Efeu - Die Kulturrundschau

In Geschmackssachen eher unaufgeräumt

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22.01.2019. Die FAZ lauscht beim Berliner Ultraschall-Festival Annette Schlünz' Gesängen vom Nicht-Einverstanden-Sein mit der Welt. In der NZZ erklärt die Bühnenbildnerin Barbara Ehnes, wie man ein Thema in einen Raum verwandelt. Im Tagesspiegel bedankt sich Carlos Acosta bei seinem Vater, der ihn in die Ballettschule prügelte. Die taz freut sich über den Max-Ophüls-Preis für Susanne Heinrichs Film "Das melancholische Mädchen.  Und die SZ bedauert, dass Raf Simons keine Village People mehr für Calvin Klein über den Laufsteg schickt.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.01.2019 finden Sie hier

Design

Raf Simons Herbstkollektion 2017 für Calvin Klein. Foto: Calvon Klein

Raf Simons' Vertrag bei Calvin Klein wurde nicht verlängert. Im SZ-Rückblick würdigt Catrin Lorch diese Phase "im Nachhinein als eines der großen gestalterischen Experimente der Gegenwart". Der Belgier beschwor in seinen Entwürfen ein Bild der USA, "als habe er die Komparsen aus einem Robert-Altman-Film über seinen Laufsteg dirigiert: Frauen trugen schlank geschnittene Satinhosen, die kontrastfarbig gemusterten Hemden der Marching Bands und Plastikregenmäntel. Raf Simons hatte sich gegen die kühle Eleganz der Park Avenue und das körperbetonte Beverly Hills entschieden, die bislang den ästhetischen Kontinent eingegrenzt hatten, in dem Calvin Klein herrschte. Und führte den Amerikanern ihre eigene, in Geschmackssachen eher unaufgeräumte Kultur vor: knalleng, glitzernd, kariert, auftrumpfend und kindisch. Wie Monstertruck-Rennen und Grillfeste am Nationalfeiertag. Oder, positiv ausgedrückt, wie die Village People."
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Film

Sprudelt vor Ideen: "Das melancholische Mädchen"

Beim Filmfestival in Saarbrücken gab es im Wettbewerb vor allem handfestes Erzählhandwerk, berichtet Jenni Zylka in der taz. Eine Ausnahme stellte Susanne Heinrichs prompt mit dem Max-Ophüls-Preis ausgezeichneter Film "Das melancholische Mädchen" dar. Sie wolle das Kino neuerfinden, sagte die Filmemacherin bei der Verleihung und befindet sich wohl auf gutem Weg dahin: Ihr Film, der "kein klassisches Narrativ nutzt, sondern in kurzen Episoden Gedanken und Debatten über Feminismus und Gesellschaft zu mal vergnüglichen, mal auch nur selbstreferentiellen Aperçus hochstilisiert, ist - nicht zuletzt durch seine Form - unkonventionell und sprudelt vor Ideen. Dass man an Werke wie 'Der lange Sommer der Theorie' oder 'Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes' denken muss und sich durch den artifiziell-ironischen Ausdruck in Heinrichs Inszenierung auch an die Anarchie in Věra Chytilovás experimentellem Feminismus-Standardwerk 'Tausendschönchen' erinnert fühlt, steht dem nicht immer klischeefreien Film ebenfalls gut." Für den Tagesspiegel berichtet Kaspar Heinrich vom Festival.

Verglichen mit 2017 hat die Filmförderungsanstalt im Jahr 2018 "deutlich mehr Regisseurinnen und Autorinnen bedacht", meldet Susan Vahabzadeh in der SZ. "Die Antragstellungen von Autorinnen, Produzentinnen, Regisseurinnen sind gestiegen, obwohl die Zahl der Anträge insgesamt etwas gesunken ist. Es sind aber auch mehr der Anträge, die Frauen einreichten, berücksichtigt worden. Im Bereich Spielfilmregie beispielsweise bekam die FFA 2017 19 Förderungsanträge von Frauen, 2018 25. Bewilligt wurden 2017 nur 6, 2018 aber 12."

