Efeu - Die Kulturrundschau

Erfreulich lustig und sinnlos

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18.05.2026. Erfreulich sinnlos ist der bulgarische ESC-Song "Bangaranga" der bulgarischen Sängerin Darina Yotova, freuen sich die Kritiker. Und selbst die Israelfreunde sind irgendwie froh, dass Israel nur auf den zweiten Platz kam. Die Kritiker genießen auch Olga Neuwirths Liquid-Gender-Veroperung von Virginia Woolfs "Orlando" in Berlin. Auf der Croisette ist die FR beeindruckt von László Nemes' Film über den Résistance-Chef Jean Moulin, den er noch auf klassischem Filmmaterial gedreht hat. Der Perlentaucher stellt die französische Autorin Catherine Guérard vor.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.05.2026 finden Sie hier

Musik

Die bulgarische Sängerin Dara hat mit ihrem "derben Pop-Track" (so Leonie C.Wagner in der NZZ) "Bangaranga" den Eurovision Song Contest gewonnen. Noam Bettan kam für Israel auf den zweiten Platz, nachdem er im Publikumsvoting fast bis zum Ende den ersten Platz eingenommen hatte. Sarah Engels konnte das traditionell tiefe Ranking für Deutschland auf dem drittletzten Platz erfolgreich verteidigen. Wer die bulgarische Siegerin eigentlich ist, erklärt Marco Schreuder im Standard.



Jens Balzer, Israel durchaus wohlgesonnen, ist auf Zeit Online letzten Endes doch "erleichert", dass Israel nicht Erster wurde (wie andernorts zu lesen ist, hatte die israelische Delegation auch selbst maximal den zweiten Platz haben wollen). Denn: Ein ESC in Tel Aviv hätte die von BDS-Aktivisten belagerte und eh schon schwer beschädigte Veranstaltung wohl endgültig zerrissen. Balzers Eindruck nach war wohl "auch der israelische Kandidat Noam Bettan selbst erleichtert." Bulgariens Sieg war letzen Endes auch "unbedingt gerechtfertigt", der Auftritt ist "gleichermaßen perfekt komponiert und choreografiert, wie er erfreulich lustig und sinnlos ist. Man hat beim Zuschauen und Zuhören in jedem Moment das Gefühl, dass alle Beteiligten genau wissen, was sie tun, und dass sie gleichermaßen in keinem Moment wissen, was das am Ende eigentlich soll. In gewisser Hinsicht bringen sie damit das künstlerische Gesamtkonzept des Eurovision Song Contest auf seinen Punkt."

Das deutsche Publikum gab dem israelischen Beitrag beim Voting die Höchstzahl - dies und der abschließend hohe Platz war der ARD in der anschließenden Plauderrunde allerdings keine Silbe wert, bemerkt Guy Katz in der Jüdischen Allgemeinen. "Für mich als Juden war das kaum anzusehen. ... Dieses Ausweichen war so sichtbar, dass es selbst zur Aussage wurde. War es Vorsicht? Redaktionelle Linie? Wurde Barbara Schöneberger angewiesen, das Thema klein zu halten? Diese Frage muss erlaubt sein. Es ist eine journalistische Frage an eine Redaktion, die sonst jede Nebensächlichkeit erkennt, aber ausgerechnet diesen Moment übergeht." Aber "vielleicht ist das Problem längst tiefer verwurzelt. Vielleicht wissen viele in den Redaktionen inzwischen, dass Israel nur in bestimmten Rollen sendetauglich ist: als Konflikt, als Problem, als Angeklagter. Aber Israel als Publikumsliebling? Als kulturelle Normalität?"

Mehr vom ESC: Jan Feddersen freut sich im taz-Kommentar angesichts des israelischen Erfolgs und auch der Stimmung im Saal, wo offenbar nur wenige Buh-Rufe zu hören waren, dass das Publikum "die Nase voll hat von einem politisch-kulturellen Konflikt, der eben politisch auszutragen ist, nicht über einen Popwettbewerb mit 180 Millionen Zuschauern". Mit "schlichtem KI-Tanzpop von vorgestern für die Ü60-Ibiza-Sommernacht" gewinnt man keinen Blumentopf, geschweige denn den ESC, schreibt Manuel Brug in der Welt den deutschen Machern ins Gebetbuch. "Der ESC ist nicht mehr bloß Unterhaltung", nimmt Lion Grote im Tagesspiegel als Learning mit, sondern "europäische Öffentlichkeit im Liveformat".

Weiteres: In ihrem neuen, mit Künstlicher Intelligenz und Deepfakes erstelltem Video präsentieren sich die Rolling Stones wieder jung und knackig, staunt Edo Reents in der FAZ.



