Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Wider die menschliche Hybris

11.01.2025. Tagesspiegel und FAS sind beeindruckt von Thomas Riedelsheimers Dokumentarfilm "Tracing Light", der das komplexe Wesen des Lichts ergründet. Die SZ liest Alice Munros Romane mit dem Wissen darum, dass sie ihre Tochter nicht vor dem Missbrauch durch ihren Ehemann schützte, noch einmal neu. Die FAZ muss schlucken angesichts der Bilder von Collage-Künstlerin Annegret Soltau, für die Kunst nicht Erlösung, sondern Schmerz bedeutet. Außerdem schlendert sie mit dem Medienwissenschaftler Alexander Gutzmer mit New-York-Romanen unterm Arm durch New York.

Niemals entzaubert, sondern entlastet

10.01.2025. Die FAZ geht in der Kunsthalle Recklinghausen auf eine Zeitreise in die junge Bundesrepublik. Dass um Kunstfreiheit auch zehn Jahre nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo noch gekämpft werden muss, lernt die taz in einer Karikaturen-Ausstellung in Hannover. Die SZ identifiziert den Auftragskiller als neuen romantischen Filmheld. Die Welt sieht das Ballett in der Krise. Die FR spricht mit dem iranischen Musiker Saba Alizadeh über die Restriktion der Musik in seinem Heimatland. Und alle trauern um die Wiener Theaterlegende Otto Schenk.

Picassos kugeliger Kopf

09.01.2025. Lieber polierte man zwei Tage lang einen neunzig Jahre alten Maserati, als die Verbindung zwischen Futurismus und Faschismus zu zeigen, bemerkt die NZZ in einer Ausstellung in Rom. Monopol lernt in einer Berliner Ausstellung über queere Kunst im Pazifikraum die fünf Geschlechter der Bugis kennen. Zeit und taz lassen mit Edgar Reitz und Jörg Adolph in "Filmstunde_23" ein Schulexperiment aus dem Jahr 1968 wieder aufleben. Die SZ trifft die russische Sängerin Monetotschka, die aus dem Exil versucht, ihre Fans in Russland zu ermutigen.

Schicke Nerds

08.01.2025. In Patryk Vegas hochgradig spekulativer Filmbiografie "Putin" macht sich der russische Präsident in die Windeln, dem Filmdienst wird ob der intellektuellen Schlichtheit der Unternehmung trotzdem fad. Die SZ betritt mit Alhierd Bacharevičs Roman "Europas Hunde" eine "Terra incognita der Literatur", gegen die der belarussische Staat mit Traktorenpower vorgeht. Die FAZ flaniert in Paris durch eine Warenhausausstellung und freut sich über das Comeback dieser Konsumtempel. Zeit Online widmet sich dem markanten Sägesound des Rage-Raps.

Unter dem ästhetischen Radar

07.01.2025. Die SZ trifft sich mit Michelangelo, Leonardo und Raffael in London zum Gipfeltreffen der Giganten. In der Jungle World erzählt der Autor Henryk Gericke, wie die DDR ihre Punks aus dem Straßenbild entfernte. Die Filmkritiker freuen sich über die Golden Globes für Jaques Audiards "Emilia Pérez" und Brady Corbets "Der Brutalist", auch weil sie als Gradmesser für den gesellschaftlichen Fortschritt dienen, wie der Tagesspiegel bemerkt. Der Tagesspiegel staunt außerdem, welche literarische Raketen der Kleinverlag Carcosa zündet. Die taz lernt im Berliner DAZ, wie man emanzipatorisch baut.

Die Frage nach der Schildkröte

06.01.2025. In der NZZ fragt sich der israelische Schriftsteller Ron Segal, warum das deutsche Außenministerium den Vorschlag Israels abgelehnt hat, zur Feier von 60 Jahren diplomatischer Beziehungen, einen gemeinsamen Stand an der Frankfurter Buchmesse auszurichten. Dass die Literaturbranche mit der KI "Demandsens" zukünftig Manuskripte auf ihren Marktwert hin analysieren kann, schockiert die Welt nicht besonders. Nachtkritik unternimmt mit Klaus Gehres Darmstadter Inszenierung von "Interstellar. Zwischen den Sternen" eine prächtige, aber etwas verwirrende Weltraumreise.

Poesie der Tatsachen

04.01.2025. SZ und Welt sind tief beeindruckt von Tim Fehlbaums News-Thriller "September 5" über das Olympia-Attentat von 1972. Im Interview mit der FAZ erklärt Dirigent Iván Fischer, warum Operninszenierungen immer von der Musik ausgehen sollten. Die taz sucht Alternativen zu Kafka. Und die SZ porträtiert den großartigen Essayisten Eliot Weinberger.

Zeitgenössisch sophisticated

03.01.2025. Der Tagesspiegel erlebt mit Philippe Parreno, Susanne Daubner und einer KI in München ein apokalyptisches Gesamtkunstwerk. Im Monopol-Magazin verteidigt Kuratorin Tanja Pirsig-Marshall die viel gescholtene Otto Mueller-Ausstellung in Münster. Die FAZ fragt sich, warum das Auswärtige Amt anlässlich von sechzig Jahren diplomatischer Beziehungen zu Israel kein Interesse an einem gemeinsamen Stand auf der Frankfurter Buchmesse hat. Außerdem beginnt sie das neue Jahr in Berlin mit klingenden Licht-Metaphern von Felix Mendelssohn Bartholdy.

Lässt allen existenzialistischen Weihrauch abziehen

02.01.2025. So hin- und hergerissen wie der Film selbst, sind auch die Kritiker von Robert Eggers' Nosferatu-Remake "The Witch". Lebendiger erscheint ihnen Luca Guadagninos "Queer", der einen Schmierbolzen im mexikanischen Exil seinem schwulen Begehren nachforschen lässt. Der Standard bewundert in Wien den Champagnergeist Dagobert Peche, dessen knallige Wiener Werkstätte-Entwürfe die Pop-Kultur bis heute prägen. Die SZ knetet mit Francis Bacon in London die Gesichter von Freunden.

Kosmische Kriegsführung

31.12.2024. Dass Feuerwerk auch eine Kunst sein kann, lernt die taz in einer Berliner Ausstellung. Auf critic.de erzählt Lukas Foerster von seinem Mammut-Projekt: alle deutschen Filme mit Kinostart aus dem Jahr 2024 gesehen zu haben. Boualem Sansal wird bei der Neujahrsamnestie des algerischen Präsidenten nicht freigelassen, meldet sein französisches Unterstützerkomitee. Kunst ist keine Wohlfühloase, erinnert in der Zeit Rainer Moritz. Die taz betrachtet die Architektur in Bulgarien. Die Zeit trauert um den Berliner Watergate-Club, der im neuen Jahr dicht macht.