Weitere Artikel: In Ray berichtet Morticia Zschiesche vom 14. Bundeskongress der Kommunalen Kinos, der im Dezember in Hannover stattgefunden hat. Henning Harnisch erzählt in der taz, wie er in den USA mal dem Schauspieler Sam Shepard über den Weg gelaufen ist. Besprochen werden Michael Moores "Fahrenheit 11/9" (Filmgazette), Philipp Hirschs Debüt "Raus" (SZ) und die von Arte online gestellte italienische Serie "Ein Wunder" (ZeitOnline).
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Musik

Sehr zufrieden blickt FAZ-Kritiker Jan Brachmann auf das Berliner Ultraschall-Festival für Neue Musik zurück: Nicht nur die Tatsache, dass hier ohne weiteres Aufhebens Werke von deutlich mehr Komponistinnen als Komponisten aufgeführt wurden, erfreut ihn, sondern insbesondere, dass sich dabei zahlreiche Entdeckungen machen ließen. Beglückend waren etwa Annette Schlünz' "Neun Gesänge", die das Ensemble Mixtura mit der Mezzosopranistin Hildegard Rützel darboten, deren Stimme darin "leuchten kann; Gesänge, die sich achtsam und liebevoll um die Prosodie der Texte legen, statt sie zu zerstampfen; Gesänge, die (besonders im Akkordeon) ihr Nicht-Einverstanden-Sein mit der Welt, wie sie ist, bekunden, aber in der visionären Ruhe des Singens und im Schalmei-Ton als Klangbild des Unbeschädigtseins doch den Raum einer anderen Zukunft - oder einer noch nicht korrumpierten Vergangenheit - eröffnen." Nachhören lässt sich das Konzert derzeit noch hier, weitere Mitschnitte befinden sich dort.

Weitere Artikel: Für den Tagesspiegel hat Simon Rayß mit Sharon Van Etten gesprochen. Im Tagesspiegel plaudert Einav Schiff mit Joe Jackson. Für den Tagesspiegel stellt Susanne Donner die Berliner Szene rund um die arabische Musik vor.

Besprochen werden Igor Levits Auftritt mit den Wiener Philharmonikern in Frankfurt (FR), ein Konzert des Ensemble Phoenix Basel mit Jürg Henneberger zu Ehren des Komponisten Rudolf Kelterborn (NZZ), Carminhos "Maria" (taz), ein Konzert von Peter Eötvös und Vilde Frang (FR) und neue Klassikveröffentlichungen, darunter eine CD mit Berliner Aufnahmen des Pianisten Jorge Bolet, in dessen Händen "Debussys 'Images II' zu traumverlorenen Gebilden werden, gewonnen aus feinstem Klanggespür." (SZ)
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Bühne

Barbara Ehnes' Bühnenbild für Stefan Puchers Inszenierung von Elfriede Jelineks Trump-Stück "Am Königsweg" am Zürcher Schauspielhaus. Foto: Tanja Dorendorf, T+T Fotografie

Im NZZ-Interview mit Daniele Muscionico spricht die Bühnenbildnerin Barbara Ehnes über das Zürcher Schiffbau-Theater, die offene Schönheit der Architektur und die Kunst, ein Thema in einen Raum zu verwandeln: "Ich frage mich zum Beispiel: Wie befinden sich die Menschen in der Welt des jeweiligen Stoffes, und welche Verbindung hat das Publikum zu ihnen? Mich interessiert sehr, wie Menschen sich im Raum bewegen und von welchen Perspektiven und Hindernissen ihre Bewegungen bestimmt sind. Mir geht es auch um Überraschung und Irritation der Wahrnehmung, die neue Blickweisen auf den Stoff ermöglicht. Mein Bühnenbild will Raum schaffen für neue Spielweisen und neues Denken."

