Efeu - Die Kulturrundschau
Menschheit in der Klemme
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22.04.2025. Die SZ bewundert, wie Raoul Peck in seinem Dokumentarfilm das Leben des südafrikanischen Fotografen Ernest Cole anhand von dessen Aufnahmen erzählt. Die NZZ staunt, wie Norman Foster einen 60-stöckigen Bankenkoloss in New York auf Zehenspitzen tänzeln lässt. Die taz demontiert in Berlin den Heroismus von Georg Kolbes Skulpturen. Und der FAZ ist unwohl, wenn Sandra Hüller in Halle eine genderneutrale Penthesilea auf die Bühne bringt.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
22.04.2025
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Film

SZ-Kritikerin Martina Knoben ist sehr beeindruckt von Raoul Pecks bei den Filmfestspielen in Cannes als bester Dokumentarfilm ausgezeichnetem Film "Ernest Cole: Lost and Found". Cole hatte den Alltag der schwarzen Bevölkerung unter dem Apartheidsregime Südafrikas fotografisch dokumentiert, 1966 floh er in die USA, sein 1967 erschienener Fotoband "House of Bondage" wurde 1967 in Südafrika verboten. Später geriet Cole in Vergessenheit, bis 2017 in einem Banktresor sein Archiv mit 60.000 Negativen auftauchte. "Peck hat Coles Fotografien klug montiert, das Leben des Künstlers zeigt sich in dessen eigenen Aufnahmen. Dass Cartier-Bresson Cole inspiriert hat, ist dabei nicht zu übersehen: Ein ähnlicher Humanismus zeichnet die Bilder aus, auch Coles Fotos erzählen nicht nur vom Elend, sondern nehmen den Menschen als Ganzes in den Blick. ... So wie Cole sich gegen die Apartheid in seiner Heimat gewehrt hatte, so wehrt er sich auch in den USA dagegen, auf seine Hautfarbe und Ethnie reduziert zu werden. Nach 'House of Bondage' wollten Coles Auftraggeber immer wieder ähnliche Bilder von ihm sehen, er sei nur als Chronist von 'Elend, Ungerechtigkeit und Herzlosigkeit' gefragt, klagt er. Cole verzweifelt am Exil, der Traum von Amerika wird zum Albtraum." Für die Jungle World bespricht Holger Heiland den Film.
Der Tagesanzeiger reicht für die SZ online einen Artikel von Gregor Scheu und Jürgen Schmieder aus dem Wirtschaftsressort darüber nach, wie sich Trumps Zölle zu einem Kulturkampf ums Kino auswachsen. Da China im Zuge "die Regeln für den Import von US-Entertainment verschärft", ist momentan nicht ausgemacht, "ob und wie viele Filme aus den USA in Zukunft noch in chinesischen Kinos gezeigt werden". China ist bekanntlich für die Branche ein wichtiger internationaler Absatzmarkt, mit Umsätzen, die dort teils höher ausfallen als zuhause - was in der Vergangenheit immer wieder zu zahlreichen Zugeständnissen gegenüber China geführt hat. Doch "was aussieht wie ein Bauernopfer im Wirtschaftskonflikt der beiden größten Volkswirtschaften der Welt, ist ein gezielter machtpolitischer Akt: Peking will nicht länger nur Markt für westliche Blockbuster sein, sondern selbst produzieren und exportieren: eigene Inhalte, eigene Helden, eigene Werte als moralische Anker der Handlung. Kino wird zur Bühne für Chinas kulturelle Emanzipation; der Handelskrieg mit den USA schafft für Chinas Filmindustrie das Narrativ der Aufbruchsstimmung, wie es sich die Propagandaabteilungen der Kommunistischen Partei kaum schöner hätten ausdenken können."
Weitere Artikel: Standard-Kritikerin Valerie Dirk legt dem Wiener Publikum die Filmreihe "Traummaschine Kino" im Österreichischen Filmmuseum ans Herz. Besprochen werden Miguel Gomes' auf Mubi gezeigter Film "Grand Tour" (online nachgereicht von der FAZ, mehr dazu bereits hier), Hirokazu Koreedas Netflix-Miniserie "Asura" über eine japanische Familie in den Siebzigerjahren (NZZ, mehr dazu bereits hier) und die zweite Staffel der auf Disney+ gezeigten "Star Wars"-Serie "Andor" (Welt).
Literatur

