Efeu - Die Kulturrundschau
Ein diffuses Wir-Gefühl
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
Literatur

Am Wochenende fand die rechte Buchmesse "Seitenwechsel" auf dem Messegelände in Halle an der Saale statt (unser Resümee). Bernhard Heckler berichtet für die SZ von katastrophaler "Infrastruktur und Logistik" - und auch inhaltlich ist das Ganze, Redebeiträge von Alexander Gauland, Matthias Matussek und Gloria von Thurn und Taxis inklusive (um nur einige zu nennen), ziemlich unerträglich - aber auch ein bisschen skurril: "Das Compact-Magazin hat den pompösesten Stand auf der Messe, mit dem Alleinstellungsmerkmal 'farbige Trennwände' in einem ansonsten sehr weißen Buchmessebild. Neben Büchern und Magazinen gibt es Kleidung, Kunst und Alltagsgegenstände zu kaufen. Zum Beispiel Kappen mit der Aufschrift 'Make Germany Great Again', formschöne Zigarrenschneider oder kleine, kunterbunte Aquarelle. Für zehn Euro erwirbt der Besucher die naive Malerei eines Baums auf einer Mini-Leinwand. Die ausstellende Künstlerin sagt: 'Das ist der goldene Baum. Ihnen viel Glück und viel Gold in Ihrem Herzen.'"
Hier wird ein diffuses Wir-Gefühl beschworen, stellt FAZ-Kritikerin Julia Encke fest. Bei den Redebeiträgen auf dem Podium gibt es kaum Widerspruch oder Diskussion, etwas, wovon Buchmessendiskussionen eigentlich leben: "Alles, was im geschlossenen Raum der Halle passiert, vollzieht sich im Gestus der Selbstgewissheit und Selbstfeier, in Spott und Häme gegen 'die anderen'. Es sind nicht nur 'alte weiße Männer' zu sehen, sondern auch viele Frauen und, gerade da, wo Influencer auftreten, junge Menschen. Am Samstag sitzen die sogar auf dem Boden und stehen dicht gedrängt, als mit Götz Kubitschek der als Influencer 'Shlomo' bekannte Aron Pielka vermummt mit weißer Maske in einem der Konferenzräume auftritt. Bekannt für rassistische und islamfeindliche Positionen, war er von 2024 bis 2025 wegen Volksverhetzung inhaftiert."
Die SZ druckt Eva Illouz' Marbacher Schiller-Rede. Sie versucht, Donald Trump unter Lektüre des "King Lear" auf die Spur zu kommen. Vor allem aber benennt sie eine Eigenschaft Trumps, die ihrer Meinung nach zu selten thematisiert wird. Seine Tendenz zu rückhaltloser Selbstbeweihräucherung: "Eigenlob ist eine Lüge, die zugleich unwahr und aufrichtig ist. Die Möglichkeit, zwischen Lügen, Übertreibungen und einer Wahrheit zu unterscheiden, bricht hier zusammen. Aus diesem Grund kann das selbstschmeichelnde Subjekt typischerweise nicht zwischen Realität und ihrer Übertreibung oder Verzerrung unterscheiden. Es hat die menschliche Fähigkeit zur Selbstreflexion verloren."
Besprochen werden unter anderem Dieter Stiefels Buch "Daniel Swarovski-'Es hätte können, alles ganz anders kommen'" (SZ), Jan Röhnerts "Wildnisarbeit. Schreiben, Tun und Nature Writing" (FR) und Sanna Marins "Hope in Action" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Kunst
Weitere Artikel: Nicola Kuhn besucht für den Tagesspiegel Barani Shira Guttsman, deren Ururgroßvater Kunstsammler war und von den Nazis enteignet wurde: Guttsman hat sich auf die Suche nach seinen Gemälden gemacht. Lisa-Marie Berndt stellt bei Monopol Nieves González vor, die Künstlerin, die das neue Albumcover von Lily Allen gestaltet hat.
Architektur
Gerhard Matzig ist in der SZ nicht begeistert, wenn er sich die Entwürfe des Laboratory for Visionary Architecture (LAVA) für Berlins Bewerbung für die Expo 2035 anschaut. Irgendwie war alles schon mal da, Innovationsgeist findet Matzig keinen: "Dabei ist es nicht verkehrt, geodätische Kuppeln und Zeltlandschaften als erprobte Konstruktionen für die Raumlösungen von morgen einzusetzen. Es ist auch nicht verboten, sein Tamagotchi zu streicheln, Rubiks Würfel zu malträtieren und sich einen Toast Hawaii zu machen. Es ist aber kein Form-Katalysator, wenn selbst die Zukunft aussieht wie ihr Schatten. Aus dem aufregenden, vitalisierenden Futurismus von einst ist ein Sedativum geworden. Wir flüchten in die nostalgische Komfortzone der ästhetischen Vergangenheit, weil uns die Kraft fehlt zu einer eigenen, zeitgemäßen Utopie. Zu einem Bild, das zum Versprechen und zum gesellschaftlichen Zielpunkt werden kann. Zur Schubkraft der Transformation. Erfindet doch mal wieder etwas wirklich Neues. Bitte."
Bühne

