Efeu - Die Kulturrundschau

Fabelhafter Fremdling

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.01.2026. Die Kritiker feiern Ildikó Enyedis neuen Film "Silent Friend", in dem ein zweihundert Jahre alter Gingkobaum die Hauptrolle spielt: Eine kostbare Meditation, jubelt die Welt. Die Zeit ist beeindruckt vom schillernden Leben des Autors Marko Martin, der sich den Freiheitsbewegungen der Welt verschrieben hat. Die taz erkundet in einer Ausstellung in Prag die verstörend-schönen Kunstwerke von David Lynch. Die NZZ hüllt sich in echte und unechte Pelzmäntel.  
9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.01.2026 finden Sie hier

Film

Sein Freund, der Braum: Enzo Brumm in "Silent Friend"

Die Kritiker feiern "Silent Friend", den neuen, in Marburg entstandenen Film der ungarischen Autorenfilmerin Ildikó Enyedi, in dem ein zweihundert Jahre alter Gingkobaum die Hauptrolle spielt und der Abspann alle Pflanzen in Nebenrollen auflistet. "Da sitzt man - und sieht und staunt", schwärmt ein völlig verzauberter Elmar Krekeler in der Welt. "Man sieht den Baum als Spross, der durchs Dunkel dem Licht entgegen wächst und sich entfaltet. Man sieht ihn als fabelhaften Fremdling, als gewaltige Gestalt im Alten botanischen Garten von Marburg stehen, durch die Jahrzehnte, durch die Jahreszeiten." Dieser Film "ist eine inzwischen im Kino ganz seltene und deswegen so kostbare Meditation über die Grenzen unserer Wahrnehmung und der menschlichen Kommunikation. Und lebt von der zum Teil sehr lauten Stille der Gesichter von Tony Leung und Luna Wedler und Enzo Brumm und Sylvester Groth. ... Unmerklich manchmal gehen die Ebenen ineinander über. Die Blicke kreuzen sich über die Zeiten. Der Baum steht still und schweigt. Ildiko Enyedi lässt ihm seine Fremdheit. Nichts wird vermenschelt." 

"Die drei assoziativ verknüpften Episoden bekommen von Ildikó Enyedi eine eigene Textur, eine eigene Ästhetik", beobachtet Katja Nicodemus in der Zeit: "Fotografisch ausgeleuchtete, schwarz-weiße 35-mm-Bilder weiten die feministische Erzählung der Jahrhundertwende. Farbsatte, flirrende 16-mm-Aufnahmen begleiten den jungen Selbstsucher der Siebzigerjahre. In der Gegenwart herrscht die opake Perfektion des Digitalen. Der Film umfängt die auf sich selbst zurückgeworfenen Figuren mit einem sanft fortschreitenden Rhythmus, einem meditativen Groove: Als windbewegte Schatten streicheln Blätter über den Rücken des im Morgenlicht dösenden Herrn Wong." Gespielt wird dieser von Tony Leung, den Fans des Hongkong-Kinos aus den großen Meisterwerken von Wong Kar-Wei bestens bekannt. In der FR hat Daniel Kothenschulte mit ihm gesprochen. Jörg Taszman (FD) und Maria Wiesner (FAZ) haben mit der Regisseurin gesprochen.

Sydney Sweeney (li. Im Spiegel) ist "the housemaid" von Amanda Seyfried

Paul Feig kennt man als Komödienregisseur, mit "The Housemaid", seiner Verfilmung von Freida McFaddens via BookTok zum Bestseller gewordenen Erotikthriller "Wenn sie wüsste", begibt er sich nur auf den ersten Blick auf ungewohntes Terrain: Doch erneut "gräbt er sich süffisant in wohlbekannte Genremuster, um sie maliziös und pointenbewusst auf links zu drehen", schreibt Kamil Moll im Perlentaucher. "Ganz gegenwärtig und wenig nostalgisch wirkt der Film allein schon aufgrund seiner großartigen Hauptdarstellerin Sydney Sweeney, einer Ausnahmeerscheinung im momentanen Hollywoodbetrieb", die gängige Mechanismen der Aufmerksamkeitsökonomie souverän umschifft oder gleich subvertiert.

"Lässt sich das noch als 'Camp' lesen, oder ist man hier bereits im Reich des Trashs angekommen", fragt sich Arabella Wintermayr in der taz und staunt: Erst überreicht dieser Film in zahlreichen "plumpen Szenen" einen ganzen Blumenstrauß an "misogynen Stereotypen", legt dann aber einen Twist "hin zu einer Lesart, die sich nun im Fahrwasser einer - zumindest für ein massentaugliches Unterhaltungskino - radikalen #MeToo-Perspektive bewegt". FR-Kritiker Daniel Kothenschulte ist derweil sehr abgestoßen von dem Film: "Hier kommt Erotik nur mit großen moralischen Warnschildern daher, verkauft aber zugleich den Film."

