Efeu - Die Kulturrundschau

Wer sich hier kopfschüttelnd fremdschämt

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17.09.2026. Der 7. Oktober war ein "abgebrochener Holocaust-Versuch", sagt Maxim Biller in der Zeit. Ebenda erklärt Naomi Beckwith, neue künstlerische Leiterin der Documenta, wie sie mit dem Antisemitismusproblem in der Kunst umgehen will. Angesichts der Affäre um Ed Sheeran und den Rapper Macklemore fragen sich die Zeitungen, ob überhaupt noch eine Veranstaltung ohne politischen Bekenntniszwang möglich ist. Die FAZ blickt außerdem im Städel auf tausend Jahre Maria Magdalena. Und der Perlentaucher bewundert, wie empathisch Marie Kreutzer von Kindesmissbrauch erzählt.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.09.2026 finden Sie hier

Literatur

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Im großen Zeit-Gespräch spricht Stefan Willeke mit Maxim Biller über dessen neuen Roman "Schwarze Samstage", der den unglaublich gewachsenen Antisemitismus seit dem Hamas-Massaker vom 7. Oktobers thematisiert. Dieser war ein "abgebrochener Holocaust-Versuch", heißt es in dem Buch. "Wenn die Angreifer mehr Waffen und mehr Leute gehabt hätten, hätten sie ganz Israel ausgelöscht", führt Biller aus. "Die Nazis haben ihre Bestialität wenigstens noch versteckt, aber die Attentäter der Hamas wollten der Welt alles zeigen. ... Wann immer die Geiseln über die Marktplätze von Gaza geschleift werden, bricht die Menge, eine sehr große Menge, in kollektives orgasmisches Triumphgeschrei aus. Das war wie bei einer Meisterschaftsfeier des FC Bayern. ... Gleichzeitig hebt im freien Westen, im unfreien Süden und in den Gängen der UN-Zentrale am East River das Genozid-Gemurmel an. Wenn es nicht so eindeutig albern und widerlich wäre, würde ich darüber lachen."

Weitere Artikel: Merle Krafeld spricht für VAN ausführlich mit der Schriftstellerin Helene Bukowski, deren neuer Roman "Wer möchte nicht im Leben bleiben" von der Pianistin Christina handelt, die sich 1985 in Neubrandenburg das Leben nahm. Volker Weidermann erzählt in der Zeit von seinem Besuch beim früheren Suhrkamp-Lektor und heutigem Hermann-Hesse-Archivar Volker Michels.

Besprochen werden unter anderem Boualem Sansals "Die Legende" (FR), Michel Houellebecqs Gedichtband "Der stets verlorene Kampf" (Welt), Samuel Becketts "German Diaries" (Zeit), Hans Wollers Biografie über Thomas Mann (SZ) und Matthias Häusslers "Die Last der Sonne. Die Kriege der OvaHerero und Nama gegen die deutsche Kolonialherrschaft" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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Kunst

Giovanni Girolamo Savoldo: Maria Magdalena vor dem Grab, um 1535-40. National Gallery, London. © The National Gallery, London

Der Titel "Sin. Pray. Love" mag "frivol-poppig" klingen, die mehr als 110 Stücke aus tausend Jahren, die das Frankfurter Städel rund um die heilige Büßerin Maria Magdalena zeigt, sind aber "Hochkaräter", versichert Stefan Trinks in der FAZ. Von El Greco oder Benvenuto bis Max Beckmann oder Marlene Dumas - in jeder Epoche galt sie den Künstlern als Projektionsfläche: "Dem Barock ist sie lebendes Vanitassymbol mit Schädel und Spiegeln wie bei Georges de la Tours 'Büßender Magdalena bei der Meditation' von 1635. Die ähnlich wie Magdalena zerrissene Epoche reizt das Thema aber auch hin zum Schlafzimmerbild exzessiv aus. Halb nackt und vollbusig büßt und geißelt sie sich und liegt orgiastisch umher wie Berninis verzückte Teresa von Avila. Wer sich hier kopfschüttelnd fremdschämt für den allzu männlichen Blick, hat nicht unrecht, doch haben auch Künstlerinnen wie Lavinia Fontana, Elisabetta Sirani oder Luisa Roldán das Thema kaum weniger sinnlich angepackt." In der Zeit empfiehlt Raoul Löbbert die Ausstellung, in der FR Lisa Berins. 

