Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

In was für einer absurden Welt wir leben

22.11.2024. In Le Point macht sich Kamel Daoud große Sorgen um seinen Kollegen und Freund Boualem Sansal, von dem nach einer Festnahme in Algerien niemand mehr etwas gehört hat. Dass Daoud den Prix Goncourt erhalten hat, dürfte die ohnehin angespannten Beziehungen zwischen Frankreich und Algerien weiter strapazieren, heißt es. Die Schönheit des Bronzegießens lässt sich der SZ zufolge in Amsterdam erkennen. Wenn jemand für eine Banane 5,9 Millionen Euro zahlt, ist das für den Standard kein Blödsinn, sondern Kunstbetriebskritik. Zeit Online porträtiert die israelische Sängerin Noga Erez, die von BDS-Unterstützern angefeindet wird.

Sie sind nackt, erschöpft und aufgekratzt

21.11.2024. Während immer mehr KünstlerInnen das Symposium "Kunst und Aktivismus in Zeiten der Polarisierung" absagen, hält Nan Goldin in der Zeit Berlin für ein "Zentrum der Unterdrückung". taz und Zeit wüssten gern, wer genau eigentlich unterdrückt wird. Die FAZ sucht in der Berlinischen Galerie die Verbindung zwischen Stierkämpfern und Müttern nach der Entbindung im Werk von Rineke Dijkstra. In der Zeit erzählt Serhij Zhadan, wie schwer es ist, im Krieg zu schreiben. Und die Filmkritiker lassen sich von Bruno Dumont mit extraterrestrischen Bauern in der französischen Provinz bekanntmachen.

Vom Diskurs benebelt

20.11.2024. Das ganze Brimborium des Katholizismus bietet Edward Bergers Film "Konklave" auf, freut sich die FAZ. Die Kürzungspläne des Berliner Senats werden konkreter - und treffen insbesondere auch die Theater hart, wie Zeit Online berichtet. Die Feuilletons gratulieren Thomas Manns "Zauberberg" zum Hundertsten, einem Buch, das man am besten im Zustand der fiebrigen Erkältung lesen sollte, wie die FAZ außerdem findet. Die Welt tanzt sich in den Sophiensälen mit Gisèle Viennes "Crowd" durch eine abgründige Rave-Party.

Wispern, grummeln oder summen

19.11.2024. In der NZZ warnt Ronya Othmann vor allem angesichts des BDS vor einer Welt, "in der nicht die Haltung, sondern die Herkunft darüber entscheidet, wo man mitmachen darf." Der Spectator stellt unter anderem mit Blick auf Roman Polanskis kaum noch gezeigten Film "Intrige" über die Dreyfus-Affäre fest, "wie Juden aus der modernen Kultur herausgeschrieben werden." Die Welt befürchtet derweil bei der Nan-Goldin-Ausstellung in der Berliner Nationalgalerie einen Skandal mit Ansage. Die FAZ schwärmt in Stuttgart von der venezianischen Haute Couture des Vittore Carpaccio. Und die TheaterkritikerInnen gruseln sich vor Barrie Koskys "Sweeney Todd" an der Komischen Oper.

Ein spätes Glück

18.11.2024. Im Tagesspiegel erzählt die ukrainische Schriftstellerin Sofia Andruchowytsch, wie sie nach dem Beginn des Krieges eine neue Sprache finden musste. Die FAZ muss sich bei Björn Reinkes Inszenierung der Haydn-Oper "Armida" in Potsdam zwischen "Myrte und Maschinengewehr" entscheiden. Im Standard stellt der Schriftsteller Karl-Markus Gauß bestürzt fest: Wir leben in einer Epoche des "Librizids". Die NZZ freut sich, dass die Stadt Ferrara ihrem bedeutenden Sohn Michelangelo Antonioni ein Museum gewidmet hat.

Nicht jedes Theater liegt am Wasser

16.11.2024. In Mailand möchte das Kino Orfei Ruggero Gabbais Dokumentarfilm "Liliana" über die Holocaustüberlebende Liliana Segre nicht zeigen - aus Angst vor antisemitischen Demonstranten, berichtet die SZ. In der taz beklagt Etgar Keret die intellektuelle Faulheit von Sally Rooney und co. NZZ, FAZ und SZ blicken in Genf unterscheidlich ergriffen auf Sidi Larbi Cherkaouiers den Spuren seines marokkanischen Vaters folgende Choreografie "Ihsane". Der Tagesspiegel unterhält sich mit Gregor Schneider über sein Projekt Ars Moriendi, das die Toten in den Münchner Stadtraum holen will. Critic.de gewinnt einen Eindruck tierischer Autonomie in Romuald Karmakars Doku "Der unsichtbare Zoo".

Kein Argument für mangelnde Transparenz

15.11.2024. Die FAZ besucht in Wien ein Symposium für inhaftierte russische Künstler. Die Filmkritiker streiten über die Frage, ob man dem Dokumentarfilm "No Other Land" über das Westjordanland nun Antisemitismus vorwerfen kann oder nicht. Auch über die Berufung von Cagla Ilk als neuer Intendantin des Maxim Gorki-Theaters herrscht Uneinigkeit: Die Berliner Zeitung freut sich auf ihren Theater und Kunst mischenden Ansatz, der Tagesspiegel ist skeptisch, weil Joe Chialo im Alleingang entschieden hat.

Vogelperspektive auf die fragile Welt

14.11.2024. Samantha Harveys Roman "Orbital" gewinnt den Booker Prize: "der ultimative Kommentar zu unserer Gegenwart", findet der Tagesspiegel. Maxim Biller bescheinigt der literarischen Israel-Boykottbewegung um Sally Rooney in der Zeit eine handfeste Psychose. Die Welt schüttelt den Kopf angesichts politischen "Architektur-Bashings". Der Perlentaucher ist schwer beeindruckt von Veronika Franz' und Severin Fialas Folk-Horrorfilm "Des Teufels Bad". SZ und NZZ trauern um den Schlagzeuger Roy Haynes, der in den frühen Fünfzigern sein Metier revolutionierte.

Manchmal nur ein Lichtkreis

13.11.2024. Die SZ fragt angesichts einer Ausstellung in Münster: War Otto Mueller Sexist, Rassist und Antiziganist - oder träumte er einfach nur mit dem Pinsel? Karim Aïnouz, Regisseur des Films "Motel Destino", springt in der taz für mehr Kino-Sex in die Bresche. Wird die Literaturszene bald nach Israel auch die USA boykottieren? Die SZ glaubt nicht daran und wittert Doppelmoral. Die Feuilletons trauern um den Maler Frank Auerbach und den Jazzer Lou Donaldson.

Extremist der Innigkeit

12.11.2024. Die FAZ ist ganz benommen vor Glück nach Julia Burbachs Inszenierung der Händel-Oper "Partenope" in Frankfurt. Die taz verliert sich gerne in der fremdartigen Hamburger Installation "Spacewalks" des Künstlers Simon Hehemann. Die SZ meint, wer die Cowboy-Ranch-Serie "Yellowstone" aufmerksam geschaut hat, konnte das Wahlergebnis in den USA ohne Probleme vorhersagen. Das FAZ-Feuilletonteam denkt über das Lesen im Wandel nach.