Efeu - Die Kulturrundschau

Genau wie Wahn und Sinn

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12.07.2018. Die Feuilletons verneigen sich praktisch kritiklos vor Stefan George. Endlich wieder DDR-Kunst im Dresdner Albertinum, freut sich die FR. Das Porträt einer Malaise in Permanenz findet die Berliner Zeitung in dem argentinischen Film "Zama". Im Interview mit der NZZ erklärt der marokkanische Regisseur Nabil Ayouch, warum in seinen Filmen Frauen die Macht haben. In der nachtkritik versucht Ruhrtriennale-Chefin Stefanie Carp zu erklären, warum sie keine klare Position zur antiisraelischen BDS-Kampagne beziehen konnte.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.07.2018 finden Sie hier

Film



Mit ihrem vierten Film "Zama", einer Verfilmung eines Buches von Antonio Di Benedetto, widmet sich die argentinische Filmemacherin Lucrecia Martel dem ausgehenden 18. Jahrhundert. Ein irisierendes Filmkunst-Vergnügen, schreiben die Kritiker: Der Film spielt wenige Jahre vor der Mairevolution in Buenos Aires, erklärt Denis Vetter in der taz, "doch das Ausmaß der anstehenden Ereignisse spielt keine Rolle in Martels Film, der seiner Vorlage entsprechend ganz der unvermittelten Erfahrung verpflichtet ist. In einer verformten Idee der Vergangenheit sucht die Regisseurin nach neuen Möglichkeiten der Weltwahrnehmung und erprobt dabei den irritierenden Tonfall ihrer vorhergehenden Filme an frischen Tableaus. ... Die Zeit ist in Martels Film weniger eine Verpflichtung als ein Freiraum und eine Stilfrage. Und so findet sie keinerlei Erwähnung, selbst wenn zwischen zwei Bildern Jahre vergehen. Der Film könnte genauso gut in der Zukunft spielen."

Patrick Holzapfel beobachtet "in der Frequenz variierende Szenen des Immergleichen", wie er im Perlentaucher schreibt. "Bis schließlich Vergangenheit und Gegenwart untrennbar sind, genau wie Wahn und Sinn." Und Alexander Seitz versichert in der Berliner Zeitung: "So weitestgehend strukturlos Martels Filme auf den ersten Blick auch immer wirken mögen, es entsteht in ihnen das Porträt einer Malaise in Permanenz, in der alle einander gegenseitig dabei unterstützen, dass es so bleibt, wie es ist, obwohl genau das eigentlich keiner der Beteiligten mehr aushält."

Außerdem: In der NZZ spricht der marokkanische Regisseur Nabil Ayouch mit Christina Tilmann über seine Beweggründe für seinen neuen Film "Razzia" und warum seine Filme immer wieder von Frauenrechten handeln: "Heutzutage haben Frauen in Marokko kaum Rechte, weder in der Wirtschaft noch in der Politik oder Öffentlichkeit. Wir verstecken unsere Frauen zu Hause. Diese Gesellschaft haben Männer für sich entworfen, und sie nutzen die Religion als Alibi. Vor zwanzig Jahren war das anders, da gab es Frauen als Ministerinnen - heute ist das undenkbar. 'Much Loved' ist verboten worden, nicht nur, weil es um Prostitution geht, sondern weil in dem Film Frauen die Macht haben und die Männer schwach sind."

Weitere Artikel: Susanne Ostwald wirft in der NZZ einen Blick aufs Programm des Festivals in Locarno, das in diesem Jahr zum letzten Mal von Carlo Chatrian verantwortet wird, bevor dieser nach Deutschland aufbricht: "Freue dich, Berlin! Du bekommst einen Vollblut-Cineasten." Beim BFI erklärt Samuel Wigley den Einfluss von Experimental- und Ambientmusikern auf Filmmusik. In der SZ gratuliert Rainer Gansera Michael Verhoeven zum 80. Geburtstag. Thomas Groh empfiehlt in der taz den morgigen David-Cronenberg-Abend im Berliner Filmrauschpalast. Zwei davon, "Scanners" und das Horror-Scheidungsdrama "Die Brut", gibt es via Netzkino auch auf Youtube:



Besprochen werden Peter Sodans auf BluRay veröffentlichter "Der Boxer und Tod" aus dem Jahr 1962 mit Manfred Krug (Perlentaucher), Margarethe von Trottas Dokumentarfilm über Ingmar Bergman (SpOn, Tagesspiegel), Samuel Maoz' "Foxtrot" (SZ), der Actionfilm "Skyscraper" mit Dwayne Johnson (SZ, Tagesspiegel) und der Dokumentarfilm "Iuventa" über Jugendliche, die Flüchtlinge vor dem Ertrinken retten (FAZ).
Archiv: Film