Zum Gaza-Konflikt will sie sich lieber nicht äußern, den Code of Conduct, der Antisemitismus und Rassismus vorbeugen soll, hat sie auch nicht unterschrieben: Im großen Zeit-Interview mit Hanno Rauterberg erklärt Naomi Beckwith, neue künstlerische Leiterin der Documenta, weshalb: "Weil die Kunst in Deutschland frei ist. Und wir müssen um jeden Preis den Eindruck vermeiden, Politiker hätten Einfluss auf den Inhalt der Documenta." Gefragt, wie sie sicherstellen wolle, dass die geladenen Künstler keine aktivistische oder antisemitische Agenda verfolgen, antwortet sie: "Oh, das kann ich nicht sicherstellen. Und will es auch nicht. Auch Künstler sind Bürger und also frei in ihrer Meinung. (…) Ich bewerte nicht politische Positionen, für mich zählt die künstlerische Praxis." Es werde auch keine Überprüfung geben, ob sich ein Künstler eine BDS-Petition unterschrieben habe: "Wir machen hier keine Background-Checks. Als Kuratorin prüfe ich die Werke, nicht die Künstlerin oder den Künstler." Es gehe ihr aber um "konstruktive Kunst", nicht um eine, "die nur darauf abzielt, eine emotionale Reaktion aus den Menschen herauszukitzeln".
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Architektur

Zum zehnjährigen Jubiläum der Hamburger Elbphilharmonie spricht deren Architekt, Pierre de Meuron, im taz-Interview mit Katrin Ullmann auch über umweltbewusstes Bauen: "Die Elbphilharmonie steht auf einem Bestandsgebäude, dem ehemaligen Kaispeicher A. Es wurde also kein neuer Ort bebaut, sondern ein bestehender Ort weiterentwickelt - und ein bis dahin eher unbelebtes Quartier aufgewertet und attraktiv gemacht. Das zeigt, dass sich ökologische Verantwortung und städtebauliche Wirkung nicht ausschließen, sondern ergänzen können. … Man sollte dabei nicht nur kurzfristig rechnen - Qualität, Dauerhaftigkeit, gute öffentliche Räume und langlebige Materialien schaffen langfristig einen hohen, nachhaltigen Mehrwert und vermeiden Folgekosten."
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Bühne

In der NZZ erinnert Rico Bandle an den jüdischen Weingroßhändler Ferdinand Rieser, der 1926 das Zürcher Schauspielhaus erwarb, zahlreiche verfolgte Künstler aus Nazi-Deutschland holte und das Schauspielhaus zu einem Zentrum des künstlerischen Widerstands machte. Gewürdigt wird er bis heute nicht, weiß Bandle: Zum einen, weil eine Restitution des Schauspielhaus-Gebäudes, das Rieser 1938 auf der Flucht vor den Nazis verließ, an die Rieser-Erben durchaus thematisiert werden könnte. Zum anderen, weil selbst Schauspieler wie der Kommunist Wolfgang Langhoff, den Rieser aus dem KZ rettete, ihm vorwarfen, ein "kapitalistischer Ausbeuter" zu sein: "In der Langhoff-Biografie von Esther Slevogt (2011) wird die ideologiegetriebene Abneigung der Schauspieler gegenüber ihrem Chef folgendermaßen beschrieben: 'Rieser hatte [. . .] meist nicht nur die von der Fremdenpolizei geforderte Kaution für die von ihm engagierten Schauspieler aufgebracht - allein für Langhoff sind es im Sommer 1934 2000 Franken -, sondern später Schauspieler auch persönlich aus dem Urlaub zurückgeholt, wenn ihre Abschiebung drohte, und sie in seiner Villa untergebracht, bis die Gefahr abgewendet war, was später kaum einer der von ihm geretteten Schauspieler je für erwähnenswert hielt. Stattdessen beteiligten sie sich am Fortschreiben des rufmörderischen Mythos vom kunstfernen, gagenwuchernden Weinhändler.'"

