Efeu - Die Kulturrundschau

Die Schauder des Lustgruselns

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05.09.2026. Die FAS wird nicht recht schlau aus dem Auftritt Boualem  Sansals beim Literaturfestival in Berlin. In der Welt erzählt Bernd Stegemann, wie ihn das angstlüsterne Berliner Theaterpublikum 2015 fast in die Arme der AfD getrieben hätte. Die FAZ besucht unter Bombenalarm eine Aufführung der "Odyssee" im Kiewer Iwan-Franko-Theater mit Soldaten des Asow-Regiments. Der Standard staunt, wie gut Sidney Sweeney die Rolle der lesbischen Boxerin Christy Martin in David Michôds Film "That's Why The Lady Is A Champ" verkörpert. Die Zeit entdeckt mit der Pianistin Yvonne Loriod auch eine unentdeckte Meisterin der Komposition.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.09.2026 finden Sie hier

Bühne

Artur Weigandt besucht für die FAZ unter Bombenalarm eine Aufführung der "Odyssee" im Kiewer Iwan-Franko-Theater: "Es ist die erste Arbeit des Regisseurs Iwan Urywskyj über den Krieg - und seine erste mit Militärangehörigen; eine gemeinsame Produktion der Spielstätte und des 1. Korps der Nationalgarde 'Asow', nach einer Idee, die aus dem Korps selbst kam", und darum heißt das Stück auch "Odyssee. Meotida": letzteres ist der altgriechische Name des Asowschen Meeres, an dem Mariupol liegt, erzählt er. "Was so entsteht, ist ausdrücklich kein Dokumentartheater. Der Text beruht auf realen Zeugnissen - der Dramatiker Olexij Dorytschewskyj hat für das Stück zahlreiche Verteidiger von Mariupol interviewt, schon vor der großen Invasion -, aber er bildet sie nicht ab. Von Homer, in der klassischen Übersetzung von Borys Ten, ist nur etwa ein Drittel geblieben: die Rückkehr, Penelope, der engere Kreis um Odysseus. Uniformen sind auf der Bühne kaum zu sehen. Für Dorytschewskyj ist dieser Umweg die eigentliche Bedingung. 'Das Trauma ist zu frisch. Man kann nicht direkt über das sprechen, was gerade mit uns geschieht.' Der fast dreitausend Jahre alte Text schafft den Abstand, der ein Sprechen erst ermöglicht."

In der Welt wundert sich der Dramaturg Bernd Stegemann nicht über den Zulauf für die AfD. Er erinnert sich noch gut an eine Inszenierung 2015 an der Berliner Schaubühne: "Fear" hieß das Stück: "Der Abend bestand aus einem Reigen von Szenen, in denen abwechselnd die 'hassenden, hässlichen Frauen' der AfD und das gut gekleidete Milieu der Wohlmeinenden auftraten. Die guten Menschen gruselten sich ausführlich vor den Zombies der Nazi-Wiedergänger, ohne näher mit ihnen in Kontakt zu treten. ... Das Publikum ergötzte sich an einer Karikatur der Dämonen, um sich in eine Angstlust hineinzusteigern. Dieses Lustgruseln blieb aber nicht, wie es dem Genre des Horrors eigen ist, ein ästhetisches Vergnügen, sondern es wurde zur politischen Gewissheit. Das künstlich erzeugte Gefühl, von Nazis umzingelt zu sein, wurde im Zuschauerraum als reale Bedrohung erlebt... Die Schauder des Lustgruselns führten zur Selbstverzauberung, jetzt endlich den nachholenden Antifaschismus zu zeigen, den vor 1945 nur Helden vollbracht haben." Stegemann trieb "diese Inszenierung von Selbstberauschung im Gratismut aus dem Theater. Beim Hinausgehen flüsterte ich einem befreundeten Theatermann ins Ohr: 'Ich gehe jetzt sofort nach Hause, um der AfD beizutreten.'" (Machte er dann aber doch nicht.)

