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14.02.2026. Gesinnungsprüfung zum Gazakrieg bei der Berlinale: Braucht das jemand, fragt die SZ. Für Iraner interessiert sich dagegen keine Sau. Auch nicht für die Forderungen nach elementaren Freiheiten in Afghanistan, wie monopol in einer Ausstellung der afghanische Künstlerin KIMIA notiert. In der FAS wundert sich Ronya Othmann über die positive deutsche Resonanz auf die Buchmesse in Damaskus: die dschihadistische Literatur dort ist niemandem aufgefallen? Endlich mal wieder Kontroverse, freut sich die Welt, wenn Milo Rau bei den Hamburger Lessing-Tagen in einem "Prozess gegen Deutschland" ein AfD-Verbot diskutiert lässt.
Die indische Autorin ArundhatiRoy hat ihren Besuch bei der Berlinale abgesagt und beruft sich dabei auf die Jury-Pressekonferenz, in der Podcaster Tilo Jung den Jurypräsidenten WimWenders mit gesinnungsprüferischen Fragen nach der Solidarität mit Gaza aufs Glatteis geführt hat. Dessen vielleicht ungelenk formuliertes, aber absolut diskutables Plädoyer gegen ein Flugblatt-KinoderpolitischenParolen und für ein Kino der Empathie, wird ihm nun von den üblichen Social-Media-Protagonisten willentlich übel ausgelegt, um einen Skandal herbeizuführen.
"Nun steht das Festival also mal wieder da, wo die Leiterin Tricia Tuttle, es genau nicht haben wollte: zwischen den Fronten des Nahostkonflikts", schreiben dazu Kathleen Hildebrand und David Steinitz in der SZ. "Auf beiden Seiten finden sich gute Argumente genauso wie hanebüchener, menschenverachtender Irrsinn. Was aber ebenfalls etwas irrsinnig ist: Die Pressekonferenzen eines großen Filmfestivals zu Gesinnungsprüfungen umzuwidmen, bei denen mal mehr, mal weniger bekannte Stars bekennen müssen, wen sie unterstützen."
Das Forum Expanded meldet derweil, dass das ägyptische Filmarchiv "Cimatheque" die Filme "Sad Song of Touha" von AtteyatAlAbnoudy and "The Dislocation of Amber" von HusseinShariffe aus dem Programm abgezogen hat. Gründe dafür nennt die Sektion keine. Die Cimatheque begründet ihr Vorgehen auf Instagram damit, dass sie einem Aufruf des Palestine Film Institute Folge leistet, das in typischer Manier den internationalen Total-Boykott des Festivals fordert.
Özgü Namal (li.) und Tansu Bicer in "Gelbe Briefe". Im Hintergrund: Hamburg als Istanbul. Aber es laufen ja auch Filme auf dem Festival: İlkerÇataks Wettbewerbsfilm "Gelbe Briefe" erzählt von einem türkischen Ehepaar aus dem Kulturbetrieb Ankaras: Er Theaterautor und Professor, sie gefeierte Schauspielerin in seinen Stücken - beide eher links als linksliberal. Schon kleinste Anlässe - ein paar kritische Social-Media-Posts, die Weigerung eines gemeinsamen Fotos - sorgen dafür, dass beide in Ungnade der Politik fallen und mit Repressalien um ihre Existenz gebracht werden. Der Clou: Der Film inszeniert bewusst und ausgestellt Berlin als Ankara und Hamburg als Istanbul. Es handelt sich um eine "exemplarisch angelegte Erzählung über dieZermürbungstaktikenautoritärerSysteme", hält Arabella Wintermayr in der taz fest.
FR-Kritiker Daniel Kothenschulte feiert das Schauspielduo ÖzguNamal und TansuBiçer. Ihm zeigt der Film, "was politisches Kino im besten Sinne leistet: Es lässt erleben und erfühlen, was Statistiken nicht mitteilen. Çatak macht deutlich, wie zerbrechlich sich gerade die mühevoll erarbeiteten Karrieren in Kunst und Wissenschaft erweisen, wenn ein als sicher geglaubter rechtsstaatlicher Schutz entzogen wird." David Steinitz (SZ) sieht in dem Film bereits einen Kandidaten für den Goldenen Bären und hat außerdem mit dem Regisseur gesprochen: "Zwischen 2016 und 2019 wurden um die 2000 Menschen aus Kunst und Wissenschaft entlassen und angeklagt, weil sie eine Friedenspetition unterschrieben hatten", erfahren wir von Çatak. "Das waren richtiggehende Säuberungen."
