Efeu - Die Kulturrundschau

Auch böse Menschen haben Lieder

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31.03.2025. "Die Hölle ist eine Zirkusmanege", erkennt die FAZ in Claudia Bauers Münchner Inszenierung von "Warten auf Godot".  Die Welt ermutigt die Theaterwelt, sich an Leoš Janáčeks Opern heranzutrauen: Es lohnt sich! Die NZZ widerspricht dem Feuilleton-Tenor: Kristine Bilkau hat den Leipziger Buchpreis durchaus verdient, findet sie. Israels elektronische Musikszene sieht sich seit dem 7.Oktober einem Boykott ausgesetzt, den sie so noch nicht erlebt hat, berichtet Zeit Online
9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.03.2025 finden Sie hier

Bühne

Szene aus "Warten auf Godot" am Münchner Residenztheater. © Birgit Hupfeld

Ziemlich mitgenommen kommt Jürgen Kaube (FAZ) aus Claudia Bauers Beckett-Inszenierung von "Warten auf Godot" am Münchner Residenztheater. Bauer lässt Wladimir und Estragon als Clowns auftreten und Kaube muss erkennen: "Die Hölle ist eine Zirkus-Manege." Das hinterlässt ein mulmiges Gefühl beim Kritiker, vor allem wenn er Michael Goldberg als Pozzo und Lukas Rüppel als Lucky zusieht: "Goldberg gibt in Anzug und Baseball-Kappe mit großem P den vollständig von sich selbst erfüllten Chef, der Kommandos desto mehr genießt, je absurder sie sind. Zwischendurch setzt er sich eine groteske Perücke auf und singt - auch böse Menschen haben Lieder - zu bunter Beleuchtung schwülstige Verse. Als Lucky aufgefordert wird, zu tanzen und zu denken - 'Ungezwungen!' lautete einst die paradoxe Weisung Hanns Dieter Hüschs -, sprudeln aus ihm in wilder Folge obszöne Gesten und Redekatarakte hervor, bevor er wieder schielend einfriert. Die Wahrheit über die Herrschaft liegt im Tourette der Unterdrückten."

Einen "Balanceakt zwischen Abstrusität und Komik" wagt Bauer hier und es funktioniert hervorragend, schwärmt Nachtkritikerin Susanne Greiner. "All das ist manchmal urkomisch, meistens aber hochgradig verfremdend und forciert die Absurdität der Situation eines ewigen Wartens im Nichts auf etwas, das vielleicht nicht einmal existiert. Mit dem Zirkusspiel wollen sich Wladimir und Estragon ihres Daseins versichern - auch wenn es weder Zeit noch Raum gibt: 'Wir finden doch immer was, um uns einzureden, dass wir existieren, nicht wahr?', fragt Estragon. 'Ja, ja, wir sind Zirkuskünstler', antwortet Wladimir." Gar nicht begeistert ist Peter Laudenbach in der SZ, der hier außer "viertellustigem" Klamauk keinen Mehrwert erkennen kann.

Szene aus "Die gerissene Füchsin" am Landestheater Linz. Foto: Reinhard Winkler

Eine Kinderoper ist das hier jedenfalls nicht, stellt FAZ-Kritiker Peter Blaha bei Peter Konwitschnys Inszenierung von Leoš Janáčeks Oper "Die gerissene Füchsin" am Landestheater Linz fest. Aus der Tier-Parabel wird hier ein ziemlich düsteres, aber beeindruckendes Stück über eine Welt voller Gewalt und Elend, in der die kleine Füchsin ums Überleben kämpfen muss: "Doch fehlt es keineswegs an Utopie. Die keimt vor allem in der Liebe der Füchsin zum Fuchs auf, und spätestens da erfährt die Entscheidung, sämtliche Hosenrollen des Stücks mit Männern zu besetzen, eine Rechtfertigung. Der geschmeidige Tenor von Seungjick Kim vereint sich nämlich aufs beste mit dem strahlenden Sopran von Carina Tybjerg Madsen. Den alten Männern des Stücks, die der Förster, der Schulmeister und der Pfarrer repräsentieren, tritt eine jugendliche männliche Kraft gegenüber, sodass auch ein Konflikt der Generationen mit anklingt."

Warum gibt es immer noch Theatermacher, die sich nicht trauen, Leoš Janáčeks Stücke auf die Bühne zu bringen, fragt derweil Manuel Brug in der Welt. Klar, diesen "Neutöner" des 20. Jahrhunderts zu spielen ist anspruchsvoll - aber es lohnt sich: "Keine Janáček-Aufführung, von der Zuhörer nicht gepackt und begeistert werden. Von Janáčeks ganz eigener Art der Menschen- wie Milieuschilderung. Leoš Janáček gibt Tieren und Untoten, mürrischen Kleinbürgern und monströsen Schwiegermüttern stimmige Vokalgesten. Er zeichnet plastisch Wälder und Wirtshäuser, er ist emphatisch, aber er wird nie sentimental."

