Efeu - Die Kulturrundschau

Die ganze Welt im Kopf

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08.06.2018. Etwas weniger Meta und dafür mehr Oum Kulthum hätte Shirin Neshats Film über die ägyptische Diva gut getan, seufzen die Kritiker. Im DLf-Kultur stellt Gabi Ngcobo klar, dass sie die Berlin-Biennale nicht mit "südafrikanischem Blick" kuratiert hat. SZ und Standard hören schrillen Pop aus Korea: Das Ende der Musikgeschichte, meinen sie und hinter die Kulissen will man lieber auch nicht schauen. Und Hyperallergic staunt über Kunst, die aus Überwachungskameras kommt.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.06.2018 finden Sie hier

Film

Szene aus Shirin Neshats "Auf der Suche nach Oum Kulthum" (NFP/Filmwelt)


Mit ihrem Film "Auf der Suche nach Oum Kulthum" verschränkt Shirin Neshat einerseits ein Porträt der ägpytischen Sängerin Oum Kulthum, andererseits die Geschichte der Dreharbeiten zu einem "durchaus eleganten" Meta-Film, wie Frank Olbert in der FR schreibt, für dessen Geschmack es die selbstreflexiven Elemente im Grunde aber gar nicht gebraucht hätte, da sie "die Geschichte der Sängerin überwölben, die Shirin Neshat angeblich nicht erzählen kann, die sie dann aber doch irgendwie erzählt. Sarah Pepin von der Berliner Zeitung hätte gerne mehr über Oum Kulthum erfahren, stattdessen sah sie ein bisschen viel "ins Bild gesetztes Nachdenken darüber, was es heißt, als Frau einen Film zu machen."

Dabei waren die Voraussetzungen ja bestens, schließlich kann "wenn eine feministisch arbeitende, aus dem Iran stammende Künstlerin einen Film über die bedeutendste Sängerin der arabischen Welt dreht, eine Art Verstärkungsenergie entstehen", schreibt Katja Nicodemus auf ZeitOnline. Doch Neshats Meditation entwickle sich "zu einer ausdrücklich formulierten und dadurch recht redundanten Ratlosigkeit." Tagesspiegel-Kritikerin Christiane Peitz hatte wenig Freude an der "kunstgewerblichen Ästhetik" des Films, der mit "feierlichen Zeitlupenszenen und raunendem Orchestersound" aufwartet. Und ein Faux-Pas: "Oum Kulthums Originalstimme erklingt kein einziges Mal. ... So enttäuscht Shirin Neshat eben die Neugier, die ihr Film weckt. Auf die Frauenbewegung in Ägypten vor gut 100 Jahren, auf die Diven der arabischen Welt. Und auf diese Stimme, die die Poesie in die Ekstase trieb und von der sich alle getröstet fühlen." Das holen wir nach - hier ein frenetisch gefeiertes Konzert:



Besprochen werden außerdem die drei Klassiker des künstlerisch avancierten japanischen Animationsfilms "A Thousand & One Nights", "Cleopatra" und "Belladonna of Sadness", die diese Woche wieder in die deutschen Kinos kommen (Perlentaucher), Shahrbanoo Sadats "Wolf and Sheep" (Tagesspiegel), Duc Ngo Ngocs Dokumentarfilm "Farewell Halong" (taz), Simon Curtis' Biopic "Goodbye, Christopher Robin" über die Entstehung von Pu der Bär (SZ), die Comedy-Serie "The Last O.G." (FAZ), der neue "Jurassic World"-Film (FR) und die Serie "Cloak & Dagger" (FAZ).
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Kunst

Im DLF-Kultur-Gespräch mit Dieter Kassel erklärt die Kuratorin der 10. Berlin Biennale, Gabi Ngcobo, weshalb sie keinen spezifisch "südafrikanischen Blick" auf die aktuelle Kunst wirft: "Ich habe in vielen verschiedenen Kontexten gearbeitet und auch in Südafrika selber versuche ich, wenn ich arbeite, die ganze Welt im Kopf zu haben. (…) Für meine Haupt-Recherchereise bin ich zum Beispiel in die Karibik gefahren, weil ich dort noch nie war und ich dachte, dass ich es mir nicht länger leisten konnte, ohne diese Region in meiner Arbeit fortzufahren. Das heißt nicht, dass man in die Karibik fährt und sie nach Deutschland oder Berlin bringt, sondern dass sich dadurch die eigene Weltsicht ausweitet."
 