Weitere Artikel: Patrick Wildermann besucht für den Tagesspiegel Kirill Serebrennikov, der seit gestern mit seinem zehntägigen "Kirill & Friends Berlin Festival" an verschiedenen Orten in Berlin Gemeinschaft stiften will. René Hamann erzählt in der "Kulturrausch"-Verlagsbeilage der taz, was uns in der kommenden Saison an deutschsprachigen Theatern erwartet: Viel Ibsen, Naturalismus und Neue Sachlichkeit. Im Interview mit dem Tagesspiegel erzählt die neue Leiterin des Gorki-Theaters, Çağla Ilk, von ihren Plänen, bleibt dabei jedoch etwas vage.

Besprochen werden Benedict Andrews' Inszenierung "Electra/Persona" mit Cate Blanchett und Nina Hoss, sie spielen am National Theatre in London ("Der Münzwurf eines Zuschauers entscheidet, wer welche Rolle spielt, als wären tragische Figuren etwas, das man im Team so oder so erledigen kann. Es sind aber, ganz im Kontrast zu dieser Geste, zwei der feinnervigsten, berühmtesten Schauspielerinnen der Welt", staunt eine beeindruckte Marie Schmidt in der SZ), Marina Abramovićs "Balkan Erotic Epic" bei der Ruhrtriennale ("Abramović, so muss man es sagen, hat die Aktionskunst erfolgreich musealisiert", meint ein enttäuschter Jakob Hayner in der Welt, "Wäre Abramović nicht die weltweit gefeierte Königin der Performance mit unbestreitbarem Schmerzerfahrungs-Gütesiegel, ... würde man diese teils etwas penetrante Balkan-Show viel schneller als überdimensioniert abtun oder gar als aufgeblasen", überlegt eine doch irgendwie beeindruckte Christine Dössel in der SZ) und Ildikó Gáspárs Inszenierung von Schnitzlers "Komödie der Verführung" im Wiener Theater in der Josefstadt (Standard, nachtkritik).
Archiv: Bühne

Literatur

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Boualem Sansal ist dieses Jahr Schirmherr des Internationalen Literaturfestivals Berlin, Tobias Rüther war für die FAS ziemlich gespannt auf seine Rede und das sich anschließende Gespräch mit der Journalistin Tilla Fuchs, hatte er doch gehofft, der 77-jährige algerische Autor würde Auskunft über seinen Wechsel in den Verlag des rechtsextremen Vincent Bolloré geben (unsere Resümees). Wirklich schlauer ist Rüther nach der Veranstaltung aber nicht: "'Haben Sie nicht Angst, instrumentalisiert zu werden?', fragte Tilla Fuchs, alle wollten das, antwortete Sansal, beide Seiten wollten eine 'Kontrolle über die Kultur' ausüben, sprach von 'Strategien, den intellektuellen Raum in Frankreich zu erobern'. Es wirkte weniger wie Ausweichen, mehr wie ein Selbstgespräch auf der Suche nach dem eigenen Faden. 'Ich bin der Einzige in Frankreich, glauben Sie mir, der mit allen spricht', sagte Sansal (…) Ratlos verließ man den Saal und versuchte zu sortieren, was man erlebt hatte: einen aus der Haft entlassenen Mann, der mit seinen Worten nach Halt sucht, was nicht zur Rolle eines Festival-Schirmherrn passt, weil er zu sehr mit sich selbst beschäftigt ist."
 
Petra Ahne (FAZ) geht ähnlich unbefriedigt wieder nach Hause: "In französischen Zeitungen hat Sansal geäußert, dass er sich unverstanden fühle, in 'Die Legende' schreibt er davon, dass ihm seine Geschichte genommen worden sei. Die Gelegenheit, sich einen Teil davon vor einem ihm wohlgesonnenen Publikum zurückzuholen, wollte oder konnte er an dem Abend nicht nutzen." Gerrit Bartels ist im Tagesspiegel indes froh, dass Wolfram Weimer nicht vor Ort war und ihm die Politiker-Reden erspart blieben. Für die Zeit berichtet Ijoma Mangold, auch die taz schaut vorbei.
 