Literatur

SZ und FAZ verneigen sich fast völlig unkritisch mit ganzen Seiten vor Stefan George, der heute vor 150 Jahren geboren wurde. Die FAZ hat zahlreiche Schriftstellerinnen und Schriftsteller für eine Doppelseite um Notizen zu George gebeten. Für Durs Grünbein war George "der bedeutendste Dichter des Frühmittelalters im zwanzigsten Jahrhundert." Und Wolf Wondratschek ist ganz Wolf Wondratschek: "George in aller Munde? In meinem nicht. War auch nie. Aus uns wird auch nie was. Forget it. " Dlf Kultur bringt ein einstündiges Feature von Norbert Hummelt über George. In der Welt schwärmt Matthias Heine von der sprachlichen Wucht der George-Gedichte. In der SZ widmet sich Gustav Seibt Georges "kultisch anmutender Form", für Seibt "eine Art Tarnkappe" mit dem Zweck, "die Spannweite und Unterschiedlichkeit seines Dichtens zu kaschieren". Steffen Martus schreibt über George als rätselhaften Dichtertypus. Volker Breidecker erinnert an Wolfgang Frommel, der einen Spätableger des George-Kreises geführt hat, in dem es zu sexuellen Übergriffen gekommen sein soll. Georges "Antibürgerlichkeit braucht ein bürgerliches Publikum", schreibt Jens Bisky, der außerdem anmerken möchte, dass Missbrauch im George-Kreis nie bewiesen wurde.

Nur in der Zeit ist George-Biograf Thomas Karlauf, der selbst mit Wolfgang Frommel zehn Jahre in einem Haus lebte,  etwas kritischer: "Um hier gleich eine erste grundsätzliche Bemerkung zur Missbrauchsdebatte anzubringen: Das Verbrechen besteht nicht darin, sich Lustobjekte gefügig zu machen, das eigentliche Verbrechen besteht darin, ihnen einen Schuldkomplex zu suggerieren, den sie ihr Leben lang nicht mehr loswerden sollen. ... Wissen Sie eigentlich, was Missbrauch ist? Missbrauch ist die eine Viertelstunde in Ihrem Leben, in der Sie entscheiden müssen, ob Sie dazugehören wollen oder nicht, ob Sie gehen oder ob Sie bleiben. Und in der Sie aufgrund des Machtgefälles nicht in der Lage sind, eigenverantwortlich zu handeln.

Weitere Artikel: In der NZZ erinnert Esther Widmann an die Schriftstellerin und Abenteurerin Gertrude Bell, die am 14. Juli vor 150 Jahren geboren wurde. Im Logbuch Suhrkamp liest Maren Kames Simona Sabato.

Besprochen werden Jan Christian Gertz' Neuübersetzung der Genesis (FR), Zora Neale Hurstons "Barracoon. The Story of the Last 'Black Cargo'" (ZeitOnline) und Francesca Melandris "Alle, außer mir" (FR).
Archiv: Literatur

Bühne

Ruhrtriennale-Intendantin Stefanie Carp versucht im Interview mit der nachtkritik ihre Aus- und Wiedereinladung der Band Young Fathers zu erklären, die auf Druck der israelfeindlichen BDS-Kampagne zustande kam: "Es ging einerseits um meine Glaubwürdigkeit - mir selbst und den Künstlern gegenüber. Andererseits entdeckte ich dieses Nichtwissen. Ich habe mich geschämt, dass ich keine klare Position beziehen konnte. Und ich kann das immer noch nicht. Ich weiß immer noch nicht, was BDS genau meint. Er wird von Land zu Land, von Kontext zu Kontext unterschiedlich bewertet und tritt auch offensichtlich sehr unterschiedlich auf. Aber eines weiß ich: So lange die Künstler nicht das Existenzrecht Israels in Frage stellen oder antisemitisch, rassistisch oder ausgrenzend AfD-mäßig sind oder furchtbare Texte schreiben oder eine Musik machen, die nicht vertretbar ist, so lange habe ich überhaupt nicht das Recht, sie auszuladen. Ein Bildender Künstler hat mir da sehr geholfen, er hatte geschrieben, ich hätte doch die Young Fathers eingeladen und nicht den BDS."

