Efeu - Die Kulturrundschau
So entsetzlich kompliziert
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.06.2026. Wie kann Theater von sexuellem Missbrauch erzählen, fragen sich die Kritiker in einer Inszenierung von Leonie Böhm in München. Critic.de vermutet, dass ein New New Hollywood kurz bevorsteht, jetzt, wo Autodidakten den Kino-Markt erobern. In München bestaunt die NZZ mehrere Jahrhunderte Haarpracht in der Kunst. Ebenfalls die NZZ beklagt sich darüber, wie wenig Zeit und Raum im Bildungssystem für ausschweifendes Lesen gelassen wird. Der Sound der iranischen Diaspora-Popmusik geht der taz richtig gut ins Ohr.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
15.06.2026
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Bühne

Egbert Tholl hingegen sieht für die SZ ein Stück, das gleichermaßen Zumutung wie Kunstwerk ist: "Auf der Bühne also zwei Frauen, Annette Paulmann und Maren Solty. Man könnte in ihnen beiden das Mädchen und den Täter sehen, aber schon wäre man auf der falschen Fährte. Beide sind der Täter, Kurt - so nennt das Mädchen ihn. Und Kurt berichtet direkt ans Publikum. Das Mädchen hat keinen Namen, nur die Zuschreibungen, die ihm Kurt gibt, 'Prachttier', 'Augenstern', alles Instrumentalisierungen. (…) Der Abend ist eine Zumutung, weil man dem Täter zuhört. Er erklärt nichts, er ist im Kern ein dunkler Monolith. Aber mit einem hellen Ende: Das Mädchen löst sich aus der Tätererzählung, findet ein Ich, kann wirklich fliegen. Zu einer Karriere als Musikerin. Sie will nicht vergessen, glücklich zu sein. Sie ist frei."
Besprochen werden: Katharina Kastenings szenische Inszenierung von Händels Oratorium "Der Triumph von Zeit und Erkenntnis" an der Oper Frankfurt (FR), "Immer Frühlings Erwachen" von David Paquet nach Frank Wedekind am Deutschen Theater Göttingen, Regie führt Alexander Nerlich (Nachtkritik), die "Orestie" nach Aischylos in einer Neubearbeitung von Robert Icke, inszeniert von Stephan Kimmig am Staatstheater Nürnberg (Nachtkritik), Claudia Bauer inszeniert Werner Schwabs "Die Präsidentinnen" am Münchner Residenztheater (SZ) und das Musical "Die Weiße Rose" von Vera Bolten (Buch, Regie) und Alex Melcher (Musik) im Berliner Admiralspalast (Tagesspiegel).
Film

Dass Curry Barkers kostengünstig produzierter Horrorfilm "Obsession" in den USA das "Star Wars"-Vehikel "The Mandalorian & Grogu" nach nur einer Woche von der Spitze Kinocharts gestoßen hat und auch weiterhin an der Kasse stark performt, während der Blockbuster sich im freien Fall befindet, hat in Hollywood zuletzte für einige Unruhe gesorgt - auch weil mit Kane Parsons "The Backrooms" (unser Resümee) gleich noch ein kleiner Horrorfilm die Kassen und den Diskurs im Netz erobert. Beide Filme entstanden zudem aus popkulturellen Online-Phänomenen. Kommt jetzt also, wie einst in den Siebzigern mit New Hollywood, die Rückkehr der kleinen, von den Visionen ihrer jungen Macher getragenen Filme, die die schwerfälligen Boliden der Industrie auf ihre Plätze verweisen? Nicht völlig auszuschließen, meint Lukas Foerster auf critic.de: "In der Tat hat man nach Jahren der Kinokrise derzeit zum ersten Mal wieder den Eindruck, dass nicht nur etwas zu Ende geht, sondern auch etwas Anderes, Neues beginnt." Was auch ein besonderes Detail betrifft: Die "jungen Wilden" der Gegenwart sind, anders als die New-Hollywood-Auteurs, allesamt Autodidakten. "Zu Ende geht eine knapp fünf Jahrzehnte dominante Idee von Kino, die sich entlang der Unterscheidung zwischen Autorenfilm und Mainstream organisiert und in einem spezialisierten Ausbildungssystem eben diese Unterscheidung laufend mitproduziert hat."