Besprochen werden der Tourauftakt von Harry Styles in Amsterdam (SZ, Zeit Online, FAZ), die Compilation "Music for the Airport" mit hawaiianischer Musik aus den letzten knapp 40 Jahren (taz), ein Konzert von Mitsuko Uchida in Wien (Presse) und ein Konzert des Enthusiastenchors in Frankfurt (FR).
Archiv: Musik
Stichwörter: Eurovision Song Contest, BDS

Film

"Moulin" von László Nemes

László Nemes ist einer der wenigen, die noch auf klassischem Filmmaterial drehen - und bei Festivalpremieren auch eine entsprechende Aufführung zur Bedingung machen. Nun wurde in Cannes sein neuer Film "Moulin" ebenso gezeigt, darin erzählt der ungarische Autorenfilmer von der Verhaftung des Resistance-Chefs Jean Moulin durch die Gestapo im Jahr 1943. Wie in Nemes' Konzentrationslager-Drama "Son of Saul" spielt sich auch hier "die schrecklichsten Szenen außerhalb des Bildfensters ab", schreibt Daniel Kothenschulte in der FR. "Noch bevor die Gestapo ... das Wartezimmer einer Arztpraxis stürmt, zieht Mátyás Erdélys Kamera alle Register in der Beschwörung angstbesetzter Schönheit. Es ist eine glanzvolle Welt, in welcher der von Gilles Lellouche gespielte Widerstandskämpfer als Innenarchitekt zu Hause ist. ... Die Cinemascope-Kamera fasst die Nachtansicht in kühl komponierten Modernismus", setzt sich aber "zu Laetitia Pasanels delikater sinfonischer Filmmusik in Bewegung zu einer aufwändigen Kranfahrt, wie sie üblicherweise schwelgerische Opulenz erzeugen würde. Hier zeigt sie nur die Straße in einer besetzten Stadt, wo Beobachtung den Tod bedeuten kann. Ein visuelles Klischee? Ganz im Gegenteil blicken wir durch das ästhetische Vergrößerungsglas eines aussterbenden Mediums."

Steven Soderbergh hat für seine bemerkenswerterweise vom Facebook-Konzern Meta mitproduzierte Doku "John Lennon: The Last Interview" auch auf KI zurückgegriffen. Tazler Tim Caspar Boehme hat das nicht überzeugt: "Zwischen dem Archivmaterial gibt es teils bewegte Bilder von Menschen zu sehen, die in Massenszenen als Demonstranten oder als römische Legionäre versammelt sind. Oder man kann selig lächelnden Personen zusehen, wie sie durch die Wolken schweben, auch eine Rose, die sich fraktalartig symmetrisch zu teilen scheint, mutet Soderbergh einem zu. Die KI-Bilder im Film rechtfertigte Soderbergh gegenüber dem Branchenmagazin Deadline damit, dass sie Passagen des Gesprächs illustrieren, die theoretischerer Art sind. Ein überzeugendes Plädoyer für den kreativen Einsatz von KI liefert er mit den beliebig-kitschigen Resultaten allerdings nicht."

Mehr von der Croisette: Katja Nicodemus erzählt in der Zeit von ihrem Treffen mit Volker Schlöndorff, der an der Croisette seinen neuen Film "Heimsuchung" (nach dem gleichnamigen Roman von Jenny Erpenbeck) zeigt. David Steinitz (SZ) und Andreas Busche (Tsp) porträtieren die Schauspielerin Jella Haase, die in Cannes an der Seite von Léa Seydoux und Catherine Deneuve in Marie Kreutzers im Wettbewerb gezeigten (und im Standard besprochenen) Missbrauchsdrama "Gentle Monster" zu sehen ist. Am Rande des Festivals gaben fünf deutsche (beziehungsweise österreichisch-kurdische) Filmemacher - Tom Tykwer, Kurdwin Ayub, Helene Hegemann, İlker Çatak und Nora Fingscheidt - bekannt, sich der neuen "Dogma 25"-Bewegung anschließen zu wollen, die unter anderem auf den Einsatz von KI komplett verzichten will, aber auch Drehbücher von Hand schreiben möchte, da auf Computer generell verzichtet werden soll, berichtet Maria Wiesner in der FAZ. Ob das auch eine Rückkehr zum analogen Filmmaterial bedeutet, bleibt allerdings offen. NZZ-Kritikerin Denise Bucher vermisst die großen Hollywoodproduktionen und vermutet, dass die Studios wohl Muffensausen vor Verrissen haben. Pavao Vlajcic übersendet hier und dort auf critic.de Notizen aus den Screenings. Außerdem für den schnellen Überblick: Der Kritikerspiegel von critic.de.