Besprochen werden außerdem eine Adaption von Heinz Strunks Roman "Ein Sommer in Niendorf" durch das Studio Braun am Deutschen Schauspielhaus (nachtkritik), Armin Petras Inszenierung von "Hamlet. Ein irres Rock-Vaudeville" am Staatstheater Cottbus (nachtkritik), Alejandro Quintanas Inszenierung von Nona Fernández' Stück "Molière - Der eingebildete Tote"am Theater Rudolstadt (nachtkritik), Maik Priebes Inszenierung von "Wege übers Land" nach Helmut Sakowski am Theater Neubrandenburg / Neustrelitz (nachtkritik), Antú Romero Nunes' Inszenierung von Brechts "Herr Puntila und sein Knecht Matti" am Burgtheater Wien (nachtkritik), Jan-Christoph Gockels Inszenierung von "Hospital der Geister" nach der Fernsehserie von Lars von Trier und Niels Vørsel am Deutschen Theater Berlin (nachtkritik), Guy Cassiers Inszenierung von Racines "Bérénice" an der Comédie-Française (FAZ), Anna-Elisabeth Fricks Inszenierung des Stücks "Lethe - ein Abend verlorener Erinnerungen" am Saarländischen Staatstheater Saarbrücken (taz) und die von Matthias Ulrich kuratierte Performance-Reihe "Body and Building: 2 Evenings, 2 Days (of Performances)" in der Frankfurter Schirn (FR).
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Literatur

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Nadine A. Brügger kommt in ihrer NZZ-Nachbetrachtung zur Leipziger Buchmesse nochmal auf die Auszeichnung für Kristine Bilkaus "Halbinsel" zu sprechen, respektive auf das bas erstaunte Echo in den Feuilletons (unser Resümee). "Gut sei dieser Roman, so der zumeist männliche Tenor an den Apéro-Stehtischchen, aber nicht gut genug, um mit Haas' experimentellem und Krachts eskapistischem Roman mithalten zu können. Das ist allerdings falsch: Bilkau kann mit ihrer ruhigen Erzählstimme und dieser ihr eigenen, wahnsinnig präzisen Sprache literarisch durchaus mithalten. Zudem bestärkt Leipzig mit allen vergebenen Auszeichnungen das eigene Selbstverständnis, als Publikumsmesse die Kunst der Literatur mit den Themen und Problemen der Gegenwart zu verknüpfen. Bilkau, die aus Alltäglichkeit mittels Erzählkunst etwas Allgemeingültiges herauszuschälen vermag, passt zu diesem Literaturverständnis." Auch tazlerin Julia Hubernagel ist in ihrem Resümee der Buchmesse unzufrieden mit dem Urteil ihrer Kollegen aus den benachbarten Feuilletons.

Viel wurde auf den Leipziger Messe-Bühnen und in Gesprächen - auch befeuert durch die Verleihung des Preises zur Europäischen Verständigung an Alhierd Bacharevič für "Europas Hunde" - über die Übergriffe totalitärer Regime auf die Literatur diskutiert. "Die politischen Auspizien, unter denen die Leipziger Buchmesse durchgeführt wurde, sind so rabenschwarz, dass die Aufregerthemen vergangener Jahre, allen voran die Präsenz der nun abgewanderten rechten Verlage, im Rückblick als weit weniger gravierend erscheinen", schreibt Tilman Spreckelsen in der FAZ. "Autoren aus Belarus, der Ukraine, Polen, der Republik Moldau oder Georgien berichteten vom allgegenwärtigen russischen Einfluss in ihren Ländern und von einem Leben in Angst, die kürzlich bei Rowohlt erschienene Anthologie 'Nein!' versammelt 'Stimmen aus Russland gegen den Krieg' mit sehr anschaulichen Zeugnissen von Unterdrückung, und ein tschechischer Intellektueller erzählte von seiner Sorge, dass Böhmen eines Tages, metaphorisch gesprochen, tatsächlich am Meer liegen könne, dann nämlich, wenn sich die Grenze zwischen den totalitär und den demokratisch regierten Staaten weiter nach Westen verschiebe."

Außerdem zur Buchmesse: Als Warnung kann man auch die Romane und Erzählungen des 2007 estnischen Schriftstellers Jaan Kroos lesen, empfiehlt Roger Abrahams in der Welt. Auf der Lit.Cologne derweil, die am Wochenende ebenfalls zu Ende ging, konnte man sich "ein wenig von der Krisengegenwart erholen", resümiert Oliver Jungen in der FAZ. "Platz für ernste Themen war aber doch". Für Zeit Online sammeln Alexander Cammann, David Hugendick, Dr. Peter Neumann und Adam Soboczynski vermischte Eindrücke.

