Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Legt eine Mine unter das Alter

10.05.2022. In einem Offenen Brief in der Berliner Zeitung antwortet das Kuratorenkollektiv der Documenta auf die Vorwürfe des Jüdischen Zentralrats. SZ und Nachtkritik halten am Münchner Residenztheater Knut Hamsuns "Kareno" gut aus, der seine antidemokratische Redlichkeit aufgibt. In der taz schildert Guillermo Arriaga den Zwiespalt, in dem Mexikos Indigene oft stecken. Die NZZ porträtiert den Pariser Plumassier Eric Donatien, der die vollkommene Metamorphose der Feder beherrscht.

Harte Poesie gegen harte Fakten

09.05.2022. Die Welt sieht im derzeigtigen Publikumsschwund auch eine ästhetische Krise des Theaters. Die Nachtkritik fährt mit dem Staatstheater Kassel zur wahren Bühne der Weltpolitik: der Panzerteststrecke für den Leopard 2. In der NZZ verteidigt der Slawist Jens Herlth die russische Literatur gegen ihre ukrainischen Verächter. In der SZ wünscht sich die Künstlerin Barbara Kruger von der Linken mehr Rhetorik und weniger Gewissen. Im Tagesspiegel würde der Musikmanager Karsten Witt gern den Klassikbetrieb umkrempeln.

Stilblüten des betreuten Lesens

07.05.2022. In der Welt besteht Viktor Jerofejew darauf, dass er kein Emigrant sei: "Es ist Russland, das in die Emigration gegangen ist." Die NZZ sucht die Arsenale des Widerstands in der Literatur. Monopol lässt sich von den Kuratorinnen der  8. Foto-Triennale in Hamburg den "black gaze" erklären. Die FAZ bewundert im neuen Berliner Samurai-Museum Museumspädagogik in Vollendung. Die taz berichtet von völlig verhärteten Fronten im Streit um PEN-Präsident Deniz Yücel.

Die Liebe wird für alle reichen

06.05.2022. Der Tagesspiegel lernt in einer Münchner Ausstellung, wie die "Stillen Rebellen" Polens kulturelle Identität prägten. Die FAZ fühlt in der Ausstellung "Beirut and the Golden Sixties" den politischen Pulsschlag des Libanon. Die SZ findet Haltung und Hoffnung in William Kentridges Oper "Sibyl", die die Ruhrfestspiele eröffnete. Die NZZ erzählt, wie in der Haas'schen Schriftgiesserei AG die Schrift des Fortschritts erfunden wurde. Die taz lauscht den sonischen Autobiografien der Klangkünstlerin Ain Bailey.

Stumm bleibt die Prophetin

05.05.2022. Die Filmkritiker schwärmen von den Traumbildern, Tilda Swinton und einem Ding aus dem B-Film-Kosmos in Apichatpong Weerasethakuls "Memoria". Die FR groovt sich beim Festival der jungen Talente im Frankfurter Kunstverein mit einem Pilz ein. Die nachtkritik beobachtet den großen William Kentridge bei den Vorbereitungen für seine Kammeroper "Sibyl". Die SZ bewundert neue Dorfarchitektur. Die FAZ hört die Poetikvorlesung von Judith Hermann.

Es geht immer ums Donnern

04.05.2022. Wie haben sich Theater und Kritik verändert, fragt Christine Wahl zum fünfzehnjährigen Jubiläum der Nachtkritik mit Gegenverkehr. Die FR spürt mit Barbara Kruger in der neuen Nationalgalerie den Stiefel im Gesicht unserer Zukunft. Der Observer schaudert vor der dunklen Zweideutigkeit, mit der Walter Sickert seine Serie "The Camden Town Murder" malte. Die taz huldigt dem Experimentalfilmer Jonas Mekas. Das Pop-Magazin Kaput erklärt die Grandiosität des italienischen Schlagers: Das Leichte ist in Italien quasi eine noble Pflicht.

Es herrscht Triebhaftigkeit

03.05.2022. Tagesspiegel und FR jauchzen vor Freude darüber, dass Franz Schrekers Oper "Der Schatzgräber" nach hundert Jahren wieder auf eine Berliner Bühne zurückkehrt. Und selbst die Berliner Zeitung findet es nicht mehr provinziell, vergessene Stücke auszugraben. Mit Beklommenheit sieht sich die taz in Dresden Theater aus Belarus an. Die NZZ ahnt auf der Biennale, dass der digitale Surrealismus unsere Zukunft sein wird. Die SZ bekommt mit der Nawalny-Film auf dem Müncher Dok.Fest Einblick in die Informationskriege.

Die intellektuelle Unfallgefahr

02.05.2022. In der FAZ erkennt Viktor Jerofejew im Draufgängertum der Fernfahrer ein Russland, das sich keiner Schuld bewusst ist. Dänemark ist entsetzt über die Zerstörung eines Kunstwerks, das ein Kunstwerk zerstörte, berichtet Politiken. Die Ruhrbarone lassen in der Diskussion um die BDS-Nähe der Documenta nicht nach. Die FR feiert Berlioz' Oper "Béatrice et Bénédict" als Wunderwerk. Die SZ offenbart ihre Liebe zum guten alten Gasteig. Ben Frosts Oper "Der Mordfall Halit Yozgat" jagt der Nachtkritik Kälteschauer über den Rücken.

Subversives, Eigensinniges und Abgründiges

30.04.2022. "Ab jetzt sind wir diejenigen, die zu schwach waren, das Geschehene zu verhindern", stellt die ukrainische Schriftstellerin Tanja Maljartschuk im Standard fest. Die Zeit überlässt Rammstein achselzuckend der Musealisierung. Ohne "toxisches Sponsoring" würden nicht nur die Salzburger Festspiele bald ziemlich arm dastehen, bemerkt die Welt. FAZ und NZZ lassen sich von Brian Watkins' Sci-Fi-Western "Outer Range" fasziniert verunsichern. Und SZ und Tagesspiegel flanieren beim Berliner Gallery Weekend vorbei an Dürer, Drogenstrich und senegalesischer Kunst.

Bis auf Hüfthöhe

29.04.2022. Die taz untersucht den Einfluss russischer Oligarchen auf den österreichischen Klassikbetrieb. Die NZZ unterhält sich mit dem ukrainischen Autor Sergej Gerassimow über die Angst, im Krieg jemanden anzurufen, der vielleicht nie mehr antwortet. Wenn man in Cannes Michel Hazanavicius' Zombiekomödie "Z" in "Coupez" umbenennen will, muss dann Zorro künftig Sorro heißen, fragt die Welt entnervt. Die FAZ entdeckt im Städel Museum das Figürliche in der amerikanischen Nachkriegskunst.