Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Caesar, Nero, Wagner

20.04.2022. Der Wiener Aktionist Hermann Nitsch ist tot. Die Kunstkritik huldigt noch einmal diesem bösen Kind der Avantgarde und seiner Wut aufs Devote. In der SZ spricht die tschechische Schriftstellerin Radka Denemarková über die Notwendigkeit, Unrecht und Schuld klar zu benennen. In der NZZ erkennt Bora Cosic die tief verwurzelte Unschlüssigkeit, die der Sozialismus mit sich brachte. In der Berliner Zeitung will Regisseur Milo Rau den Glauben an die Menschen in Russland nicht aufgeben. Im Tagesspiegel spricht Ivan Stetsky über die Deutschland-Tournee des Kyiv Symphony Orchestra.

Versiegelt unter einer Glanzschicht

19.04.2022. Die SZ geht in die Knie vor der Unerschrockenheit und Vitalität des Wundertenors Andreas Schager. Der Standard recherchiert weiter zu Putins Netzwerk in Salzburg. Der Guardian huldigt mit Dominique Gonzalez-Foerster Genies, Visionären und anderen Fremdlingen. ZeitOnline hat kein Interesse mehr an Literatur von Männern über Männer. Die Filmkritiker bewundern mit Philipp Fussenegger die tanzenden Muskelmassen der Bodybuilderin Tischa Thomas. Und der Guardian trauert um den radikalen Neutöner Harrison Birtwistle.

Sie dekonstruiert nicht, sie zerfleddert

16.04.2022. "Russland produziert Idioten, die aus Spaß töten", donnert der Künstler Pavlo Markov, der die Ukraine auf der Biennale in Venedig vertritt, in der Welt. Die Theaterkritiker erleben ein schwitzendes, spuckendes, aber auch langatmiges Feuerwerk, wenn Frank Castorf Europas Kriege auf Dresdens Bühne bringt. Über pralles Programm in Cannes freuen sich die Kritiker - nur dass Sergei Loznitsa außer Konkurrenz läuft, findet der Tagesspiegel etwas feige. Und in der taz ärgert sich Verleger Klaus Bittermann über "Gesinnung von der Stange".

Traum von einem Bombenabwurf

14.04.2022. Die FAZ fordert die Documenta auf, endlich, wie versprochen, ihre Haltung zum BDS zu diskutieren - und zwar auch mit Kritikern des BDS. In der NZZ berichtet der ukrainische Schriftsteller Sergej Gerassimow von der Bombardierung des Charkiwer Stadtteils, in dem seine Eltern wohnen. Wie bösartig Kinder sein können, lernen die Filmkritiker in Eskil Vogts Horrorfilm "The Innocents". Die FR staunt über die Bilder des mit 25 Jahren ermordeten Malers und Einbrechers Stéphane Mandelbaum. Und VAN fragt: Was macht Valery Gergiev jetzt mit seinen 100 Millionen?

Scheißgrillabend

13.04.2022. Im Standard erklärt der Intendant des Wiener Konzerthauses, Matthias Naske, was ihn zu den russischen Geldtöpfen zog. In der SZ legt Alexander Kluge nahe, dass Anna Netrebko und Valery Gergiev in Moskau einen pazifistischen Gegenalgorithmus in Gang setzen könnten. Außerdem erkundet der Standard die Kunstszene von Prishtina, bevor dort im Sommer die Manifesta ihre Zelte aufschlägt. Die Zeit lernt von der japanischen Künstlerin Fujiko Nakaya im Haus der Kunst, den Wolken zuzuhören. Und alle trauern um den Schauspieler Michael Degen, der wie ein edler Tropfen jedes Menü verfeinerte.

Die Furien des echten Hip-Hop

12.04.2022. Doch, auch Puschkin ist ein Problem, ruft in der Wiener Zeitung Bob Muilwijk, etwa wenn er dazu aufrief, die Polen zu zermalmen. Im Tagesspiegel  erklärt Dirk Rehm vom Reprodukt Verlag, warum die Papierpreise so in die Höhe geschnellt sind. Die taz kriecht in einer Ozeanien-Ausstellung im Linden-Museum der mächtigen Göttin der Dunkelheit lieber nicht in den Schoß. Crescendo stellt fest, dass sich der Klassikbetrieb nach Putin keine Naivität mehr leisten kann und fordert mehr Investigation vom Feuilleton. Dezeen blickt auf den dünnsten Wolkenkratzer der Welt.

Das Ausmaß dessen, was passiert ist

11.04.2022. In der NZZ beschreibt der ukrainische Schriftsteller Sergej Gerassimow, wie die russische Truppen zerstören, ohne zu kämpfen. Regisseur Kirill Serebrennikow prophezeit den Russen ein grauenvolles Erwachen aus ihrer Verblendung. SZ und FAZ fragen nach Jossi Wielers Salzburger "Lohengrin"-Inszenierung bang, ob Elsa von Brabant vielleicht doch ihren Bruder ermordet hat. Die NZZ und taz huldigen dem knackigen Indierock der britischen Wet Leg. Außerdem trauern die Feuilletons um den Schauspieler Uwe Bohm, dessen Energien so ungebändigt und unverbildet erschien. 

Ahnung des Unerhörten

09.04.2022. Bombastisch gut findet Artechock die Eröffnungsrede des Direktorenduos der Wiener Diagonale, die aller "Message-Kunst" und Boykottaufrufen eine Absage erteilte. Die nachtkritik amüsiert sich mit Kathrin Rögglas Klimasatire "Wasser". Die FAZ besucht das  Theater der Bergarbeiter in Senftenberg. Die SZ unterhält sich mit Karl Ove Knausgård über dessen neuen Roman "Der Morgenstern". Zeit online lauscht der poetisierten Realität von Kae Tempest. Die taz reist zu einer Ausstellung belarusischer Künstler ins polnische Białystok.

Die Sehnsucht, schön zu sein

08.04.2022. Die NZZ ist fassungslos, wie der österreichische Autor Franzobel im Ukrainekrieg alles relativiert: Täter und Opfer. Ursache und Wirkung. Der litauische Filmregisseur Mantas Kvedaravičius kam in Mariupol nicht zufällig ums Leben, sondern wurde gezielt ermordet, lernt die FAZ. Pink Floyd fordert die Ukrainer auf: "Hey, Hey, Rise Up". SZ und FAZ gehen in einer Ausstellung dem Antisemitismus Wagners auf den Grund, nur das Rätsel seiner Musik wird ihnen nicht enthüllt. Die Theaterkritiker blicken durch ein großes Fenster zur Welt beim Find-Festival der Schaubühne.

Das Lauern einer mörderischen Macht

07.04.2022. Teile des deutschen PEN-Zentrums möchten ihren Vorsitzenden Deniz Yücel als "Marionette der Springer-Presse" aus dem Amt jagen, so die SZ. Die FAZ fragt angesichts der Sparvorgaben für die Frankfurter Bühnen, ob die linke Mehrheit im Römer die Hochkultur opfern will? Die Filmkritiker erleben ein kleines Wunder mit dem Liebesdrama "Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?" von Alexandre Koberidze. Die Welt ergründet das "mehrfach verkorkste Russenvolk" in York Höllers Bulgakow-Oper "Der Meister und Margarita" in Köln. Im Van Magazin vergleicht der Musikwissenschaftler Friedrich Geiger Valery Gergiev mit Wilhelm Furtwängler.