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Efeu - Die Kulturrundschau

Zynismus auf höchster Stufe

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13.04.2018. Nachtrag: Der RBB meldet: Volksbühnen-Intendant Chris Dercon tritt zurück. Der Freitag steigt nach dem Echo-Preis ausgerechnet für Kollegah und Farid Bang in den antisemitischen Morast des Gangsta-Rap. Die NZZ stellt sich der intellektuellen Herausforderung einer Ausstellung über Musik und Kunst im Museum Tinguely. Der Standard erklärt den Hegemoniekampf in der Filmbranche, der gerade in Cannes ausgetragen wird. Und das Nobelkomitee könnte nach den jüngsten Rücktritten international werden, schlägt die NZZ vor.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.04.2018 finden Sie hier

Bühne

Update, 9:17 Uhr:

Chris Dercon tritt von seinem Posten als Leiter der Berliner Volksbühne zurück. Dies meldet der RBB via Twitter:


Der Berliner Senat weiß das angeblich schon seit Montag. Um 11 Uhr soll es eine Pressekonferenz mit Dercon geben, meldet die Berliner Zeitung - dem widerspricht die taz allerdings und meldet, dass Klaus Lederer den Geschäftsführer der Volksbühne, Klaus Dörr, gebeten hat, Dercons Posten kommissarisch zu übernehmen. Außerdem zitiert die taz Lederer mit den Worten, "dass die persönlichen Angriffe und Schmähungen aus Teilen der Stadt gegen Chris Dercon in der Vergangenheit inakzeptabel waren." Wobei die taz selbst in einem weiteren Tweet, "das laue Programm" aus Dercons erster Spielzeit für das frühzeitige Aus der Intendanz verantwortlich macht.

Hier jetzt auch die offizielle Pressemitteilung des Berliner Senats: Demnach haben sich Lederer und Dercon "einvernehmlich darauf verständigt, die Intendanz von Chris Dercon mit sofortiger Wirkung zu beenden. Beide Parteien sind übereingekommen, dass das Konzept von Chris Dercon nicht wie erhofft aufgegangen ist, und die Volksbühne umgehend einen Neuanfang braucht."

Besprochen werden die Uraufführung von Olga Bachs "Kaspar Hauser und Söhne" in der Inszenierung von Ersan Mondtag am Theater Basel (nachtkritik) und Christian Breys Inszenierung von Peter Shaffers "Komödie im Dunkeln" am Wiener Volkstheater (Presse).
Archiv: Bühne

Musik

Gestern Abend wurden die Gangsta-Rapper Kollegah und Farid Bang mit dem Branchenpreis Echo ausgezeichnet. Vorangegangen war dem eine Kontroverse rund um antisemitische Textzeilen. Campino nutzte die Bühne für ein ausführliches Statement gegen die Provokationen der Rapper und fragte: "Wann ist die moralische Schmerzgrenze erreicht?" Für ihn sei diese Grenze dann überschritten, "wenn es um frauenverachtende, homophobe, rechtsextreme, antisemitische Beleidigungen geht - und auch um die Diskriminierung jeder anderen Religionsform."



Kollegah und Farid Bang reagierten darauf wenig später und versuchten den Tote-Hosen-Rocker auf der Bühne mit einer Karikatur lächerlich zu machen, so dass man sich prompt fragte, wie viel fragile Verletzlichkeit Kollegah, der bürgerlich Felix Blume heißt und zu Gymnasialzeiten Malwettbewerbe gewonnen hat, wohl hinter seinen Muskelbergen zu verbergen sucht:



"Die Beruhigungsversuche haben also nicht geholfen", meint dazu Harry Nutt in der Berliner Zeitung. "Ein echter Gangsta-Rapper will Skandal, ohne ihn ist der nichts." Im Tagesspiegel fasst Markus Lücker den Abend zusammen, während Nadine Lange nochmals ihre Empörung über die Nominierung unterstreicht: "Dass man Kollegah und Farid Bang bei der live im Fernsehen übertragenen Echo-Verleihung überdies noch auftreten lässt, ist allerdings nicht nachvollziehbar. Das lässt alle Distanzierungsstatements, die der Verband zur gewaltverherrlichenden Sprache des Duos abgegeben hat, wie reine Beschwichtigungsprosa wirken. Man könnte es auch zynische Doppelmoral nennen."