Aus dem Festivalprogramm besprochen werden John Travoltas Regiedebüt "Propeller One-Way Night Coach" (Welt), Hirokazu Kore-Edas "Sheep in the Box" (critic.de), Jane Schoenbruns "Teenage Sex and Death at Camp Miasma" (critic.de) und Paweł Pawlikowskis "Vaterland" (NZZ, mehr dazu bereits hier).

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Abseits von Cannes: Für die FAS bespricht Natan Sznaider Hagai Levis Verfilmung der Tagebücher Etty Hillesums, die als Serie in der Arte-Mediathek zu sehen ist. Levi verlegte die Handlung in die Gegenwart, bei der Premiere betonte er im "Gespräch mit dem Publikum, dass es ihm um eine universelle Relevanz dieser radikalen Tagebücher geht", so Sznaider: "In dieser Lesart könnte die Serie 'Etty' als Beleg für eine 'Entjudung' der Erinnerung missverstanden werden, verbunden mit dem Vorwurf, die Schoa diene hier nur noch als moderne Kulisse für allgemeine moralische Fragen." Als Gegenmodell könnte man Claude Lanzmanns "Shoa" sehen, meint Sznaider, der allerdings für einen Kompromiss plädiert: "Es bedarf der Universalisierung, um gegenwärtige Relevanz zu erzeugen, und das gerade in Israel. Außerhalb Israels braucht es die dokumentarische Konkretheit eines Claude Lanzmann, damit die Erinnerung an die Schoa den Bezug zur jüdischen Realität nicht verliert. Diese Gefahr ist auch gerade in Deutschland allgegenwärtig."

Weiteres: Susanne Schneider (SZ), Andreas Kilb (FAZ) und Cornelius Pollmer (Zeit Online) schreiben zum Tod der Schauspielerin Angelica Domröse. Arno Makowsky (Zeit Online) und Hannes Hintermeier (FAZ) schreiben Nachrufe auf den Schauspieler Günther Maria Halmer.
Archiv: Film

Bühne

"Orlando", Bild: Jan Windszus.


Olga Neuwirth hat Virginia Woolfs "Orlando" in eine Oper verwandelt, die nach der österreichischen Uraufführung 2019 nun an die Komische Oper Berlin kommt, Regie führt Ewelina Marciniak. Helmut Mauró sieht für die SZ in dem Spiel mit Geschlechterzuordnungen ein "Schelmenstück": Orlando ist dabei "ganz in seinem Liquid-Gender-Element, vielleicht auch ein bisschen auf Drogen, 'I want to break free' singt sie, auch wenn das Queen erst 1984 gesungen haben. Aber auch dies ist ein Markenzeichen dieser Oper: Nicht nur die Geschlechtergrenzen fließen, auch die Logik der Zeitläufe und ihr musikalischer Widerhall in Zitaten aus Werken von John Dowland bis in Jazz und Pop des 20. Jahrhunderts."
 
Im Tagesspiegel lobt Johannes Furtwängler das Zusammenwirken von Musik und Inhalt: "Eine der größten Stärken liegt in Neuwirths Klangsprache. Bläser, Obertöne, gesprochener und gesungener Ausdruck, elektronische Schichten und instrumentale Zuspitzungen bilden kein festes Gerüst, sondern ein Material, das sich ständig verschiebt. Die Musik ordnet sich keiner klaren Tonalität unter, bleibt unruhig, durchlässig, manchmal kaum zu greifen. Gerade dadurch passt sie zu einer Figur, deren Identität nicht als Zustand erscheint, sondern als kontinuierliche Bewegung durch wechselnde Zeiten."

Nachtkritiker Albrecht Selge macht aber trotz aller queeren Freude an dem Stück auf eine das Hirn wenig herausfordernde Simplifizierung aufmerksam: "Der erste Teil mit seiner rasanten Woolf-Spulung kann einen regelrecht erschlagen, während der zweite Teil im narrativen Hopserlauf vom Zweiten Weltkrieg über Vietnam und Frauenbewegung bis zum gegenwärtigen Rechtspopulismus (vulgo neuen Faschismus) zum Unterkomplexen neigt. Man nickt da beifällig und droht einzunicken." Weitere Besprechungen in der taz und der Berliner Zeitung.

Weiteres: Doris Meierhenrich ist in der Berliner Zeitung eher nicht so zufrieden mit diesem Jahrgang des Berliner Theatertreffens. Auch Rüdiger Schaper kommt im Tagesspiegel zu dem Schluss, diese Ausgabe lieber dem Vergessen überantworten zu wollen. Paulina Alpen gewinnt den Alfred-Kerr-Darstellerpreis, die Laudatio von Matthias Brandt ist im Tagesspiegel zu lesen. Für Hilka Dirks und Yi Ling Pan in der taz zeichnet sich das Theatertreffen dieses Jahr vor allem durch die Lust am Spektakel aus. Nachtkritikerin Christine Wahl erklärt die Entscheidung, für die nächsten beiden Festivaljahrgänge keine Frauenquote festzulegen.

