Efeu - Die Kulturrundschau

Leise rieselt der Papier-Schnee

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23.12.2024. Die Kritiker sind begeistert von Mohammad Rasoulofs heimlich im Iran gedrehten Film "Die Saat des heiligen Feigenbaums". Die Nachtkritik freut sich in Hakan Savaş Micans Berliner Adaption von Necati Öziris Roman "Vatermal" über "schön rotzige" Frauenfiguren. Der Filmdienst führt durch das ungarische Gegenwartskino unter Viktor Orbán. Zeit Online erklärt uns, wie sich die Musik der Neuen Neuen Deutsche Welle nochmal genau anhört. Und die NZZ stellt fest: Die Luxusmodemarken haben es die letzten Jahre übertrieben mit der scheinbaren Exklusivität.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.12.2024 finden Sie hier

Film

Schaut einer Familie beim Zerbersten zu: "Die Saat des heiligen Feigenbaums" von Mohammad Rasoulof

Mohammad Rasoulofs heimlich im Iran gedrehter Film "Die Saat des heiligen Feigenbaums" über die Familie eines Mannes im Staatsdienst ist "ein kleines Wunder", ruft Susan Vahabzadeh in der SZ. "Man merkt dem Film nie an, welch schwierigen Umständen er abgetrotzt wurde. Ganz nebenbei ist er auch noch ein Zeitdokument, virtuos sind Bilder aus der iranischen Wirklichkeit in das fiktive Familiendrama eingewoben. ... Man sieht, fast drei Stunden lang, einer zunächst intakt erscheinenden Familie beim Zerbersten zu." Doch Rasoulof "verfilmt keine Schlüsselgeschichten mehr, wie so viele seiner Künstlerkollegen, die noch den Weg gehen, die Problematik innerhalb der iranischen Gesellschaft zu verklausulieren. Rasoulof adressiert, mit wachsender Wut, die Probleme selbst. ...  Das Spannungsfeld zwischen drinnen und draußen, den Konflikt zwischen dem, was die Töchter mit ihren eigenen Augen gesehen haben, und der staatstreuen Sichtweise des Vaters hat Rasoulof ganz organisch inszeniert, wie einen Horrorfilm - und die Gewalt gegen die Protestierenden gibt dem eskalierenden Familienstreit seine Erdung."

Dies "ist ein ebenso zynischer wie künstlerisch eindrucksvoller Kommentar zur Protestbewegung und ihrer gewaltsamen Niederschlagung", schreibt Jürgen Kiontke in der Jungle World. "Originalaufnahmen von blutigen Straßenkämpfen werden mit den fiktiven Szenen zusammengeschnitten. Rasoulof und seine Mitarbeiter, zu denen auch seine Tochter Baran gehört, haben im Wortsinn Kopf und Kragen riskiert für einen Film, der geradewegs aus dem Innern des iranischen Protests kommt."

Der im vergangenen Mai ins deutsche Exil geflohene Rasoulof hegt "keine nostalgischen Gefühle" für seine Heimat, verrät er Christiane Peitz im Tagesspiegel-Gespräch: "Der Iran ist in meinen Augen ein besetztes Land. Ich habe meine Heimat nicht verloren, ich muss sie nur neu finden, als kulturellen Iran, auch in meinem filmischen Schaffen." Zu seinem Film inspiriert hat ihn während seiner Haft im Evin-Gefängnis "ein Gefängnisbeamter, eine Zufallsbegegnung. Er sprach darüber, dass er über Suizid nachdenkt und wie seine Kinder ihn mit Fragen nach seiner Arbeit und den Gefangenen unter Druck setzen. Davon wollte ich erzählen, vom Zwiespalt innerhalb einer Familie, der die gesellschaftliche Situation im Iran widerspiegelt."