"Welchen Wert hat eine Auszeichnung, die allein von den Verkaufszahlen bestimmt wird, darüber hinaus aber keine künstlerischen Kriterien kennt", fragen sich Gerrit Bartels und Andreas Busche im Tagesspiegel in einem noch vor der Verleihung online gestellten Kommentar zur Lage des Echo-Preises. "Natürlich lässt sich hervorragend spotten über den Echo mit seinen Schlager- und Retortenstars. Man muss ihm leider aber auch attestieren, dass der Echo die popmusikalische Realität in Deutschland aufs Beste widerspiegelt." Das, meint Michael Pilz in der Welt, "ist der hohe Preis des Preises, der das Popgeschäft nicht so zeigt, wie es sein sollte oder wie es gern wäre - sondern so, wie es nun einmal ist".

Leon Dische Becker hat für den Freitag tief gegraben im antisemitischen Morast des Gangsta-Raps und findet die Berichterstattung bestürzend oberflächlich: Die meisten Journalisten stürzten sich auf wenige Zeilen, die sie dann schnell hochkochten, ignorierten aber, dass es in zahlreichen von Kollegahs Stücken und Videos vor antisemitischen Klischees nur so trieft. "Wer sich ernsthaft mit Antisemitismus in Deutschland auseinandersetzen will, muss die Vertriebskanäle studieren und jenes riesige Netz metastasierender Verschwörungstheorien. Die Rapszene, die mehr als jeder andere Teil der Gesellschaft auch Außenseiter willkommen heißt, ist dafür ein Knotenpunkt." Auch Daniel Dillmann stellt in der FR fest: "Der Duktus der antisemitischen Verschwörungstheorie gehört im deutschen Gangsta-Rap fast flächendeckend zum ästhetischen Code."

Weitere Artikel: Friederike Meyer berichtet im Freitag aus ihrem Alltag als Musikmanagerin in einer weitgehend von Männern besetzten Berufsdomäne. Christian Schröder war für den Tagesspiegel bei einem Berliner Gedenkabend für David Bowie.

Besprochen werden ein Bartók- und Schostakowitsch-Konzert mit dem Gustav Mahler Jugendorchester unter Vladimir Jurowski (FR), das neue Album "Golden Hour" der Countrysängerin Kacey Musgrave, die mit ihren progressiven Texten bei Country-Stammpublikum aneckt (taz), die Holger-Czukay-Box "Cinema" (Jungle World), ein Livealbum von Melody Gardot (Standard), das Album "Kamaloka" des Max Clouth Clan (FR), ein Auftritt von David Hasselhoff (taz) und neue Popveröffentlichungen, darunter das nach langen Verzögerungen endlich veröffentlichte neue Album von Tinashe, das ZeitOnline-Kritiker Fabian Wolff ziemlich umhaut: "Niemand klingt so schön von der Liebe enttäuscht." Wir hören rein:

Archiv: Musik

Design

Sehr begeistert berichtet Julian Weber in der taz von seinem Besuch im Vitra Design Museum in Weil am Rhein, das sich in einer Ausstellung der Gestaltung von Diskotheken und Clubs seit den Sechzigern bis heute widmet: An deren Beginn stehen Francesco Capoleis frühe Gestaltungsideen für einen inklusorischen Raum: "Die Diskothek war weder Tanzsaal noch Trattoria noch Theater. Capolai inszenierte als einer der Ersten Nachtleben als Happening und feierte das Flüchtige. Die Diskothek wurde zum sozialen Experiment in einem geschützten Raum, in dem BesucherInnen mehr gedanklichen Freiraum zugestanden bekamen, als nur zu konsumieren." Es handelte sich um "eine Spielwiese für künstlerisch-gestalterische Experimente, diese schaffen Raum für Subversionen von gesellschaftlichen Normen."
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Archiv: Design

Film

Gestern wurde der erste große Schwung Wettbewerbsfilme des Filmfestvials in Cannes bekannt gegeben: critic.de listet die Filme und verlinkt erste Trailer. Vor allem die bekannten etablierten Autorenfilmer (weniger -innen) zeichnen die Liste aus: SZ-Kritiker Tobias Kniebe sieht darin "einen starken Fokus aufs künstlerische Kino, ohne großes Augenmerk auf Stars".

