Efeu - Die Kulturrundschau
Mit entwaffnender Zärtlichkeit
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03.03.2026. Was früher Charlie Parker in der Musik leistete, könnte heute die KI übernehmen, ist Gitarrist Pat Metheny in der SZ überzeugt. Tricia Tuttle hält an ihrem Posten als Berlinale-Leiterin fest, verrät sie nicht etwa den Feuilletons, sondern der dpa. SZ und NZZ feiern den Tabubrecher Gustave Courbet in Wien. Die FR schaudert genussvoll in George Benjamins Oper "Written on Skin" beim Anblick einer Frau, die unwissentlich das Herz ihres Liebhabers verzehrt. Die Welt verliebt sich in die dem Tastsinn schmeichelnden ökologischen Bauten Anupama Kundoos.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
03.03.2026
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Musik
Der Jazzgitarrist Pat Metheny erweist sich im SZ-Gespräch mit Andrian Kreye als erfrischender KI-Enthusiast. Wer vor KI in der Musik Angst hat, habe nur Angst um seine Platzierung in den Charts, meint er - für Leute aus seiner Welt sei also eh nichts zu verlieren. KI "könnte den kulturellen Mittelweg verändern, auf dem sich der Großteil der Popmusik bewegt. Ich hoffe, dass die Leute davon einfach gelangweilt sein werden, weil KI das besser kann als die meisten dieser Leute. Die Leute werden draufkommen, dass man sich etwas anderes einfallen lassen muss. So etwas Ähnliches ist in unserer Welt aber immer wieder passiert. Es gab in den vierziger Jahren all diese Musik, die sich immer wieder aufs Neue wiederholte und dann kam Charlie Parker und veränderte alles." Und "jedes Mal, wenn man sich mit KI beschäftigt, wird man von dem, was passiert, überrascht. Aber nur wenn man weiß, wie Musik funktioniert. Sonst klingt das wahrscheinlich albern. Aber wenn man versteht, was in all dem wirklich Cooles steckt, entdeckt man die neuen Möglichkeiten, die sie in den Harmonien, den Melodien, den Rhythmen finden."
In der NZZ porträtiert Jonathan Fischer den als Kind von Adoptiveltern aus dem liberianischen Bürgerkrieg in die USA gebrachten Folksänger Mon Rovia, dessen Protestsongs "ohne geballte Faust" auskommen. "Hier begegnet einer all der Wut und Angst mit entwaffnender Zärtlichkeit". Er "ist nicht der Erste, der auf der Suche nach den Wurzeln von Folk und Country beim Blues landet; herausgefunden hat er überdies, dass auch die String-Music in den Appalachen von afrikanischen Sklaven und ihren Nachkommen geprägt wurde. 'Ich merkte, dass man diese Musik über die Zeit weißgewaschen hatte; trotzdem trug sie viel bei zu meiner Selbstfindung und Heilung.' Von Schmerz und Heilung handelt auch Mon Rovias bekanntester Song, 'Crooked the Road'. Der Refrain hat eine unwiderstehliche Macht, einen angesichts der täglichen Hiobsnachrichten zu beruhigen wie ein warmer Tee. Es geht um das Zusammenstehen in schweren Zeiten."
Besprochen werden Mitskis Album "Nothing's About to Happen to Me" ("mitreißend und wunderbar anzuhören", freut sich Helene Slancar im Standard, bei Byte.FM ist es das Album der Woche), ein Konzert von Anne-Sophie Mutter in Frankfurt (FR), ein Jazzabend mit Jakob Manz in Frankfurt (FR) und neue Popalben, darunter "We Are Together Again" von Bonnie "Prince" Billy ("herzerwärmend", freut sich Christian Schachinger im Standard).
In der NZZ porträtiert Jonathan Fischer den als Kind von Adoptiveltern aus dem liberianischen Bürgerkrieg in die USA gebrachten Folksänger Mon Rovia, dessen Protestsongs "ohne geballte Faust" auskommen. "Hier begegnet einer all der Wut und Angst mit entwaffnender Zärtlichkeit". Er "ist nicht der Erste, der auf der Suche nach den Wurzeln von Folk und Country beim Blues landet; herausgefunden hat er überdies, dass auch die String-Music in den Appalachen von afrikanischen Sklaven und ihren Nachkommen geprägt wurde. 'Ich merkte, dass man diese Musik über die Zeit weißgewaschen hatte; trotzdem trug sie viel bei zu meiner Selbstfindung und Heilung.' Von Schmerz und Heilung handelt auch Mon Rovias bekanntester Song, 'Crooked the Road'. Der Refrain hat eine unwiderstehliche Macht, einen angesichts der täglichen Hiobsnachrichten zu beruhigen wie ein warmer Tee. Es geht um das Zusammenstehen in schweren Zeiten."