Jörg Taszman führt für den Filmdienst durch das ungarische Gegenwartskino unter Viktor Orbán. Der aus den USA als Filmförderer importierte Hollywoodproduzent Andrew G. Vajna ("Rambo", "Terminator") hatte dem ungarischen Film zur allgemeinen Überraschung tatsächlich zu einigem Ansehen verholfen. Doch als nach Vajnas Tod der ehemalige Filmemacher Csaba Kaél zum Regierungsbeauftragten für Film ernannt wurde, "merkt man verstärkt die politische Einmischung". Der von der Filmförderung ausgeschlossene Filmemacher "Gábor Reisz bringt es auf den Punkt: 'In den ersten fünf Jahren habe ich den Druck nicht gespürt. Doch was dann im Filmbereich und der Filmkultur passierte, änderte vieles.' Die Fidesz-Politiker vertragen keine Kritik und fragen immer wieder ganz offen, warum sie jemanden finanziell unterstützen sollen, der sie kritisiere. Reisz betont: 'Sie nehmen alles persönlich. Ein Film sollte auch Probleme reflektieren. Wenn er das nicht tut, gibt es keine Veränderung, keine Entwicklung. Im Sozialismus haben die damaligen Genossen durchaus einiges zugelassen. Heute aber wird Kritik einfach unterdrückt.' ... Im heutigen 'Orbán-Regime' ist es primär das Geld, das als Druckmittel gegen unliebsame Filmemacher eingesetzt wird. Wer in Ungarn politische oder unbequeme Filme drehen möchte, muss entsprechend kreativ werden", so "liefen allein in diesem Jahr mehr als ein halbes Dutzend unabhängige ungarische Filme an".

Weitere Artikel: Valerie Dirk unterhält sich für den Standard mit der indischen Regisseurin Payal Kapadia über deren Film "All We Imagine As Light" (unsere Kritik). Die FAZ hat Bert Rebhandls Porträt über Hugh Grant online nachgereicht. Der seit der Berlinale im vergangenen Jahr skandalisierte Dokumentarfilm "No Other Land" ist "nicht antijüdisch oder gar antisemitisch", allerdings fehlt ihm "die politische Analyse", kritisiert Ulrich Gutmair in der taz. Das Kino wandte sich zuletzt auffallend häufig Dirigentinnen und Dirigenten zu und bewegt sich dabei "auf einem hohen künstlerischen Niveau", bemerkt Kirsten Liese im Filmdienst. Lara Marmsoler blickt für die SZ auf Abomodelle für Kino-Flatrates, mit denen den Streamern der Kampf angesagt werden soll. Wolfgang Hamdorf schreibt im Filmdienst einen Nachruf auf die spanische Schauspielerin Marisa Paredes. Daniela Tan klärt in der NZZ über die Ursprünge des japanischen Begriffs des Jahres einer japanischen Fernsehserie auf. Claus Löser empfiehlt in der Berliner Zeitung für die kommenden Wochen die beiden Berliner Aufführungen der DEFA-Filme "Silvesterpunsch" und "Hochzeitsnacht im Regen".

Besprochen werden Matthew Browns "Freud - Jenseits des Glaubens" mit Anthony Hopkins als Sigmund Freud (taz) und die NDR-Doku "Lebensader Autobahn" (FAZ).
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Bühne

Szene aus "Vatermal" am Gorki-Theater Berlin © Ute Langkafel MAIFOTO

Necati Öziris Buch "Vatermal" stand 2023 auf der Shortlist des deutschen Buchpreises und "war wochenlang in aller Munde", erinnert nachtkritiker Vincent Koch. Jetzt hat Hakan Savaş Mican den Roman für das Gorki Theater Berlin adaptiert und so seine Reihe über postmigrantische Literatur weitergeführt. Es geht um den jungen Arda, der eine Autoimmunkrankheit hat, und nach seinem Vater Metin sucht, der sich Richtung Türkei aus dem Staub gemacht hat. Dem Kritiker gefällt aber vor allem, wie Mican die Rolle von Ardas Mutter Ümran angelegt hat, nämlich "so richtig schön rotzig": "Die Frau will einfach keine Big Macs mehr verkaufen! In einer Szene gibt sie ein Liebeslied zum Besten, leise rieselt der Papier-Schnee, die Kinder klammern sich an ihre Beine. Mitten in dieser Nummer switcht sie plötzlich in eine betont freundliche McDonald's-Verkäuferin: 'Im Menü oder einzeln?' Es ist großartig, wie sie diese Figur mit Leben füllt. Ardas Schwester findet bei Flavia Lefèvre schöne Nuancen für das Verschmitzte ihrer Rolle, sagt zu ihrem Bruder: 'Du Schlaubischlumpf'."