Kunst als Krankheit: "Everybody Digs Bill Evans" im Berlinale-Wettbewerb Mit "Everybody Digs Bill Evans" wirft der britische Regisseur GrantGee im Berlinale-Wettbewerb Schlaglichter auf zentrale Krisenmomente im Leben des legendären Jazzpianisten: Todesfälle, Heroinsucht, Familiengeschichten. Der Film "leidet an einer Krankheit, die ihn daran hindert, ins Erzählen zu kommen. Und diese Krankheit heißt Kunst", schreibt Andreas Kilb in der FAZ. Gee "taucht seinen Film in edelstes Schwarzweiß, baut Kulissen von perfekt aufgeräumter Tristesse und illustriert die Drogenräusche seines Helden mit avantgardistischen Bild-Exzessen, deren sich ein Buñuel oder Dalí nicht hätten zu schämen brauchen. Es hilft nur nichts: Die Geschichte kommt nicht vom Fleck, sie hängt einen Stehdialog an den anderen, und die wilden Sechzigerjahre sehen bei Grant Gee wie ein in Formalin konserviertes Museumsstück aus."
Weiteres von der Berlinale: Pavao Vlajcic resümiert auf critic.de die erstenFestivaltage. Die dreiHorrorkomödien im Berlinale-Programm - YusukeIwasakis "AnyMart" aus Japan, sowie JokoAnwars "Ghost in the Cell" und Edwins "Monster Pabrik Rambut", die beide aus Indonesien kommen - erzählen "von gesellschaftlichen Missständen wie Entfremdung, Korruption oder Ausbeutung, das bloß aufdrastischeWeise", schreibt Tim Caspar Boehme in der taz. Jörg Gerle (FD) und Valerie Dirk (Standard) resümieren die Eröffnungsgala des Festivals. Aus dem Festivalprogramm besprochen werden KaiStänickes "Der Heimatlose" (Tsp, taz), ShahrbanooSadats Eröffnungsfilm "No Good Men" (critic.de, Intellectures) und der Charli-XCX-Film "The Moment" (WamS). Das Artechock-Team berichtet mit Updates vom Festival. Cargosendet wieder SMS vom Festival. Und der Kritikerspiegel von critic.de ist unverzichtbar für den schnellen Überblick.
Abseits der Berlinale: Sandra Kegel spricht in der FAZ mit dem Filmproduzenten MartinMoszkowicz unter anderem über die Krisen des Gegenwartskinos. Tobias Sedlmaier denkt in der NZZ über die Geschichte des Kusses auf der Leinwand nach. Besprochen wird Sönke Wortmanns "Die Ältern" (Standard, unsere Kritik).
In monopolstellt Katharina Cichosch die afghanische Künstlerin KIMIA vor, die derzeit im Schauraum Nürtingen ihre Arbeiten ausstellt. Zu sehen sind "digitale Zeichnungen und Videoarbeiten sowie Reproduktionen von Leinwänden, die KIMIA auf ihrer Flucht aus Afghanistan nicht mitnehmen konnte. In einem Mail-Interview berichtet sie, wie mit der Unfreiheit von Frauen und Mädchen auch andere unfrei werden - zum Beispiel männliche Künstler. Angesichts der repressiven Umstände, unter denen diese Werke entstehen, ließen sie sich als Punk begreifen - mit dem entscheidenden Unterschied, dass man als Punk im Vereinigten Königreich oder in der BRD der 1970er- und 80er-Jahre nicht annähernd riskierte, was Künstlerinnen und Künstler heute riskieren, wenn sie in Afghanistan malen und zeichnen. ... Afghaninnen haben keine große Lobby. Mit Forderungen nach elementaren Freiheiten passen sie offenbar weder in westlich-akademische Diskurse noch in aktuelle politische Prioritäten. Einige afghanische Künstlerinnen jedoch, wie die in Paris lebende Malerin Kubra Khademi, rücken die Frauen und Mädchen mit ihren Arbeiten mit voller Wucht in den Fokus."
Die Malerin Jill Mulleady hat in der Galerie Sprüth Magers in Los Angeles die Gruppenschau "Horror" mitkuratiert. 31 Künstler sind daran beteiligt. Im Interview mit monopol erzählt sie, was sie inspiriert hat: "Vor dem Hintergrund der politischen Situation in Amerika begann ich darüber nachzudenken, wie Horror zuerst als Filmgenre in Deutschland entstand, vor allem im Expressionismus - aber auch in der Malerei. Das war während des Aufstiegs der Nazi-Ära. Dennoch kommentierten diese Filme und andere Werke den Nationalsozialismus nicht direkt. Sie kanalisierten eher Kräfte, die bereits in der Luft lagen. Dieselben Energien manifestierten sich gleichzeitig im Kino, in der Kunst und in der Politik. ... Für mich ist Film heute das vitalste Medium, weil er wie ein kollektives Nervensystem funktioniert. Zeitgenössische Filmemacher wie Jonathan Glazer und Mati Diop erzählen nicht mehr nur Geschichten - sie fangen die atmosphärischen Spannungen ein, die unsere Gegenwart prägen."
Besprochen werden außerdem die Ausstellungen "Paula Modersohn-Becker und Edvard Munch - Die großen Fragen des Lebens" im Dresdner Albertinum (in der FAZ findet Andreas Platthaus die Ausstellung wenig mutig: "Es ist, als scheute man sich in Dresden, die sensible Modersohn-Becker mit dem moralisch ambivalenten Munch zu kontaminieren. Aber warum denn dann überhaupt beide?") und Louise Bourgeois' "Echo of the Morning" im PoMo im norwegischen Trondheim (monopol).
