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Efeu - Die Kulturrundschau

Zum Niederknien prickelnd

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02.03.2018. Die FAZ bewundert feinste japanische Holzschnittkultur. Der Tagesspiegel staunt über die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen in der italienischen Kunst der Zwischenkriegszeit. Die taz ergibt sich der Liebe und dem Rausch in der Autobiografie des Palais-Schaumburg-Bassisten Timo Blunck. Auf Zeit online warnt Museumsdirektorin Marion Ackermann vor einem selbstgerechten Moralisieren in der Kunst. Der Tagesspiegel sucht den Durchblick im Streit um den Nachlass von Imre Kertesz.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.03.2018 finden Sie hier

Kunst


Utagawa Hiroshige (1797-1858) Seba, Station 32 aus der Serie "96 Stationen des Kisokaido", Kisokaido rokujukyu-tsugi no uchi. © Rheinisches Bildarchiv Köln

Wärmstens empfiehlt ein begeisterter Andreas Platthaus in der FAZ die Ausstellung "Das gedruckte Bild - Die Blüte der japanischen Holzschnittkultur" im Kölner Museum für Ostasiatische Kunst, die Vergnügungsviertel, Schauspieler, Tiere oder Landschaften in thematischen Gruppen vorstellt. "Immer wieder neu wird man so mit der ästhetischen und intellektuellen Entwicklung dieser Kunst konfrontiert, wird erinnert an kurz zuvor Gesehenes, und wenn man heraustritt aus dem letzten Teil der Schau ... ist der Kopf um vieles klüger und das Bildgedächtnis bereichert. Um Blätter wie das mit den Schmetterlingen von Kubota Shunman, dem es vor zweihundert Jahren gelungen ist, die irisierenden Farben der Falter einzufangen - und das im Druck!"


Filippo Tommaso Marinetti in his home (from "Wiener Illustrierte Zeitung" and "Berliner Illustrierte Zeitung", 1934) in the background "Dinamismo di un footballer" by Umberto Boccioni, 1913. Ullstein Bild / Archivi Alinari © 2017. Digital Image, The Museum of Modern Art, New York / Scala, Firenze

Ein online ungenannter Autor besucht für den Tagesspiegel die Ausstellung "Post Zang Tumb Tuum" in der Mailänder Fondazione Prada, die Kunst und Kultur in Italien von 1918 bis 1943 zeigt. Was ihm dort auffällt, ist eine "erstaunliche Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Der Futurismus, der vor dem Ersten Weltkrieg entstand, machte sich dem Regime dienstbar, dessen kriegerische Pose dem Selbstbild der Futuristen entsprach. Fortan wurde der Duce als Überwinder des italienischen Traditionalismus gefeiert, der zugleich allerdings die Protektion des Regimes genoss, in Gestalt der Nachkriegsströmung des 'Novecento', der nach der gleichnamigen Zeitschrift benannten wertkonservativen Richtung nämlich. Überhaupt zeigt sich der Faschismus in seinen kulturellen Großereignissen als Nebeneinander der Gegensätze, solange nur immer alles als 'Bewegung' auftrat."

Jan Vermeer, Bei der Kupplerin, 1656. Bild: Wikipedia
Die Phase der Sensibilisierung für die Präsentation von Kunst "ist in Deutschland sehr spät in Gang gekommen. Das muss ich auch selbstkritisch sagen, meint Marion Ackermann, Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, im Gespräch mit Zeit online. "Nur leider schlagen die Debatten um Gerechtigkeit, Gleichberechtigung und politische Korrektheit in eine Hypersensibilisierung und ein Moralisieren um." Wenn wir nicht aufpassen, fürchtet sie, geht's hier bald zu wie in Jackson im Staate Mississippi, wo ein Ausstellungsplakat mit Vermeers Gemälde "Bei der Kupplerin" den Moralvorstellungen der Bürger zum Opfer fiel: "Die Plakate wurden als anstößig und sexistisch interpretiert, überall beschmiert und heruntergerissen. Es wurde zum Boykott der Ausstellung aufgerufen, Schulklassen durften sie nicht besuchen. Es war ein riesiger Skandal, der dazu führte, dass die Besucherzahlen total eingebrochen sind. Die Firma, die die Schau organisierte, musste Insolvenz anmelden."

