Efeu - Die Kulturrundschau
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.10.2025. Die FAZ ist enttäuscht über die geringe Ausbeute philippinischer Literatur zur Frankfurter Buchmesse. In der taz berichtet Übersetzerin Annette Hug von den Schwierigkeiten, philippinische Geisternamen ins Deutsche zu übertragen. Der Tagesspiegel verliert sich bei Yuval Baers Installation "Flüssige Matrix" in Berlin im Rausch der Farben und Formen. Die Nachtkritik ist zwiegespalten angesichts Elsa-Sophie Jachs Inszenierung von Rainald Goetz' "unaufführbarem" Stück "Lapidarium" am Müncher Residenztheater.
10.10.2025. Zufrieden quittieren die Literaturkritiker den Literatur-Nobelpreis für den ungarischen Schriftsteller László Krasznahorkai - auch weil die Jury "beinharte Literatur" aus dem ebenso "fruchtbaren wie wagemutigen Mitteleuropa" auszeichnet. Die FAZ erkennt in Frankfurt: Suzanne Duchamp musste sich hinter ihrem Bruder Marcel wahrlich nicht verstecken. Artechock berichtet, wie deutschen Filmemachern das Drehen in Israel und den arabischen Nachbarstaaten madig gemacht wird. Und die nachtkritik pilgert zum Marthaler-Gottesdienst nach Hamburg.
09.10.2025. Die FAZ erhält in einer Ausstellung in Oxford faszinierende Einblicke in die Schreibwerkstatt John Le Carrés. Der Perlentaucher versucht mit Kathryn Bigelow und ihrem Action-Thriller "House of Dynamite" einen Atomschlag abzuwenden. Der Tagesspiegel kauert sich in einer Ausstellung in Berlin in die "Shacks" der afro-amerikanischen Künstlerin Beverly Buchanan. "Die Avantgarde ist wieder feministisch", ruft die Zeit bei der Fashion Week in Paris.
08.10.2025. Die Welt feiert in einer Wiener Ausstellung die Barockmalerin Michaelina Wautier - unter anderem gibt es in der Schau ein wunderbar herzhaftes Butterbrot zu entdecken. Theatermacher Alexander Karschnia wendet sich in der nachtkritik an Milo Rau und kritisiert, dass dieser keine Distanz wahrt zu radikalen Israelhassern. Ein in Wien aufgeführtes Theaterstück der Schweizerin Anaïs Clerc spürt auf schelmische Weise düsteren Familiengeheimnissen nach, freut sich der Standard. Die taz denkt über kybernetische Kunst und Smart Cities nach. Endlich wieder Bewegungsfreiheit: Die SZ bejubelt den neuen Chanel-Designer Matthieu Blazy.
07.10.2025. Erschüttert kommen taz und Tagesspiegel aus der Ausstellung "The Moment Music Stood Still", die Fotos der am 7. Oktober Ermordeten und deren Hinterlassenschaften zeigt. Die FAZ streift mit den Splitternackten von Johannes Grützke in Aschaffenburg durch ein Panoptikum menschlicher Versagensweisen. In der taz beklagt die Schriftstellerin Bettina Wilpert, dass Verlage nur Budget für Top-Titel einplanen. Und die SZ fragt sich in Stefan Herheims Wiener Strauß-Inszenierung, was Nazis mit der "Fledermaus" zu tun haben.
06.10.2025. SZ und Nachtkritik sind begeistert von Samuel Koch als "Wallenstein" in Jan-Christoph Gockels Münchner Inszenierung. Die FAZ reist zum Odessa Filmfestival und erfasst in Egor Olesovs "Die Tochter" die existenzielle Dimension des Krieges. Die Literatur wagt nichts mehr, beklagt die NZZ. In der Fondation Maeght lernt Monopol von Barbara Hepworth, was Naturbezüge und abstrakte Skulpturen miteinander zu tun haben.
04.10.2025. In der SZ erzählt Ofir Amir, Veranstalter des von der Hamas attackierten Nova-Festivals, wie er in einer Ausstellung die Geschichten der 411 Opfer erzählen will. Die Popkritiker stürzen sich auf das neue Taylor-Swift-Album, das laut SZ zwar keine nennenswerten Tauchtiefen bietet, aber doch am faszinierenden Gedankenstrom eines Showgirls teilhaben lässt, wie die FR sekundiert. Der Tagesspiegel lässt sich von Ersan Mondtag am Gorki Theater die Geschichten von Arbeitsmigrantinnen erzählen, die nachtkritik blickt mit Frank Castorf im Atomschutzbunker in Hamburg auf die Ruinen Europas. Und die FAS fragt sich im HKW: Was ist Faschismus?
02.10.2025. Die Theaterkritiker verneigen sich vor Burkhard C. Kosminski, der Peter Weiss' Stück "Die Ermittlung" sechzig Jahre nach der Uraufführung noch einmal im Stuttgarter Landtag inszeniert. VAN staunt, wofür die Komische Oper ihren "Migrationsetat" ausgibt. Die NZZ sieht in Mstyslav Chernovs Dokumentarfilm "2000 Meters to Andriivka" den Krieg aus den Augen ukrainischer Soldaten. Die SZ lässt sich in München von Cyberpioner Miguel Chevalier digitale Brokkoliköpfe zeigen. Als Plädoyer für den stillen Einspruch empfiehlt der Perlentaucher Tom Shovals Dokumentarfilm über den 7. Oktober.
01.10.2025. Michel Friedman kommt, nach seiner Ausladung durch den örtlichen Bürgermeister, auf eigene Faust mit dem PEN Berlin nach Klütz - und löst eine zivilisierte Debatte auf dem Marktplatz aus, freut sich die taz. Die SZ huldigt Kathrin Wehlischs brillantem Spiel als Kafkas Josef K. auf der Bochumer Bühne. Die FR verliert sich in den tänzerischen Schattenspielen einer Frankfurter Fotoausstellung von Péter Nádas. Der Standard feiert das zärtlich melancholische neue Album des Indierockers Jeff Tweedy. Mit Ben Safdies Sportfilm "The Smashing Machine" blickt die FAZ hinter die Fassade fleischbergiger Männlichkeit.
30.09.2025. Die Theaterkritiker sind allesamt begeistert von Barrie Koskys Kafka-Revue "K." am Berliner Ensemble, die zwischen Unbehagen, Witz und "talmudschem Über-Ich" schillert. Die FAZ gerät über die handwerklich brillanten Porträts des schwedischen Malers Anders Zorn in der Hamburger Kunsthalle ins Schwärmen. Als "kleines Wunder" bezeichnet außerdem die Welt eine Ausstellung über jüdische Designerinnen in Berlin, die der Nationalsozialismus ins Abseits der Geschichte drängte. Jan Böhmermanns umstrittenes Berlin-Konzert wurde abgesagt: SZ und taz finden das nicht so gut.