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23.12.2025. Die Art Basel eröffnet einen weiteren Ableger in Katar - aber bitte keine nackten Frauen zeigen! Der Direktor der Messe hat damit in der NZZ kein Problem. Wie man der Zensur entgeht, lernt die FR in einer Hans-Ticha-Retrospektive in Rostock. Der Tagesspiegel freut sich, dass Guido Masanetz' Klassenkampfstück "In Frisco ist der Teufel los" erstmals auch im Westen zu sehen ist. Die FAZ fragt sich, ob nicht auch Verlage und Buchhandlungen längst die Nase über die Literaturkritik rümpfen. Und alle trauern um Chris Rea.
Scharia, Finanzierung der Hamas, Verbreitung islamistischer Ideologie, Einschränkung der Meinungs- und künstlerischen Freiheit - darüber schaut die Kunstwelt gern hinweg, solange genug Geld fließt. So eröffnet nun auch die Art Basel einen Ableger in Katar - und gefragt von Philipp Meier (NZZ) hat deren Direktor Vincenzo de Bellis keinerlei Berührungsängste: "'Wir ordnen uns stets dem Gesetz des Landes unter, in dem wir eine Messe veranstalten. (...) Wir vertrauen auf die kulturelle Sensibilität der Aussteller. Tatsächlich üben die Aussteller jeweils Selbstzensur. … In Katar sind Gottesdarstellungen und Nacktheit, beides zentrale Bildmotive abendländischer Kunst, verboten.'" Israelische Galerien nehmen nicht teil - und auf den Landkarten des neuen Partners, Qatar Airways, sucht man "vergeblich nach dem Staat Israel. Die Region zwischen Gaza und dem jordanischen Irbid ist schlicht mit 'Palestinian Territories' bezeichnet. Für die Art Basel sei in diesem Zusammenhang politische Neutralität zentral, erklärt der Direktor Vincenzo de Bellis: 'Die Messe versteht sich als Plattform für die internationale Kunstwelt und ihre Akteure, nicht als politischer Akteur. Es ist nicht ihre Rolle, politische Vorwürfe oder geopolitische Konflikte zu kommentieren.'"
Wirklich zu fassen bekommt Ingeborg Ruthe (FR) den Maler Hans Ticha, der mit Gemälden zwischen russischem Konstruktivismus, Bauhaus und amerikanischer Pop-Art gegen die DDR-Ideologie opponierte weder im Gespräch noch in der Retrospektive in der Kunsthalle Rostock. Aber sie erfährt, wie es Ticha gelang, fast unbemerkt an der Stasi vorbeizumalen: Er stellte "all die politisch zugespitzten Bildmotive von der 'Mauer', die Aufmärsche, das Polit-Theater mit dem 'Großen Trommler', das Instrument mit rotem Zickzack-Dekor wie bei Oskar Mazeraths Grass'scher 'Blechtrommel', die 'Ordensträger' und 'Waffenbrüder' vorsichtshalber mit der 'Butterseite' zur Atelier-Wand. ... Nicht anders erging es den riesigen Klatscher-Händen, den gereckten Fäusten der Hurra-Rufer, den rote Fähnchen-Schwenkern, den Bruderküssern, vollbusigenFDJlerinnen und langbeinigen Sportfest-Turnerinnen. Ölfarbe wie Brandsätze. Alles kam tief hinter die Werkstatt-Schränke. Nur verschwiegenen Vertrauten zeigte er die Bilder. Befreundete Sammler trugen sie bei Nacht zu sich nach Hause."
John Singer Sargent: "Dans le jardin du Luxembourg". 1879. Auch Manuel Brug scheitert in der Welt daran, dem großen Gesellschaftsmaler der Belle Epoque John Singer Sargent in der Retrospektive im Pariser Musée d'Orsay in die Seele zu schauen. In dessen Porträts gelingt es Brug indes schon: Denn John Singer Sargent "bildete eben nicht nur ab, er zeigte selbst im sorgfältigsten Arrangement immer die Imperfektion, das Menschliche seiner Modelle. Er drang tiefer und vielschichtiger in die Persönlichkeiten ein, als sie es eigentlich zugelassen hatten; deswegen sprechen diese Bilder immer noch so beredt zu uns. Egal, ob sie italienische Wäscherinnen verewigen oder amerikanische Bankiersgattinnen."
Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Heute noch, morgen schon" in Museum Nikolaikirche in Berlin (taz) und die Ausstellung "Dialogues", die Werke von Helmut Newton Aufnahmen anderer FotografInnen aus der Helmut Newton Foundation gegenüberstellt.
"Das Wohnen ist zur brisantesten sozialen Frage der Gegenwart geworden", hält Gerhard Matzig in der SZ mit Blick auf die eklatante Wohnungsnot in Deutschland fest. Da hilft kein "Bauturbo", sondern Entbürokratisierung, mehr Infrastruktur auf dem Land und Umnutzung in der Stadt: "Hier ließe sich der Wohnraum auch dort einrichten, ohne Neubau, wo es ohnehin Leerstand gibt: etwa in überflüssigen Bürobauten. Oder anstelle sinnarm gewordener Parkhäuser. Diese und andere in sich verändernden Innenstädten obsolet werdenden Bauten, Kaufhäuser zum Beispiel, könnten wieder dem Wohnen dienen. Wie früher. Städte waren einmal grundsätzlich bewohnbare Strukturen. Allein durch Nachverdichtungen infolge von Dachaufstockungen und Dachumnutzungen könnten bis zu 2,7 Millionen zusätzliche Wohnungen entstehen. Das ist eine Berechnung der TU Darmstadt."
Ungenutzte Büros gibt es in Deutschland tatsächlich reichlich, weiß Marcus Rohwetter auf den Wirtschaftsseiten der Zeit: "In ganz Deutschland sind sogar elf Millionen Quadratmeter verwaist, schätzt die Bundesregierung. Die Fläche entspricht der von 120.000 Wohnungen durchschnittlicher Größe. Und das wiederum macht die Sache interessant: Wände, Decken, Dächer und Treppenhäuser haben die Bürogebäude ja schon. Man müsste sie nur umbauen." Im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen wagt nun ausgerechnet Aldi einen Versuch in einem leerstehenden Büro der Deutschen Bahn - und trifft dabei nicht nur auf technische Probleme, sondern auch auf baurechtliche, denn "nicht überall, wo Gewerbe erlaubt ist, ist auch Wohnen erlaubt. Deswegen eigneten sich allenfalls 30 Prozent der Büros für einen Umbau, das haben 2024 das ifo Institut und die auf Immobilien spezialisierte Beratungsfirma Colliers berechnet. Von der verbleibenden Menge wiederum sei 'nur ein geringer Teil auch wirtschaftlich' umzuwandeln."
Ausgehend von einem einstündigen Radioessay von Julia Schröder zum morschen Zustand der Literaturkritik im Fernsehen denkt auch Jan Wiele in der FAZ darüber nach. Schröder fragt sich, ob es nicht nur der "Sparzwang" ist, der dazu führt, dass Literaturkritik zunehmend aus der Öffentlichkeit getrieben wird, sondern ob dies nicht "vielleicht auch mit einer 'klammheimlichenSchadenfreude' verbunden sei, Angehörige der einschüchternden Kritikerzunft stürzen zu sehen." Dem "ließe sich noch hinzufügen, dass das Naserümpfen über Kritik als Profession längst auch in manchen Verlagen, Literaturhäusern oder Buchhandlungen zu beobachten ist." Auch fürs Fernsehen "könnte man noch eine komplementäre Beobachtung beisteuern: Im ZDF-Kulturmagazin Aspekte etwa, das seinen 'Aspekte-Literaturpreis' für das beste Prosadebüt des Jahres in diesem Herbst auch schon zum 47. Mal verliehen hat, sieht man seit Längerem eine Vermeidung von rezensorischen Ansätzen, ja von Kritik überhaupt, während gleichzeitig allerdings hochkultureller Anspruch prätendiert und in schöne Bilder gegossen wird."