Besprochen werden Mitskis Album "Nothing's About to Happen to Me" ("mitreißend und wunderbar anzuhören", freut sich Helene Slancar im Standard, bei Byte.FM ist es das Album der Woche), ein Konzert von Anne-Sophie Mutter in Frankfurt (FR), ein Jazzabend mit Jakob Manz in Frankfurt (FR) und neue Popalben, darunter "We Are Together Again" von Bonnie "Prince" Billy ("herzerwärmend", freut sich Christian Schachinger im Standard).
Film
Tricia Tuttle will an ihrem Posten als Berlinale-Leiterin festhalten. Das meldet die dpa, die ein Gespräch mit Tuttle geführt hat, das sich bei AOL.de in voller Länge findet (und ein Paradebeispiel für "schönstes", mehrfach autorisiertes Pressemitteilungsdeutsch ist). Den von Bild im Vorfeld gestreuten Gerüchten, Kulturstaatsminister Wolfram Weimer wollte sie absägen, erteilt sie eine klare Absage: "Ich habe keine solche Signale erhalten. ... Als ich am Dienstagabend mit dem Staatsminister sprach, stellte ich mir die Frage, ob ich in einem Umfeld, in dem meine Führungsrolle und die Integrität der Berlinale öffentlich ernsthaft in Zweifel gezogen wurden, weiterhin effektiv arbeiten könnte. Wir diskutierten die Möglichkeit meiner einvernehmlichen Kündigung. ... Die breite Resonanz unterstrich, dass es in der Debatte nicht um eine einzelne Preisverleihung, eine Festivalwoche oder eine Person ging, sondern um das allgemeine Prinzip, dass kulturelle Einrichtungen darauf vertrauen können müssen, innerhalb demokratischer und rechtlicher Rahmenbedingungen agieren zu können."
Ist es nicht seltsam, über welche Medien Tuttle und Weimer in dieser Debatte an die Öffentlichkeit herantreten? In der Rheinischen Post sprach Weimer kürzlich mit Blick auf "Aktivisten-Aggressivität" davon, dass "über den Verhaltenskodex, die personelle Formation und organisatorische Fragen der Berlinale" zu diskutieren sei, "damit solche Vorkommnisse und Aktionen künftig unterbleiben". Einen solchen Verhaltenskodex gibt es längst und er ist geradezu erschöpfend detailreich durchformuliert, kommentiert Tobias Timm auf Zeit Online. "Was also möchte Wolfram Weimer bei der Berlinale bitte noch durchregeln?" Was der Regisseur Abdallah Alkhatib auf seiner Dankesrede sagte, mag diskussionswürdig sein - aber an sich legal. "Wie genau also soll ein Verhaltenskodex aussehen, der eine solche freie Meinungsäußerung auf einer Preisverleihung verbietet? Darf in Dankesreden die Regierung nicht mehr kritisiert werden?" (Soll sie unbedingt, aber es ist schon erstaunlich, wie schnell die jetzigen Verteidiger der Meinungsfreiheit vergessen haben, dass die ganze Debatte mit einem Boykottaufruf gegen israelische (und dann auch schnell jüdische) Künstler losging.)
Besprochen wird eine Andrzej-Wajda-Ausstellung im Filmmuseum Düsseldorf (FD).