Weiteres: Marius Nobach resümiert im Filmdienst die Golden Globes. Besprochen werden Morad Mostafas Migrationsdrama "Aisha Can't Fly Away" (taz) und Nia DaCostas Horrorfilm "28 Years Later: The Bone Temple" (NZZ, Standard).
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Kunst

"David Lynch mag zwar gestorben sein, aber seine Kunst wirkt noch sehr lebendig", stellt taz-Kritikerin Katharina Granzin im DOX Centre for Contemporary Art in Prag fest, das mehr als vierhundert Werke des Künstlers und Regisseurs ausstellt: "Das Ganze ist von sehr eigentümlicher Schönheit. Der menschliche Körper in seinen Einzelteilen zieht sich als Grundthema durch Lynchs Kunst. Köpfe tauchen in immer neuen Varianten auf; niemals vollständig oder unversehrt, sondern hier radikal reduziert, dort halb verwest, und oft nur erkennbar anhand vager äußerer Umrisse. Ekel-Lust-Höhepunkt in diesem Zusammenhang ist die filmische Installation 'Ant Head', worin Ameisen, akustisch untermalt mit einem energetischen Schlagzeugsolo, emsig durch eine stark deformierte Kopfskulptur wuseln, die alle Anzeichen fortgeschrittener Verwesung trägt."

FAZ
-Kritiker Stefan Trinks lässt sich in der Bremer Kunsthalle gerne von der "alternativen Lesart" überzeugen, die die Kuratoren für das Werk Alberto Giacomettis anbieten: Danach sei der "Menschenkneter" Giacometti vor allem durch seine Herkunft aus dem Engadiner Bergell geprägt worden. Die gigantischen Bergmassive hätten nicht nur seine Größenmaßstäbe beeinflusst, sondern auch ein inniges Verhältnis zur Natur geschaffen: "Kronzeuge für eine neue, differenzierte Sicht auf seine Figuren bleibt 'Die Lichtung' von 1950". Sie "existiert heute noch im Wald hinter Giacomettis Geburtsort Borgonovo. Aus seinem Tagebuch ist bekannt, dass er dort als Jugendlicher eine Epiphanie hatte, was die Geworfenheit ins Leben und Unbehaustheit in der Welt anlangt, zugleich aber auch das Aufgehobensein in der Natur. Die isoliert einsam auf der Bronzelichtung stehenden Staken verkörpern so weniger Menschen als vielmehr die Tannen der Borgonovo-Lichtung."

Besprochen wird die Ausstellung "Kunst um 1800" in der Hamburger Kunsthalle (taz).
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Bühne

Zehn Tage vor der Premiere von Christoph Marthalers neuer Inszenierung "Die Unruhenden" an der Staatsoper Hamburg unterhält sich der Regisseur (zusammen mit seinem Dramaturgen Malte Ubenauf) im Zeit-Interview mit Florian Zinnecker darüber, warum in seinen Stücken und vor allem in den Proben immer viel gesungen wird: "Auf den Proben muss es aber mehrstimmig sein, damit die Leute aufeinander hören. Dieses Aufeinanderhören vermisse ich oft im Theater. Die Schauspieler haben ganz wunderbar ihre Texte drauf, und trotzdem spielen sie nicht richtig zusammen. Natürlich können nicht alle, die dabei sind, gut singen, manche treffen die Töne nicht, aber man muss sie trotzdem zum Singen bringen - oft können sie's doch, obwohl sie's gar nicht wussten. Josef Bierbichler zum Beispiel, im 'Wurzelfaust' am Hamburger Schauspielhaus. Ich dachte, was hat der denn für eine Stimme! Damit kann er gleich auf die Bühne!"