Wenn die Glücksritter unter den Autoren die Verlage mit per KI erzeugten Manuskripten fluten, müssen die Verlage und deren Lektoren dieser Schwemme eben mit KI wieder Herr werden. So zumindest die Überlegung hinter dem KI-Tool narratiQ, das den Lektoren anhand voreingestellter Parameter eine vorsortierte Auswahl eingesandter Manuskripte zur vertiefend prüfenden Lektüre vorlegt. Doch "was bedeutet das für Trends und Stil, die sich doch kontinuierlich weiterentwickeln", fragt sich Björn Cremer in der FR. "Wird eine KI ... überhaupt in der Lage sein einen bewussten Stilbruch, etwas wirklich Neues, zu erkennen? Oder wird sie es als misslungen bewerten, weil es nicht in ihren antrainiertenErwartungshorizont passt?" Aber vielleicht ist diese Frage schon "eine maßlose Überschätzung menschlicher Offenheit - biologischerSnobismus sozusagen". Der Entwickler "Patrick Meier ist da wenig romantisch. 'Es ist eh schon alles geschrieben worden', sagt er. Sowieso sieht er den Anwendungsbereich von narratiQ eher in der leichterenLiteratur."
Besprochen werden unter anderem JiamingTangs Debütroman "Cinema Love" (online nachgereicht von der FAZ), JohnBanvilles "Schatten der Gondeln" (FR), vier Kurzromane von JohnBoyne (FAZ), JonFosses "Vaim" (Zeit) und LeonEnglers Debütroman "Botanik des Wahnsinns" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
In einem längeren Essay für 54books ist Wieland Schwanebeck ziemlich erstaunt darüber, dass JamesCamerons "Avatar"-Filme (hier unsere Kritik zum aktuell dritten Teil) zwar zuverlässig alle Rekorde brechen, aber abseits dieser Kino-Eventhaftigkeit alle paar Jahre weder in die Popkultur und auch nicht so recht in die Alltagswelt diffundieren, sondern allerhöchstens in die DVD-Grabbelkisten vom Flohmarkt: "Es scheint mir durchaus plausibel, dass die Filmreihe, die zu Weihnachten zuverlässig die ganze Familie ins Kino gelockt hat, irgendwann von ihrer Eventhaftigkeit eingeholt wird und ganz aus unserem Leben verschwindet. ... Bedenkt man, dass Avatar auch Rekorde beim DVD-Verkauf gebrochen hat, scheint das zwar absurd - andererseits ist mir aus dem Studium der Literatur des 19. Jahrhunderts nicht zuletzt hängengeblieben, wie schwer sich heute noch Exemplare der bestverkauften Titel der damaligen Zeit (geschweige denn Neuauflagen) auftreiben lassen."
Außerdem: Für die Weltporträtiert Marie-Luise Goldmann die Regisseurin ClaraZoëMy-LinhvonArnim, die die umstrittene ARD-Serie "Mozart/Mozart" inszeniert hat. Niklas Lotz wirft für den Filmdienst einen Blick auf Leben und Werk von KateWinslet, die mit "Goodbye June" ihr Regiedebüt vorlegt. Katja Nicodemus plauscht für die Zeit mit dem Schauspieler MadsMikkelsen, der sein Glück gar nicht fassen kann, dass er wirklich Mads Mikkelsen ist: "Manchmal darf ich sechs Monate lang mit einem Schwert und einem Bogen auf einem Pferd sitzen und werde dafür bezahlt." Und die Agenturen melden, dass der trump-nahe Multimilliardär LarryEllison für das von Warner wegen Unsicherheit des Betrags abgelehnte Übernahmeangebot von Paramount nun persönlich mit seinem Vermögen bürgen will.
Besprochen werden AmazingAmezianes Comicbiografie über MartinScorsese (FD), HafsiaHerzis "Die jüngste Tochter" (Tsp), ein Filmbuch zu den Dreharbeiten von EdgarReitz' Film "Leibniz - Chronik eines verschollenen Bildes" (FD) und die ARD-Serie "Schwarzes Gold" (taz).
Szene aus "In Frisco ist der Teufel los". Bild: Monika Rittershaus Über tausend mal wurde Guido Masanetz' "In Frisco ist der Teufel los" seit der Premiere 1962 am Berliner Metropoltheater aufgeführt, "in siebzig verschiedenen Inszenierungen - aber immer nur in der DDR und im sozialistischen Ausland", weiß Frederik Hanssen, der sich im Tagesspiegel umso mehr freut, dass das Stück nun in der Inszenierung von Martin G. Berger auch auf die Bühne der Komischen Oper kommt: Der "sorgt für eine quirlige szenische Umsetzung dieses Klassenkampficals, das von Hafenarbeitern und Matrosen erzählt, denen es in einem Akt der kollektiven Solidarität gelingt, einer fiesen Millionärin eine Immobilie in Premiumlage wegzuschnappen, um es in ein Seemannsheim zu verwandeln. Zweifellos trug der Ort der Handlung - die US-Westküste - zur Attraktivität bei, die das Stück hinter dem Eisernen Vorhang genoss." Und für die Musik hat Masanetz "genau hingehört bei der transatlantischen Konkurrenz, souverän würzt er den Sound der Weimarer Operette … mit akustischen Amerikanismen der 1950er Jahre."