Image from No Man's Land: Views from a Surveillance State by Marcus DeSieno, © Marcus DeSieno, Daylightbooks


Auf Hyperallergic stellt Claire Selvin Marcus DeSienos Fotobuch "No Man's Land: Views from a Surveillance State" vor, für das der Fotograf Überwachungskameras hackte, um per Screenshot Bilder von Landschaften von CCTV-Feeds auf der ganzen Welt aufzunehmen und diese in einem Fotografie-Verfahren aus dem 19. Jahrhundert auf Salzpapier-Negativen abzog: "Laut DeSieno sind die Zuschauer oft überrascht, dass selbst solche dünn besiedelten ländlichen Gebiete von diesen Geräten überwacht werden. 'Das ist eines der Hauptgespräche, die ich führe, wenn Leute die Arbeit betrachten', sagte er. 'Ich wollte versuchen, einen Weg zu finden, diesen immensen Teil unserer digitalen Kultur zu zeigen, der für uns weitgehend unsichtbar bleibt, und die Menschen überraschen würde, und ihnen die Augen für dessen Größe öffnen sollte."
 
Besprochen werden außerdem Hans Peter Riegels Beuys-Biografie (Tagesspiegel) und die Schau "Ideale. Moderne Kunst seit Winckelmanns Antike" im Kunstmuseum Moritzburg (FAZ).
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Bühne

In der Berliner Zeitung freut sich Petra Kohse über die Wiederentdeckung von Rainald Goetz, dessen Stück "Jeff Koons" derzeit an der Berliner Schaubühne aufgeführt wird und das durchaus das Zeug hat, ein Klassiker zu werden, wie sie findet: "obwohl Goetz' Theatertexte auch zu ihrer Entstehungszeit in den achtziger und neunziger-Jahren gut aufgenommen wurden, kommt es mir so vor, als ob sie ihre Kraft erst jetzt wirklich entfalteten, da sie nicht mehr einfach irgendwie für den Zeitgeist stehen, sondern für eine künstlerische Freiheit, nach der man sich unter all dem Regelwerk, das der Kunstproduktion insbesondere im Theater heutzutage übergeholfen wird, mehr gesehnt hat als man das ahnte. "

Besprochen wird Thomas Ostermeiers Inszenierung von Edouard Louis' Roman "Im Herzen der Gewalt" (Zeit Online), 3. Performing Arts Festival in Berlin (Tagesspiegel) und Marc Adams Inszenierung von Gaspare Spontinis Oper "Agnes von Hohenstaufen" in Erfurt (FAZ).
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Literatur

Besprochen werden Angelika Reitzers "Obwohl es kalt ist draußen"" (NZZ), Heinrich Bölls "Der Panzer zielt auf Kafka" mit den Reisenotizen des Schriftstellers, der 1968 die Niederschlagung des Prager Frühlings aus nächster Nähe beobachten konnte (FR, hier das historische Spiegel-Interview mit Böll zum Thema), Eric Vuillards Erzählung "Die Tagesordnung" (Tagesspiegel), der Auftakt des Frankfurter Festivals Literaturm mit Felicitas Hoppe und dem Ensemble Modern (FR), die Wiederveröffentlichung von Fritz Alexander Kauffmanns erstmals 1956 erschienenem "Leonhard. Chronik einer Kindheit" (SZ), Hans-Werner Sinns Autobiografie "Auf der Suche nach der Wahrheit" (taz), James Pattersons und Bill Clintons Thriller "The President is missing" (Standard) und Carl Schmitts Tagebücher aus den Jahren 1925 bis 1929 (FAZ).

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
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Musik

Die Feuilletons stürzen sich auf K-Pop, also den koreanischen Pop, der seit geraumer Zeit die Welt erobert - über die Bangtan Boys etwa kurz BTS genannt, wurde 2017 häufiger getwittert als über Donald Trump und Justin Bieber zusammen, erfahren wir von Kim Maurus und Jonas Lages in der SZ. Die Musik ist laut, überdreht, digital künstlich und dabei exzessiv niedlich - "als hätte Jeff Koons aus Dantes Höllentrichter eine Großraumdisko gebaut", schreiben die SZ-Autoren, die dann allerdings vor allem die Zustände hinter den Kulissen beschreiben, wo ein jahrelanges Zucht- und Ordnung-Programm die Stars in spe zurichtet: "Gehorsamkeit zieht sich da ähnlich durch, wie noch zu Hochzeiten des koreanischen Neokonfuzianismus: Bestrafungen im Sinne von zusätzlichem Training und Demütigungen vor der Gruppe sind keine Seltenheit, Widerworte und Schwäche können das Aus der Karriere bedeuten."

