Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Eine Perle am Wegesrand

23.01.2025. Die Filmkritiker begrüßen mit Matthew Rankin, der in "Universal Language" iranisches Exilkino nach Winnipeg holt, einen neuen Hoffnungsträger des Weltkinos. Der Tagesspiegel erlebt in Berlin mit Werken aus Odessa eine Lehrstunde europäischer Kunstgeschichte. Hyperallergic sieht sich in Oslo von der norwegischen Malerin Else Hagen von Wolken feministischer Angst umhüllt . Die Auswahl zum Theatertreffen 2025 teilt die Gemüter: Radikal, meint die SZ, die soziale Apathie greift ins Ästhetische über, zürnt die Welt.  

Das ganz große Kreischpotenzial

22.01.2025. Die Feuilletons reagieren verhalten auf das diesjährige Programm der Berlinale: Zu wenige Stars, mutmaßt der Tagesspiegel. Aber eine vielfältige Filmauswahl, freut sich der Filmdienst. Die FAZ überkommt in einer Erfurter Ausstellung mit Venedig-Bildern von Friedrich Nerly schlimmstes Italien-Fernweh. Außerdem freut sie sich darüber, dass Silvia Costas Inszenierung von Karlheinz Stockhausens "Licht"-Zyklus an der Oper Lille in Zeiten beschworener maskuliner Energien das Weibliche feiert. Die GEMA verklagt den Musikgenerator Suno, weil er Dieter Bohlens Schreckensprojekt "Modern Talking" perfekt kopiert, staunt die SZ.

Sehnsucht nach Orten, die es nicht mehr gibt

21.01.2025. Der Guardian lernt in London fassungslos Simone de Beauvoirs Schwester Hélène kennen, die so radikal malte wie die Schwester schrieb. Die taz klettert mit Kieran Joel in Potsdam über die baumdicken Oberschenkel von Kim de l'Horizons Großmeer. Außerdem blickt die taz auf die Isolation israelischer DJs in der Elektro- und Clubszene. Die SZ liest zum fünfzigsten Todestag die traurigen, bissigen, melancholischen Exil-Gedichte von Mascha Kaleko.

Zum explosiven Höhepunkt

20.01.2025. "Wenn der Wind weht, spüre ich, wie die Panik in mir zu pochen beginnt", schreibt in der SZ der Schriftsteller T.C. Boyle, der in den kalifornischen Wäldern ausharrt, trotz der Feuergefahr. Die Nachtkritik erklärt mit Eric de Vroedts Frankfurter Inszenierung von Arthur Millers Stück "Ein Blick von der Brücke" den Tod für beendet. Moritz Eggert protestiert auf Backstage Classical gegen eine offenbar anstehende GEMA-Reform, bei der die Klassik künftig deutlich benachteiligt sein könnte. Monopol findet bei Herbert Lindinger heraus, was hinter dem Muster auf den Sitzen der Berliner U-Bahn steckt.

Die dunkelste und kühnste aller Verschwörungen

18.01.2025. Die SZ bewundert Gabriela Jolowiczs Schnappschüsse in Holz. Die FAS lauscht dem Buchclub des Popstars Dua Lipa auf Social Media. Die Filmkritiker trauern immer noch um David Lynch. In der Berliner Zeitung versenkt sich Slavoj Zizek psychoanalytisch in die Welt der von sexueller Energie hysterisch aufgeladenen Bösewichte Lynchs. Die nachtkritik applaudiert Mable Preachs Versuch, mit ihrer hoffnungslosen "Opera of Hope" die Oper zu entkolonisieren. Der Tagesspiegel erlebt eine Feier der Individualität mit der israelischen Bathseva Dance Company.

Das Geheimnis hinter dem roten Vorhang

17.01.2025. Einen wie ihn wird es im Kino nicht mehr geben: Der große, einzigartige David Lynch ist tot. Die Feuilletons trauern um einen Regisseur, der wie kein anderer die Schönheit im Schrecken fand. Die nachtkritik lernt dank Christopher Rüping am Thalia Theater Helden aus der zweiten Reihe kennen. Die FAZ verfolgt, wie sich Sigmar Polke im Madrider Prado Francisco de Goya einverleibt. Im SpOn-Interview rät der Architekt Friedrich von Borries den Kaliforniern, Los Angeles lieber erstmal nicht wieder aufzubauen. In  der SZ denkt Natan Sznaider über die Neue Sachlichkeit nach.

Die Körperlichkeit der Rhinozerosse

16.01.2025. Die Filmkritiker lassen sich von Clint Eastwoods minimalistischem Slowburner "Juror #2" über einen befangenen Geschworenen in den Bann ziehen. Monopol bewundert die Leichtigkeit, mit der Albert Oehlen die archaischen Plastiken des Holocaust-Überlebenden Hans Josephsohn in Paris arrangiert. In der FAZ will der neue Albertina-Direktor Ralph Gleis nicht auf "Zwangsbeglückung", sondern auf Partizipation in Museen setzen. Und die SZ schickt mit Selen Kara in Essen einen deutschen Gastarbeiter nach Istanbul.

Genug Glitzer

15.01.2025. Die FAZ schaut mit Jesse Eisenbergs Film "A Real Pain" nach Polen, wo um die Erinnerung an den Holocaust eine brummende Tourismusbranche entstanden ist. Darf Carrie Underwood wegen ihres Auftritts bei der Trump-Inauguration angefeindet werden? Nein, meint die SZ. Der Standard findet mit Christoph Bochdanskys und Rose Breuss' Tanzstück "Fragments of our time" am Wiener Theater Nestroyhof Hamakom verlorene Tänze wieder.

Im Inneren bewegt

14.01.2025. Die Theaterkritiker tauchen mit Johannes Eraths Inszenierung von György Kurtágs Oper "Fin de partie" in eine clowneske Weltuntergangsfantasie ein. Die Filmkritiker erwarten mit Spannung den deutschen Kinostart von Alexander Horwaths epischem Essayfilm "Henry Fonda for President", der die Geschichte nicht eines, sondern zweier Amerikas schreibt, wie die Presse festhält. Der Schriftsteller T.C. Boyle ist sich angesichts der Brände in Los Angeles im ZeitMagazin sicher: "Wir sind dem Untergang geweiht." Und alle trauern um den Werbefotografen Oliviero Toscani, der die Welt mit seinen Werken schockierte und faszinierte.

Hellwacher Spott

13.01.2025. In Stas Zhyrkovs Shakespeare-Inszenierung "Future Macbeth" am Berliner Ensemble bleibt der Mensch als "wahrhaft gewaltiges Wesen" zurück - die Nachtkritik fragt: Was bleibt dann von der Kunst? Der Produzent und ehemalige Constantin-Vorstand Martin Moszkowicz fordert in der SZ "weniger Gießkanne, mehr Bestenförderung" für die Filmbranche. Bald steht ein schwedisches Sommerhaus auf dem Mond, freut sich die SZ außerdem mit Blick auf ein Projekt des Künstlers Mikael Genberg. In Los Angeles ist ein wichtiges Arnold-Schönberg-Archiv verbrannt, meldet Slipped Disc.