Besprochen werden außerdem Rachid Ouramdanes "Contre-Nature" auf dem Tanzfestival Rhein-Main (FR), "Die ganze Welt ist eine Bühne. Shakespeares Narren", ein Theaterabend mit Marian Kindermann am Neuen Theater Halle (FAZ), "Taxi nach Drüben" von Philipp Löhle am Theater Ulm (nachtkritik), die Doppelaufführung "Das eingebildete Tier" von Valère Novarina, inszeniert von Julie Grothgar, "Ein anderes Blau" von Charlotte Sprenger am Theater an der Ruhr (nachtkritik) und "Josephine Baker" von Monika Gintersdorfer und La Fleur, inszeniert von ersterer am Theater Freiburg (nachtkritik).
Musik
Besprochen werden das Album "John & Yoko / Plastic Ono Band: "Power To The People"" (FAZ) und Cyrille Dubois' Vertonung von "Gabriel Dupont: The Complete Songs" (FAZ).
Film

In Matti Geschonnecks ZDF-Film "Sturm kommt auf" spielt der Kabarettist und Schauspieler Josef Hader den Juden Julius Kraus, der durch den aufkeimenden Nationalsozialismus in einem kleinen österreichischen Dorf bedroht wird. Im Zeit-Online-Interview mit Arno Makowsky unterhält sich Hader über sein Rollenprofil (introvertiert und mit "einer gewissen Lakonie") und die akutelle politische Situation: "Ich finde, wir müssen versuchen, aus dem gegenseitigen Verurteilen herauszukommen. Die Leute in meinem Heimatdorf sagen, dass sie bestimmte Themen vermeiden, damit man sich nicht zerstreiten muss. Die reden lieber irgendwas Unverbindliches, damit sie nicht sagen müssen: Du bist ein kompletter Depp. Ich bin dafür, dass man eine klare Haltung hat, aber miteinander redet. Die wechselseitige Empörung ist der Brennstoff, mit dem sich die Konflikte immer weiter erhitzen."
"Vertraut und trotzdem schockierend" findet Judith von Sternburg den Film, wie sie in der FR festhält: "Das Böse gewinnt das Spiel auf ganzer Linie (...) Weil nackte Gewalt und Einschüchterung immer funktionieren, wenn die Gegenwehr nicht ganz enorm ist."
Weitere Artikel: In der FAZ gratuliert Dietmar Dath dem Regisseur Roland Emmerich zum Siebzigsten. Für die taz resümiert Wilfried Hippen die Nordischen Filmtage Lübeck. In der NZZ schreibt Marion Löhndorf über die zahlreichen Verfilmungen des bewegten Lebens Richard Burtons.