Im Standard äußert Christian Schachinger, dessen Gehörgänge von von derber Gitarrenmusik lange Jahre harte Belastungsproben gewöhnt sind, sein Missfallen über den Trend: Hier sei nun "ein gewisser musikhistorischer Endpunkt erreicht, den man auf jeden Fall persönlich nehmen muss", die erolgreichen Bands aus Korea "sind weitgehend perfektionierte und ein wenig mit Lokalkolorit auffrisierte Adaptionen westlicher Populärstile. ... Die Mädchen-Acts dürfen dabei nicht zu sexy rüberkommen, das Image der Burschen ist streng nach den Vorgaben asiatischer Manga-Comics androgyn und austauschbar gestaltet. Immerhin gibt es im Genre nicht nur Rücktritte wegen sexueller Verfehlungen vor der Ehe, in der Öffentlichkeit verpönter und deshalb geheim gehaltener Homosexualität, sondern auch einen unglaublichen Druck, der mitunter zu Depressionen und Selbstmorden führt." Hier ein Hörbeispiel:



Weiteres: Für die taz spricht Julian Weber mit Berghain-DJ Fiedel unter anderem über dessen Auflegetechnik und die Finessen seines Killasan Soundsystems. Marco Frei schreibt in der NZZ über die Pläne des Luzerner Sinfonieorchesters, sich ein neues Probehaus zu bauen. In der Spex würdigt Arno Raffeiner den vor zwei Jahren gestorbenen Prince, der gestern 60 Jahre alt geworden wäre. Auf der Seite Drei der SZ schreibt David Pfeifer ausführlich über die Handy-Magnettaschen des Start-Ups Yondr, das damit der nervigen Smartphone-Schwemme auf Konzerten den Kampf ansagen will.

Besprochen werden neue Alben von Lykke Li (taz), Oneohtrix Point Never (The Quietus), Near Future (The Quietus), und des Rappers Danger Dan, der damit "wahrscheinlich der erste Rapper in Deutschland ist, der seine Psychotherapie ganz freimütig in der Öffentlichkeit ausbreitet" (Jungle World), Katy Perrys Berliner Konzert (Tagesspiegel, Berliner Zeitung), ein Dvorák- und Brahms-Abend des Deutschen Symphonie-Orchesters mit Lisa Batiashvili unter Robin Ticciati (Tagesspiegel), Auftritte von Zaz (Tagesspiegel), und Future Islands (FR) sowie weitere neue Popveröffentlichungen, darunter das neue Album von Kamasi Washington (ZeitOnline).
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Architektur

Musée der Romanité, Nimes. 


Für die SZ hat sich Joseph Haniman das von der Pariser Architektin Elizabeth de Portzamparc entworfene und mit "gewellten Schleiern aus weiß getönten Glasplättchen" den Eindruck des Schwebens hervorrufende Musée de la Romanité in Nimes angeschaut. Beeindruckend, meint er, fragt aber: "Wie viel archäologische Legitimierung braucht die zeitgenössische Architektur in historischen Städten? In einem Hof des Museums suggerieren ein paar in die Wand montierte Steinbrocken einen antiken Ziergiebel. Sie stammen vom Tempel, den Kaiser Augustus über einer Quelle aus vorrömischer Zeit hatte errichten lassen. Auf 16 Meter Höhe in die sonst leere Betonwand montiert, wirken sie aber eher kurios als grandios."
 
Weitere Artikel: Wie eine "urbane Anti-Frust-Pille" erscheint Till Briegleb (SZ) der Plan für das Hamburger Paloma-Viertel, für das der Investor die Wünsche der Bewohner St. Paulis berücksichtigte und das nun nicht nur bezahlbaren Wohnraum, sondern auch ein Basketballfeld, eine Skateranlage, einen Spielplatz und einen offenen Garten auf den Dächern bieten wird.
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Stichwörter: Musee de la Romanité