Bis die Gigantomanie des Mainstreamfilms endgültig in Scherben liegt, wird es aber wohl noch etwas dauern. Vorher, im Juli, kommt noch Christopher Nolans "Odyssee" in die Kinos, die von allem einmal mehr etwas mehr bietet, schreibt Philipp Bovermann in der SZ: Komplett auf IMAX-70mm gedreht (hier ein Vergleich aller Bildformate, in denen der Film im Kino ausgewertet wird), fast drei Stunden Laufzeit, eine gerade absurd hohe Star-Dichte im Cast - und allesamt in Sandalen, wie zu Zeiten des klassischen Monumentalfilms, als das Kino vom Fernsehen Konkurrenz bekam. "Also schufen die Studios bombastische Werke, gern mit historischen Stoffen und möglichst im Großformat gedreht, um auf noch größere Leinwände noch schärfere Bilder projizieren zu können. Heute, da die Kinos erneut zittern, diesmal vor den Streamern, werden analoge Filmproduktionsformate aus den Fünfzigern wie VistaVision wiederentdeckt, für die man Kameras benötigt, die so riesig und schwer, so entsetzlich kompliziert in der Handhabung sind, dass man, wie Lol Crawley für 'The Brutalist', direkt einen Kamera-Oscar dafür gewinnt. Oder man dreht, wie Nolan, mit analogen Imax-Kameras, deren Negative dreimal größer sind als klassische Großformate, schneidet anschließend von Hand und verwendet dabei Klebepressen aus den Vierzigerjahren. Tritt das Blockbuster-Kino in die Manufactum-Phase ein?" In dieser Video-Reportage kann man sehen, worauf Bovermann anspielt.

Aber vielleicht wird KI im Film sowieso alles umschmeißen und auf den Kopf stellen? Nicht, wenn es nach Peer Teuwsen geht, der sich in der NZZ am Sonntag sehr darüber ärgert, dass das New Yorker Tribeca-Filmfestival Ash und Pooya Kooshas Film "Dreams of Violets" gezeigt hat, der die Proteste im Iran nachstellt - und zwar im wesentlichen per Künstlicher Intelligenz. "Die Filmemacher rühmen sich, ihr Werk in gerade einmal zwei Monaten rausgehauen und dabei bloß knapp 2.000 Dollar ausgegeben zu haben. Abgesehen davon, dass dies natürlich falsch ist, weil KI Unmengen an Ressourcen wie Strom, Wasser und seltene Erden verbraucht, sind die immateriellen Kosten viel höher. Es ist die Billigversion agitatorischen Kinos. ... Anstatt sorgfältig zu recherchieren und die bestmögliche Variante der Wahrheit auf den Bildschirm zu bringen, macht man husch, husch einen Film."
Weitere Artikel: In der Welt befindet Elmar Krekeler es als Fehlentscheidung, dass der MDR seine Tatort-Produktion aus Spargründen einstellt. Besprochen werden Muriel d'Ansembourgs "Truly Naked" (taz), Hlynur Pálmasons "The Love That Remains" (Standard) und Lisa Azuelos' "Lol 2.0" mit Sophie Marceau (SZ).
Kunst

Für Monopol interviewt Maxi Broecking die Künstlerin Lorna Simpson, deren Schau "Third Person" in der Punta della Dogana in Venedig gezeigt wird. 1990 war sie die erste afroamerikanische Frau, deren Kunst auf der Biennale gezeigt wurde, sie beschäftigt sich auch in ihrem Werk "Black Totem" mit Identitätsfragen: "Es ist vergleichbar mit einer Bohrkernprobe, einem geologischen Materialquerschnitt, der den Verlauf der Zeit abbildet. Wenn ich an Totems denke, denke ich an diese Art von Schichtung oder Zeitmessung: seien es die Jahresringe eines Baums, Sedimentschichten in der Erde oder eben diese über Jahrzehnte hinweg aufeinander gestapelten Zeitschriften - als Ablagerung von Informationen, die in ihrer Form an einen Bohrkern erinnern. Ich liebe es, in meiner Arbeit Dinge zu stapeln und solche Gruppierungen zu schaffen."