Besprochen werden eine Ausstellung der Künstlerbücher von Gabriele Stötzer im Museum im Dieselkraftwerk Cottbus (taz), eine Ausstellung im Louvre mit von den Nazis geraubten Gemälden, die nach dem Zweiten Weltkrieg zurückgelangt sind (Welt), eine Keramik-Ausstellung im Berliner Bröhan-Museum (Tagesspiegel), die Ausstellung "Dürer e il Rinascimento tra Germania e Italia" im Mailänder Palazzo Reale (SZ) und die Ausstellung "Blind Faith. Zeitgenössische Kunst zwischen Intuition und Reflexion" im Münchner Haus der Kunst (SZ).
Archiv: Kunst

Musik

Timo Blunck, einst Bassist bei Palais Schaumburg, heute bei den Zimmermännern, hat mit "Hatten wir nicht mal Sex in den 80ern?" nicht nur seine Autobiografie vorgelegt, sondern auch ein neues Soloalbum selben Titels. taz-Kritiker Dirk Schneider erinnert die "völlige Hingabe an das Erleben und Erzählen von Liebe und Rausch" an die Romane Jack Kerouacs. Auf dem dazugehörigen Album "orgelt Blunck das Repertoire männlicher Überlebensstrategien mal trotzig, mal weise, hier gockelhaft, dort reflexiv, gelegentlich zotig, oft geschmackvoll durch", erklärt Jan Freitag in der allfreitäglichen Popkolumne auf ZeitOnline. Blunck biete "damit zwar diverse Gelegenheiten zur Fremdscham", doch sei dieser "Yacht-Rock-Porno" schlussendlich "zum Niederknien prickelnd." Das Video ist auf adäquat schöne Weise scheußlich:



Das Abschiedsalbum der Skull Defekts scheint eine sonderbar klingende Sache zu sein, wenn man Standard-Kritiker Christian Schachinger glauben kann: Die Gitarren auf dem Rock-Album "klingen wie eine Mischung aus kranker Kuh, japanischer Filmmusik mit Menschen im Mittelpunkt, denen unvermutet Kabel und Metallgestänge aus dem Körper wachsen und einem Klappcomputer, in dem gerade ein Video von Sonic Youth läuft, während man ihn in einer Fritteuse versenkt." Hier eine Hörprobe dieses offensichtlich sehr außergewöhnlichen Vergnügens:



Weitere Artikel: Daniel Ender spricht für den Standard mit der Cellistin Raphaela Gromes und dem Pianisten Julian Riem. Im Standard porträtiert Christian Schachinger den neuseeländischen Sänger Marlon Williams, der auf Roy Orbisons und Chris Isaaks Spuren wandelt.

Besprochen werden das Debütalbum "Kinder der Revolution" der Berliner Band Vizediktator (taz), das neue Breeders-Album "All Nerve" (Pitchfork, mehr dazu im gestrigen Efeu), ein Konzert von Fever Ray (Tagesspiegel), das neue Album "Vergifte Dicht" von Isolation Berlin (Tagesspiegel, Berliner Zeitung), das Debüt von Superorganism (Pitchfork), ein Konzert des Tonhalle-Orchesters, bei dem die Bratsche brillieren darf (NZZ), ein Konzert von Algiers (FR) und ein Konzert von Vladimir Jurowski mit dem Ensemble UnitedBerlin (Tagesspiegel).
Archiv: Musik

Bühne

"Was ich weiß, ist, dass ich keine endgültige Meinung habe", konstatiert Eva Biringer in der Welt in der #metoo-Debatte. "Fest steht: Sexuelle Gewalt muss geahndet werden. Die strukturelle Ungleichheit am Stadttheater muss aufhören wie in jedem anderen Bereich der Gesellschaft. Machtmissbrauch ist scheiße. Wenn jedoch am Theater kein Raum ist für Ausnahmezustände, für knallende Türen und schlechte Witze, gehen ihm auch Talente wie Ersan Mondtag verloren. Der hat übrigens einen leicht umzusetzenden Vorschlag für Regisseure, die ihre Mitarbeiter als 'Arschloch' bezeichnen: 'Dann entschuldigt man sich eben und schickt als Wiedergutmachung eine Flasche Whisky.'"