Über den Streit zwischen dem Festival und der Online-Videothek Netflix - Cannes schloss Netflix-Produktionen kategorisch aus dem Wettbewerb aus, sofern sie keinen Kinostart bekommen, Netflix sagte daraufhin die Teilnahme an jeglichen Cannes-Sektionen ab - schreibt Dominik Kamalzadeh im Standard: Das ist mehr als ein bloßer Machtkampf, es geht um "die knifflige Frage, was in Zeiten, in denen Anbieter auf diversen Distributionskanälen antreten, als Kino gilt - und was nicht. ... Es geht mithin um einen Hegemoniestreit: Die Streamingportale wollen die totale Kontrolle über ihre Produkte; Festivals und Filmstudios, die etwa in den USA eng mit Kinogruppen kooperieren, versuchen, die gängige Verleihpraxis zu wahren."

Für Beatrice Behn von kino-zeit.de zeigt sich in diesen auf dem Rücken der Filmkunst ausgefochtenen Rivalitäten "Zynismus auf höchster Stufe. Ein Kampf zweier Titanen, die sich nichts nehmen und die hier um alles kämpfen, aber nicht um das Kino, nicht um die Filmkunst. Und die vor allem gerade nichts tun, um sich wirklich mit dem Problemen und der Zukunft dieser Medien- und Kunstform auseinanderzusetzen."

Kaum ein europäisches Filmland ist mit so fürstlichen Filmfördersummen ausgestattet wie Deutschland - und kaum ein anderes europäisches Land spielt auf dem internationalen Parkett der Filmkunst eine so geringe Rolle, hält Rüdiger Suchsland auf Artechock fest. Dabei geht es ihm "nicht um Kritik dieser Förderung, sondern um Kritik der Ergebnisse. Natürlich könnte man einmal darüber nachdenken, warum es Filmförderung überhaupt geben muss, wo doch gerade die Lautesten unter den Filmproduzenten und Verbandsfunktionären und Förderern immer gerne betonen, es ginge ums Geschäft, um das Publikum (also um viele Kartenverkäufe), und könne nicht immer um Kunst gehen. Gerade die, die das sagen, sind an ihren Maßstäben gemessen, meistens Versager."

Weiteres: Dominik Kamalzadeh spricht im Standard mit der Schauspielerin Marie Bäumer über ihre Rolle als Romy Schneider in "3 Tage in Quiberon", mit dessen Regisseurin Emily Atef Arno Widmann in der FR ein ausführliches Gespräch führt. Für die taz ist Wilfried Urbe zum "Cannes Series Festival" gereist, wo die israelische Produktion "When Heroes Fly" als beste Serie ausgezeichnet wurde. Bert Rebhandl stimmt im Standard auf das österreichische, auf osteuropäische Filme spezialisierte "Let's cee"-Festival ein.

Besprochen werden die heute bei den Deutsch-Israelischen Literaturtagen in Berlin vorgestellte, israelische Doku-Serie "Defense Files", die laut tazler Ulrich Gutmair "ungeschönt die soziale Realität des Landes abbildet", Filipa Césars dokumentarischer Essayfilm "Spell Reel" (Tagesspiegel), Christian Alvarts Thriller "Steig. Nicht. Aus!" mit Wotan Wilke Möhring (Tagesspiegel) und die Netflix-Serie "Lost in Space" (FAZ).
Archiv: Film

Literatur

Da waren es nur noch elf: Nach den anhaltenden Skandalen rund um die für die Vergabe des Literaturnobelpreises zuständige Schwedische Akademie sind gestern auch Sara Danius, die Ständige Sekretärin, und die Lyrikerin Katarina Frostenson, deren Ehemann mit diversen Eskapaden die Skandalwelle überhaupt ausgelöst hatte, von ihren Positionen zurückgetreten, meldet unter anderem der Standard. Damit sinkt die Zahl der aktiven Mitglieder auf unter zwölf, womit die Akademie laut Satzung im Grunde blockiert ist - auch, weil ein Rücktritt formal nicht vorgesehen ist und die vakanten Plätze somit nicht aufgefüllt werden können. Es zeichnet sich ein Debakel ab, schreibt Roman Bucheli in einem online hurtig aktualisierten NZZ-Kommentar: "Das unwürdige Schauspiel muss auf dem schnellsten Weg beendet werden, wenn der Literaturnobelpreis nicht auf Dauer beschädigt werden soll. Die Akademie scheint dazu selber nicht mehr in der Lage zu sein, da sie sich in fortschreitender Auflösung befindet." Der schwedische König Carl Gustav soll es mit einem Machtwort richten: "Soll die Institution nicht einfach als überflüssiges Relikt ihrer selbst fortbestehen, könnte der Monarch kraft seines Amtes den gordischen Knoten von Satzung und verfahrener Situation zerschlagen und die Akademie auf eine neue und - warum eigentlich nicht? - internationale Grundlage stellen."