Ist es nicht seltsam, über welche Medien Tuttle und Weimer in dieser Debatte an die Öffentlichkeit herantreten? In der Rheinischen Post sprach Weimer kürzlich mit Blick auf "Aktivisten-Aggressivität" davon, dass "über den Verhaltenskodex, die personelle Formation und organisatorische Fragen der Berlinale" zu diskutieren sei, "damit solche Vorkommnisse und Aktionen künftig unterbleiben". Einen solchen Verhaltenskodex gibt es längst und er ist geradezu erschöpfend detailreich durchformuliert, kommentiert Tobias Timm auf Zeit Online. "Was also möchte Wolfram Weimer bei der Berlinale bitte noch durchregeln?" Was der Regisseur Abdallah Alkhatib auf seiner Dankesrede sagte, mag diskussionswürdig sein - aber an sich legal. "Wie genau also soll ein Verhaltenskodex aussehen, der eine solche freie Meinungsäußerung auf einer Preisverleihung verbietet? Darf in Dankesreden die Regierung nicht mehr kritisiert werden?" (Soll sie unbedingt, aber es ist schon erstaunlich, wie schnell die jetzigen Verteidiger der Meinungsfreiheit vergessen haben, dass die ganze Debatte mit einem Boykottaufruf gegen israelische (und dann auch schnell jüdische) Künstler losging.)
Besprochen wird eine Andrzej-Wajda-Ausstellung im Filmmuseum Düsseldorf (FD).
Kunst

Gustave Courbet liebte es, Tabus zu brechen, und zwar nicht nur mit seinem Gemälde "L'Origine du monde", das natürlich in der großen Courbet-Ausstellung "Realist und Rebell" im Wiener Leopold-Museum nicht fehlen darf, weiß Johanna Adorjan (SZ). Auch mit anderen Motiven provozierte er: "So malte er zum Beispiel Straßenarbeiter, ein Sujet, das man damals als unpassend für die Kunst empfand - zu erbärmlich, zu ärmlich. Gerade das reizte Courbet. Als er sie am Straßenrand gesehen habe, hätte er sofort das Bild vor Augen gehabt, schrieb er an einen Freund: 'Einen vollkommeneren Ausdruck von Elend kann man sich kaum vorstellen.' Er lud die Arbeiter in sein Atelier ein und porträtierte sie dort kniend und hämmernd. Außerdem blies er Alltagsszenen, auf denen einfache Leute zu sehen waren, zu Formaten auf, die bislang der Historienmalerei vorbehalten gewesen waren. Als monumentalen Schnappschuss malte er etwa, wie ein Freund seinem Vater und anderen Freunden nach dem Abendessen noch was auf der Geige vorspielt."
In der NZZ geht Philipp Meier noch näher auf Courbets Gemälde "Ursprung der Welt" ein. "Courbet war bestrebt, eine 'ganz und gar physische Sprache' zu sprechen, wie er in einem Brief formulierte. Dennoch vulgarisiert sein Skandalwerk nichts. Courbet gibt das Organ anatomisch nicht bis ins Detail wieder. Deswegen wirkt seine Darstellungsweise nicht pornografisch. Dafür gelingt es Courbet, mit seiner freimütigen Veranschaulichung unverblümter, profaner Leiblichkeit das weibliche Geschlechtsteil in seiner Doppelnatur zu erfassen: nicht nur als Organ der Sexualität, sondern auch als solches von Fortpflanzung und Geburt. Es verweist auf den Zusammenhang zwischen der Erotik und dem Zyklus von Leben und Tod."
Weiteres: 1960 wurde das Gemälde die "Die Vision des Zacharias im Tempel" Rembrandt aberkannt, nun ist es nach einer chemischen Analyse der Farben rehabilitiert worden und wieder im Amsterdamer Rijksmuseum zu sehen, meldet unter anderem Andreas Platthaus in der FAZ. Besprochen wird die Ausstellung Giulia Andreanis Hamburger Bahnhof ("intellektuell herausfordernd, kämpferisch und feministisch", freut sich Nicola Kuhn im Tsp).
Architektur

Das ökologische, ressourcenschonende Bauen der indischen Architektin Anupama Kundoo, das derzeit in der Ausstellung "Reichtum statt Kapital" im Wiener Architekturzentrum gezeigt wird, schätzt Dankwart Guratzsch (Welt) durchaus. Aber sind die Gestelle aus Holz und aus Lochblechen überhaupt Architektur, fragt er sich: "Die Häuser sind frei von dem, was für unsereinen erst Wohnlichkeit ausmacht, frei von Möbeln, Bücherschränken, Nippes. Sie sind Exoten. Sie lassen sich selbst als ein Stück Natur lesen, so wie sie auch aus Materialien der jeweiligen unmittelbaren Umgebung errichtet sind. (…) Sie geben sich als Ingenieurbauwerke erst auf den zweiten Blick zu erkennen. Sie meiden Gleichförmigkeit und gedankenlose Standardisierung, setzen auf Handarbeit und natürliche Materialien, die den Augen und dem Tastsinn schmeicheln. In ihren gelungensten Beispielen (wie dem immer wieder abgebildeten Wall House im indischen Auroville) überraschen sie mit hohen, weiten Räumen, die Reichtum entfalten, wo Einfachheit ist."