SZ-Kritiker Peter Laudenbach freut sich, dass Mican die Geschichte weit ab von optischem Realismus als knallige Bühnenshow inszeniert hat: "Doğa Gürer tritt als Arda im eleganten schwarzen Anzug mit Fliege auf, ein cooler Crooner, die Haare entschlossen nach hinten gegelt wie ein Sänger aus einer altmodischen Las-Vegas-Show (Kostüme: Sylvia Rieger). Gorki-Star Sesede Terziyan und Flavia Lefèvre spielen Ardas Mutter Ümran und seine Schwester Aylin in knallroten Outfits und mit Vergnügen an Gesangseinlagen: Souveräner Show-Auftritt statt Sozialkitsch mit Migrantenfolklore." In der taz hebt Tom Mustroph ebenfalls vor allem die Frauenfiguren hervor.

Weiteres: Tom Mustroph berichtet für die taz über einen Theaterabend zum Thema Long Covid im Hebbel am Ufer in Berlin, organisiert von der Theatergruppe Showcase Beat Le Mot. Besprochen werden Amir Reza Koohestanis Adaption von Kafkas "Der Prozess" am Theater Freiburg (nachtkritik), Selen Karas Liederabend "Istanbul. Ein musikalischer Abend" am Theater Essen (nachtkritik), Juli Mahid Carlys Inszenierung von Till Wiebels Stück "Vier Piloten" am Schauspielhaus Bochum (nachtkritik) und Simon Eichenbergers Inszenierung von Jacques Offenbachs Oper "Die Reise zum Mond" am Theater Regensburg (nmz).
Archiv: Bühne

Design

Die Luxus-Modemarken stecken in der Krise, schreibt Jeroen van Rooijen in der NZZ, und dies auch deshalb, weil sie es selbst mit dem Luxus im letzten Vierteljahrhundert stark übertrieben haben: "Der Luxus der letzten Jahre war auf den schnellen Effekt bedacht, musste in der ständig bewegenden Timeline von Instagram rasch hervorstechen und entsprechend plakativ gestaltet sein. ... Alles war laut und exzentrisch, praktischer Nutzwert oder Tragbarkeit interessierten kaum mehr." Doch "der Glanz der scheinbar exklusiven, tatsächlich aber massenhaft produzierten Luxusartikel verblasst. Weil man den Bogen überspannt hat. Luxus ist zur Karikatur seiner selbst geworden, mit leicht erkennbaren Markenartikeln, die niemand mehr will. Es herrscht eine 'luxury fatigue': Luxusmüdigkeit. ... Sogar die Chinesen begehren keine Statussymbole mehr. Und junge Leute begnügen sich inzwischen mit gefälschten Luxusartikeln."
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Stichwörter: Mode, Luxus, Instagram, Begehren

Kunst

FAZ-Kritikerin Gina Thomas freut sich über die Erneuerungen, die das Turiner Museo Egizio zur Feier seines zweihundertjährigen Bestehens vorgenommen hat. Die beeindruckende Sammlung altägyptischer Kunst, die das Museum beherbergt, erscheint so in neuem Licht, lobt sie: "Im neugestalteten Saal der Könige ruft die Symbiose von Architektur und Präsentation den Gang von der Finsternis ins Licht hervor, der im altägyptischen Glauben den täglichen Sonnenlauf mit dem Lebenszyklus gleichsetzt. Bislang waren die von hohen Sockeln herabblickenden Götter und Könige in einer für die Olympischen Winterspiele von 2006 konzipierten, hollywoodartigen Darbietung des Szenenbildners Dante Ferretti wie Bühnenstars im Rampenlicht platziert. Nun ist der Hollywood-Kitsch einer Bulthaup-Ästhetik gewichen. Durch Fenster im freigelegten Gewölbe, von denen keiner gewusst hatte, dass es sie überhaupt gab, fällt Tageslicht auf die Skulpturen, wie einst in Karnak."
Archiv: Kunst

