Efeu - Die Kulturrundschau
An Schönheiten herrschte kein Mangel
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.10.2026. Der Deutsche Buchpreis geht in diesem Jahr an Shida Bazyar und ihren Roman "Die Lücken": Ihr ist eine "Neudefinition des Heimat-Romans" gelungen, jubeln Jury und Kritiker gleichermaßen. Die FAZ stellt den russischen Schriftsteller Dmitry Glukhovsky vor, dessen Roman "Die Registrierung" eine heftige Debatte in Russland auslöste. Die taz staunt in Magdeburg über Sean Scullys Schwarz mit gelber Vorgeschichte. Die NZZ feiert in einer Ausstellung in Weil am Rhein den Architekten Geoffrey Bawa als Pionier der tropischen Moderne.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
06.10.2026
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Literatur

Gerrit Bartels ist im Tagesspiegel perplex: Gab es das schon mal, dass mit einer solchen Auszeichnung rundum "alle, die sich mit Literatur beruflich oder einfach privat beschäftigen, ... einverstanden sind"? Und die Autorin hat ja auch wirklich "einen der überragenden Romane dieses Jahres geschrieben". Dies "auch wegen seiner Form, der von Bazyar gewählten kaleidoskopischen, multiperspektivischen Struktur mitsamt einer schon toten Erzählerin". In der Welt ist Richard Kämmerlings der Autorin "zutiefst dankbar". David Hugendick kann auf ZeitOnline mit der Entscheidung gut leben, doch "wäre ein Preis für Valeria Gordeev sicher die mutigere, auch die spektakuläre Entscheidung gewesen".
Noch vor der Auszeichnung sprach Adrian Schulz für den Tagesspiegel mit Bazyar: Unter anderem geht es darum, dass Bazyars Eltern aus dem Iran in Hermeskeil unterkommen konnten, dem Ort also, der in ihrem Roman zum fiktiven Heimesbach wurde. "Dieses Recht auf politisches Asyl ist eine direkte Folge der NS-Zeit. Deutschland hat aus seiner Geschichte gelernt und das Asylrecht ins Grundgesetz aufgenommen. Ich merke manchmal, dass ich mich schuldig fühle gegenüber den Überlebenden und den Familien der Ermordeten. Ich habe keine Schuld, aber ich denke, das ist alles so falsch. Es ist falsch, dass sie von hier vertrieben oder deportiert wurden, es ist falsch, dass meine Eltern kommen mussten. Alles daran ist falsch, aber wir sind darüber verbunden." Im Dlf Kultur spricht Vladimir Balzer mit Bazyar.
Der russische Exil-Schriftsteller Dmitry Glukhovsky hat mit "Die Registrierung" den "ersten russischen Roman über die vom andauernden Krieg und den Repressionen deformierte Gesellschaft seines Heimatlandes geschrieben", schreibt Kerstin Holm in der FAZ. Da der Autor das Buch selbst gratis ins Netz gestellt hat, ist die Debatte in Russland im vollen Gang: Der Autor schildert, wie dieser Krieg auch die "Russen, die fern vom Frontgeschehen leben, in Unmenschen verwandelt. Der Schachspieler und Oppositionspolitiker Garri Kasparow und der Soziologe und Journalist Konstantin Gaase, die beide finden, alle in Russland gebliebenen Menschen seien prinzipiell mitschuldig am Krieg, stimmen diesem Befund emphatisch zu. Der Literaturkritiker Gleb Morew bezweifelt freilich, dass ein Autor wie Glukhovsky, der schon lange nicht mehr in Russland lebt, die russische Gesellschaft adäquat schildern könne. Der Filmkritiker Anton Dolin hält dem entgegen, in Russland könne man dergleichen Bücher allenfalls für die Schublade schreiben. Daher sei es für einen Autor, der sich in der Emigration frei äußern könne, ein moralischer Imperativ, solch einen Text zu verfassen."

