vorzuknöpfen und ihm klarzumachen, dass sein Faschismus in Frankfurt nicht willkommen ist. Es wäre ein simpler Akt des Antifaschismus. Stattdessen immer neue Betonung von Dialog. Doch was bringt das gegenüber einem, der nicht am Dialog interessiert ist?"
Der italienischeSäulenpavillon auf der Buchmesse wurde vielfach kommentiert, meist hämisch. (Obwohl die mitgebrachten Fresken aus Pompeji spektakulär waren!) "Das alles wirkt vergangenheitsbezogener als die Ausstellungen kosmopolitischer Berliner Künstler, mit denen das Goethe-Institut gerne Deutschland repräsentiert", schreibt Jannis Koltermann in der FAZ. "Muss es aber deswegen falsch sein? Vielfalt heißt schließlich auch, den traditionsbewussten Neigungen in der Bevölkerung ihren Platz einzuräumen - und ausweislich aller Umfragen und Wahlergebnisse sind diese derzeit besonders stark. So verließ man diesen Abend mit dem Gedanken, dass gerade ein konservatives Italien Europa womöglich etwas zu geben hat."
Melanie Mühl hat für die FAZ die eigens für "NewAdult"-Literatur eingerichtete Halle der Frankfurter Buchmesse besucht. Von der zur Frankfurter Buchmesse ausnahmsweise mit drei Schülerinnen besetzten Sondersendung des "LiterarischenQuartett" des ZDF dürfte es nach Ansicht von David Hinzmann (FAZ.net) künftig gerne mehr geben. Das Team von Zeit Onlinebringt kleinere und größere Eindrücke vom Buchmessen-Geschehen.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Weitere Artikel: Esther Kogelboom und Adrian Schulz sprechen für den Tagesspiegel mit MithuSanyal über deren Roman "Antichristie". Shirin Sojitrawalla spricht online nachgereicht von taz mit der Schauspielerin CarolinePeters, die mit "Ein anderes Leben" ihr Romandebüt verfasst hat. Der österreichische Schriftsteller und Regisseur DavidSchalkoschreibt in der Literarischen Welt (online nachgereicht) über die Bücher, die ihn geprägt haben.
Besprochen werden MirceaCărtărescus "Theodorus" (online nachgereicht von der LitWelt), KatjaLange-Müllers "Unser Ole" (online nachgereicht von der taz), Neige Sinnos "Trauriger Tiger" (online nachgereicht von der taz), Eckhart Nickels "Punk" (JungleWorld), Wolfram Eilenbergers "Geister der Gegenwart. Die letzten Jahre der Philosophie und der Beginn einer neuen Aufklärung 1948-1984" (Standard), Daniela Emmingers "Blut ist nicht dicker als Wasser" (Standard), Natalie Buchholz' "Grand-papa" (FR), Ada D'Adamos "Brief an mein Kind" (FR), die Memoiren von Boris Johnson (NZZ) und neue Hörbücher, darunter SaschaRotermunds Lesung von JonathanFranzens Essaysammlung "Anleitung zum Alleinsein" (FAZ).
In der online nachgereichten "Frankfurter Anthologie" schreibt Hans Maier über ElisabethLanggäsers "Frühling 1946":
"Holde Anemone, bist du wieder da und erscheinst mit heller Krone ..."
Szene aus "Balau" an den Münchner Kammerspielen. Foto: Julian Baumann. Die "Echos der Kolonialgeschichte" hört FAZ-Kritikerin Wiebke Hüster im neuen Stück des Choreographen Serge Coulibaly an den Münchner Kammerspielen. Beeindruckend findet Hüster an "Balau", wie die Schauspieler den Text des Schriftstellers Fiston Mwanza Mujila rezitieren, der die Schrecken des europäischen Kolonialismus thematisiert, aber auch die "Möglichkeit, zu verzeihen" in den Blick nimmt. Was den Tanz betrifft, hat sich das Ensemble hingegen ein wenig viel vorgenommen, kritisiert Hüster sanft: 'Manchmal soll der Tanz anzeigen, dass etwas weitergeht, etwas Schlechtes oder etwas Gutes, manchmal die inneren Konflikte ausstellen, vielleicht auch die körperlichen Wirkungen von Mujilas Text, in dem es in einem von Weigel herausragend gesprochenen Monolog heißt: "Wenn ich diese Leute sehe, möchte ich Heizöl pissen.' Es geht also darum, zu zeigen, was geschieht, wenn man wirklich zulässt, das Leid anderer im eigenen Körper zu spüren und es auch an anderer Stelle wieder abzuschütteln, etwas loszuwerden oder hinter sich zu lassen. Aber das ist ungeheuer schwer."
