Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Das Lauern einer mörderischen Macht

07.04.2022. Teile des deutschen PEN-Zentrums möchten ihren Vorsitzenden Deniz Yücel als "Marionette der Springer-Presse" aus dem Amt jagen, so die SZ. Die FAZ fragt angesichts der Sparvorgaben für die Frankfurter Bühnen, ob die linke Mehrheit im Römer die Hochkultur opfern will? Die Filmkritiker erleben ein kleines Wunder mit dem Liebesdrama "Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?" von Alexandre Koberidze. Die Welt ergründet das "mehrfach verkorkste Russenvolk" in York Höllers Bulgakow-Oper "Der Meister und Margarita" in Köln. Im Van Magazin vergleicht der Musikwissenschaftler Friedrich Geiger Valery Gergiev mit Wilhelm Furtwängler.

Einige dieser Heiligen sind noch unter uns

06.04.2022. So überzeugend gegenwärtig war die amerikanische Gegenwartskunst lange nicht mehr, freut sich die NYTimes auf der Whitney Biennale. Der Guardian glaubt in Raffaels Gemälden die Sphärenklänge sichtbar gemacht. Die Berliner Zeitung genießt die Erfahrungsdichte des Find-Festivals an der Schaubühne. Als krachendes Politspektakel goutiert die NZZ Ai Weiweis "Turandot"-Inszenierung in Rom. Nachdrücklich empfiehlt die FAZ Sergei Loznitsas wieder in die Kinos gebrachten Film "Donbass". Und die Welt greift zu den Gedichten Konstantin Paustowskis.

Die Leute werden jetzt ein bisschen verrückt

05.04.2022. Im Tagesspiegel erklärt der ukrainische Autor Yuriy Gurzhy, dass wir von nun an Russland klein schreiben sollten: "Am Massaker von Butscha ist russland schuld." Die FAS stellt den neuen feministischen Horror aus Lateinamerika vor. Erleichtert quittiert die SZ die Meldung, dass Igor Zelensky nun doch sein Amt als Direktor des Bayerischen Staatsballetts niederlegt. In der taz erklärt die kubanische Künstlerin Eileen Almarales Noy, warum sie sich nicht dem Boykott gegen die Bienal de la Habana anschließt. FR und FAZ schmelzen dahin unter dem Wohlklang von Jonathan Tetelman und Nadja Stefanoff in Giordanos "Fedora". Und: der Mariupol-Film von Mantas Kvedaravičius ist bei Youtube zu sehen.

Welt der technoiden Sehnsucht

04.04.2022. Der  litauische Filmemacher Mantas Kvedaravicius ist beim Versuch, aus Mariupol zu fliehen, ums Leben gekommen, meldet unter anderem der Dlf. Fassungslos berichtet die FAZ, dass Maltas Nationaltheater beinahe ein Stück gezeigt hätte, dass die ermordete Journalistin Daphne Caruana Galizia als hasserfüllte Hexe denunziert. Die SZ fragt mit Jan-Christoph Gockel und Alexander Kluge an den Münchner Kammerspielen, ob man verändern kann, was man liebt. Im Freitag beschört Jacques Audiard die erotische Kraft der Sprache. Die NZZ registriert den neuen Trend zum Vorrevolutionären in der Luxusmode.

Jäh zerstörte Normalität

02.04.2022. Im Guardian und im Standard warnen Met-Intendant Peter Gelb und Regisseur Romeo Castellucci vor dem Boykott russischer KünstlerInnen: Ihnen drohe der Kulturtod. Der Tagesspiegel staunt beim Berliner Festival Internationale Dramatik über die Absurdität, mit der Tina Satter das Verhör der Whistleblowerin Reality Winner inszeniert. Die SZ erlebt in der Kiewer Clubszene eine ganz neue Solidarität der Ukrainer untereinander. Für die Solidarität, die der türkische Schriftsteller Yavuz Ekinc mit den Kurden zeigte, ist er indes zu einer Haftsprache verurteilt worden, berichtet die FAZ.

Diese Feindlichkeit tut weh

01.04.2022. Die Welt begibt sich in Hamburg auf die braunen Spuren im Farbbad von Ernst Wilhelm Nay, der Besatzer und Frankreichfan zugleich war. Die Neue Musikzeitung erinnert daran, dass Deutschland nach dem Überfall auf die Sowjetunion schon einmal russische Komponisten aus dem Programm nahm. Die Oper in Nowosibirsk hat indes Anna Netrebko ausgeladen und setzt künftig lieber auf Künstler mit "klarer staatsbürgerlicher Haltung", meldet der Standard. Und das VAN-Magazin erkennt die Nähe zwischen der Musik des Barock und Techno.

Hier wird dem weißen Mann unwohl

31.03.2022. Die Diva bricht ihr Schweigen: Anna Netrebko sagt sich von Putin los, berichtet unter anderem der Tagesspiegel. Die Zeit verkriecht sich in Düsseldorf mit der brasilianischen Künstlerin Lygia Pape unter einer Leinwand. Monopol erfährt von dem niederländischen Künstler Renzo Martens, wie aus der Armut im Kongo Kapital im Westen generiert wird. In der taz erzählen die Punks der russischen Band Pornofilmy, was ausreicht, um auf der Liste unerwünschter Künstler zu landen. Und die Filmkritiker liegen dem finnischen Regisseur Juho Kuosmanen zu Füßen, der in "Abteil Nr. 6" von der Hoffnung erzählt, dass ein Eiserner Vorhang nie wieder errichtet werden würde.

War das Gift vielleicht schon da?

30.03.2022. Ingo Schulze beharrt in der SZ auf Uneindeutigkeit auch beim Krieg gegen die Ukraine. Die Festivalleiterin Ekaterina Degot fordert ebenfalls in der SZ die Wiederbelebung des Kurzwellenradios gegen Russlands messianische Propaganda. Der Tagesspiegel beobachtet die wohlgenährten Geier von Lima, die sich nicht einmal von 170 Kilo Schlachtabfällen anlocken lassen. Die FAZ feiert Audrey Diwans Wahrheitskino. Die NZZ sieht schwarz für die bunte Welt des Plastik. Und die taz bewundert die Bombastlosigkeit in der Nibelungen-Version des Jazzdrummer Max Andrzejewski.

Linien und Kreise

29.03.2022. In der NZZ folgt Sergej Gerassimow den  Flugbahnen der russischen Smertsch-Raketen. Die NZZ vernimmt auch das Seufzen einer geschundenen Volksseele in Emma Dantes "Sizilianischer Vesper" in Palermo. Die FR bewunddert die zarten Linien in Jochen Lempertz' Fotografie. Und die Katerstimmung nach der Oscar-Verleihung rührt nicht nur vor der missglückten Gala, räumen die FilmkritikerInnen ein, sondern auch von den schlechten Filmen.

Zerhackt und ratlos

28.03.2022. Will Smith lässt mit einer Ohrfeige für den Moderator die Oscar-Nacht entgleisen, bei der vor allem die Streaming-Dienste Trophäen einheimsen. Im Kuntsmuseum Den Haag erlebt die FAZ verstört die aufklärerischen Obsessionen von Boris Lurie und Wolf Vostell. Das Van-Magazin weiß, wie Wladimir Putin Valery Gergievs Treue zu belohnen beabsichtigt. In der Zeit erschrickt Lukas Bärfuss über die Entwertung der Sprache durch den Krieg.