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28.08.2025. Die Filmkritiker feiern Mascha Schilinskis deutschen Oscar-Beitrag "In die Sonne schauen": So etwas hat man im deutschen Kino schon lange nicht mehr gesehen, staunt der Perlentaucher. In der Zeit verrät Direktorin Laurence Des Cars, wie der Louvre nach der Sanierung aussehen könnte. Ebenfalls in der Zeit erklärt Leif Randt, wie Emotionen zur Währung wurden. Die taz wird in Berlin zugleich angezogen und abgestoßen von Dylan Spaskys gehäuteten Teddybären.
Vergeblicher Exorzismus: "In die Sonne schauen" von Mascha Schilinski Heute kommt MaschaSchilinskis bereits in Cannes gefeierter Film "In die Sonne schauen" in die Kinos: Nun muss sich der deutsche Oscar-Beitrag auch beim Publikum bewähren. Der Film verbindet assoziativ bis geisterhaft die Schicksale von Frauen, die in verschiedenen Zeiten über ein Jahrhundert hinweg auf einem Bauernhof in der Altmark leben. Es spielen sich "Szenen weiblichen Aufwachsens und Aufwachens" an diesem "dunklen Ort" ab, "an dem es schwerfällt, die Sonne zu finden, und der einen doch verführt mit seiner Düsternis", beobachtet SZ-Kritikerin Kathleen Hildebrand. "Vier Geschichten, vielmehr Schichten", stellt Ekkehard Knörer auf critic.de fest. "In sich ist ein Moment, eine Szene nach der anderen ansatzlos unerklärt impressionistisch, untereinander sind sie in ausgezirkelten Spinnenfäden verwebt." Zu sehen sind "Szenen als Wunsch- oder Alpträume vom Kitzel des Todes untergemischt. Träume, die der Film mitträumt, weil er sich programmatisch den subjektiven Wahrnehmungen seiner Protagonistinnen verschreibt. (...) Es ist eine präzise Komposition der Durchlässigkeiten."
Dieser Film "taucht tief ein ins Gewebe einer Welt, an der man sich stößt", schreibt Thomas Groh im Perlentaucher, "in der Gewalt - mal ernst, mal neurotisch unterfüttert spielerisch - als Potenzial in jedem Winkel lauert. Verinnerlicht wird. Ausagiert wird, oft erst Generationen später. Ein Film, in dem die Realität zu flirren beginnt, ebenso, als würde man in die Sonne schauen. Ein Film, der tief schöpft aus den Sedimenten kindlicher Todeshypnotisiertheit." In der Welt hält Richard Kämmerlings fest: "Mit der Gegenwartsebene kippt Schilinskis magischerHyperrealismus endgültig in eine hochvirtuose Form von Schwarzer Romantik. (...) Die Spukvisionen und die sirenenhaften Lockrufe aus dem Totenreich dementieren, dass die unselige Vergangenheit jemals überwunden werden kann." Daniel Kothenschulte von der FRfindet den Film als Kinoerfahrung durchaus beeindruckend, trotzdem beschleicht ihn bald ein "Gefühl der Redundanz". (...) Das liegt an dem wenigen, aber Entscheidenden, das fehlt: Es bleiben literarische Bilder, in der Inszenierung fehlt ihnen leider oft genau das Spielerische, von dem sie erzählen, sie wirken dann gesetzt und sichtbar inszeniert."
Altersschnee in Seelenlandschaft: "La Grazia" von Paolo Sorrentino Schnitt nach Italien: Neben einer Ehrung von WernerHerzog fürs Lebenswerk hat das FilmfestivalVenedig mit der Weltpremiere von PaoloSorrentinos "La Grazia" seinen Auftakt gefeiert. ToniServillo spielt darin "einen bedächtigen, beherrschten, scheinbar leidenschaftslosen, gelegentlich übervorsichtigen Politiker mit Altersschnee auf der Seelenlandschaft" in politischen Turbulenzen, schreibt Dietmar Dath in der FAZ. Erneut präsentiert Sorrentino eine "Feier der Schauspielkunst". Der Italiener "ist ein Filmemacher großer Momente", findet Susan Vahabzadeh in der SZ. "Seine Filme, vor allem 'La Grande Bellezza', sind voller Szenen, die so schön sind und überraschend und bizarr sind, dass man als Zuschauer nachgerade überwältigt wird. Dabei kommt nicht zwangsläufig viel heraus, aber diesmal hat er seine innereMittegefunden. 'La Grazia' ist lustig und traurig und schön, vor allem aber weise." Standard-Kritiker Marian Wilhelm sah "ein mildes Alterswerk vor und eine witzige Verbeugung vor den demokratischen Ritualen".