Weitere Artikel: Der Belgier Peter de Caluwe, fast 20 Jahre Intendant in Brüssel, wird Nachfolger des geschassten Intendanten Markus Hinterhäuser bei den Salzburger Festspielen, verkündet Manuel Brug in der Welt. Für die Zeit trifft sich Peter Kümmel mit Nina Hoss, die derzeit acht mal die Woche mit Cate Blanchett im Stück "Electra/Persona" auf der Bühne des Londoner Lyttelton Theatre steht.

Besprochen werden Tobias Kratzers Macbeth-Inszenierung an der Hamburger Staatsoper (Zeit), Anna Bergmanns Inszenierung von Henrik Ibsens "Gespenster" am Theater Basel (FAZ) und eine, wie uns Thomas Wochnik im Tagesspiegel versichert, musikalisch phänomenale Inszenierung von George Gershwins Oper "Porgy und Bess" durch das Londoner Chineke! Orchestra und die Vokalisten der Cape Town Opera an der Berliner Philharmonie.
Archiv: Bühne

Film

Intensiv, aber mit Nuancen: Léa Seydoux in "Gentle Monster"

Marie Kreutzer erzählt in ihrem Film "Gentle Monster" von der erfolgreichen Pianistin Lucy (Léa Seydoux), die aus allen Wolken fällt, als die Polizei vor der Türe steht, weil ihr Ehemann (Laurence Rupp) pornografische Fotos von Kindern besitzt. "Die Kamera begleitet Lucy bei ihrem Versuch, ein Bild vom Vater ihres Kindes zu bekommen, das die Wahrheit enthält und mit dem sie weiterleben kann", schreibt Benjamin Moldenhauer im Perlentaucher. "'Gentle Monster' gelingt es, die verschiedenen Phasen dieses Versuchs, die immer wieder aufs Neue mit eigentlich nicht aushaltbaren Erkenntnissen beginnen, mit großer Genauigkeit zu zeigen und zu erzählen. Das gelingt so gut, weil in Léa Seydoux' Spiel die Intensivierung die Nuancen nicht plattmacht. Die Kamera hilft: weder aufgeregtes Verzweiflungsgeschrei noch Haneke-artige Kühle, sondern ein gleichermaßen analytischer und empathisch-interessierter Blick." Für den Filmdienst spricht Susanne Gietl mit der Regisseurin.

Wie Demokratie in Zeiten erheblicher Angriffe auf sie erzählerisch schützen? Damit befasste sich eine "Krisentagung" der Film- und Fernsehbranche in Köln, berichtet Oliver Jungen in der FAZ. Film- und Fernsehschaffende beklagten dort nicht nur den Verlust "erzählerischer Freiheit, weil in Sendern und Redaktionen alles ängstlich infrage gestellt werde" und Dokumentarfilme sich zunehmend an großen Themen und Prominenten orientieren sollen. "Auch der Zweifel hinsichtlich der Wirksamkeit des demokratischen Erzählens wurde vernehmlicher." Geradezu verzweifelt wirkte etwa "die Produzentin Alice Brauner, Geschäftsführerin der 1946 gegründeten CCC Filmkunst. Ihr Vater Artur Brauner, der große deutsch-jüdische Filmproduzent, habe von seinen über 350 Filmen allein 25 gemacht, die den Opfern des Holocaust gewidmet seien: 'Und am 7. Oktober 2023 musste ich lernen, dass das alles für die Katz war, jeder einzelne Film, darunter 'Hitlerjunge Salomon'.' Dass das Wiederaufflammen des Antisemitismus in Deutschland zusammenfällt mit dem Verschwinden der letzten Zeitzeugen, sei eine besonders bittere Erfahrung." 