Weiteres: Das Ruruhaus in Kassel war "so etwas wie das Hauptquartier des Kollektivs Ruangrupa" während der Documenta Fifteen 2022, jetzt wurde die einst von Ruangrupa gestaltete bunte Fassade überstrichen, meldet Monopol. Den Nachruf auf David Hockney schreibt Ulf Erdmann Ziegler für die taz. In der FAZ zeichnet Frank Zöllner nach, wie der DDR-Maler Werner Tübke Erfolge beim "Klassenfeind" USA hatte.
Besprochen werden: Die Ausstellung "Tadeusz Kantor: Emballage, Cricotage and Madame Jarema" in den Procuratie Vecchie Venedig (Welt) und "Kyiv Biennal: A Bird that Cannot Land" im KW Institute for Contemporary Art in Berlin (Tagesspiegel).
Literatur
Zwar lesen immer weniger Menschen, und obendrein nehme auch noch die Zahl der jungen Leute mit ausgeprägter Leseschwäche zu, schreibt Paul Jandl in der NZZ, aber immerhin zeige sich auch "eine Renaissance der Lektüre-Enthusiasten", welche "mehr anspruchsvolle Bücher denn je kaufen." Deren Zahl bleibe allerdings niedrig. "Zum bürgerlichen Lesen gehörte ein doppeltes Schamgefühl, das sich heute aus den Diskursen über Literatur verflüchtigt hat. Die Peinlichkeit, nicht mitreden zu können, weil man etwas Bestimmtes nicht gelesen hat. Und die Peinlichkeit, mit Nichtlesen womöglich eigene Zukunftschancen zu verwirken... Heute gibt die sogenannte Bildungsgesellschaft ein verzweifeltes Bild ab. Sie wirft immer mehr Ballast ab, übt sich in anorektischer Verschlankung, um durchs Schlüsselloch immer spezifischerer Berufsanforderungen zu passen. Die modularen Studiensysteme sorgen dafür, dass immer effizienter gelesen wird. Es bleibt kein Platz für die Ausschweifungen der Lektüre, für das Wildern im Unbekannten." In der FAZ spricht Denis Scheck mit Jürgen Kaube und Sandra Kegel über das Lesen und in die Tonne werfen von Bestsellern.
Weiteres: In der FAZ-Reihe zu 250 Jahren USA im Spiegel der Literatur des Landes widmet sich Tilman Spreckelsen heute Charles B. Browns "Wieland" von 1798. Besprochen werden unter anderem Anna Felnhofers "Prosopon" (Standard), Gabriella Zalapìs "Ilaria" (Standard), Zofia Nalkowskas "Bergvögel" (NZZ), John Cassidys "Der Kapitalismus und seine Kritiker" (SZ) und neue Hörbücher, darunter die von Kai Grehn umgesetzte Aufnahme von Tadeusz Borowskis Gedichtband "Imiona nurtu. Die Namen der Strömung" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Weiteres: In der FAZ-Reihe zu 250 Jahren USA im Spiegel der Literatur des Landes widmet sich Tilman Spreckelsen heute Charles B. Browns "Wieland" von 1798. Besprochen werden unter anderem Anna Felnhofers "Prosopon" (Standard), Gabriella Zalapìs "Ilaria" (Standard), Zofia Nalkowskas "Bergvögel" (NZZ), John Cassidys "Der Kapitalismus und seine Kritiker" (SZ) und neue Hörbücher, darunter die von Kai Grehn umgesetzte Aufnahme von Tadeusz Borowskis Gedichtband "Imiona nurtu. Die Namen der Strömung" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Musik
Mit höchstem Interesse hört Nikta Vahid-Moghtada für die taz durch die Compilation "Tehrangeles Vice", die die dynamische Popmusik der iranischen Diaspora in den USA von 1983 bis 1993 dokumentiert. Vor der Machtübernahme der Mullahs gab es im Land eine vibrierende Musikszene, viele ihrer Protagonisten mussten schließlich fliehen. "Und dort, im fernen Kalifornien, trifft der Sound armenischer, jüdischer, assyrischer und persischer Gemeinschaften aufeinander. ... Da stehen klassische Achtziger-Jahre- und Neunziger-Jahre-Disco-Grooves neben breiten Synth-Flächen, experimentieren elektronische Beats mit traditionell klingenden persischen Balladen. ... Generell sprudelt der Diaspora-Sound vor Lebensfreude - auch wenn die Songtexte manchmal vom Gegenteil zeugen. Die Zusammenstellung der Musik zeigt aber genau damit, dass sich die aus Iran vertriebene Szene dieses nicht hat nehmen lassen: den engen Bezug zur Heimat, wenn auch aus der Ferne. Und den Willen, weiterzumachen, sich die Freude am Leben nicht nehmen zu lassen und vereint gegen das Grauen des Mullah-Regimes anzusingen."
