Efeu - Die Kulturrundschau

Unergründlich geschichtete Erlebniswelt

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.12.2018. Als schönsten Film des Jahres preisen Tagesspiegel und FAZ Alfonso Cuaróns "Roma", der in Venedig den Goldenen Löwen gewann. Leider ist er kaum in einem Kino zu sehen, weil Netflix dem Kino an die Kehle möchte, wie die Welt schreibt. Die Nachtkritik berichtet entsetzt, dass in Tirana das Albanische Nationaltheater abgerissen werden soll. Der Standard sieht die moderne Kunst vor lauter Punschständen nicht mehr. Der Guardian jubelt über den gestern verliehenen Turner-Pries für die schottische Transgender-Künstlerin Charlotte Prodger.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.12.2018 finden Sie hier

Film



Der schönste Film des Jahres läuft im Kino so gut wie gar nicht - nur in wenigen  Häusern und mit vereinzelten Spielterminen. Dabei ist die Filmkritik hingerissen von Alfonso Cuaróns schwarzweißem für Netflix gedrehten Kindheits-Erinnerungsfilm "Roma" (der nicht etwa in Italien, sondern im gleichnamigen Viertel in Mexiko-Stadt spielt) dennoch. Insbesondere Hauptfigur Cleo, gespielt von Yalitza Aparicio, begeistert Tagesspiegel-Kritikerin Christiane Peitz: "Eine kleine, korpulente, junge Frau aus dem Dorf, Analphabetin, manchmal wechselt sie vom Spanischen ins indigene Mixtec. Was immer geschieht, sie bleibt freundlich, kann mit geschlossenen Augen auf einem Bein stehen und strahlt eine innere Würde aus." Zu sehen gibt es im übrigen "kein nostalgisches Rückblenden-Schwarz-Weiß, sondern ein digitales, mit tausend Farben Grau und einer verblüffenden Plastizität."

"Wie viel Leben passt in einen Film", fragt sich Verena Lueken in der FAZ. "Und wenn es möglichst viel davon sein soll, worauf können wir stattdessen verzichten? Auf Farbe zum Beispiel. Auf Filmmusik. Auf eine verschachtelte Story, auf symbolische oder narrative Leuchtschriften auch." Beim Filmfestival in Venedig hat "Roma" den Goldenen Löwen gewonnen - mehr dazu hier und hier.

Dass Neflix den Film nicht in die Kinos bringt, ärgert Hanns-Georg Rodek in der Welt maßlos. Die meisten Kinos haben das Angebot, den Film eine Woche lang zeigen zu dürfen, dankend abgelehnt: "Dass Netflix dem Kino an die Kehle möchte, das ihn bei seiner Onlineverwertung von Filmen nur stört, haben inzwischen alle begriffen. Wir stehen an einer kulturellen Wasserscheide. Filme sollen auf die gleichen zwei simplen Bewertungskriterien gestutzt werden wie Burger und Pizzen: Wo bekomme ich sie am billigsten, und wie kann ich sie mir am bequemsten einverleiben? Und einigermaßen schmecken sollten sie auch, ist aber nicht entscheidend. Es geht um die Reduktion eines Kulturgutes auf die einfachsten konsumistischen Parameter unter Überbordwerfung sämtlicher Aspekte der Ästhetik und Rezeption."

Weitere Artikel: Im Welt-Interview verscherzt es sich Stefanie Bolzen mit Regisseur Steve McQueen, nachdem sie ihn fragt, ob es nicht auch ein bisschen rassistisch sei, dass in seinem neuen Film "Widows" die Weißen die Bösen seien.  Im Gespräch mit der Berliner Zeitung wirbt Kirsten Niehuus vom Medienboard Berlin-Brandenburg für den Filmstandort Berlin.

Besprochen werden Pernille Fischer Christensens Biopic "Astrid" über die junge Astrid Lindgren (SZ, Dlf Kultur hat mit der Regisseurin gesprochen), David Robert Mitchells Thriller "Under the Silver Lake" (ZeitOnline) und Adam Price' von Arte online gestellte Serie "Die Wege des Herrn" (NZZ).

Archiv: Film

Kunst

Still aus Charlotte Prodgers Film "Bridgit"

Gestern wurde der Turner-Preis verliehen. Wie der Guardian meldet, geht er in diesem Jahr an die Transgender-Künstlerin Charlotte Prodger, die ihren Film "Bridgit" mit dem Smartphone aus einem Zugfenster drehte. Adrian Searle freut sich über die verdiente Auszeichnung sehr: "In dem bemühen, sich selbst intellektuell, psychisch und physisch zu verorten, gräbt sich Prodger tief durch Gegenwart und Alltag, um Erinnerungen hervorzuholen und die Geschichte anderer Menschen zu erzählen wie auch ihre eigenen. Sie zeigt uns, wie veränderbar und fluid und abhängig von den Dingen um uns herum, von Einflüssen und Sehnsüchten, ein Selbst sein kann."

Im Standard meldet Anne Katrin Feßler, dass die Kunsthalle Wien mit ihrem Standort im Museumsquartier höchst unzufrieden ist, wie der scheidende Direktor Nicolaus Schafhausen deutlich machte: "Dass das Areal kein öffentlicher Raum sei und vielen Restriktionen unterliege, kritisierte er ebenso wie den MQ-Weihnachtsmarkt. Sogar einem der beiden großen Häuser würde die Sichtbarkeit hinter jährlich höher werdenden Punschständen inzwischen Sorge bereiten. Für die Kunsthalle Wien sei die Situation noch dramatischer. 'Hinter dieser barocken Fassade erwartet sich niemand zeitgenössische Kunst', spielte Schafhausen auf ein ganzjähriges Problem an."

Weiteres: Im Tagesspiegel feiert Dorothea Zwirner die Schau "Weltempfänger" im Münchner Lenbachhaus, die neben Kandinsky, Malewitsch und Mondrian endlich die Pionierinnen der abstrakten Kunst ausstellt: Georgiana Houghton, Hilma af Klint und Emma Kunz. taz-Kritiker Tom Mustroph besucht die zwischen Dystopie und Ironie schillernde Ausstellung "Digital Imaginaries - Africas in Production" im Karlsruher ZKM.

Besprochen werden außerdem die Schau "Banners and Curses" des gerade verstorbenen Robert Morris in der Castelli Gallery in New York (Hyperallergic), die Ausstellung "Die wilde Schönheit der Auslegeware" des Karikaturisten Bernd Pfarr im Museum Wilhelm Busch in Hannover (SZ), Raphaela Vogels Ausstellung "Son of a Witch" in der Berlinischen Galerie (taz)
Archiv: Kunst