Eher unfreiwillig amüsiert hat sich Kevin Hanschke an der Berliner Volksbühne mit Helmut Berger und Ingrid Caven in "Liberté", einem Stück des katalanischen Theaterregisseurs Albert Serra, das der Libertinage-Bewegung des ausgehenden 18. Jahrhunderts gewidmet ist: "Ein Chaos mit Sänften und Säuseln. Alle paar Minuten werden Sänften hereingetragen, herausgetragen. Geredet wird in Sänften, Orgien finden statt in Sänften. Man fragt sich, wann die nächste Sänfte geht. Sie kommt prompt. Alles lacht."

Weitere Artikel: Der Schweizer Komponist Heinz Holliger und Opernhaus-Intendant Andreas Homoki unterhalten sich in der NZZ über Holligers neue Lenau-Oper "Lunea", die am Sonntag in Zürich uraufgeführt wird. Im Tagesspiegel gibt Eberhard Spreng eine kleine Einführung in das Theater von Claude Regy, dessen "Rêve et Folie" demnächst an der Volksbühne Premiere hat.

Besprochen werden die Ausstellung "Faust-Welten" im Deutschen Theatermuseum München (SZ), Giacomo Meyerbeers "Vasco da Gama" an der Frankfurts Oper (nmz), Verdis "Macbeth" an der Staatsoper Wien (Standard), die Musiktheater-Produktion "Ein Zimmer für sie allein" am ZAMUS in Köln (nmz) und eine Werkschau des Dance On Ensembles im Berliner Hau (taz).
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Archiv: Bühne

Literatur

Im Streit um Imre Kertészs Nachlass ist die Situation blockiert. Im Tagesspiegel versucht Gregor Dotzauer sich an einem Überblick über die vertrackte Lage: Ansprüche erheben demnach die Berliner Akademie der Künste, die vor einigen Jahren einen hohen Betrag dafür bezahlt hat, sowie eine regierungsnahe Stiftung in Ungarn, die sich auf eine auf dem Sterbebett unterzeichnete Schenkungsurkunde der Witwe Magda Kertész beruft, und Márton T. Sass, ein Stiefsohn aus der ersten Ehe des Schriftstellers. Mit dem Gedanken, dass künftig der Literaturwissenschaftler Zoltán Hafner den Nachlass verwalten könnte, könnte sich Dotzauer immerhin gut anfreunden: Hafner, ein Vertrauter Kertészs, leitet das Kertész-Institut, das allerdings wiederum der ungarischen Stiftung nahesteht. "Die Absicht der politischen Vereinnahmung von Kertész lässt sich nicht vom Tisch wischen. Die Gefahr der Verfälschung hält sich allerdings in Grenzen. Nicht nur, dass Eingriffe anhand der Originalmanuskripte jederzeit nachzuweisen wären. Es gibt keinen Grund daran zu zweifeln, dass Hafner ein treuer Diener seines verstorbenen Herrn sein will, auch wenn er von vielen Seiten als politisch naiv beschrieben wird: Sich mit der Stiftung einzulassen, hat ihn von vielen Weggefährten isoliert."

Angela Schader berichtet in der NZZ von allgemeiner Fassungslosigkeit und Trauer bei den Betroffenen, nachdem bekannt wurde, dass die langjährig erstellte Revision von Hans Wollschlägers "Ulysses"-Übersetzung wegen urheberrechtlichen Ärgernissen wahrscheinlich niemals über einen kleinen Kreis Experten hinaus öffentlich werden darf. Dabei war es "'Wollschlägers eigener Wunsch, seine Übersetzung dem kritisch edierten englischen Ulysses anzupassen'", zitiert Schader Harald Beck, der das Projekt geleitet hat, aus der nunmehr sistierten Ausgabe. "Auch anderweitige Erkenntnisse der Joyce-Forschung wünschte er in eine Neuedition einzubringen." Immerhin einen kleinen Einblick in die nunmehr hinfällig gewordene Arbeit gestattet Ruth Frehner im Logbuch Suhrkamp.