Weitere Artikel: Christoph Amend und Jochen Wegner plaudern für Zeit Online mit der Bestseller-Autorin Cornelia Funke. Matthias Heine (Welt) stößt beim amüsierten Blättern in Annette von Droste-Hülshoffs Literaturbetriebssatire "Perdu!" aus dem Jahr 1840 auf einige Parallelen zur Gegenwart. Besprochen werden unter anderem Wolfgang Benz' "Exil. Geschichte einer Vertreibung 1933-1945" (online nachgereicht von der Welt), Johannes Groschupfs Krimi "Skin City" (Tsp) und die deutsche Erstausgabe von Juri Felsens bereits 1930 verfasstem Roman "Getäuscht" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Tom Schulz über Inge Müllers "Unterm Schutt III":

"Als ich Wasser holte fiel ein Haus auf mich
Wir haben das Haus getragen ..."
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Film

Valerie Dirk resümiert im Standard die Diagnole in Graz. Cosima Lutz (Welt) und Nadine Lange (Tagesspiegel) schreiben zum Tod des Schauspielers Richard Chamberlain.

Besprochen werden Joshua Oppenheimers postapokalyptisches Musical "The End" mit Tilda Swinton (Standard, unser Resümee), die ZDF-Serie "Die Affäre Cum-Ex" (NZZ) und Ekrem Engizeks unabhängig produzierter, deutscher Knastfilm "Haps" ("ein Indiefilm, aber in hart", schreibt Philipp Bovermann in der SZ).
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Stichwörter: Cum-Ex

Musik

Die Club- und Partyszene Israels ist seit dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober zusehends auf sich selbst zurück geworfen, berichtet Anastasia Tikhomirova auf Zeit Online: Die Party-Touristen bleiben aus, die allermeisten DJs aus dem Ausland kommen nicht - oder es hagelt kurzfristige Absagen. "'Aktuell legen nur noch etwa zwei Prozent der internationalen Künstler in Israel auf, die noch vor dem 7. Oktober 2023 hier gespielt haben', sagt Yaron Trax, der seit 32 Jahren in der elektronischen Musikszene Israels aktiv ist. ... 'Die meisten erfinden Ausreden für ihre Absagen. Nur wenige sind so ehrlich und gestehen, dass sie Angst um ihre Karrieren haben. Manche werden von ihren Agenturen zurückgepfiffen. Ich verstehe sie', erzählt Trax. Israels elektronische Musikszene sehe sich einem Boykott ausgesetzt, den sie so noch nicht erlebt habe. ... Neue Gruppen wie Ravers for Palestine, deren Gründer sich in Anonymität hüllen, koordinieren den Boykott vor allem über soziale Medien. Sie wollen diesen bis zur 'kompletten Befreiung des historischen Palästina' fortsetzen: also bis zur Abschaffung Israels."

Wiebke Hüster ist in der FAZ ziemlich umgehauen von "Songs with Words", dem neuen Album von Malakoff Kowalski, der romantische Kompositionen aus dem 19. Jahrhundert mit Gedichten des Beat-Poeten Allen Ginsberg aus dem 20. verbindet. Sowas "hat es noch nicht gegeben", meint Hüster. Es ist "ein großes, auch für Kowalski ungewöhnliches Projekt, ein Geschenk, wie man es als Künstler bekommt, wenn man lange auf etwas hinarbeitet und das dann gelingt. Davon kommt die Gänsehaut, die man beim Hören spürt, von der Tiefe der interpretatorischen Durchdringung, die diese große Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit hervorbringt. Es ist, als würde der Sänger einfach zu einem sprechen."



Weiteres: In der FAZ gratuliert Edo Reents dem AC/DC-Gitarristen Angus Young zum 70. Geburtstag. Neunzig Jahre alt wird der Trompeter Herb Alpert, dem Wolfgang Sandner ebenfalls in der FAZ gratuliert. Besprochen werden ein Auftritt von Tocotronic in Zürich (NZZ), ein Johann-Strauss-Konzert der Wiener Philharmoniker unter Franz Welser-Möst (Standard), neue Alben von den Wombats (taz), Edwyn Collins (Standard) und Lucy Dacus (Standard), ein Auftritt von K.I.Z. in Frankfurt (FR), das Debütalbum der ukrainischen Sopranistin Viktoriia Vitrenko (FAZ) und Paul Agnews Aufnahme mit Les Arts Florissants von Bachs Kantaten aus der Weimarer Zeit (FAZ).
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Kunst

Die neue Regierung plant ein Restitutionsgesetz für NS-Raubkunst. Endlich, ruft Jörg Häntzschel in der SZ: "Das Restitutionsgesetz, sollte es kommen, wäre ein großer Fortschritt gegenüber dem Schiedsgericht. Während dies hinter verschlossenen Türen ausgedealt wurde, muss das Gesetz vom Parlament beschlossen werden. Dabei wäre dann endlich Gelegenheit, darüber zu diskutieren, ob Deutschland 80 Jahren nach Kriegsende die Restitution von Raubkunst erschweren oder doch erleichtern sollte. Die Tatsache, dass sowohl der Zentralrat und die Jewish Claims Conference als auch Bayern dieses Gesetz wollen, zeigt, dass diese Diskussion überfällig ist."

Besprochen wird die Ausstellung "Half Frame" von Maria Toumazou im Overbeck-Pavillon in Lübeck (taz) und die Ausstellung "Von Odessa nach Berlin. Europäische Malerei des 16. bis 19. Jahrhunderts" in der Gemäldegalerie in Berlin (NZZ).
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