Für die SZ hat sich Andrian Kreye zum großen Gespräch mit Michael Chabon über dessen neuen Roman "Moonglow" getroffen, in dem der Schriftsteller die - allerdings absolut fiktive - Geschichte seines Großvaters erzählt, der Wernher von Braun gejagt haben soll. Eine bewusste Setzung im Zeitalter grassierender Authentizitätsbehauptungen? Chabon wiegelt ab: "Die Grenze zwischen Fiktion und Wahrheit war schon immer unscharf. Nehmen Sie die ersten modernen Romane, Defoes 'Robinson Crusoe' und Moll Flanders, Edgar Allen Poes Erzählung von Arthur Gordon Pym, die gaben immer vor, authentische Dokumente zu sein. In der Literatur ist das eigentlich eher traditionell. Auch wenn es jetzt gerade wieder sehr angesagt ist, sogenannte Autofiktion zu schreiben, Knausgård und diese ganzen neuen Autoren. Ich verstehe schon, dass man das alles als eine Art postmodernen Moment der Literaturgeschichte betrachten kann."

Hannah Bethke berichtet in der FAZ vom Auftakt der Deutsch-Israelischen Literaturtage in Berlin, bei dem Mira Magén und Clemens Meyer für ein Gespräch über soziale Gerechtigkeit gemeinsam auf der Bühne saßen. Wobei: "Ein Gespräch fand nicht statt", wie Harry Nutt den Abend in der Berliner Zeitung resümiert: "Indem Clemens Meyer munter bereit war, sich um Kopf und Kragen zu reden, lieferte er indirekt den Beweis, dass man als Schriftsteller eine sehr genaue Beschreibung der sozialen Verhältnisse liefern kann, ohne das dann in einen sozialpolitischen Jargon übersetzen zu müssen." In der Freitag-Community berichtet Jamal Tuschick von dem Abend.

Weiteres: In der Zeit schreibt Caspar Shaller über chinesische Science-Fiction. Hans Magnus Enzensberger widmet sich heute in seiner NZZ-Kolumne den Pomologen. Paul Jandl vermisst den Schrecken im Wald. Besprochen werden unter anderem Erich Kästners Kriegstagebuch "Das Blaue Buch" (Berliner Zeitung), Hideo Yokoyamas "64" (Freitag), ein Hörbuch von Christa Wolfs "Moskauer Tagebüchern" (Standard), Janet Lewis' Buch "Die Frau, die liebte" (NZZ) und Comicveröffentlichungen von Victoria Lomasko (Tagesspiegel).
Archiv: Literatur

Kunst


Mauricio Kagel: Ludwig van, 1969, Musikzimmer. © Paul Sacher Stiftung, Basel. Sammlung Mauricio Kagel; Foto: Gisela Clausen

Die trauen sich was, meint Maria Becker in der NZZ zur Schau "RE-SET: Aneignung und Fortschreibung in Musik und Kunst seit 1900", die das  Museum Tinguely in Basel derzeit zeigt. Denn die Ausstellung setzt nicht nur auf Kunst zum Anschauen wie beispielsweise Bethan Huws Wald aus Flaschentrocknern im Stil Duchamps, sondern präsentiert in einem ebensogroßen Teil zur Musik hauptsächlich akustische Adaptionen. "Doch das Wagnis ist auch eine Eröffnung. Ausstellungen wie diese sind eine intellektuelle Herausforderung für den Betrachter. Dieser muss nicht dort abgeholt werden, wo er steht. Er soll dahin gelangen, wo ihn die Kunst hintragen kann. Das fremde Land für alle, die nicht zu den Musikwissenschaftern gehören, ist geheimnisvoll und lockend. Es liegt im Reich der Töne und im Labyrinth der künstlerischen Kreativität. Dort eröffnen sich nie Gehörtes, unbekannte Muster, Blicke auf Ideen, die noch Ursprung sind."

Besprochen werden Micha Ullmans Installation "Bis zum letzten Sandkorn" in der Berliner Akademie der Künste (taz), eine Ausstellung des italienischen Malers Antonio Calderara im Hamburger Ernst-Barlach-Haus (taz), die Ausstellung "Überflogenes Weiß - Der östliche Hegenbarth" in der Hegenbarth-Sammlung in Berlin (FAZ) und die Ausstellung "Sean Scully. Vita Duplex" in der Kunsthalle Karlsruhe (FAZ).
Archiv: Kunst