Besprochen werden unter anderem Kristine Bilkaus "Halbinsel" (NZZ), der erste Band aus Hermann L. Gremlizas "Gesammelten Schriften" (online nachgereicht von der FAZ), Josephine Bakers Memoiren (online nachgereicht von der FAZ), Sarah Iles Johnstons "'Von Göttern und Menschen'. Die griechischen Mythen neu erzählt" (online nachgereicht von der FAZ), J. Todd Scotts Krimi "Diese Seite der Nacht" (Freitag), Bibi Dumon Taks und Annemarie van Haeringens Kinderbuch "Regenwurm und Anakonda" (FR), neue Comicadaptionen von Krimis von Philip Kerr und Georges Simenon (taz), Bücher über Rom (Standard), neue Hörbücher, darunter Stefan Kaminskis Lesung von George R.R. Martins als "Game of Thrones" verfilmtes Fantasyepos "Das Lied von Eis und Feuer" (FAZ), und Rachel Kushners "See der Schöpfung" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Kunst

"Tea and Dry Biscuits" soll es zur Trauerfeier Georg Kolbes nach dessen Tod im Jahr 1947 gegeben haben, entsprechend benannt ist die Ausstellung zum 75. Gründungsjubiläum des Berliner Georg Kolbe Museums, weiß Martin Conrads (taz). Die Schau fokussiert auf Kolbes Rolle während des Nationalsozialismus: Kolbe war zwar kein NSDAP-Mitglied, seine Arbeiten ließen sich aber "leicht von der Propaganda des Nationalsozialismus vereinnahmen", entnimmt Conrads der Museumswebsite: "Dass sich der figürliche Ausdruck seiner Arbeiten ab 1933 veränderte und fortan eher NS-Idealen entsprach, zeigt etwa der ausgestellte Gips-Entwurf zum Denkmal 'Opfer der Arbeit' von 1938/39." Kolbes Skulpturen werden in Bezug gesetzt mit Arbeiten teils noch lebender Künstler, die sich mit seinem Werk auseinandersetzten, etwa der Ost-Berliner Fotograf Christian Borchert: Der "hatte 1987 den Auftrag erhalten, Arbeiten des Bildhauers im öffentlichen Raum zu dokumentieren, in West-Berlin und der Bundesrepublik. Die Fotos zeigen indirekte Blicke auf Kolbes Skulpturen - und den Westen. Sie demontieren Heroisches, denunzieren Kolbe aber nicht - ein Blick, der dem kuratorischen Gestus der Ausstellung entspricht."

Viel Verfall und Zerstörung sieht Sylvia Staude im Fotografie Forum Frankfurt, das dem Dokumentarfotografen Michael Kerstgens derzeit die Ausstellung "Out of Control" widmet. Kerstgens fotografierte Thüringen nach der Wende, den Bergarbeiterstreik in den Achtzigern in Großbritannien - und reiste auch in die zusammenbrechende Sowjetunion und "beobachtete dort 'The Final Winter', den letzten Winter 1990/91 der UdSSR. Soldatenmütter, die ihre Söhne verloren haben, protestieren in Moskau. Die Bilder strahlen eine Art stiller, farbloser Verzweiflung ab. Und dann fährt der Fotograf noch weiter, zu einem kurdischen Flüchtlingslager in der Türkei, wo in trostloser Landschaft, unter kahlen Bäumen kleine Zelte aufgeschlagen sind. Kinder sind trotzdem interessiert an ihm."
Weitere Artikel: Im Standard denkt der Kunsthistoriker Thomas D. Trummer nach der Lektüre von Philipp Hübls Essay "Kunst als moralisches Statussymbol" über den Zusammenhang von Kunstverständnis und politischen Einstellungen nach. In der FAZ freut sich Frauke Steffens, dass die New Yorker Frick Collection nach fünfjähriger Renovierung wiedereröffnet. Besprochen wird außerdem die Ausstellung "From Rembrandt to Vermeer, Masterpieces from the Leiden Collection" im H'Art-Museum in Amsterdam (NZZ).
Bühne

Wie soll man Samuel Becketts "Warten auf Godot" siebzig Jahre nach der Uraufführung in Paris auf die Bühne bringen? Genau so, wie es Luk Perceval am Berliner Ensemble mit Matthias Brandt und Paul Herwig in den Hauptrollen tut, applaudiert Jakob Hayner in der Welt. Perceval gibt der Tragikomik des Textes Raum, deutet nichts aus - und erzeugt dennoch Wucht, staunt Hayner: "Das liegt an den archetypischen Bildern von Gewalt, Verfolgung und Verzweiflung, die Beckett geschaffen hat und deren unnachahmliche Kraft Perceval wieder in Erinnerung ruft. Es sind die Bilder einer Menschheit in der Klemme, von Kain und Abel über den gekreuzigten Jesus bis zu Wladimir und Estragon. Der Klamauk wird bei Perceval nicht ausgespart, doch seine Regie erschöpft sich nicht darin, anders als beim ironisierenden Gestus des Poptheaters. Das Alberne gleicht einem Kontrastmittel, um das Grausame umso deutlicher hervortreten zu lassen."