Julian Weber plaudert in der taz mit Peaches, deren erstes Album seit zehn Jahren demnächst erscheint. Elmar Krekeler erinnert in der WamS an den Komponisten JanDismasZelenka. Für die SZ porträtiert Thore Rausch den Postpunk-Nostalgier NilsKeppel.
In der FAS wundert sich RonyaOthmann sehr, wie begeistert die Buchmesse in Damaskus etwa von Stefan Weidner im Dlf Kultur, aber auch vom deutschen Diplomaten Michael Ohnmacht dargestellt wird. Dabei gab es dort an den Ständen nicht nur schöne Literatur, sondern auch "jede Menge dschihadistischer Literatur: von den Memoiren des Al-Qaida-Poeten Abu Hafs al-Mauritani zu den Schriften Ibn Taimiyas, eines Fundamentalisten aus dem Mittelalter, dessen Fatwa gegen die Alawiten bis heute von Islamisten herangezogen wird, wenn es darum geht, Alawiten zu töten. Außerdem Schriften des Al-Qaida-Predigers und Verfechters von Selbstmordattentaten Suleiman al-Alwan und Bücher zu den 'glorreichen' Taten der Hamas. Lediglich die verschriftlichten Audiobotschaften von Zarqawi, dem einstigen Al-Qaida-Anführer im Irak, der für Terroranschläge und Massaker verantwortlich ist, wurden auf Druck der irakischen Regierung wieder weggeräumt."
Außerdem: In "Bilder und Zeiten" der FAZ schreibt der Schriftsteller MichaelKleeberg herzzerreißend über das würdevolle Sterben seiner Katze Dorata, die ihn zwanzig Jahre lang begleitet hat. Marc Reichwein porträtiert in der WamS den Verleger KlausBittermann von der Edition Tiamat.
Besprochen werden unter anderem AbbasKhiders "Der letzte Sommer der Tauben" (taz), M. W. Cravens "Die Witwe" (FR), FleurJaeggys "Mutmaßliche Leben" über die Schriftsteller ThomasdeQuincey, JohnKeats und MarcelSchwob (NZZ), MajaIskras "Uppercut" (WamS), DarioFerraris "Die Pause ist vorbei" (FAS) und NorbertGstreins "Im ersten Licht" (FAZ).
Endlich mal wieder Kontroverse, seufzt Jacob Hayner in der Welt. Die von Matthias Lilienthal geleiteten Lessing-Tage am Hamburger Thalia Theater geben ihm schon mal einen prickelnden Vorgeschmack auf Lilienthals kommende Intendanz an der Volksbühne. In Hamburg hat Lilienthal Milo Rau mit an Bord geholt. Der lässt auf der Bühne in einem "Prozess gegen Deutschland" ein mögliches Parteiverbot der AfD durchspielen: "Den Vorsitz hat die ehemalige SPD-Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin inne, die Verteidigung übernimmt unter anderen Welt-Autor Frédéric Schwilden. Als Zeugen angekündigt sind die ehemalige AfD-Vorsitzende Frauke Petry, der CDU-Politiker Andreas Rödder, der Historiker Volker Weiß, der Correctiv-Chefreporter und Aktionskünstler Jean Peters, der Bild-Kolumnist Harald Martenstein, der Hamburger SPD-Kultursenator Carsten Brosda und viele weitere." Es gab natürlich schon Aufregung, der Ethikprofessor Rainer Mühlhoff sagte kurz vor Beginn ab, "weil auch 'Akteure aus dem ultrarechten und radikalisierten konservativen Spektrum' beteiligt seien. ... Am Ende der drei Prozesstage, die auch als Livestream übertragen werden, entscheiden Geschworene."
Weitere Artikel: In der FAS porträtiert Helene Röhnsch die "Ausnahmeschauspielerin" Maren Eggert, derzeit am Deutschen Theater Berlin. Stefan Grund annonciert in der Welt das Programm des Hamburger Theaterfestivals, das im Mai beginnt.
Besprochen werden Yael Ronens und Itai Reichers Klimakatastrophenkomödie "Planet B" am Landestheater Tübingen (nachtkritik), Karin Henkels Inszenierung der beiden Horváth-Stücke "Kasimir und Karoline" und "Glaube, Liebe, Hoffnung" am Theater Basel (nachtkritik), Stephan Müllers "Hamlet" an der Josefstadt (FAZ), Sabine Auf der Heyde und Holle Münster Adaption von Miranda Julys Roman "Auf allen vieren" in den Berliner Sophiensälen (SZ) und Jim Raketes Regiedebüt mit Samuel Becketts "Das letzte Band" mit Christian Redl als Krapp am St. Pauli Theater Hamburg ("passt schon", meint nachtkritiker Falk Schreiber).
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