Weitere Artikel: Im Feuilletonaufmacher der FAZ feiert Dietmar Dath euphorisch "Perry Rhodan" und geißelt eine Literaturkritik, die sich dünkelhaft nicht nur über die berühmte deutsche Heftserie, sondern auch über Science-Fiction generell und über Naturwissenschaft hinwegsetzt. Direkt daneben ist sich Tilman Spreckelsen sicher: Wir leben heute in einem durch "Alternative Fakten" definierten Gesellschaftsszenario, das Philip K. Dick schon 1957 mit seinem SF-Roman "Eye in the Sky" vorweggenommen hat. Im Atlantic erklärt Ta-Nehisi Coates, warum er demnächst Comics für die Marvel-Reihe "Captain America" schreiben wird. Hans Magnus Enzensberger widmet sich in der NZZ den in ästhetischen Betrachtungen selten berücksichtigten Kanaldeckeln.

Besprochen werden Ron Padgetts "Die schönsten Streichhölzer der Welt" (NZZ), Antti Tuomainens Krimi "Die letzten Meter bis zum Friedhof" (FR), Peter Stamms "Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt" (SZ) und Katja Bohnets Krimi "Kerkerkind" (Welt).
Archiv: Literatur

Film

Auf critic.de empfiehlt Michael Kienzl die Filmschau "Splendid Isolation" im Berliner Kino Arsenal zur Geschichte des Hongkong-Kinos. Wir dokumentieren die gestern zu Reiheneröffnung gehaltene Einführung der Kuratoren - darunter die Perlentaucher-Filmkritiker Lukas Foerster, Nikolaus Perneczky und Fabian Tietke. Am Hongkong-Film begeistert sie "das Überbordende, Spektakuläre, Exzessive, die unglaubliche, fast manische Energie, die diese Filme zu durchströmen scheint. ... Unsere Reihe will nicht einfach nur ein Stück Filmgeschichte rekonstruieren, sondern auch noch einmal die Euphorie nachfühlen lassen, die in den 1990er Jahren eine VHS-Kassette von einem Film wie Ringo Lams 'Full Contact' oder Benny Chans 'A Moment of Romance' auslösen konnte." Hier ein Shootout aus "Full Contact" mit dem damals noch blutjungen Chow Yun-Fat:



Weiteres: Für den Tagesspiegel spricht Katrin Doerksen mit dem italienischen Filmemacher Luca Guadagnino über dessen neuen Film "Call me by your Name" (unsere Kritik dazu hier). Kathrin Häger schreibt im Filmdienst über Rachel Morrison, die sich Hoffnung machen kann, für das Netflix-Drama "Mudbound" als erste Kamerafrau überhaupt mit dem Oscar ausgezeichnet zu werden. Mit Spannung sieht Claudia Schwartz in der NZZ der Ankündigung des Filmfestivals in Cannes entgegen, künftig auch Fernsehserien in einer eigenen Wettbewerbs-Sparte gegeneinander antreten zu lassen. Für epdFilm porträtiert Tim Lindemann den Schauspieler Michael Stuhlbarg, der in diesem Jahr in gleich drei oscarnominierten Filmen zu sehen ist. FR-Filmkritiker Daniel Kothenschulte dokumentiert auf Facebook einen tatsächlich herzzereißend schönen Leserbrief, den er zu seiner Kritik zu einem Film von Hong Sang-soo erhalten hat.

Besprochen werden Lars Kraumes "Das schweigende Klassenzimmer" (Tagesspiegel, mehr dazu im gestrigen Efeu), Christian Schwochows Arte-Serie "Bad Banks" (FR, die FAS hat dazu ihr Gespräch mit Schauspielerin Désirée Nosbusch online nachgereicht), Juri Rechinskys Debüt "Ugly" mit Maria Hofstätter (Standard) und der Spionagethriller "Red Sparrow", an dem die Kritikerinnen Julia Bähr (FAZ) und Beatrice Behn (Kino-Zeit) zwar kein gutes Haar lassen. Immerhin war der Film diesen schönen Promo-Auftritt von Jennifer Lawrence bei Stephen Colbert ab, bei dem sich die Schauspielerin auf sympathische Weise betrinkt (hier der zweite Teil des Gesprächs):

Archiv: Film