Die Rechte am Werk von Günter Grass hat der S. Fischer-Verlag übernommen, meldet die FAZ, gegen den bisherigen Rechteinhaber Steidl war ein Insolvenzverfahren eröffnet worden (unsere Resümees). Verleger Oliver Vogel will dessen Bücher als "lebendigen und unbequemen Reibungspunkt" erhalten, so Gerrit Bartels im Tagesspiegel, der kommentiert: "Natürlich geht es darum, ein Werk wie das von Grass lebendig zu halten, und das mehr denn je. Denn ein bisschen in Vergessenheit geraten scheint es schon jetzt zu sein. Zumal in einer Zeit, in der das Lesen und die Literatur nicht gerade Hochkonjunktur haben."

Weitere Artikel: Ein mecklenburgischer Landwirt hat die Silhouette Uwe Johnsons in sein Maisfeld gepflügt, berichtet die FAZ, ein Literatur-Pfad soll zwölf Episoden aus seinem Monumentalwerk "Jahrestage" erfahrbar machen. Gregor Dotzauer informiert in der FAZ, was zehn Jahre nach dessen Tod mit dem Nachlass von Schriftsteller Péter Esterházy passiert. Constanze von Bullion spaziert für die SZ mit der Buchpreis-nominierten Autorin Lilli Tollkien durch Berlin. Die Zeit stellt den neurechten Castrum Verlag vor, in dem auch AfD-Demagoge Maximilian Krah einen Roman veröffentlicht hat. Martin Scholz interviewt Isabel Allende in der Wams unter anderem zu der Frage, warum sie den Begriff "Frauenliteratur" ablehnt. Ein Jahr nach ihrer Shortlist-Nominierung für den Deutschen Buchpreis trifft sich Vanessa Fatho für die FAZ mit der Schriftstellerin Jehona Kicaj. Andreas Platthaus gratuliert der Schriftstellerin Lily Brett in der FAZ zum achtzigsten Geburtstag.

Besprochen werden unter anderem Maxim Billers "Schwarze Samstage" (im Aufmacher der FAS), "Das Leben der M" von Rachel Cusk (Wams), Alexander Demandts "Geschönte Geschichte. Fälschung und Fabelei seit der Antike" (FAZ) und Valeria Gordeevs "Die Zikade schlüpft aus ihrer goldglänzenden Hülle" (FR). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

In der Frankfurter Anthologie schreibt Jan Wilm über Robin Robertsons Gedicht "Ausgesetzt":
 
"Regen, sagtest du, ist verstärkte Stille.
Seit Tagen regnet es,
und selbst wenn es aufhört,
ist da noch immer ein Geräusch
von Regenwasser, das sich müht,
auf irgendeinem Weg ins Erdreich zu dringen
…"
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Design

Vase Khora. Bild: Luis Frey.


Florian Siebeck interviewt Laura Ewert für die FAS, die das Designfestival "Currents" mitverantwortet und trotz übler Diagnose für das Designbewusstsein der Deutschen noch Hoffnung hat: "Wir bewegen uns lieber in einem funktionalen Käfig: bloß nicht zu emotional, zu schön, zu verspielt. Vergleichen Sie doch mal die Müllbehälter in deutschen Großstädten mit denen in Paris oder Mailand. Deutschland ist vielleicht nicht gestaltungsfeindlich, aber wir mögen es hässlich. Und doch: Es gibt sie, die Designerinnen und Designer, die clever und experimentierfreudig sind. (…) Daftar, ein Berliner Label, macht Möbel aus Edelstahl und Perserteppichen und erzählt damit etwas über Deutschland als Einwanderungsland. Oder Luis Frey, der eine Vase entworfen hat, die wie ein kleines Tablett aussieht: Darin steht etwas Wasser und ein kleiner Pin, auf den man eine Blume stecken kann. Das ist starkes Design, emotional, poetisch."
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Film

Ben Foster und Sidney Sweeney als Jim und Christy Martin.