Weitere Artikel: In der Weltmacht sich ein ganzes Team Gedanken darüber, warum der Schauspieler PedroPascal aktuell so gut ankommt. Martin Scholz plaudert für die Welt mit PierceBrosnan. Besprochen werden DarrenAronofskys Gaunerkomödie "Caught Stealing" (Perlentaucher, Tsp, critic.de), François Ozons "Wenn der Herbst naht" (FAZ, taz, critic.de), JayRoachs Scheidungskomödie "Die Rosenschlacht" mit BenedictCumberbatch (FR), ChrisColumbus' "Thursday Murder Club" mit PierceBrosnan, HelenMirren und BenKingsley (Tsp) sowie die Netflix-Serie "Hostage" (taz).
Schimmel, undichte Fenster, ausfallende Heizungen - der Pariser Louvre muss dringend generalsaniert werden, weiß Matthias Krupa in der Zeit. Zugleich läuft derzeit ein Architekturwettbewerb, denn auf der Ostseite des Gebäudes soll nicht nur ein zweiter Eingang entstehen, sondern unter dem zentralen Innenhof auch ein neuer Trakt eigens für die Mona Lisa. Vor allem der neue Eingang hatte zu Protesten geführt, aber Museumsdirektorin Laurence Des Cars beruhigt: "Die Besucherinnen und Besucher sollen unterirdisch geführt werden, die Kolonnaden bleiben unangetastet. Der Denkmalschutz wird beteiligt und hat sein Einverständnis signalisiert. Des Cars betont den Unterschied zur Pyramide: Gesucht werde ein Architekt oder eine Architektin mit einer Handschrift, aber keine spektakuläre Geste. 'Die Zeit hat sich verändert, wir sind nicht mehr in den 1980er-Jahren', sagt sie. Hinzu komme die ökologische Verantwortung, der jede neue Architektur gerecht werden müsse. Die Direktorin träumt von einem 'grünen Gürtel' rund um den Louvre, von Bäumen, Blumen, möglichst viel Natur."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Für Lars Fleischmann (taz) ist es ein Glücksfall, dass Zara Pfeifer ans Architektur- noch ein Fotografiestudium anschloss: Davon kann er sich derzeit einmal mehr in der Ausstellung "Wo Wien wohnt" im Österreichischen Pavillon auf der Architekturbiennale in Venedig überzeugen. Zu sehen sind dort unter anderem Aufnahmen aus ihrer Arbeit "Du, meine konkrete Utopie", die sich mit dem Wiener Wohnpark Alterlaa beschäftigt: "Dafür begleitete sie zwischen 2013 und 2017 mehrere Bewohner*innen durch die Wohnblöcke, besuchte nicht nur die schon vielfach fotografierten Pools, die auf den Dächern der Hochhäuser Abkühlung versprechen, sondern auch die Hobbyräume. Die Architektur der Wohnblöcke birgt eine Besonderheit: Die Blöcke sind an ihrer Basis breiter als oben, weswegen sich im Inneren der unteren Etagen Räume ergeben haben, die von den Bewohner*innen als Keramikstudio, Verein für Selbstverteidigung und zur allgemeinen sportlichen Betätigung genutzt werden. Diese soziale Komponente, die anderen Großsiedlungsbauten abgeht, fängt Pfeifer in präzisen und empathischen Analogaufnahmen ein."