Außerdem: Im Tagesspiegel unterhält sich die Schauspielerin Ursina Lardi über ihre Hauptrolle als Sterbende in Thorsten Lensings Inszenierung von "Tanzende Idioten" am Haus der Berliner Festspiele. Besprochen werden Matthias Pintschers "Das kalte Herz" an der Staatsoper Berlin (Zeit), Marius von Mayenburgs "Egal" an der Berliner Schaubühne (Zeit) und Kay Voges' Gameshow-Parodie "Du musst Dich entscheiden!" am Kölner Schauspielhaus (Zeit).
Archiv: Bühne
Stichwörter: Marthaler, Christoph

Literatur

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Alexander Cammann erzählt in der Zeit von seiner Begegnung mit dem Autor Marko Martin in Berlin, dessen schillerndes Leben ihm sichtlich imponiert. Denn "so jemand wie Marko Martin ist eigentlich nicht vorgesehen im Repertoire unserer Gegenwart. ... Sein Mix von Lebensthemen ist außergewöhnlich: Als Autor lässt er seine Erzählungen in aller Welt von Lateinamerika bis Syrien oder Südostasien spielen, inspiriert von seinen Reisen und Erfahrungen. Als Reporter hat er sich den globalen Freiheitsbewegungen verschrieben. ... Und er ist an den Küchentischen Ostmitteleuropas zu Hause, befreundet mit vielen Ex-Dissidenten, den Heroen des 89er-Umbruchs. Womit wir beim engagierten Intellektuellen und Essayisten Marko Martin wären: Er kreist in dieser Rolle um die Freiheit, in Gegenwart und Geschichte, auch hierzulande. Sein jüngstes Buch heißt denn auch doppelsinnig 'Freiheitsaufgaben', ein kluger Essay, in dem er sein Nachdenken über die Gefährdungen von Freiheit und seine Erlebnisse in einer virtuosen Montage zusammenschneidet."

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Weitere Artikel: In der Zeit porträtiert Katharina Teutsch den französischen Schriftsteller Aurélien Bellanger, der in seinem Roman "Die letzten Tagen der Linken" mit den französischen Sozialisten abrechnet. Willi Winkler spricht in der SZ mit dem Schriftsteller Julian Barnes, dessen aktuelles (und in der NZZ rezensiertes) Buch "Abschied(e)" tatsächlich sein letztes sein soll, unter anderem über philosophische Gottesbeweise und das Leben nach dem Tod. Patrick Bahners (FAZ) und Martin Zips (SZ) schreiben zum Tod des "Dilbert"-Cartoonisten Scott Adams.

Besprochen werden unter anderem Peter Waterhouses "Z Ypsilon X" (FAZ) und Leïla Slimanis "Trag das Feuer weiter" (Zeit, FAZ, SZ). Mehr dazu in unserer Bücherschau.
Archiv: Literatur
Stichwörter: Martin, Marko, Freiheit

Design

Der Pelzmantel erlebt ein Comeback, beobachtet Silke Wichert in der NZZ. Erstaunlicherweise sind es oft sogar echte Pelze, auch wenn deren Trägerinnen und Träger rasch beteuern, nur Vintage aufzutragen. Aber auch Modemarken wie zum Beispiel Fendi greifen Pelz und Fell (allerdings meist in der Fake-Version) auf. "Was nun einerseits als Fortschritt gefeiert wird, ist andererseits auch ein Rückschritt, denn damit ist 'der Look' plötzlich zurück. Pelz tragen ist wieder cool, weil es in Wahrheit ja gar kein echter Pelz ist. Oder etwa doch? Wenn das Falsche täuschend echt wirkt, kann das Echte vermeintlich genauso gut fake sein. ... Gleichzeitig sehen Angehörige der Generation Z nicht mehr ein, warum sie zurückstecken sollen, während die Boomer alles ausgekostet haben. Im gegenwärtigen Dauerkrisenmodus scheint sich bisweilen die Haltung breitzumachen: Ist die Welt erst ruiniert, lebt es sich gänzlich ungeniert."
Archiv: Design
Stichwörter: Mode, Pelz

Musik

Bei Spotify wird Klassik auf "intellektuelle Fahrstuhlmusik" reduziert, ärgert sich Robin Passon in der FAZ. Wer wirklich entdeckungsfreudige und aufregende Klassik auf dem Streamingdienst entdecken will, muss sich in darauf spezialisierte Reddit-Foren begeben, wo entsprechende Playlists ausgetauscht werden - oder gleich die auf Klassik und deren Vermittlung spezialisierten Dienste in Anspruch nehmen. Erst dann entsteht die "Lust an der unermüdlichen Erschließung dieser Landschaft" im Stream, versichert Passon. Also "weg mit der Plattenschrank-Mentalität, Klassik kann den ganzen Tag und überall spielen! ... Mitten im so durchrationalisierten Alltag entsteht da plötzlich eine kleine Heimlichkeit, ein stilles Vergnügen, um das niemand sonst weiß."

Besprochen werden ein Liederabend mit Nikola Hillebrand (FR) und ein Konzert der Prinzen in Frankfurt (FR).
Archiv: Musik
Stichwörter: Klassik im Netz, Klassik