"That's Why The Lady Is A Champ" von David Michôd widmet sich dem Leben der lesbischen Boxerin Christy Martin, gespielt von Sidney Sweeney. Im Standard staunt Valerie Dirk, dass ausgerechnet Sweeney, obwohl "an ihr nichts queer oder fortschrittlich" sei, das Highlight des Films ist: "Wer mit Christy Martins Leben vertraut ist, der weiß, dass darin häusliche Gewalt im schlimmsten Ausmaß eine Rolle spielt. Das Biopic von David Michôd dekliniert dies akribisch durch. Über zwei Stunden misst der Film und hätte vor allem im ersten Teil - dem Aufstieg zum Erfolg - eine knappere Schnittfassung gut vertragen. Auch die emotionalisierende Musik und die Darstellung von Ben Foster als Christys grindigem Trainer und Ehemann sind eher übersteuert als fesselnd. Und trotzdem schaut man sich den Film gerne an: Das liegt insbesondere an Sweeney, die für ihre Rolle als Profiboxerin hart trainiert und einige Kilos Muskelmasse zugenommen hat. Sweeney hat als Jugendliche Kampfsport betrieben, sie ist klein und wendig, die Schläge sitzen präzise, die Kämpfe wirken lebendig und echt."

"Babylon Berlin". Bild: Christine Schroeder/X Filme Creative Pool/ARD Degeto Film/WDR/SWR/HR/Radio Bremen/Beta Film.

Serien sind "die Romane unserer Zeit", ist sich Elmar Krekeler in der Welt am Sonntag sicher, nachdem er die fünfte und letzte Staffel von "Babylon Berlin" gesehen hat. Sie greift noch mal alle offenen Fäden auf und erzählt von der Zeit, in der Hitler an die Macht kommt: "Die Geschichten von Kommissar Gereon Rath und Charlotte Ritter, die sich verlieren und finden. Das letzte Aufflackern der Queerness in den Berliner Klubs und wie auch sie von der SA okkupiert wird. Es ist noch einmal alles drin. Die waghalsigen Schnitte, die irrsinnige Ausstattung, der Aberwitz der Geschichten, die Blenden, der Witz, die Musik. Und der Cast, der spielt, als ginge es ums eigene Überleben. Das Entsetzen über das, was geschieht, gräbt sich immer tiefer ein in ihre Gesichter. Sie können es einfach nicht fassen. (…) Die Wahrheit ist das vielleicht nicht. Aber es ist, mit allem, was ihre Schöpfer in dieses Fanal münden lassen, von einer grandiosen, überwältigenden, zeichenhaften Wahrhaftigkeit."

Weitere Artikel: Jan Küveler trifft für die Wams den Regisseur Darren Aronofsky auf dem Filmfestival Locarno. Der Synchronsprecherverband VDS hat Kartellbeschwerde eingereicht: Netflix zwinge die Sprecher, eine KI-Klausel zu unterschreiben. Wer nicht zustimmt, werde nicht mehr beauftragt, berichtet Laura Roban für die FAZ. Auf den Bilder-und-Zeiten-Seiten der FAZ denkt Jürgen Kaube über Alfred Hitchcocks "Frenzy" nach. Bert Rebhandl macht sich für die FAS Gedanken darüber, ob es für den Erfolg eines Filmes eigentlich wichtig ist, dass er von öffentlicher Hand gefördert wurde. Manuel Schubert schaut für die taz auf sechzig Jahre "Star Trek" zurück. Daniel Kothenschulte ist für die FR auf dem Filmfestival Venedig unterwegs, Felicitas Kleiner ist für den Filmdienst dort. Philipp Bovermann spricht für die SZ mit der Schauspielerin Emilia Schüle über politische Haltung. Christine Dössel schreibt in der SZ den Nachruf auf den Schauspieler Michael Mendl.

