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Efeu - Die Kulturrundschau

Der Mann mit dem Stein am Berg

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.04.2018. FR und taz stellen sich einige sehr grundsätzliche Fragen zur Kunst: die FR anlässlich der Pariser Ausstellung von Anselm Kiefer und Jean Fautrier, die taz anlässlich einer Florentiner Ausstellung über die italienische Kunst 1950 bis 1968. Die NZZ lernt im Theater Konstanz von Christoph Nix und Katrin Hentschel, wie man eine biblische Erzählung in ein feministisches Manifest verwandelt. Antisemitismus, Sexismus und Homofeindlichkeit im HipHop? Nein danke, meint der Tagesspiegel.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.04.2018 finden Sie hier

Kunst


Jean Fautrier, Forêt (Les Marronniers), 1943. Musée d'Art moderne de la Ville de Paris © Adagp, Paris, 2017 Crédit photographique : Eric Emo/Parisienne de Photographie

Sehr grundsätzliche Fragen stellt sich Peter Iden, der für die FR zwei "exzellente" Ausstellungen in Paris besucht hat: von Anselm Kiefer in der Galerie Thaddaeus Ropac und von Jean Fautrier im Musée d'Art Moderne: "Was ist das überhaupt, ein Bild? Und was denn soll es leisten können? Die Verbindung der beiden Ereignisse besteht darin, dass sowohl Fautrier als auch Kiefer für ihr Verhältnis zum Bild, also zum Ergebnis ihres künstlerischen Tuns, Vorstellungen entwickelt haben, die jeweils darauf abstellen, die Nicht-Identität des Bildes mit dem Künstler vorzuführen, das heißt: die Malerei als eine Praxis jenseits der Person des Malers zu erweisen. Und zwar weil das Bild für etwas Abwesendes, für eine Leerstelle steht, die keine Anstrengung auszufüllen imstande ist. Fautrier und Kiefer haben jedoch ihre Positionen auf durchaus unterschiedlichen Wegen und mit differierenden Konsequenzen erreicht."


Nascita di una Nazione, Palazzo Strozzi. Ausstellungsansicht.

Abstraktion oder sozialer Realismus, das war die Frage in der italienischen Kunst zwischen 1950 bis 1968, die der Palazzo Strozzi in der Florenzer Ausstellung "Nascita di una Nazione" vorstellt: "Mit Arbeiten von Turcato, Enrico Bej, Mimmo Rotella steigt man also ein in den Streit um die rechte Lehre", schreibt Brigitte Werneburg in der taz. Ein Raum "gilt der spezifisch europäischen Spielart der Abstraktion, dem Informel, das mit Emilio Vedova, Alberto Burri oder Fontana den zweiten Raum beherrscht. Burri, der seine flächigen Geometrien aus Holzfurnier oder Sackleinwand konstruiert ('Sacco e bianco', 1953), könnte man fälschlicherweise fast schon der Arte Povera zurechnen. Und entsprechend seinem 1947 veröffentlichten Manifesto dello Spazialismo schlitzt Lucio Fontana eine Kupferblechplatte in langen vertikalen (Sky-Scraper-)Linien auf ('Concetto spaziale. New York 10', 1962). Dieser Akt, der das Bild in die Dreidimensionalität öffnet, radikalisiert sich noch auf der weißen Leinwand ('Concetto spaziale. Attesa', 1965). Denn wie im dritten, durchgehend gleißend weißen Raum mit Arbeiten von Salvatre Scarpitta, Piero Manzoni, Enrico Castellani oder Dadamaino (Eduarda Emilia Maino) deutlich wird, ist das Monochrom der Einstieg in den sogenannten Ausstieg aus dem Bild, das nun Konzept und Objekt wird. Und, erstaunlich genug, auch schon partizipatives Projekt."

Weiteres: Joseph Hanimann begutachtet für die SZ in Paris erste Objekte für ein palästinensisches Nationalmuseum zeitgenössischer Kunst. Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Van Gogh & Japan" im Amsterdamer Van-Gogh-Museum (FAZ), die Installation "Bis zum letzten Sandkorn" des israelischen Bildhauers Micha Ullman in der Berliner Akademie der Künste (Berliner Zeitung).
Archiv: Kunst

Literatur

Für die NZZ hat Andreas Breitenstein die beiden exilrussischen Schriftsteller Gaito Gasdanow und Georgi Iwanow wiederentdeckt. Beide hielten sich um 1940 in Frankreich auf und erweisen sich für Breitenstein als "eminente Existenzialisten der ersten Stunde", die Sartre und Camus in nichts nachstehen. Zum Beispiel beschreibt Gasdanows Taxifahrer-Roman "Nächtliche Wege" in seinen Augen "Menschen voller Atem und Seele, hochfliegender Träume und zerbrochener Illusionen ... Es ist die luzide Verbindung von Distanz und Empathie, 'Verachtung und Mitleid', die 'Nächtliche Wege' zu einem Meisterwerk der literarischen Moderne macht. Wenn der Existenzialismus die Kunst darstellt, die tragische Absurdität des Daseins so zu betrachten, als würde diese einen selber nicht betreffen, gehört dieser Roman unbedingt dazu. ... Genauso wie Sisyphos, den Mann mit dem Stein am Berg, müssen wir uns auch den Nachttaxifahrer als glücklichen Menschen vorstellen."

