Efeu - Die Kulturrundschau

Der Horror, der Horror

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25.07.2025. Die FR unternimmt mit der Malerin Toyin Ojih Odutola Fantasiereisen per U-Bahn vom Hamburger Bahnhof bis nach Westafrika. Die taz verschafft sich im Zürcher Cabaret Voltaire mit den Schlangen und Skorpionen von Emma Jung Zugang zum Unbewussten. Die FAZ blickt auf den Bücherherbst und birgt ein paar Schätze. Artechock ärgert sich, dass die Medien den Tod des Produzenten Rob Houwer einfach verpennt haben. Und: das Museum berlin modern wird teurer und später fertig, meldet unter anderem der Tagesspiegel.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.07.2025 finden Sie hier

Kunst

Toyin Ojih Odutola, Spirited Awey: Chihiro - Ifemelu + Companions @ Adijatu Str. (A Thousand Happenings @ Adijatu Str.), 2025
© Toyin Ojih Odutola, 2025. Courtesy of the artist and Jack Shainman Gallery, New Yorkt

Fasziniert lässt sich Ingeborg Ruthe (FR) von den Kohle-, Kreide- und Tintenarbeiten der in Nigeria geborenen und in New York lebenden Malerin Toyin Ojih Odutola in der Ausstellung "U22 - Adijatu Straße" auf eine Reise durch Raum und Zeit vom Hamburger Bahnhof bis nach Westafrika nehmen: Odutola "konstruiert in ihren erzählerischen Werken Mythologien vom Fantasiereisen per U-Bahn zwischen den Welten. Ozeane scheinen bei ihr problemlos unterquerbar, und dabei fordert sie uns, scheinbar ganz nebenbei, auf, soziale Situationen, Zustände, Machtdynamik, Kolonialgeschichte, kulturelle afrikanische Ausdrucksformen und Queerness wahrzunehmen. Einander ähnelnde U-Bahn-Stationen stellen die Kulissen. Menschen hetzen von A nach B, reisen ziel- und orientierungslos herum oder stranden in der fremden Ortlosigkeit. Wie zum Beispiel das schwarze Mädchen in Schuluniform, das mit unglücklicher Miene im Bild herumsteht, während hinter ihr ein Putzmann Müll von den Bodenfliesen sammelt."

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Die britische Malerin Rebecca Ackroyd ist für Beate Scheder (taz) seit der letzten Biennale in Venedig keine Unbekannte mehr, spannender fast findet sie die Künstlerin, die Ackroyd in der Ausstellung "Tage und Nächte" im Zürcher Cabaret Voltaire gegenübergestellt wird: Es handelt sich um die Psychoanalytikerin Emma Jung, Gattin von Carl Gustav Jung, die gerade erst als Künstlerin entdeckt wird: "Im Fokus ihres beruflichen Interesses lag vor allem der Prozess der 'Individuation', der Entwicklung eines Menschen zur eigen- und selbstständigen Persönlichkeit also, was sich aus vielen ihrer Zeichnungen und Malereien herauslesen lässt. ... Einem Kind in blauem Kleid begegnet man da unter anderem, das an eine schwere Holztür klopft oder dunklen Krähen gegenübersteht, einer Schutzmantelmadonna, die jedoch keine Menschen, sondern einen Baum voller Vögel und blühende Blumen unter sich birgt, einem Vulkan unterm Sternenhimmel, aus dem tiefblaue Lava fließt, Mauern und Gitterstäben ... Als Kunst sind diese nicht entstanden, Jung zeichnete, malte, schrieb, um Zugang zu ihrem Unbewussten zu erlangen."

Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Paula Rego. The Personal and the Political" im Essener Folkwang Museum, die aus explizit feministischer Perspektive vor allem auf Regos "differenzierten Blick auf Geschlechter- und Machtverhältnisse" fokussiert, wie Hubert Spiegel in der FAZ schreibt.
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Bühne