Besprochen werden Martin McDonaghs "Wild Horse Nine" mit John Malkovich (FAZ), "Die Versuchung", Nils Willbrandts Film für die ARD-Reihe "Harter Brocken" (FAZ), die vierte Staffel von "Ted Lasso" (taz).
Archiv: Film

Musik

Yvonne Loriod war als Pianistin bekannt, der Dirigent Kent Nagano hat sie in ihrem Nachlass nun auch als Komponistin entdeckt, ihr Werk "La Sainte Face" wurde vor kurzem auf dem Musikfest Berlin uraufgeführt. Für Hannah Schmidt ist in der Zeit klar, dass Loriod eine zu unrecht unentdeckte Meisterin ihres Fachs ist: "Hört man die wenigen Aufnahmen von Yvonne Loriods Klavierwerken, wie etwa ihre 'Trois pièces pour deux pianos préparés', dann stellt sich eine Ahnung ein: In ihrer Musik passiert extrem viel gleichzeitig, aber ohne dass die Sinne den Überblick verlieren. Rhythmisch extrem präzise koordiniert, springen sich kleine Motive und Klangideen gegenseitig an die Gurgel, es schnalzt, röhrt, gongt, zischt und tremoliert auf eine Weise, die vergessen lässt, dass hier ein ganz gewöhnliches Klavier gespielt wird. Ihre motivischen Ideen arbeitet die Komponistin konsequent durch, als würde sie Verben deklinieren und daraus immer neue Bedeutungen und Sätze formen - so klingen etwa die kurzen rhythmischen, klanglichen und melodischen Floskeln im dritten Satz 'La murmurée' wie ein Gedicht in einer Sprache, die zu verstehen und sprechen man tatsächlich lernen könnte, wenn man denn wollte."

Weitere Artikel: Gerald Felber lauscht für die FAZ Jordi Savall und Simon Rattle, die beim Musikfest Berlin Kompositionen der Romantik auf die Bühne bringen, für den Tagesspiegel schaut Johannes Furtwängler vorbei. Mariam Schaghaghi interviewt Lyrikerin Amanda Gorman und Cellist Jan Vogler für die FAS zu ihrem kommenden Auftritt auf dem Lucerne Festival. Katrin Wilke stellt für die taz die Lauscher auf, wenn junge Spanierinnen in ihren Folkpop-Alben Modernes und Traditionelles verbinden. Jakob Biazza interviewt den "Ärzte"-Sänger Farin Urlaub für die SZ. Ebenfalls für die SZ interviewt Carolin Fries den Klassik-Influencer Louis Philippson. Mary Austin, die frühere Partnerin Freddie Mercurys, veröffentlicht einige Songtexte aus seinem Nachlass, Julia Rothhaas spricht für die SZ mit ihr. Der Pianist András Schiff eröffnet eine Musikakademie im Wallis, Marco Frei berichtet für die NZZ. Jan Wiele gratuliert dem Folksänger Loudon Wainwright in der FAZ zum achtzigsten Geburtstag.

Besprochen werden das Album "Before the World Blows" der Soulsängerin Erykah Badu (Zeit) und Hayato Suminos Prokofjew-Konzert beim Rheingau Musik Festival (FR).
Archiv: Musik

Kunst

Im Potsdamer Minsk eröffnet heute die Retrospektive zu der vor dreißig Jahren verstorbenen Ostberliner Künstlerin Annemirl Bauer. 16.000 Werke umfasst ihr Nachlass. "Annemirl Bauers Sichtbarkeit als Künstlerin stand ihrer Schaffenskraft diametral entgegen", hält Lena Schneider im Tagesspiegel fest. "Die große Öffentlichkeit hatte sie nie. 1984 wurde sie zeitweise aus dem Verband Bildender Künstler der DDR ausgeschlossen, was einem Ausstellungsverbot gleichkam." Bauer "verwandelt alles in Kunst, was sie umgibt: Bretter, Türen, Schubladen, Fensterglas, Schrankteile, Tapete, Teppichboden. Auch ein bemalter Liegestuhl und ein Toilettendeckel befinden sich unter den Objekten im Minsk. Auf dem Liegestuhl eine langgestreckte Gestalt, langes blondes Haar und Doppelkopf. Titel: 'Alibifrau mit eingeschlossenem Selbst'. Der Klodeckel fragt die Betrachtende: 'Hast du dich etwa schon eingeschlichen in die Kaste der anderen, küsst, frisst und wirst fett?'" In der Berliner Zeitung ermuntert Ingeborg Ruthe zum Besuch der Ausstellung, die sie umwerfend aktuell findet: "Wir sehen virtuos gemalte, sinnliche, auch wütende und krasse Motive zu starren Rollenbildern, erstarrter Politik und Umweltzerstörung."