Besprochen werden unter anderem Valeria Gordeevs "Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle" (Standard), Hendrik Bolz' "Aus Ruinen" (taz), die Autobiografie der iranischen Bürgerrechtlerin Narges Mohammadi (NZZ) sowie Annie Ernauxs und Marc Maries "Auf den Bildern" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Architektur

Einen "Glücksfund ungeahnter Entdeckungen" macht Gabriele Detterer für die NZZ im Vitra Design Museum in Weil am Rhein mit der Ausstellung "Geoffrey Bawa. Architekt für die Sinne". Geoffrey Bawa, "Pionier der tropischen Moderne", wurde 1919 auf Sri Lanka, damals Ceylon, geboren, weiß die Kritikerin. Bawa entwarf Bauten, die nicht nur modern waren, sondern auch den speziellen Wetterbedingungen in seiner Heimat standhielten, wie zum Beispiel dem starken Monsunregen. "Legendär" waren vor allem seine Hotelbauten, so die Kritikerin. Sein Prinzip lautete "Bauplatz und Landschaft vor der ersten Planungsidee genau zu erkunden, um die Architektur in die Topografie einzufügen. Dies galt auch für seine späten Entwürfe wie etwa den Hotelkomplex Kandalama (1991-1994). Hoch über einem See windet sich die Anlage um Felsenwände oder überdacht diese mit Terrassen. Üppige Flora umschlingt die Fassade und generiert einen kühlenden Effekt. Das großartige Bentota Beach Hotel (1966-1969) entstand im Rahmen der staatlichen Förderung des Tourismus, die in Sri Lanka in jenen Jahren ihren Anfang nahm. Der Entwurf der Hotelanlage erinnert an Corbusiers Klosteranlage La Tourette."
Musik
Kazuki Yamada hat sein erstes offizielles Konzert als neuer Leiter des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin gegeben. Clemens Haustein von der FAZ ging mit vielen Fragen nach Hause: "Was Yamada (...) bei Edvard Griegs Klavierkonzert wie bei Claude Debussys 'La Mer' zunächst vermitteln möchte, ist die lächelnde Lust am Musizieren. Nichts soll beschweren, nichts die Lust mindern. Aber ist das wirklich der goldene Weg? Steckt im zweiten Satz von Griegs Klavierkonzert neben blanker Schönheit nicht auch tiefe Melancholie? Ist 'La Mer' bei allem Hin und Her energetischer Ströme, von denen sich Yamada treiben lässt wie ein froh gelaunter Schiffer, nicht auch ein überwältigend kunstreiches Mosaik pointilistisch anmutender Einzelereignisse?"
Deutlich beschwingter verließ VAN-Kritiker Albrecht Selge den Saal: Bei Debussy etwa lässt Yamada "musikalische Farben leuchten, enorm ist die innere Anspannung zwischen Andacht und Erhabenheit, bestechend das Flirren der Holzbläser im zweiten Satz. Doch am deutlichsten betont Yamada in dieser Musik die Bewegungsenergie. Soweit sich das hörend beobachten lässt, herrscht hohes Einvernehmen zwischen dem Orchester und seinem neuen Chef. Deutlich spürbar ist die gegenseitige Begeisterungsfähigkeit. Von 'Aufbruch' ist viel zu hören an diesem Abend. Wohin genau die Reise des Orchesters mit Yamada, der zuvor erst zweimal beim DSO dirigierte, führen wird, scheint abseits dieser Begeisterung noch nicht ganz klar."
Außerdem: Linus Volkmann blickt im Kaput-Talk gemeinsam mit Rocko Schamoni auf dessen Leben und Werk zurück. Ann Toma-Toader berichtet in der taz vom Aggregate Festival in Berlin, bei dem klassische Kirchenorgeln via MIDI-Modifikation elektronisch gespielt werden.
Besprochen werden ein von Anja Biehlmaier dirigiertes Konzert des BBC Philharmonic Orchestra in Frankfurt (FR), neue, avancierte Rockmusik, darunter das Livealbum "Newly Sentient Being" der Swans (Standard), und eine neue Luxus-Ausgabe des Beatles-Album "Rubber Soul" mit einem Stereo-Upmix des Albums und zahlreichen Outtakes (NZZ).
Deutlich beschwingter verließ VAN-Kritiker Albrecht Selge den Saal: Bei Debussy etwa lässt Yamada "musikalische Farben leuchten, enorm ist die innere Anspannung zwischen Andacht und Erhabenheit, bestechend das Flirren der Holzbläser im zweiten Satz. Doch am deutlichsten betont Yamada in dieser Musik die Bewegungsenergie. Soweit sich das hörend beobachten lässt, herrscht hohes Einvernehmen zwischen dem Orchester und seinem neuen Chef. Deutlich spürbar ist die gegenseitige Begeisterungsfähigkeit. Von 'Aufbruch' ist viel zu hören an diesem Abend. Wohin genau die Reise des Orchesters mit Yamada, der zuvor erst zweimal beim DSO dirigierte, führen wird, scheint abseits dieser Begeisterung noch nicht ganz klar."