Weitere Artikel: Auf ZeitOnline feiert Sinem Kılıç die eben mit sagenhaften 14 Emmys ausgezeichnete Apple-Serie "Widow's Bay", die Horror und Komik verbindet und damit die Gegenwart sehr genau treffe, da sie "von Menschen erzählt, die mit dem Entsetzlichen leben müssen, ohne dass das Leben deshalb aufhört". Als marxistisch grundiertes Gedankenexperiment sehr reizvoll findet Marlen van den Ecker in der FAZ die Serie "Pluribus", die sechs Emmys einholen konnte und von Menschen erzählt, die schlagartig über sämtliches Wissen und sämtliche Fertigkeiten der Menschheit verfügen. Für die NZZ porträtiert Paul Jandl Hanns Zischler. In der SZ erzählt David Steinitz von seinem Treffen mit Zach Cregger, der für die Constantin einen neue "Resident Evil"-Film gedreht hat.

Besprochen werden Anthony Maras' D-Day-Kriegsdrama "Pressure" (taz, Jungle World, Standard), Scott Waughs Actionfilm "Runner" mit Owen Wilson (FR), Dave Greens "Coyote vs. Acme" (FR), die auf Disney+ gezeigte, in Berlin spielende Vampir-Serie "City of Blood" mit Lars Eidinger (Welt), Pauline Roennebergs "Kalter Hund" (FAZ), die fünfte Staffel von "Fauda" (Zeit) und die fünfte Staffel der ARD-Serie "Babylon Berlin" (NZZ).
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Musik

Nachdem die Veranstalter der Welttournee des Schmuse-Popper Ed Sheeran den Rapper Macklemore als Vormusiker wegen "Free Palestine"-Sprüchen auf der Bühne ausgeladen haben, haben aus Protest auch seine anderen Vorgruppen abgesagt. Sheeran möchte sich überhaupt nicht zum Gazakonflikt äußern. Hinter der Absage, schreibt Philipp Bovermann in der SZ, stehe wohl konkret "der Milliardär Robert Kraft, dem das Gillette Stadium in Foxborough, Massachusetts, gehört. ... Dem widersprach Kraft nicht, als er sich am Dienstag gegenüber verschiedenen Medien in einer Stellungnahme äußerte. Die Entscheidung, sagte er, beruhe nicht nur auf diesem einzelnen Auftritt des Rappers, sondern auf 'einer längeren Geschichte antisemitischer Rhetorik und Bildsprache, die unserer Meinung nach für die jüdische Gemeinschaft zutiefst beleidigend und verletzend war'." Ein Auftritt von 2014 in Kostümierung einer antisemitischen Karikatur ist tatsächlich besonders abstoßend, hier ein Artikel der BBC von damals.

Auch in Macklemores jüngerem Schaffen finden sich antisemitische Motive, schreibt Jana Kehl in der NZZ: "Seine Reden und Lieder sind durchzogen von Relativierungen der Shoah, faktischer Parteinahme für die Hamas und antisemitisch gefärbten Verschwörungstheorien. Das bekannteste Beispiel ist das im letzten Jahr veröffentlichte Lied 'Fucked Up'. Im Musikvideo dazu wird eine Dollarnote eingeblendet, die mit einer israelischen Flagge verwoben ist. ... Jüdisches Geld manipuliere Medien und 'Eliten', suggeriert Macklemore mehrfach." Jan Wiele schüttelt in der FAZ den Kopf darüber, dass das "Freihalten eines Popkonzerts von Bekenntniszwang heute nicht nur als außergewöhnlich empfunden wird, sondern als ungehörig, ja skandalös". Den Versuch, Konzerte frei von Politik zu halten, hält Wiele eigentlich sogar für "erfrischend, weil es so unglaublich langweilig und kaum weltverbessernd wäre, wenn Theateraufführungen, Filmfestivals, Buchmessen und sogar Schmusekonzerte nur noch Abschussrampen für Parolen sein sollten."

Weiteres: In der Zeit verwebt Christian Staas das letzte Interview, das John Coltrane gegeben hat, zu einem biografischen Essay über den vor hundert Jahren geborenen Jazzsaxofon-Pionier. Besprochen werden das neue Soloalbum von Farin Urlaub (Standard) und ein Konzert von Anna Lapwood in Frankfurt (FR).
Archiv: Musik