Efeu - Die Kulturrundschau
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.05.2022. Bilder ohne Trost sehen die Filmkritiker im letzten Werk des in Mariupol erschossenen Dokumentarfilmers Mantas Kvedaravičius: Für den Tagesspiegel ist es ein Dokument menschlicher Widerstandskraft, für die FAZ ein Wunder, einfach weil es ihn gibt. Die Berliner Zeitung wirft den Kritikern der indonesischen Künstlergruppe Ruangrupa Rassismus vor. Die FAZ fragt, warum Ruangrupa auf der Documenta kein Wort über die rassistische Behandlung der indigenen Völker im eigenen Land verliert. In der taz spricht Schriftstellerin Katja Petrowskaja über ihr Verhältnis zur russischen Sprache. In der NZZ denkt die angolanisch-portugiesische Autorin Djaimilia Pereira de Almeida über ihre Privilegien nach.
20.05.2022. 458 Kulturstätten wurden in der Ukraine seit Beginn des Kriegs von russischen Truppen systematisch beschädigt oder zerstört, lernt die SZ. In Belarus wurde die belarusische Übersetzung von George Orwells Roman "1984" verboten und der Verleger verhaftet, informiert die FAZ. Für Tom Cruises neue Kampfjet-Sause "Top Gun" malte die französische Luftwaffe glatt eine Tricolore in den Himmel von Cannes, staunen die Kritiker. Die SZ rümpft die Nase und unterhält sich lieber mit dem russischen Filmregisseur Kirill Serebrennikow über den Krieg. Der Designer Dieter Rams feiert Neunzigsten: In der FR würdigt Designhistoriker Klaus Klemp die poetische Formensprache von Rams.
19.05.2022. Die Welt lernt in einer Lese-Ausstellung in Wuppertal-Vohwinkel, wie der Kanon der deutschen Nachkriegskunst zustande kam. In der FAZ gibt Judith Hermann Einblick in ihre Schreibwerkstatt. Der ukrainische Staatspräsident Selenski wünschte sich in seiner Eröffnungsrede für das Filmfestival von Cannes einen neuen Charlie Chaplin: Tagesspiegel und FR nicken zustimmend. Die SZ bewundert den Mut Marija Aljochinas. In der nachtkritik empfiehlt der Kulturwissenschaftler Andreas Reckwitz ein Stück über Verlust von Rimini Protokoll. Und im Van Magazin denkt Thomas von Steinaecker darüber nach, wie Werner Herzog Musik in seinen Film einsetzt.
18.05.2022. In der FAZ erklärt Ursula Krechel, warum sie nicht aus dem PEN austritt: "Wenn man nicht um ein Haus kämpft, kommt die Abrissbirne." In der Zeit möchte Kirill Serebrennikow nicht der russischen Kultur die Schuld am Krieg geben, sondern der Unkultur. Ähnlich sieht das der Pianist Alexander Melnikov. Die SZ beklagt das Schwinden der Kennerschaft im Kunstbetrieb. Der Guardian begegnet in den Bildern Glyn Philpots gutaussehender Kultiviertheit. Und in Cannes sitzen die Filmkritiker Michel Hazanavicius' Zombiekomödie "Coupez" zum Auftakt pflichtschuldig, aber unterwältigt ab.
17.05.2022. Heute eröffnen die Filmfestspiele von Cannes. Die taz ist gespannt, wie das Weltkino dem Krieg in der Ukraine entgegentreten wird. Die SZ sieht die Kinoliebe neu erwachen. In der FAZ erklärt F.C. Delius seinen Austritt aus dem PEN. Die NZZ feiert den Maler Brice Marden als Kontrolleur seiner Gefühle. taz und Nachtkritik erliegen in Lies Pauwels "Baroque"-Schauspiel der Sinnenfülle. Und ZeitOnline annonciert die Rückkehr der Botanisieriens in der Mode.
16.05.2022. Nach der Schlacht von Gotha fegen die Feuilletons zusammen: Der PEN hat sich gründlich zerlegt, klagt die FAZ, die SZ sieht Narzissmus und Eitelkeit auf allen Seiten am Werk, die taz möchte die Bilder von Siebzigjährigen mit Trillerpfeifen aus dem Kopf bekommen. Inbrunst, aber mit Qualität bescheinigen SZ und Nachtkritik dem bayrischen Mega-Event der Oberammergauer Passionsfestspielen. taz und ZeitOnline feiern den ukrainischen Sieg beim ESC.
14.05.2022. Finale einer Schlammschlacht: Deniz Yücel ist als PEN-Präsident zurückgetreten, er möchte nicht "Galionsfigur einer Bratwurstbude" sein. Die Feuilletons blicken auf einen Scherbenhaufen. Die FR kann nach einem Besuch in Mannheim kaum fassen, dass Hanna Nagel, die "Pionierin der feministischen Kunst", vergessen wurde. Menschen in der Kunstwelt üben Druck aus, damit Institutionen sich mehr in Richtung BDS orientieren, erfährt die Welt von israelischen Künstlern. Fasziniert dechiffrieren die Musikkritiker zu marodierenden Geigen das neue Album von Kendrick Lamar.
13.05.2022. In Geschichte der Gegenwart fragt der Historiker Philipp Sarasin, warum Bilder aus dem Krieg eigentlich nicht emotionalisieren dürfen. Die taz erzählt am Beispiel der Theaterregisseurin Maja Kleczewska, wie die polnische Regierung auch ohne Verbote missliebige Stimmen mundtot macht. Die SZ freut sich, dass man das Werk des mexikanischen Architekten Luis Barragán künftig im Vitra Design Museum betrachten kann. Die NZZ vertieft sich in eine nachgelassene Skizze zu Imre Kerteszs "Roman eines Schicksallosen".
12.05.2022. Die FAZ bewundert in Ulm die Plakate Otl Aichers, die auf alle Herrschaftsfarben verzichten. Die SZ widmet zwei Seiten Uwe Tellkamp, dessen neuer Roman "Der Schlaf in den Uhren" heute erscheint. nachtkritik und taz lernen bei der Burning Issues Konferenz 2022, wie mühsam das Bohren dicker Theaterbretter ist, die den strukturellen Machtmissbrauch an deutschen Bühnen tragen. Die SZ warnt: Zu viel Kritik an Ruangrupa könnte die Documenta 15 ins Wasser fallen lassen. Die Welt rollt die Augen: Kritik an der BDS-freundlichen Haltung Ruangrupas ist kein Rassismus. Van berichtet von den letzten Wittener Tagen für Neue Kammermusik unter Harry Vogt. Ab jetzt werden sie weiblich, glaubt die FAZ.
11.05.2022. Die SZ macht für den Publikumsschwund im Theater auch ein zunehmendes Dramaturgenstrebertum verantwortlich. Außerdem porträtiert sie das jüdisch-äthiopische HipHop-Trio Fo Sho aus Charkiw. Die Welt beklagt das dürftige Ergebnis nach zehn Jahren Internationaler Bauausstellung in Heidelberg. Im Perlentaucher porträtiert Angela Schader die nordirische Autorin Anna Burns. FAZ und taz freuen sich, dass Julian Radlmaier mit seinem "Blutsauger" dem linken Kino neues Leben einhaucht. Der Guardian schwebt mit Dreamachine im Orangenmarmeladenhimmel.