Außerdem: Linus Volkmann blickt im Kaput-Talk gemeinsam mit Rocko Schamoni auf dessen Leben und Werk zurück. Ann Toma-Toader berichtet in der taz vom Aggregate Festival in Berlin, bei dem klassische Kirchenorgeln via MIDI-Modifikation elektronisch gespielt werden.
Besprochen werden ein von Anja Biehlmaier dirigiertes Konzert des BBC Philharmonic Orchestra in Frankfurt (FR), neue, avancierte Rockmusik, darunter das Livealbum "Newly Sentient Being" der Swans (Standard), und eine neue Luxus-Ausgabe des Beatles-Album "Rubber Soul" mit einem Stereo-Upmix des Albums und zahlreichen Outtakes (NZZ).
Kunst

Bettina Maria Brosowsky findet in der taz gar nicht genug Lobesworte für die abstrakte Malerei des irischen Künstlers Sean Scully, die das Kunstmuseum Magdeburg in der Ausstellung "Lines of Emotion" zeigt: "Vielschichtig, tiefgründig, humorvoll" und "intellektuell fordernd" sind Scullys Werke, schwärmt die Kritikerin, die unter anderem von den circa vier Meter langen Tryptichen der Bilder-Serie "Dorics" fasziniert ist: "Sie zeigen verschachtelte, horizontal und vertikal ausgerichtete Blöcke aus Farbfeldern, die für ihn die Proportionen und Materialität griechischer Architekturen widerspiegeln." Die "Farben entwickeln sich erst im Licht, im Raum und aus ihrer Entstehung. Ein Schwarz etwa, das über ein Gelb aufgetragen wird, kann nie ein vollkommenes Schwarz werden. Es bleibt immer ein Schwarz mit gelber Vorgeschichte. Eine direkt physisch spürbare Intensität geht von den Arbeiten aus, man geht magisch angezogen vor ihnen auf und ab, lässt die Tonwerte, Texturen und besonders die Komposition auf sich wirken. Diese lässt waage- und senkrechte Begrenzungslinien, ohnehin offengehalten und den Untergrund durchblitzen lassend, nie plump aufeinander einrasten. Immer sorgt der minimale Versatz für leichte Irritationen."
In der Welt freut sich Marcus Woeller, dass die Stadt Hamburg zum 250. Geburtstag des Frühromantikers Philipp Otto Runge ein berühmtes Porträt von dessen Bruder erstanden hat. Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Kreuzberg: Kunst und Migration seit 1960" im Gropius Bau Berlin (SZ), "Sabine Moritz: Rot Gelb Blau Staub" in der Galerie Max Hetzler in den Mercator Höfen in Berlin (Tsp) und die Ausstellung "Krasner and Pollock: Past Continuous" im Metropolitan Museum of Art in New York (Welt).
Bühne
In der FAZ ist Irene Bazinger enttäuscht von der Saisoneröffnung der Berliner Volksbühne unter anderem mit Florentina Holzingers Performance "House Wash" (bei der zur Abwechslung niemand in Ohnmacht fiel) und Anta Helena Reckes Inszenierung von "Perfection" nach einem Roman von Vincenzo Latronico (eher einfallslos, findet Bazinger). Ebenfalls in der FAZ befürchtet Hubert Spiegel die Schließung des Bonner Schauspiels aufgrund von Sparmaßnahmen. Besprochen werden Tim Plegges Tanzstück "Orlando" nach Virginia Woolfs Roman im Theater Heidelberg (FR), Erik Raskopfs Inszenierung von Wagners "Lohengrin" am Staatstheater Mainz (FR) und Joachim Gottfried Gollers Inszenierung von Miram Leschs "Ein Stück Land" am Staatstheater Oldenburg (taz)
Film
Jan Wiele spricht in der FAZ kurz und bündig mit Aaron Sorkin über dessen neuen Facebook-Film "The Social Reckoning", an dem er trotz erhobenem Zeigefinger von Zuckerbergs Anwälten nach Durchsicht durch die eigenen Anwälte "gar nicht viel ändern musste, ein paar Zeilen vielleicht, nichts, was mich verärgert hätte". Besprochen werden Ulrike Frankes und Michael Loekens Dokumentarfilm "Watching People Watching Birds" (taz), Michael Showalters Erotikthriller "Verity" (NZZ, unsere Kritik) und Aaron Lehmanns Verfilmung von Daniela Dröschers Roman "Lügen über meine Mutter" (FAZ).
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