Weitere Artikel: Wiebke Hüster liegt in der FAZ der amerikanischen Ballerina Chloe Misseldine zu Füßen, spätestens nachdem Misseldine in Rom den "Tanz der Zuckerfee" aus Tschaikowskys "Nussknacker" tanzt: "Misseldines Tanz transzendiert diese musikalische Paradenummer und gibt uns das Gefühl, etwas über die Tänzerin und die Fee zu erfahren, die Fee in der Ballerina zu erkennen."
Besprochen werden außerdem: Wolfram Kochs Hommage "Zack. Eine Sinfonie" für und nach Daniil Charms im Schauspiel Frankfurt (FR), der Tanzabend "Waves and Circles" am Bayerischen Staatsballett (SZ) und Jörg Pohls und Regisseur Rocko Schamonis Inszenierung "Die Ritter des Mutterkorns" am Basler Theater (Welt).
Mit "Driving Home for Christmas" landete er alljährlich kurz vor Weihnachten in den Sendeplätzen der Radios und in den Charts, nun ist ChrisRea wenige Tage vor Heiligabend einem Krebsleiden erlegen. Er hatte "eine Stimme zum Bärenvertreiben im Wald", schreibt Jakob Biazza in der SZ und führt durch entscheidende Etappen in der nicht immer geradlinigen Karriere des Musikers. Erst nach einigen Mainstream-Hits in den Achtzigern und nach einer ersten Krankheit konnte dieser sich endlich seiner eigentlichen Leidenschaft - der Filmmusik - widmen. Später, nach erneuter Krankheit, wandte er sich endgültig dem Blues zu: "Es war nun ein erneut spätes, enormes Glück, dass Rea sich hier nicht sträubte. Dass er seinen so mondsüchtig strahlenden Gitarrenton fortan dem Pop entzog und seinen großen Hits ... ein paar knochentrockene, im allerbesten Sinne humorlose Blues-Rock-Herrlichkeiten beisteuerte." Auch Ueli Bernays würdigt in der NZZ den späten Chris Rea und dessen aufwändiges, mehrere Alben umfassendes Projekt "Blue Guitars": "Während achtzehn Monaten habe er täglich zwölf Stunden daran gearbeitet und jede Sekunde genossen, erklärte er später. In den 137Songs ... zeichnete er die Geschichte des Blues nach, angefangen bei den Wurzeln in Westafrika."
Eine Playlist mit dem kompletten "Blue Guitars"-Zyklus gibt es auf Youtube:
Auf Zeit Online fokussiert Jens Balzer eher auf Reas erste Karriere: "Oft hatte man das Gefühl, dass er eigentlich nur für sich selbst singt, sodass seine Musik noch in den dramatischsten Momenten authentisch und nahbar wirkte", seine "Stimme war schon immer von der Aura einer gewissen Grundmüdigkeit umflort, sie war 'road-weary', wie man im Englischen sagt, welt- und reisemüde. Umso schöner erschien es, wenn die Musik drumherum strahlte. Und wie sie strahlte: durch die zart gefingerten Blues-Licks, die er nach eigenen Angaben als Autodidakt auf der Gitarre bei dem Delta-Blues-Musiker Charley Patton abgeschaut hatte; ebenso wie durch den markanten Einsatz des Bottleneck, also dieser kleinen Metallröhre, mit der man über die Saiten gleitet und die Töne zum Schweben und Sehnen bringt und auch manchmal zum Wengeln und Quengeln." So etwa in "Josephine":
Außerdem: In der FAZ gratuliert Max Nyffeler dem Komponisten GeorgesAperghis zum 80. Geburtstag. Besprochen werden DanielAverys neues Album "Tremor" (taz) und PhilippThers Buch "Der Klang der Monarchie. Eine musikalische Geschichte des Habsburgerreiches" (SZ).
BuchLink: Aktuelle Leseproben.
In Kooperation mit den Verlagen (Info)
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