Weiteres: In der taz schreibt Niklaus Hablützel über das Berliner "Festival für neues Musiktheater 'Infektion!'", das zum letzten Mal stattfindet. Im dlf schreibt Alexander Moritz eine kleine Chronik des NSU-Prozesses als Bühnenstück. Joachim Lange unterhält sich für die nmz mit Yuval Sharon, der in diesem Jahr den "Lohengrin" in Bayreuth inszeniert. Im Interview mit der Zeit geben die Künstler Neo Rauch und Rosa Loy Hinweise, wie das Bühnenbild für den "Lohengrin" aussehen wird. Stichwörter sind: klassisches Kulissentheater, Vorstadtbühne, Barockbühne.
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Archiv: Bühne

Musik

Musiker, die die BDS-Kampagne gegen Israel unterstützen, zu kritisieren und von Festivals auszuladen, stellt keine Zensur dar, schreibt Jens-Christian Rabe in der SZ: Sondern es "bedeutet schlicht, dass ein Veranstalter einem Künstler, der im Pop im Zweifel mehr ist als ein musikalischer Pausenclown (sondern ein Beispiel für eine Weltanschauung), sein Forum nicht zur Verfügung stellen will. Es bedeutet keine generelle Befürwortung eines Auftrittsverbots. Eher Sensibilität. Und ja, wenn man gut findet, was Antisemiten gut finden, also zum Beispiel die pauschalisierende Boykottierung Israels, dann sollte man nicht meinen, man sei nun aber wirklich absolut kein Antisemit."

Weitere Artikel: Wolfgang Sandner berichtet in der FAZ vom Musikfestival Colmar, wo er insbesondere Martha Argerich "phänomenal" fand: Sie "schafft unumstößliche musikalische Fakten." Schostakowitsch war ein begeisterter Fußballfan, erklärt Michael Stallknecht in der NZZ. Jens Uthoff schreibt in der taz über die Probleme, in Berlin ein Open-Air anzumelden. In der SZ schreibt Wolfgang Schreiber einen Nachruf auf den Komponisten Oliver Knussen. Besprochen wird ein Auftritt von Iron Maiden (NZZ).
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Kunst

Werner Tübke, Sizilianischer Großgrundbesitzer mit Marionetten, 1972, Albertinum/Galerie Neue Meister

In der FR ist Ingeborg Ruthe hochzufrieden mit der neuen Ausstellung von DDR-Kunst im Dresdner Albertinum. Endlich hat man auf die Kritiker gehört, die nicht nur Kunst aus dem Westen sehen wollten: "Das Publikum bekommt einen intensiven Eindruck von der Vielfalt der DDR-Kunst. Es begegnet Bekanntem und auch Unbekanntem. ... Die Liste prominenter Maler reicht von Hans Grundig, der den Opfern des NS-Regimes berührende Denkmale setzte, dem expressiven Menschenmaler Theodor Rosenhauer, dem erst spät akzeptierten Konstruktivisten Hermann Glöckner, dem expressionistischen Hubertus Giebe. Man steht vor Bildern solch sensibler Realisten wie Hans Jüchser und Wilhelm Rudolph, begegnet der 'Alten Leipziger Schule' mit Werner Tübke, Wolfgang Mattheuer, Bernhard Heisig, Arno Rink. Und da sind auch die 'Jungen Wilden' der 80er Jahre mit Angela Hampel und der enttäuscht und frustriert in den Westen ausgereisten, heute international erfolgreichen Cornelia Schleime. Die 140 Bilder und 30 Plastiken sind nach Ankaufsjahren geordnet. So wird nebenbei auch von der mehr oder weniger ideologisch gelenkten Erwerbungspolitik zu DDR-Zeiten und danach erzählt."

Weiteres: Im Interview mit der taz spricht Anke Becker über ihre kommende Berliner Ausstellung "Anonyme Zeichner", über social media und den Kunstmarkt. In der FAZ freut sich Rose-Maria Gropp über den Neuerwerb von Richard Oelzes "Archaischem Fragment", das im Frankfurter Städel bewundert werden kann.

Besprochen werden eine Ausstellung zur Geschichte der Alpenmalerei im Kunstmuseum Reinhart in Winterthur (NZZ), eine Ausstellung von Giambolognas Kopien von Michelangelos "Tageszeiten" im Dresdner Zwinger (FAZ) und die Retrospektive des chinesischen Künstlers Liu Xiaodong in der Kunsthalle Düsseldorf (SZ).
Archiv: Kunst
Stichwörter: DDR-Kunst, 80er