Ganz klar wird nicht, wie Judith von Sternburg (FR) die Ankündigung auf der Pressekonferenz der Bayreuther Festspiele findet, dass im Jubiläumsjahr 2026 mit dem Projekt "Ring 10010110" Künstliche Intelligenz mit von der Partie sein wird. Marcus Lobbes, Direktor der "Akademie für Theater und Digitalität" versichert: "Musikalisch werde es ein klassischer 'Ring' sein - Katharina Wagner hatte zuvor schon angekündigt: Christian Thielemann dirigiert (wie zuvor auch zum 150-Jahre-Jubelfestakt Beethovens Neunte im Festspielhaus), Michael Volle singt Wotan, Klaus Florian Vogt singt, uff, Loge, Siegmund, Siegfried. Dazu, so Lobbes, biete eine KI live generierte holografische Bilder. Auf Gazestoff geworfen, sollen sie 'neue Räume' eröffnen, ein 'großes tönendes Bild'. Gespeist wird es aus emsiger Archivarbeit, der Jubiläumsring solle 149 Jahre Bayreuther 'Ring'-Geschichte einbeziehen, zugleich aber, so Lobbes, kein Volkshochschulkurs sein."

Weitere Artikel: Ein bisschen scheint es Manuel Brug in der Welt, "als wollten die lokalen Opernhäuser noch schnell ein paar Premierenrestposten loswerden". "Die schweigsame Frau" von Richard Strauss unter dem Dirigat von Christian Thielemann und der Regie von Jan Philipp Gloger an der Berliner Staatsoper geriet Brug zu "zäh", Benedikt von Peters Inszenierung von Brecht und Weills "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" an der Deutschen Oper erlebt er als "Garnichts aus gutgemeint und Rohrkrepierer", immerhin der konzertante "Werther" am selben Haus überzeugte den Kritiker.
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Literatur

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Andreas Platthaus lässt in der FAZ bereits in den Bücherherbst blicken und berichtet von seinen Vorablektüren: Mit "Einen Vulkan besteigen" von Annette Pehnt kommt nächste Woche "ein höchst ungewöhnliches Buch" heraus - es wurde nämlich in Einfacher Sprache verfasst. Der "beste Roman dieses Bücherherbstes" ist für ihn allerdings Dorothee Elmigers in Guatemala angesiedelter "Die Holländerinnen", "eine aktualisierende Hommage an Joseph Conrads berühmte Erzählung 'Herz der Finsternis', was einmal auch durchs explizite Zitieren der berühmtesten Formulierung daraus klargestellt wird: 'der Horror, der Horror'. Und der, so wird von der erzählten Erzählerin ausgeführt, 'liege naturgemäß außerhalb der Sprache'. Natürlich weiß Dorothee Elmiger selbst es besser. Und führt es vor. In diesem Roman wird demonstriert, was aus dem Wissen um und dem Umgang mit Klassikern zu gewinnen ist. Und zwar durch unmittelbare Anknüpfung, nicht durch die gängige Neukombination von deren Versatzstücken."

Weiteres: Im FAZ-Kommentar traut Paul Ingendaay einer KI nicht einmal so weit wie er sein Smartphone werfen kann, auch wenn diese ihm versichert, dass KIs die Arbeit von Übersetzerinnen und Übersetzern niemals wird ersetzen können. Besprochen werden unter anderem Ta-Som Helena Yuns "Oh Sunny" (FR), Alexandra Wilsons Krimi "Die feindliche Zeugin" (FR), der von Stephan Füssel herausgegebene vierte Band der "Geschichte des deutschen Buchhandels im 19. und 20. Jahrhundert" (FAZ) und Maxim Billers Novelle "Der unsterbliche Weil" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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Architektur

Das Museum berlin modern für die Kunst des 20. Jahrhunderts soll erst Ende 2028 fertig werden, entnimmt Birgit Rieger (Tsp) der Berliner Morgenpost: "Zudem wird der Bau in unmittelbarer Nähe zur Neuen Nationalgalerie teurer. Die prognostizierten Gesamtkosten belaufen sich inzwischen auf 526,5 Millionen Euro."
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Stichwörter: Berlin Modern