Besprochen werden "Anima mea" und "Mirror" im Rahmen eines KI-Festivals am Staatstheater Darmstadt (FR), "Polaris" von Jan-Christoph Gockel auf den Ruhrfestspielen Recklinghausen (Nachtkritik) und Manuela Infantes "Sirenen" am Theater Basel (Nachtkritik).
Archiv: Bühne

Literatur

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Was ist Freiheit? "Sich auf eine Bank setzen und die Vögel singen hören", sagt Renata, kündigt und lebt fortan, wie es ihr gefällt, ihre ganze Habe in vier Pappkartons untergebracht. Ein wenig erinnert sie in ihrer vor den Kopf stoßenden Kompromisslosigkeit an die Vagabundin, die Sandrine Bonnaire knapp 20 Jahre später in Agnes Vardas Film "Vogelfrei" spielen sollte. Erfunden hat Renata 1967 die französische Autorin Catherine Guérard, die Angela Schader in ihrer Perlentaucher-Reihe "Vorwort" vorstellt: "Kippmomente finden sich häufig, und nicht immer sind sie so schnell und mühelos zu bewältigen. So hat diese Königin etwa ihren ganz eigenen Rosenkrieg auszufechten - mit einer Baccara, die Renata sich selbst geschenkt hat, um den Aufbruch in die Freiheit zu feiern. Sie hängt an der Blume, ihrer Schönheit und ihres Symbolwerts wegen, und gerade das lässt die Rose zur Last werden. Wie sie am Leben erhalten beim steten Unterwegssein, wie sie langfristig bewahren, als sie zu welken beginnt? Eine kleine Friktion genügt, und schon kommt das Gefühl hoch, 'dass nicht ich das Kommando habe in meinem Leben, sondern eine Blume, und da hat mich ein gewaltiger Zorn gepackt, dass meine Freiheit so verpfuscht wird'."

Außerdem: Nikolai Ott berichtet in der FAZ von der Buchmesse in Thessaloniki. Der österreichische Schriftsteller Kurt Palm betreibt im Standard Ahnenforschung und denkt über die Zufälligkeit heutiger nationaler Zugehörigkeit im Rückblick auf historische Bevölkerungsbewegungen nach.

Besprochen werden unter anderem Lukas Rietzschels "Sanditz" (Standard, NZZ), Felicitas Prokopetz' "Schon schwankte die Welt" (Standard), eine Luxusausgabe von Hal Fosters "Tarzan"-Comicstrips (Welt) und neue Hörbücher, darunter Anna Thalbachs Lesung von James Krüss' "Das gereimte Jahr" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Archiv: Literatur

Kunst

Vor sieben Jahren hat Lina Lapelytės Performance in Venedig FAZ-Kritiker Konrad Muschick umgehauen, ihre erste große Einzelarbeit in Deutschland mit dem Titel "We Make Years Out of Hours" hingegen, gesponsort von der Chanel Commission, findet er weniger überzeugend: Vierhunderttausend Holzklötze liegen in der Halle des Hamburger Bahnhofs, "man ist eingeladen, mit den Bauklötzen zu spielen, man kann sie stapeln, türmen, architektonische Gebilde bauen, solidere oder fragilere. Dazwischen gibt es, zu ausgewählten Zeiten in der Woche, zwölf Performer, die in uniformer Kleidung mitbauen und die Halle mal chorisch, mal polyphon, mal solistisch singend in einen akustischen Erfahrungsraum verwandeln. Eine Atmosphäre einer spirituellen Arbeitsgemeinschaft." Partizipativ sollen die Klötze sein, für Muschick ist das zu unkritisch: "Mit den Plattitüden von Partizipation, Fürsorge und Achtsamkeit wird eine sentimentale und idealisierte Vorstellung von einem Auftrag der Kunst als harmloses Mitmachspiel gepflegt, das ja nicht anecken darf."

Weiteres: Katrin Stangl erhält den Hans-Meid-Preis für ihre Buchillustrationen, meldet die FAZ. Tagesspiegel-Kritiker Werner Bloch sieht auf der Art Dubai Zeichen künstlerischer Resilienz. Besprochen werden die Ausstellungen "D'Après Manet" in der Berliner Galerie Michael Haas (Tagesspiegel) und "20th Century Debris" mit Zeichnungen von Marc Brandenburg in der Berlinischen Galerie (Monopol).
Archiv: Kunst