Zum Skandal um die Schwedische Akademie zählen nicht nur Missbrauchsvorwürfe, informiert Aldo Keel in der NZZ: "Die Zeitung 'Expressen' trifft den Nerv, wenn sie den in der Akademie herrschenden Klientelismus zur Sprache bringt und auch die Protestierer nicht verschont: 'Nach außen erfüllen die Mitglieder einen im Prinzip nicht entlohnten Auftrag, gleichzeitig erhalten sie aber Zugang zu attraktiven Wohnungen und andere Privilegien.'"

Besprochen werden unter anderem Hideo Yokoyamas Krimi "64" (CulturMag), Michael Nasts "Egoland" (Welt), Ian McGuires "Nordwasser" (FR), Antonia Baums "Stillleben" (SZ), Fuminori Nakamuras Thriller "Die Maske" (Standard), Esther Fleisachers Erzählungsband "In einer Kirche hast du nichts verloren" (FAZ) und neue Comics (The Quietus).
Archiv: Literatur

Bühne


Szene aus "Rut". Foto: Bjorn Jansen

Nicht ganz gelungen, aber schön "verwegen" findet Daniele Muscionico (NZZ), wie Katrin Hentschel Christoph Nix' biblisch inspirierte Erzählung "Rut" für das Theater Konstanz in die Geschichte einer Emigrantin und damit in ein "feministisches Manifest" verwandelt hat: "Das magische Zentrum der Erzählung sind die anwesenden Abwesenden in Ruts Geschichte. Es sind die Machthaber, die kleinen und großen Tyrannen, die Söhne, Väter, Ehemänner, die das Schicksal der Frauen bestimmen - es ist die Welt des Manns. Frauen, so Karin Hentschel, sind nicht nur Vertriebene, wenn sie tatsächlich als Emigrantinnen um ihr Leben bangen müssen, ihr Körper selber ist ein besetztes Land."

Sexismus in Tanz und Theater gibt es häufiger als angenommen. Das meint im Interview mit dem Standard die Brüsseler Tänzerin Ilse Ghekiere, die mit einem Artikel über Missbrauch in der belgischen Tanzszene ordentlich Staub aufgewirbelt hat. Leider sagt sie im Interview nicht, wie genau sie Missbrauch definiert. Es bleibt alles sehr vage: "Früher dachten viele Kolleginnen, das gehört eben zur Kultur, und man muss einfach stark sein. Wenn ich aber sehe, wie Belästigung definiert ist, dann wird mir klar, dass auch Situationen, die von vielen Betroffenen nicht als Belästigung angesehen werden, als solche oder als Machtmissbrauch verstanden werden können."

Weiteres: In der nachtkritik schreibt Gabi Hift zur Eröffnung des Festivals Internationale Neue Dramatik (FIND) an der Berliner Schaubühne. Außerdem hat sich die nachtkritik im Rahmen des Heidelberger Stückemarkts mit der Schauspielerin Constanze Becker, dem Dramatiker Moritz Rinke und dem Regisseur Christian Weise episch über die Frage unterhalten, wie eine Theater-Rolle heute beschaffen sein sollte.

Besprochen werden die Neuinszenierung von Donizettis "Maria Stuarda" am Opernhaus Zürich (NZZ, FAZ), Rossinis  Oper "Il viaggio a Reims" in Graz (nmz), Sasha Waltz' Improvisationsabend "Dialoge - Wirbel" im Berliner Radialsystem (taz, Tagesspiegel) und eine Ausstellung zu Ödön von Horváth im Österreichischen Theatermuseum in Wien (Tagesspiegel).
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Archiv: Bühne

Film

Für den Tagesspiegel trifft sich Andreas Busche mit Mehmet Aktas, der von Berlin aus kurdische Filme produziert und verleiht. Auf ZeitOnline plaudert Astrid Geisler mit Charly Hübner über dessen fürs Kino gedrehten Dokumentarfilm "Wildes Herz" über die Punkband Feine Sahne Fischfilet aus Mecklenburg-Vorpommern. Michael Pekler empfiehlt im Standard eine Aki-Kaurismäki-Retrospektive in Wien. Volker Pantenburg präsentiert auf New Filmkritik ein schönes Fundstück: Eine Notiz Harun Farockis aus dem Jahr 1966, warum er Anna Seghers' Roman "Transit" gerne verfilmen würde - das Buch hat jetzt bekanntlich Farockis langjähriger Freund Christian Petzold verfilmt.

Besprochen werden die Erinnerungen "Paris, Mai '68" der französischen Schauspielerin Anne Wiazemsky (Berliner Zeitung).
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Musik

Der Skandal um die antisemitischen Textzeilen bei Kollegah und Farid Bang wären "eine gute Gelegenheit, den habituellen Sexismus und die notorische Homofeindlichkeit des Genres noch einmal in den Blick zu nehmen", rät Nadine Lange im Tagesspiegel. Eine aktuelle WDR-Doku befasst sich ebenfalls mit dem Thema Antisemitismus und Rap:



Weitere Artikel: Judith E. Innerhofer trägt in der Zeit Wissenswertes zu Mozarts "Requiem" zusammen, dessen Original-Autograf noch bis 29. April in der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien zu sehen ist. Für die Welt spricht Helmut Peters mit dem Ensemble Resonanz, das sich derzeit über ansehnlichen Erfolg freuen kan. Im Standard empfiehlt Karl Fluch Bettye LaVettes Coverversionen von Bob-Dylan-Stücken. Hier eine Hörprobe:



Besprochen wird das auf Texten aus Johnny Cashs Nachlass beruhende Album "Forever Words" (FR).
Archiv: Musik