Für die Welt schaut sich Jan Grossarth Bloomberg-Fotos an, die erste Eindrücke von Elon Musks geplanter Siedlung "Starbase" in Texas zeigen. "Die anarcho-kapitalistische Vision kümmert sich augenscheinlich wenig um die Gestaltung des Hier und Jetzt", seufzt er und fühlt sich eher an "zweckfunktionalistische Camps" erinnert: "Die sterile, enge Bebauung mit Kleinst-Bretterhäusern mit dunkler Lasur erinnert an einfachste Wohncontainer. Stahltreppen führen vom Rollrasen herauf zu ihren Eingängen, und auf jedem dieser Wohnblöcke ist ein kleiner Freisitz für ein bis zwei Personen montiert, für die Freizeit. Andere Formen lehnen sich an die großen Zeiten der USA, die 1960er-Jahre, an. Die metallischen Caravans in langer Reihe, die ein anderes YouTube-Video zeigt, erinnern auch an nostalgische Foodtrucks, dienen hier aber Schlafzwecken."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Berit Dießelkämper spricht in der Zeit mit LeifRandt über dessen neuen Roman "Let's Talk About Feelings", in dem ein Berliner Boutiquenbetreiber knapp hinter seinen Dreißigern mit einigen Reality Checks konfrontiert wird und mit seinen Gefühlen umgehen muss. Hat das vielleicht auch etwas mit der Emotions-Inflation auf Social Media zu tun? "Das ist ein eigener Kosmos mit einer eigenen Währung", sagt der Autor. "Entweder muss man sich Sorgen machen, weil jemand nichts postet, oder man muss sich Sorgen machen, weil jemand sehr viel postet. (...) Die Überbetonung der eigenen Gefühle ist vielleicht eher ein Hinweis darauf, dass die Leute nicht mehr so stark mit ihnen verbunden sind. Ich würde schon sagen, dass es eine merkwürdige Verdrehung gibt: Bei politischen Themen wird zunehmend mit Emotionen gearbeitet, während Alltagsgefühle eher rational und ökonomisch betrachtet werden. Beim Dating gibt es zum Selbstschutz ein klares, kaltes Regelwerk, wem wie lange eine Chance gegeben wird und wie viel Zeit zwischen zwei Nachrichten liegen darf. Bei politischen Themen werden hingegen diffuse Bauchgefühle gepostet. "
Bestellen Sie bei eichendorff21!Caroline Wahls neuer (in FAZ und SZ besprochener) Roman "Die Assistentin" handelt von einer Verlagsmitarbeiterin, die dem Gebaren ihres Chefs mehr oder weniger schutzlos ausgeliefert ist. Dass Wahl selbst beim Diogenes Verlag gearbeitet hat und sich mittels des Bestsellers "22 Bahnen" von dieser ungeliebten Stelle befreien konnte, macht den Roman durchaus pikant. "Trotzdem ist das nicht meine Geschichte, die ich erzähle", sagt die Schriftstellerin im NZZ-Gespräch mit Nadine A. Brügger. Es gehe hier nicht um ein "Einzelschicksal. Parallelen gibt es also nicht nur zu mir, sondern zu sehr vielen Menschen, die mal einen Chef hatten, der seine Macht missbrauchte." Ihr geht es darum, sagt sie Gerrit Bartels im Tagesspiegel-Gespräch, "dass sich der Blick weitet, weg von meiner Zeit in der Verlagsbranche, und man sich grundsätzlich die toxischen Machtstrukturen in vielen Unternehmen anschaut".
Weiteres: Cornelia Geißler porträtiert in der FR die Schriftstellerin MayaRosa. Zum heutigen Geburtstag von Goethe liest Gustav Seibt für die SZ noch einmal "Faust II". Albert von Schirnding blickt derweil ebenfalls in der SZ auf das Verhältnis zwischen Goethe und seinem Sohn. Besprochen werden unter anderem MartintomDiecks und JensBalzers neuer Band ihrer "Salut, Deleuze"-Comicreihe (FAZ.net), DavidAlbaharis "Wenn der König stirbt" (NZZ) und NelioBiedermanns "Lázár" (Zeit). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Dorothea Walchshäusl verneigt sich in der NZZ vor SimonGaudenz' und AndreaLorenzoScartazzinis Projekt, GustavMahlers Sinfonien mit gegenwärtigen Kompositionen fortzuschreiben. Alice von Lenthe porträtiert in der taz die Berliner Rapperin Ceren. Im Standardgratuliert Stefan Weiss Helge Schneider zum 70. Geburtstag. Dessen Selbstporträt "The Klimperclown" (unser Resümee) steht gerade in der ARD-Mediathek. Besprochen werden ein Konzert des Gustav Mahler Jugendorchesters beim Rheingau Musikfestival (FR) und ein Auftritt von ThomasQuasthoff in Wiesbaden (FR).