Literatur

Die FAZ hat Marta Kijowskas Porträt der polnischen Reporterin und Schriftstellerin Hanna Krall online nachgereicht. Mara Delius und Marc Reichwein blicken für die Welt zurück auf die Aufreger im Literaturbetrieb 2024. In der FAZ gratuliert Jan Wiele dem Schriftsteller Donald Ray Pollock zum 70. Geburtstag. Der Standard bringt eine Weihnachtsgeschichte von Stephan Eibel Erzberg.

Besprochen werden Joachim Meyerhoffs "Man kann auch in die Höhe fallen" (FR), Paul Lynchs "Das Lied des Propheten" (Standard), Jan Hafts "Unsere Wälder" (online nachgereicht von der FAZ), der Briefwechsel zwischen Otto Neurath und Rudolf Carnap (FR) und neue Kinder- und Jugendbücher, darunter Trevor Noahs "Into the Uncut Grass" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Hans-Albrecht Koch über Hugo von Hofmannsthals "Stille":

"Trübem Dunst entquillt die Sonne
Zähen grauen Wolkenfetzen . .
Hässlich ist mein Boot geworden ..."
Archiv: Literatur
Stichwörter: Literaturbetrieb

Musik



Für Zeit Online wirft Eva Goldbach einen Blick auf das zur Hochphase der Coronapandemie entstandene Phänomen der Neuen Neuen Deutschen Welle, für das Bands wie Temmis oder der Musiker Edwin Rosen stehen. "Zwischen Subversion und Regression schweben die Songs, sie markieren einen Rückzug ins Private, der aufgrund der Pandemiesituation, die ihn notwendig gemacht hat, politisch aufgeladen ist. Wenn Temmis über schwere Zeiten singt und Rosen von Sehnsucht erzählt, klingt das immer auch wie eine Gegenwartsdiagnose: 'Hab' seit Tagen nicht geschlafen, alles dreht sich in mein'm Bett", heißt es im Temmis-Song 'Alles brennt'", der bezeichnend ist "für ein diffuses Gefühl der Pandemiehochphase, in der sich viele Menschen ... kaum mehr eine Zukunft vorstellen konnten. Sie besannen sich darauf, was in ihren Wohnungen und in ihrem Inneren passierte, ohne die Welt vor der Tür vergessen zu können. Das Bedürfnis nach Entgrenzung aber blieb, nach Ekstase und Druckablass - nach Ausrasten, aber unter schwierigen Bedingungen und anderen Vorzeichen. Die Songs der Neuen Neuen Deutschen Welle klingen wohl auch deshalb wie achtsames Ausrasten."



Weiteres: "Rapper sind keine Chorknaben, Dude", ruft Matthias Rüb in der FAZ an die Adresse von Roms Bürgermeister Roberto Gualtieri, der den Rapper Tony Effe vom ziemlich populären, kostenlosen Silvester-Konzert in Rom wegen dessen unflätiger Lyrics wieder ausgeladen hat. Besprochen werden Peter Ames Carlins Buch "The Name of This Band Is R.E.M." (NZZ), Matt Elliotts Album "Drinking Songs" (Standard), ein Konzert von Wanda (Presse) und ein Konzert der Fantastischen Vier in Wien (Presse) und die von Herbert Blomstedt im Methusalem-Alter von 97 Jahren dirigierten Adventskonzerte der Berliner Philharmoniker (SZ).
Archiv: Musik