Bei der Musica Viva in München wurde Jüri Reinveres Komposition "Lied von den zwei Erden" uraufgeführt. "Die bildreichen und suggestiven Verse zu seinem neuen Werk sind der expressionistischen Lyrik um 1900 verpflichtet, aber auch der Sprache der Bibel", schreibt Christian Gohlke in der FAZ. "Erstarrung, Kälte, Trauer werden zunächst durch die klagende Melodie der Oboe über einem fahlen Orchesterklang mit den rhythmischen Akzenten der tonlos geblasenen Flöten beschworen, aber auch mit eruptiven Ausbrüchen des voll besetzten Orchesters. Doch die Atmosphäre dieser Welt lässt sich vor allem empfinden, weil Aušrinė Stundytė sie zu vergegenwärtigen weiß mit einem Sopran, der sich zu schneidender Schärfe verengen, zu deklamatorischer Intensität zurücknehmen oder zu lyrischem Strömen weiten kann." Der Abend lässt sich hier bei BR Klassik nachhören.
Außerdem: Im FR-Gespräch mit Max Dax erklärt Irmin Schmidt, einst einer der Soundtüftler von Can, warum seine neue Komposition den Titel "Requiem" trägt: Er trauert "den Insekten und der Natur nach", aber ebenso "dem Verschwinden der westlichen Zivilisation und Kultur". Stefan Frommann plaudert für die Welt mit der deutschen Erfolgspopmusikerin Simone Sommerland unter anderem über die stimmungshebenden Qualitäten von Musik. Besprochen werden ein Auftritt von Wargasm in Wiesbaden (FR) und ein von Lorenzo Viotti dirigiertes Konzert der Wiener Philharmoniker (Standard).
Bei der Musica Viva in München wurde Jüri Reinveres Komposition "Lied von den zwei Erden" uraufgeführt. "Die bildreichen und suggestiven Verse zu seinem neuen Werk sind der expressionistischen Lyrik um 1900 verpflichtet, aber auch der Sprache der Bibel", schreibt Christian Gohlke in der FAZ. "Erstarrung, Kälte, Trauer werden zunächst durch die klagende Melodie der Oboe über einem fahlen Orchesterklang mit den rhythmischen Akzenten der tonlos geblasenen Flöten beschworen, aber auch mit eruptiven Ausbrüchen des voll besetzten Orchesters. Doch die Atmosphäre dieser Welt lässt sich vor allem empfinden, weil Aušrinė Stundytė sie zu vergegenwärtigen weiß mit einem Sopran, der sich zu schneidender Schärfe verengen, zu deklamatorischer Intensität zurücknehmen oder zu lyrischem Strömen weiten kann." Der Abend lässt sich hier bei BR Klassik nachhören.
Außerdem: Im FR-Gespräch mit Max Dax erklärt Irmin Schmidt, einst einer der Soundtüftler von Can, warum seine neue Komposition den Titel "Requiem" trägt: Er trauert "den Insekten und der Natur nach", aber ebenso "dem Verschwinden der westlichen Zivilisation und Kultur". Stefan Frommann plaudert für die Welt mit der deutschen Erfolgspopmusikerin Simone Sommerland unter anderem über die stimmungshebenden Qualitäten von Musik. Besprochen werden ein Auftritt von Wargasm in Wiesbaden (FR) und ein von Lorenzo Viotti dirigiertes Konzert der Wiener Philharmoniker (Standard).
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