Besprochen werden Jan Bonnys und Jan Eichbergs Inszenierung von Klaus Manns Roman "Mephisto" am Düsseldorfer Schauspielhaus (SZ), Christoph Mehlers Inszenierung von "Hamlet" am Theater Ingolstadt (nachtkritik), Carlina DerksBustamantes Inszenierung der "postkolonialer Semi-Oper" "The Indian Queens" von Colectivo Yama am Theater Aachen (nachtkritik), Anne Lenks Inszenierung von Shakespeares "König Lear" in der aktualisierten Version von Thomas Melle am Schauspielhaus Zürich (nachtkritik, NZZ), Michael Höppners Inszenierung der Mozart-Oper "Idomeneo" der Berliner Musikhochschule Hanns Eisler (tsp), Sebastian Baumgartens Inszenierung von Brigitte Reimanns Roman "Franziska Linkerhand" im Maxim Gorki Theater in Berlin (tsp), Anne Teresa De Keersmaekers Tanzstück "Il Cimento dell'Armonia e dell'Inventione" im Haus der Berliner Festspiele (tsp), die Choregrafien "Broken Bob" von Imre und Marne van Opstal und "Broken Sense of Beauty" von Xie Xin am Staatstheater Darmstadt (FR) und Ingo Kerkhofs Inszenierung von Verdis Oper "Macbeth" am Theater Heidelberg (FR).
Die Musikkonzerne fahren in Sachen KI merklich zweigleisig, beobachtet Benjamin Fischer (FAZ). Einerseits beschwört man den kreativen Funken im menschlichen Schöpfungsakt, ist aber auch den Vorzügen einer von KI zumindest gestützten Musikproduktion durchaus zugewandt: "Klare Regeln ja, aber bloß nicht als purer Blockierer dastehen, lautet die Devise."
Besprochen werden ein Konzert von HeinzHolliger mit dem EnsembleModern (FR) und ein in Berlin gezeigtes Programm von MeretBecker mit Chansons von Barbara (FAZ).
Bilder, die man noch nie gesehen hat: "Zone" von Christina Friedrich Peter Neumann staunt in der Zeit (online nachgereicht) über ChristinaFriedrichs inhaltlich kaum zusammenfassbaren Film "Zone": Es geht grob gesagt um eine junge Frau in den jungen Jahren der DDR. "Ihre Welt, das sind die Bergwerke, die stillgelegten Kombinate und die tyrannischen Heime, in denen die Kinder zuneuen Menschen erzogen werden sollen. ... Friedrich findet kafkaeske Bilder, die die Gespenster der Vergangenheit nicht zu besänftigen versuchen, sondern sie herumwüten lassen. All die Albträume, die Ängste, das Irrationale. Der Harz wird ein ostdeutsches wasteland - eine wüste Gegend, in der noch immer der Krieg wohnt. Friedrich exorziert die deutsche Geschichte, aber sie tut es in Bildern, die man so noch nicht gesehen hat. ... Es sind die Bilder, die bleiben: von dieser rauen Landschaft in ihrer Abgründigkeit, aber auch in ihrer Schönheit."
Weitere Artikel: Valerie Dirk spricht für den Standard mit dem Regisseur AliAbbasi über dessen "The Apprentice", ein Biopic über den jungen DonaldTrump. Gespielt wird dieser von SebastianStan, den Christian Zaschke im Tagesanzeigerporträtiert. Oliver Jungen resümiert in der FAZ das FilmfestivalCologne. Bert Rebhandl weist im Standard auf das Viennale-Spezial zur Schauspielerin HeleneThimig hin. Nadine Lange schaut für den Tagesspiegel ins Programm des Roma-Filmfestivals in Berlin.
Besprochen werden außerdem die Ausstellungen "Rudolf Klaffenböck. Bilder. Objekte" im Kunstverein Passau (FAZ), "Survival in the 21st Century" in den Deichtorhallen Hamburg (taz) und "Träum weiter" im C/O Berlin (taz).
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