Literatur
Die SZ gibt Literaturtipps, um die Lage in Iran besser zu verstehen. Beim fünftägigen Kölner Literaturfestival "Kindly invited" ging es um Fragen, wie sich Literaturveranstaltungen für die Zukunft neu aufstellen und erweitern lassen, berichtet Jan Wiele in der FAZ. In der FR erinnert Arno Widmann an den 2003 verstorbenen Feuilletonisten Heinz Knobloch, der heute hundert Jahre alt geworden wäre. Nina Schieben hat für die SZ den Fantasy-Ball in München besucht, wo sich die Romantasy-Novel-Szene in Kostümen ein Stelldichein gab.
Besprochen werden unter anderem Ken Keseys "Seemannslied" (taz), Stefan Hertmans' "Dius" (FR), Maja Iskras "Uppercut" (online nachgereicht von der Welt), Volker Reinhardts "Rousseau. Auf der Suche nach der verlorenen Natur" und Colleen Hoovers Erotik-Thriller "Woman Down" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Besprochen werden unter anderem Ken Keseys "Seemannslied" (taz), Stefan Hertmans' "Dius" (FR), Maja Iskras "Uppercut" (online nachgereicht von der Welt), Volker Reinhardts "Rousseau. Auf der Suche nach der verlorenen Natur" und Colleen Hoovers Erotik-Thriller "Woman Down" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Bühne

George Benjamins Oper "Written on Skin", 2012 in Aix-en-Provence uraufgeführt, ist die bisher erfolgreichste neue Oper des 21. Jahrhunderts, weiß Judith von Sternburg (FR). Dabei ist die Handlung "brachial", so Sternburg: Ein Ehemann, "The Protector", tötet den Liebhaber seiner Frau Agnes und setzt dieser dessen Herz zum Essen vor, zudem bringen drei Engel Unglück ins Haus. Der Inszenierung von Tatjana Gürbaca an der Oper Frankfurt kann sich die Kritikerin dennoch keine Sekunde entziehen: "Die schaurige Szene des Herzverzehrs gestaltet Gürbaca in extremer Enge, näher kommen sich 'The Protector' und Agnès nie. Als das Unglück geschehen ist, kommen die Engel noch einmal in barockisierendem Tüll und Taft und mit selbst gebastelten schwarzen Masken auf die Bühne. Zeigen sie sich jetzt doch als Himmlische? Mehr Intensität bei größerer Offenheit und Vagheit ist nicht zu haben als in dieser so exzellent ausgestatteten wie mit faszinierenden Charakteren belebten Inszenierung. Das Gewalttätige schlägt sich in der Musik subtil nieder." Auch FAZ-Kritiker Wolfgang Fuhrmann ist hingerissen.
Zumindest das Kuratorium der Salzburger Festspiele ist sich nach einer fünfstündigen Sitzung einig: Sie wollen den Intendanten Markus Hinterhäuser loswerden (unsere Resümees), meldet Manuel Brug fassungslos in der Welt. Hinterhäuser kann nun entscheiden, ob er sofort nach dem Sommer oder nach Vertragsende geht: "Man lässt jetzt Hinterhäuser trotz seiner unbestrittenen, jahrzehntelangen Verdienste ungerührt über die kulturpolitische Klinge springen. So hat man es in Salzburg, diesem schillernden Amalgam aus Weltkultur und Provinz, metropolitanem Flair und Mauschelei, schon immer gehalten. Denn im längst aus der Zeit gefallenen Kuratorium sitzen nur Politiker (drei vom Bund, die Landeshauptfrau, der Bürgermeister, ein Touristikvertreter und der ambitionierte Mozarteum-Chef) und die kegeln, hoppla, gern die Salzburg-Chefs weg."
Besprochen werden Lilli-Hannah Hoepners Inszenierung von Heiner Müllers "Die Hamletmaschine" am Staatstheater Augsburg (nachtkritik, taz) und Ted Huffmans Inszenierung von Leos Janaceks "Das schlaue Füchslein" an der Berliner Staatsoper (taz).
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