Als klassische "Penthesilea" nach Kleist in Bochum fand Simon Strauss (FAZ) Sandra Hüller großartig. Wenn sie allerdings nun ihr Regiedebüt mit der genderneutralen Version "Penthesile:a:s" der französischen Szenenschreiberin MarDi im Theater Halle gibt, kann Strauss nur gähnen: MarDi will Geschlechter in ein "einziges, heldenloses Wir" auflösen und träumt von einer "postheroischen, posterotischen" Gesellschaft: "Hüller, die mit ihrem Regiedebüt offenbar einen moralpolitischen Punkt gegen den männerdominierten Betrieb machen will, inszeniert das Ganze etwas hilflos als hörspielhafte Collage. Ihr geschlechtergerechtes Ensemble sitzt erst vor Mikrophonen und bewegt sich dann abwechselnd in eine statussymbolisierende Mittelstandsküche, in der sich die Hände gewaschen und Suppe gekocht wird. Von einem wirklichen Geschehen kann nicht berichtet werden, stattdessen fallen durcheinander Theorie trompetende Sätze und ermüden den Sinn. Stell dir vor, eine 'Vulvenarmee' zieht in den Krieg, und keiner schaut hin." Eine "wagemutige Utopie" sieht hingegen Nachtkritiker Matthias Schmidt.
Weitere Artikel: Im taz-Gespräch mit Sabine Leucht sprechen die Dokumentartheatermacherin Christine Umpfenbach und ihrer Co-Autorin Tunay Önder über ihr Stück "Offene Wunden", das bald am Münchner Volkstheater Premiere feiert und das sich dem Attentat vom 22. Juli 2016 im Münchner Olympia-Einkaufszentrum widmet. In der nachtkritik erinnert sich der Literaturwissenschaftler Thomas Rothschild an Bruno Ganz.
Besprochen wird Harold Nobens und Michel De Cocks Adaption der "Madame Bovary" an der Brüsseler Monnaie (FAZ).
Architektur

Musik
Wenn die als Moor Mother auftretende Musikerin und Performerin Camae Ayewa gemeinsam mit der Post-Metalband Sumac auftritt (ein gemeinsames Album folgt dieser Tage), dann entwickelt das "niederdrückende" Qualitäten, schreibt Benjamin Moldenhauer nach dem Berliner Auftritt beglückt in der taz: "Eine Band und eine Sängerin aus unterschiedlichen musikalischen Universen brachten ihre jeweiligen Techniken zusammen und rissen in der Folge dann gemeinsam alles ein. ... Schlagzeuger Nick Yacyshyn spielt millimetergenau, die Gitarre von Aaron Turner, dem früheren Sänger der stilbildenden Post-Metal-Band Isis, klingt fies uneinladend, die Musik generell abweisend und Vereinzelung befördernd. ... Was in dem Sprachstrom an diesem Abend thematisiert und geschrien, woran erinnert wurde, war akustisch kaum zu verstehen. Aber das Gesprochene und Gesungene wurde spürbar, als in ihrer Drastik überraschende Intensität. Was Sumac und Moor Mother auf der Bühne herstellten, war politisch in einem weiteren, vorbewussten Sinne. Politische Musik heißt hier, die Wahrnehmungskanäle zu öffnen, mit klanglicher Gewalt."
Besprochen werden eine CD-Box mit von Tjeerd van der Ploeg eingespielten Arbeiten des Orgelkomponisten Charles Tournemire (online nachgereicht von der FAZ), Arve Henriksens, Trygve Seims, Anders Jormins, Markku Ounaskaris gemeinsames Album "Arcanum" (FR), ein neues Album von Sharon Van Etten (FR) und neue Popveröffentlichungen, darunter ein neues Album der Mekons (Standard).
Besprochen werden eine CD-Box mit von Tjeerd van der Ploeg eingespielten Arbeiten des Orgelkomponisten Charles Tournemire (online nachgereicht von der FAZ), Arve Henriksens, Trygve Seims, Anders Jormins, Markku Ounaskaris gemeinsames Album "Arcanum" (FR), ein neues Album von Sharon Van Etten (FR) und neue Popveröffentlichungen, darunter ein neues Album der Mekons (Standard).
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