Film

Fabian Tietke freut sich in der taz über die Werkschau Aysun Bademsoy in Frankfurt. Erst kürzlich brachte die türkischstämmige Berliner Filmemacherin mit "Spielerinnen" (unsere Kritik) ein P.S. zu ihrer 1995 mit "Mädchen am Ball" begonnenen Langzeit-Doku-Trilogie über fußballspielende türkische Mädchen in Berlin-Kreuzberg in die Kinos. "Im Rückblick wird noch deutlicher, dass schon in ihren ersten Filmen Menschen um ein Verhältnis ringen zu der Gesellschaft, in der sie leben, aber auch zu den Menschen in ihrer Familie, ihrem Freundeskreis. In den Filmen über die Fußballerinnen geht es neben diesen Themen auch um vermachtete Projektionen und Erwartungen, mit denen sich Frauen herumschlagen müssen. ... Mitte der 2000er Jahre porträtiert Bademsoy in 'Am Rand der Städte' das Leben von Menschen, die aus der Arbeitsemigration in die Türkei zurückgekehrt sind und oft in abgeschlossenen Siedlungsbauten leben. Geduldig und behutsam zeigt der Film Szenen aus dem Alltag der Zurückgekehrten, viele der Bilder zeigen sie beim Rentnerdasein in ihren Wohnungen, während ihre Kinder versuchen den Nicht-Orten am Strand etwas abzugewinnen. ... Gut zehn Jahre später zeigt sie in 'Spuren - Die Opfer des NSU' ein Panorama der Trauer und Enttäuschung unter Hinterbliebenen und Freunden der vom NSU Ermordeten."

In seiner wöchentlichen Artechock-Kolumne ärgert sich Rüdiger Suchsland über durchformatiertes Kino, darüber, dass selbst gestandene Autorenfilmer in Deutschland mit Filmförderung nicht rechnen dürfen, dass der Filmnachwuchs offenbar jeden Hunger verloren hat und dass der Tod des einst für den deutschen Film sehr wichtigen Produzenten Rob Houwer von der hiesigen Medienöffentlichkeit quasi komplett verpennt wurde. Noch "vor drei Jahren hatte ihm das Münchner Filmmuseum eine Retrospektive gewidmet. ... Immerhin in Blickpunkt Film gibt es einen Nachruf, der ihn angemessen als 'eine Schlüsselfigur der sich emanzipierenden Filmszene der BRD' und des Autorenfilms ehrt. Früh arbeitete er mit Regisseuren wie Volker Schlöndorff, Michael Verhoeven, Johannes Schaaf, Peter Fleischmann und Hansjürgen Pohland zusammen. Der von ihm produzierte Film 'Jagdszenen aus Niederbayern' (1969) wurde zum internationalen Erfolg und zählt heute zu den ikonischen Werken des westdeutschen Autorenkinos. Ebenso 'O.K.' von Michael Verhoeven, der 1970 für einen Abbruch der Berlinale sorgte. 1982 ehrte ihn die Bundesrepublik mit dem Filmband in Gold als Unterzeichner des Oberhausener Manifests. 2022 wurde sein Film 'Der Soldat von Oranien' (Regie: Paul Verhoeven) Weltkulturerbe."

Weiteres: Jörg Gerle widmet sich im Filmdienst neuen 4K-Editionen von David Finchers frühen Filmen. Marion Löhndorf (NZZ) und Alexander Menden (SZ) gratulieren Helen Mirren zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden Charlène Faviers Biopic "Oxana - Mein Leben für die Freiheit" (Artechock, Standard, Tsp, unsere Kritik), Maura Delperos Melodram "Vermiglio" (Artechock, unsere Kritik), Adam Elliots Animationsfilm "Memoiren einer Schnecke" (Artechock, mehr dazu bereits hier), Mike Flanagans Stephen-King-Verfilmung "The Life of Chuck" (Artechock, Welt), Lena Dunhams Serie "Too Much" (Freitag), Petra Costas Netflix-Dokumentation "Apokalypse in den Tropen" über die politischen Turbulenzen in Brasilien in den letzten Jahren (SZ), die auf MagentaTV gezeigte Serie "The German" mit Oliver Masucci (Welt) und der vom Europapark Rust produzierte Animationsfilm "Grand Prix of Europe" (FAZ, Welt).
Archiv: Film

Musik

Manuel Gogos erinnert in der taz an den griechischen Sänger Mikis Theodorakis, der am 29. Juli 100 Jahre alt geworden wäre, und vor allem an dessen Rolle in der Protestbewegung gegen die faschistische Regierung, die in Griechenland 1967 die Macht übernommen hatte. Lars Fleischmann porträtiert in der taz die Musikerin und Labelbetreiberin Marie Montexier.

Besprochen werden ein Konzert von Gregory Porter in Wiesbaden (FAZ) und Hotline TNTs Album "Raspberry Moon" (FR).

Archiv: Musik