Hier kickt die Kunst so, dass es "Zeit und Raum zerlegt", staunt Jonathan Guggenberger, der für die taz die Ausstellung "Vulture" im Berliner Projektraum Scherben besucht hat. Zu sehen sind Fotografien von Sigmar Polke, Collagen von Mickael Marman und Skulpturen von Dylan Spasky, die laut Guggenberger in "ihrer materiellen Rohheit" zugleich "abstoßend und anziehend" erscheinen: "Für Dylan Spaskys Schwamm-Skulpturen trifft dieses Bild besonders zu. Das lebensgroße Bambi-Reh, was mal Dekor war, jetzt aber ohne Plastikhülle fast nackt und ausgeliefert wirkt, genauso der gehäutete Teddybär oder die Delphin-bedruckte Trinkflasche am Boden, die das immer gleiche Wasser aus dem Becken um sie herum erst aufsaugt und dann wieder ausspuckt - eine grausame Endlosschleife. Alles Spielerische an diesen Objekten ist pervertiert. Sie haschen in ihrer schrillen Trash-Ästhetik zwar weiter nach unserer Aufmerksamkeit - lassen uns geiern -, aber nur bis die Falle zuschnappt, unsere Aufmerksamkeit in der Obszönität ihres Anblicks erstarrt oder sich in sinnlosen Kreislaufbewegungen totläuft. Und ist das nicht unsere Gegenwart?"
Szene aus "Von allen Geistern". Bild: Thomas Müller "Erschreckend realitätsnah" wirkt Theresia Walsers von Torsten Fischer beim Kunstfest Weimar inszeniertes Stück "Von allen Geistern" auf den SZ-Kritiker Egbert Tholl: Gezeigt wird, wie sich der Schulbetrieb unter einer neuen rechten Regierung radikalisiert: "Walser schickt ihre Figuren in eine Aporie, in der manche mit neuen Träumen, andere mit innerer Leere landen. Die Konturen dazwischen verschwimmen. Nur Ella, die in dieser Rolle flamboyant spielende Judith Rosmair, gibt nicht auf. Einmal, so wird erzählt, zetteln die Schüler eine Bücherverbrennung im Hof an, vor allem Geschichtslehrbücher, 'da steht zu viel von Holocaust drin'. Ella inszeniert eine Schulstunde als Gerichtsverhandlung, der Elternbeirat indes redet von Bubenscherz und will sie loswerden. Am Ende befragt sie die Klasse 9c, wie die sich die 'ideale Stadt der Zukunft' vorstelle. Ergebnis: Mauern, Zäune, gleiche Hautfarbe, gleicher Glaube, normale Familien, die sich unter Normalen wohlfühlen, 'mit harter Hand und eiserner Faust'. Walsers 'Von allen Geistern' sei dringend zum Nachspielen empfohlen."
Besprochen wird außerdem "Ganz unten" - eine "Doku-Oper" von Mehmet Ergen und Sabri Tuluğ Tırpan nach Günter Wallraff beim Kunstfest Weimar (Nachtkritiker Michael Laages ärgert sich, dass hier Wallraffs angriffslustige Methoden schlicht "musealisiert" werden).
Die Luxus-Modemarken schmücken sich in diesem Jahr auffallend mit literarischenSignifiern, stellt Simon Ingold in der NZZ fest: Auf Taschen stehen dann schon mal die Titel großer Klassiker. "Weltliteratur als Accessoire - da reiben sich Leser wie Nichtleser verwundert die Augen. Die einen aus ungläubigem Wissen, die anderen aus seliger Ignoranz. (...) Ist Kultur plötzlich sexy geworden? Und ist das vielleicht sogar gut für sie? Einiges spricht dafür, dass es den Anliegen der Kultur nützt, wenn sie im Mainstream eine Rolle spielt, statt ein Mauerblümchendasein im Elfenbeinturm zu fristen. Anderseits: Verkommt sie in den glamourösen Inszenierungen nicht zur reinen PR-Massnahme, zu einer Art von dekorativem Wandschmuck? Vor allem aber stellt sich die Frage, was passiert, wenn Kulturproduktion auf ihresymbolisch-performativeEbene reduziert wird. Das treibt seit je die Gemüter der Kritiker, Historiker und vor allem der Kulturpessimisten um."
Außerdem sorgt sich Alice von Lenthe sich in der taz, dass mit dem Revival der Hotpants auch die Mode der Zehnerjahre zurückkehrt.
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