Efeu - Die Kulturrundschau
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.07.2025. Im von der Welt übersetzten Figaro-Gespräch erklärt der Philosoph Jean-François Colosimo die Verurteilung Boualem Sansals: Das oligarchische System Algeriens muss Frankreich als seinen ewigen Feind darstellen, um zu überleben. Die FAZ bewundert beim Festival d'Aix en Provence zahlreiche Produktionen aus dem Nahen Osten. Der Guardian betrachtet in der Londoner Tate Modern Fußabdrücke von Emus auf den Gemälden der Aborigine-Künstlerin Emily Kame Kngwarreye. Antisemitismus ist jetzt eine hippe Jugendbewegung, stellt die Jungle World mit Blick auf die Musikszene fest.
09.07.2025. Die propagandistische Trickfilmserie "Sandpit" präsentiert einen niedlichen Putin mit Kulleraugen - und zielt damit womöglich nicht nur auf russische Kinder, sondern auch auf westliche Erwachsene, meint Zeit Online. Die Welt schwärmt von "La Callisto", einer Barockoper Francesco Cavallis voller "Crossdresser, Metrosexuellen und Transen", beim Festival in Aix-en-Provence. Wird KI die Musikbranche killen? Der Standard fürchtet, mit Blick auf den Erfolg der komplett algorithmischen Band The Velvet Sundown: ja.
08.07.2025. Der algerische Präsident Abdelmadjid Tebboune hat die westliche Öffentlichkeit verhöhnt, aber Algerien hat durch die Sansal-Affäre kaum an internationalem Ansehen verloren, konstatiert Claus Leggewie in der FR. Die Welt reist auf die Ile de Porquerolles an der Côte d'Azur, um in abstrakten Gemälden zu baden. Sollen die Schlösser Ludwig II. Weltkulturerbe werden? Unbedingt, meint die SZ und erinnert an Ludwigs Münchner Dachgarten, der samt Schwänen im künstlichen See abgeräumt wurde. Die NZZ schaut vom Hindu-Nationalismus geprägte Bollywood-Filme.
07.07.2025. In Frankreich herrscht Empörung über die ausbleibende Amnestie für Boualem Sansal. Die NZZ begibt sich mit Steve McQueen in eine klaustrophobe Klanginstallation. Marko Perkovics Konzert in Zagreb war eines der größten, die es je in Europa gab, für die FAZ ist das wegen der dort gebrüllten Ustascha-Relativierungen beunruhigend. Henrik Ibsen ist auch nicht mehr das Wahre, wenn die "Wildente" ihrer Titelfigur quasi beraubt wird, findet die Nachtkritik. Die taz macht sich Gedanken über die schwierige Situation der Provenienzforschung.
05.07.2025. Anders als erhofft wird Boualem Sansal heute nicht begnadigt, meldet Le Monde. In Le Point erinnert Kamel Daoud daran, dass vor Sansal schon ein anderer großer Autor im Gefängnis von Algier schmachtete: Miguel de Cervantes. Die FAZ träumt sich beim Holland Festival mit dem Tänzer Trajal Harrell aus ihrem Körper. Außerdem werden ihr in einer Pariser Ausstellung über die "Mission Dakar-Djibouti - Contre-enquête 1931-33" die unfeinen Methoden der Aneignung kultureller Artefakte aus Afrika vorgeführt. epd film bewundert die Melange aus Wehmut und Skepsis, die einen Liebling unserer Urgroßeltern auszeichnete: Willi Forst.
04.07.2025. Die FAZ reist nach Cherbourg, wo es der Comiczeichner Brecht Evens farbige Papierfetzen regnen lässt. In Wien begleitet sie mit Hito Steyerl Microworker bei der Drohnen-Optimierung in nordirakischen Flüchtlingslagern. Die NZZ kann sich der zeitlosen Schönheit der Handwerkskunst der Shaker im Vitra Design Museum nicht entziehen. Der Standard denkt über einen Boykott von Spotify nach. Und die SZ trauert um Michael Madsen, den Tarantino-Star der zweiten Reihe.
03.07.2025. Nach dem Urteil gegen Boualem Sansal ermuntert Claus Leggewie die Bundesregierung im Perlentaucher, dem algerischen Botschafter gegenüber ihre Missbilligung des Urteils kundzutun. FAZ und FR lauschen gebannt, wenn Judith Schalansky in ihrer Frankfurter Poetikvorlesung die Geschichte der Welt vom Marmor aus erzählt. VAN hat zum Umgang der Komischen Oper mit öffentlichen Geldern recherchiert. Die taz sitzt in Warschau zwischen einer Wodka- und einer Whiskeyflasche. Die NZZ nimmt lieber Platz auf modellierten Eulen und Hirschen von Diego Giacometti.
02.07.2025. Boualem Sansal bleibt in Haft. Le Point hofft nach einem weiteren algerischen Skandalurteil auf eine Begnadigung durch den Präsidenten, aber es bleibt ein sehr bitterer Nachgeschmack, den rupture-mag.fr und Franc Tireur benennen. Die Schriftstellerin Cristina Rivera Garza erklärt im Zeit-Gespräch, warum es wichtig ist, anders über Morde an Frauen zu schreiben. Die FR begeistert sich angesichts einer Städel-Ausstellung für das Unrealsozialistische der Kunst des DDR-Malers Werner Tübke.
01.07.2025. Aktualisierung um 12.20 Uhr: Das Urteil in der zweiten Instanz gegen Boualem Sansal lautet auf fünf Jahre Gefängnis. Heute wird das Urteil gegen Boualem Sansal erwartet - dann wissen wir auch mehr über die Absichten der algerischen Regierung gegenüber Frankreich, kommentiert Le Point. Im Spiegel erklärt der polnische Schriftsteller Szczepan Twardoch, warum Romane besser geeignet sind, um über Krieg zu schreiben. Die SZ lauscht in Köln dem apokalyptischen Sound der "Letzten Tage der Menschheit". Die FR irrt in neuen Bildern von Norbert Bisky durch Parallelgesellschaften. Und die SZ tarnt sich in Paris ein letztes Mal in klobigen Jacken von Balenciaga-Designer Demna.
30.06.2025. Die Kritiker jubeln über den Bachmann-Preis für Natascha Gangl: In ihrem Text geht es mit großer "Sprachspielhaftigkeit" um Nazi-Massaker in Österreich. Während die SZ einem leidenschaftlichen "Don Giovanni" bei den Münchner Opernfestspielen lauscht, reicht es für die FAZ höchstens für genervtes Gähnen. Monopol lässt sich von Jordan Wolfsons Installation in Basel verstören. Zeit Online lernt mit bisher unveröffentlichten Alben einen ganz neuen Bruce Springsteen kennen.