Efeu - Die Kulturrundschau
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.11.2024. Die taz öffnet mit den Textilarbeiten der aus Rumänien stammenden Künstlerin Marion Baruch, die sie in Aachen und Krefeld bewundert, eine Tür ins Nichts. Die SZ erfährt von Nicholas Potter und Stefan Lauer, die zum Thema Antisemitismus forschen: In der linken Clubkultur ist Antisemitismus angesagt. Die Kritiker trauern um den Schriftsteller Jürgen Becker. Die SZ begibt sich mit Stefan Bachmanns Wiener Inszenierung von Stefano Massinis "Manhattan Project" auf einen rasanten Ritt durch die Geschichte der Atombombe.
09.11.2024. Die FAZ sammelt Stimmen zum Antisemitismus im Literaturbetrieb. Die Welt blickt mit Gregor Schneider in die Leere, die einst Lützerath war. Der taz ist das neue Interesse an der DDR-Architekturmoderne nicht ganz geheuer. Die SZ berauscht sich an einer Flaschenpost von Chopin aus dem Jenseits. Ronya Othmann erzählt in der FAS von ihrer Reise zum Ukrainischen Literaturfestival und Lyrikerinnen an der Front.
08.11.2024. Die Zeitungen trauern um den Künstler Daniel Spoerri, der im Alter von 94 Jahren gestorben ist. Tagesspiegel und Zeit fragen sich, wie Popkultur und Wahlniederlage von Kamela Harris zusammenhängen. Was Antigones Schwester Ismene von deren Märtyrertum hält und wie das mit heutigen Protestbewegungen zusammenhängt, lernt der Tagesspiegel bei Athena Farrokhzad und Farnaz Arabi am Theater an der Parkaue. Artechock freut sich, dass gelungene Bandenkrieg-Thriller auf dem Filmfest Mannheim-Heidelberg gezeigt werden.
07.11.2024. Die Kritiker feiern Ali Ahmadzadehs iranischen Thriller "Critical Zone": Die FAZ dringt hier weit vor ins "Nachtgewebe" Teherans, die FR erlebt ein "Kinowunder". Der Hanser-Verlag trennt sich von seiner Literaturzeitschrift Akzente: Die SZ blickt wehmütig in die Zeit zurück, in der Verlage und Literaturzeitschriften selbstverständlich zusammen gehörten. Der Tagesspiegel freut sich über das neue Museum für Moderne Kunst in Warschau und findet gar nicht, dass es wie ein Schuhkarton aussieht. Die FAZ bewundert die Malerin Elfriede Lohse-Wächtler in Hamburg als "stilistisch virtuose Inszenatorin ihrer selbst."
06.11.2024. Helden werden gebraucht, wenn nicht alle Menschen gut sind, lernt die FAZ in einer Berliner Ausstellung, die dem in der Sowjetunion ermordeten ukrainischen Dichter Wassyl Stus, gewidmet ist. Die Welt huldigt anlässlich einer neuen Einspielung Wilhelm Grosz, einem flamboyanten Übertalentierten der Musikgeschichte. Die SZ lässt sich in Zürich von Kirill Serebrennikows Inszenierung der Schnittke-Oper "Leben mit einem Idioten" erschüttern. Der Tagesspiegel lernt Thomas Mann in André Schäfers Doku "Die Bekenntnisse des Hochstaplers Thomas Mann" als glücklichen Oscar Wilde des 20. Jahrhunderts kennen.
05.11.2024. Der Prix Goncourt geht 2024 an Kamel Daoud für dessen Roman "Houris": Diese Entscheidung ist "ein Segen für Frankreich und darüber hinaus", jubelt die SZ. FAZ und FR applaudieren Nadia Loschky zu ihrer Inszenierung von Alban Bergs Oper "Lulu" in Frankfurt, die die Heldin als reale Frau und nicht als mythisches Wesen zeigt. Die taz schaut sich in der albanischen Theaterszene um. Die Musikkritiker trauern um den Komponisten und Musikproduzenten Quincy Jones.
04.11.2024. Der Büchner-Preis ging am Samstag an den Schriftsteller Oswald Egger. Entzückt waren die Feuilletons sowohl von der Laudatio Paul Jandls als auch von der Dankesrede des Dichters, der sich in einen wahren "Rollenspiel-Furor" hineinsteigerte, wie die Berliner Zeitung staunt. Nachtkritik und taz loben Leonie Rebentischs Adaption von Charlotte Gneuß' vieldiskutiertem DDR-Roman "Gittersee" am Berliner Ensemble. Die taz besteigt in einer Ausstellung in Wolfsburg einen von Leandro Erlich erschaffenen Mond. Außerdem beobachtet sie, wie die italienischen Postfaschisten den Futurismus wiederbeleben wollen.
02.11.2024. "Ein Schriftsteller, der das literarische Sprechen boykottiert, ist wie ein Musiker, der die Musik boykottiert", sagt der israelische Schriftsteller Ron Segal in der FAZ, fassungslos angesichts des Israel-Boykottaufrufs seiner Kollegen. Die FAZ hört bei der 17. Kunstbiennale in Lyon außerdem die Stimmen von Flüssen und wütenden Kochtöpfen. Die SZ versenkt sich tief in den "kammermusikalischen Minimalismus" der Jazz-Musiker Nils Wülker und Arne Jansen. Die taz denkt in der Ausstellung "Fellow travellers" im ZKM Karlsruhe über die Grenze zwischen Kunst und politischem Aktivismus nach.
01.11.2024. NZZ und Tagesspiegel erliegen dem morbiden Charme von The Cures neuem Album, die SZ vermisst was fürs Herz. Die Komödie am Kurfürstendamm wird Hundert, in der FAZ ist Katharina Thalbach immer noch stinksauer über den Abriss des Theaterhauses. Artechock hätte sich von Andres Veiels Riefenstahl-Doku mehr Einordnung gewünscht. Monopol lässt sich von Max Herre erklären, warum die Einrichtungsgegenstände seines Großvaters Richard plötzlich bunt sind.
31.10.2024. Wir sollten in Zukunft mehr Filme drehen, "in denen die Juden nicht als Opfer gezeigt werden, sondern als lebendige Menschen", überlegt der frühere Filmproduzent Günter Rohrbach in der Zeit. In der taz fordert die Dramaturgin Stella Leder angesichts der Ideologisierung im Kulturbetrieb, über die Geschichte des linken Antisemitismus zu reden. Der Standard versucht im Wiener Leopold Museum mit Knoblauch und Tomaten die Dämonen im Werk von Rudolf Wacker zu bannen.