Ab Donnerstag wird im British Museum in London der Teppich von Bayeux ausgestellt, der die Schlacht bei Hastings 1066 zeigt, in der die Angelsachsen den normannischen Eroberern unterlagen. In "Bilder und Zeiten" der FAZ erzählt Gina Thomas, wie der Teppich von Engländern, Franzosen und Deutschen benutzt wurde, ihre politische Version der Geschichte zu bestärken: "Der englischen und irischen Mythologisierung einer goldenen vornormannischen Vergangenheit setzten die Franzosen die Mär entgegen, Mathilde von Flandern, die zu einer Art von Penelope stilisierte Frau Wilhelms des Eroberers, habe die Tapisserie mit ihren Hofdamen gestickt. Diese Legende machte den Behang umso reizvoller für Napoleon. Während der Zeit, als er ein großes Heer an der Kanalküste sammelte, um England zu erobern, ließ er ihn in den Louvre bringen, um die Öffentlichkeit von der Machbarkeit seiner Invasionspläne zu überzeugen. ... Mit der Londoner Ausstellung beginnt nun ein neues Kapitel des Teppichs als Propaganda-Instrument."

Taz-Kritiker Daniel Zylbersztajn-Lewandowski zeigt das riesige britische Interesse an der Ausstellung, "welche Stellung die Schlacht noch heute in der britischen Psyche hat. Sie steht für die gemeinsame Erinnerung an eine Invasion in der Vergangenheit und die kollektive Angst vor weiteren, sei es von Napoleon oder den Deutschen in den beiden Weltkriegen" oder jetzt eben vor Migranten, die über den Kanal kommen.

Weitere Artikel: Die NZZ erscheint heute mit einer von der Malerin Rebekka Steiger und dem Fotografen Daniel Schwartz gestalteten Kunstbeilage, die Roman Bucheli vorstellt. Ebenfalls in der NZZ schreibt Angelika Affentranger-Kirchrath über Wilhelm Lehmbrucks Jahre in Zürich während des Ersten Weltkriegs. Bei der Gwangju Biennale in Südkorea gabs gleich zu Beginn Ärger, erzählt Katharina Rustler im Standard: Erst änderten die Organisatoren den Namen des taiwanesischen Pavillons, nach Protesten nahmen sie das wieder zurück, woraufhin China seine Teilnahme absagte. Ansonsten gefiel ihr die Biennale - und ganz besonders der österreichische Pavillon - sehr gut. In der taz-Verlagsbeilage "Kulturrausch" annonciert Jana Janika Bach zwei Ausstellungen mit Entwürfe des brasilianischen Landschaftsarchitekten Roberto Burle Marx im Zentrum Paul Klee in Bern und des indonesischen Architekten Geoffrey Bawas im Vitra Design Museum in Weil am Rhein

Besprochen werden zwei Bildbände mit fotografischen Künstlerporträts von Albrecht Fuchs und Angelika Platen (FAZ), eine Ausstellung der Malerin, Grafikerin und Pädagogin Erika Giovanna Klien im Wiener Belvedere (taz) und eine Ausstellung der Collagen von Judy Woodborne und Lutz Fleischer im Showroom des Berliner Antiquariats KaraJahn (Tsp).
Archiv: Kunst