Im Tagesspiegel-Interview mit Marius Brühl und Susanne Kippenberger erweist sich der kubanische Balletttänzer Carlos Acosta als bemerkenswert unzimperlich, vor allem seinem Vater gegenüber, der ihn in die Tanzschule geprügelt hatte: "Es ging ihm darum, dass ich nicht auch Lastwagen fahren muss. Ich sollte es besser haben. In den achtziger Jahren war ich begeisterter Breakdancer, tanzte draußen in den Straßen von Havanna. Eines Tages sah er mich, packte mich am Ohr und sagte: Du tanzt also gern? Unsere Nachbarin hatte ihm von einer Ballettschule im Zentrum erzählt. Dort gebe es auch umsonst zu essen. Mein Vater dachte sich wohl, prima, das hält ihn weg von der Straße."

Besprochen werden Johan Simons' "präzise, leichthändige" Houellebecq-Inszenierung "Plattform/Unterwerfung" am Bochumer Schauspielhaus (FAZ),  Christopher Rüpings klare Inszenierung von Heinar Kipphardts Drama "In der Sache J. Robert Oppenheimer" (Tsp, Berliner Zeitung, Nachtkritik), Samuel Barbers Oper "Vanessa" an der Oper Magdeburg (NMZ), Karin Beiers Inszenierung von Edward Albees "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" am Hamburger Schauspielhaus (SZ), Armin Petras' Bühnenfassung von Hans Falladas Roman "Jeder stirbt für sich allein" am Schauspiel Leipzig (taz), Beat Furrers neue Oper "Violetter Schnee" nach einem Roman Wladimir Sorokin an der Berliner Staatsoper (taz), Maja Zades Erstling "Status Quo" an der Berliner Schaubühne (Berliner Zeitung) Lydia Steiers "starke" Inszenierung von Leos Janáceks Oper "Kátja Kabanová" am Staatstheater Mainz (FR), Uwe Eric Laufenbergs "Rigoletto" in Wiesbaden (FR).
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Literatur

Stefan Hochgesand stellt in der taz die queere Literaturzeitschrift Glitter vor, die, "auch mit vielen nicht-männlichen Autor*innen am Start, auf diverse G-Punkte zielt." In einem online nachgereichten Text aus der Literarischen Welt vom vergangenen Wochenende läutet Tilman Krause das Fontane-Jahr ein. In der FR erinnert Christian Thomas an Heinrich Bölls vor 60 Jahren veröffentlichte Bildband-Reportage "Im Ruhrgebiet", die seinerzeit für viel Unmut gesorgt hat. In der NZZ schreibt Dominik Müller einen Nachruf auf den Germanisten Bernhard Böschenstein.

Besprochen werden unter anderem das von Gert Heidenreich gelesene Hörbuch von Kazuo Ishiguros Fantasyroman "Der begrabene Riese" (online nachgereicht von der FAZ), Julian Schuttings neuer Gedichtband "Unter Palmen" (SZ), Lauren Elkins "Flâneuse" (SZ) und Claudia Hamms Neuübersetzung von Emmanuel Carrères "Der Widersacher" (FAZ).
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Architektur

Für die SZ flaniert Joseph Hanimann durch das Pariser Geschäftsviertel La Défense, dessen Bürotürme auf einem Betonplateau errichtet wurden und in dem der ganze Verkehr unter die Erde verlegt wurde. Alles ist Stille: "Würde man so auch heute ein neues Geschäftsviertel bauen? Wohl kaum, zumindest nicht in Europa. Was vor Jahrzehnten in mustergültiger Anwendung der Moderne-Baufibel 'Charta von Athen' umgesetzt wurde, also vor allem die funktionale Trennung von Wohnen und Arbeiten, hat sich als falsch erwiesen. Der Plateau-Urbanismus der Nachkriegszeit hat eine nicht wandlungsfähige Infrastruktur geschaffen, die an ihrer aufgestelzten Oberseite das Prinzip der künstlichen Topografie nur immer weitertreiben kann und im labyrinthischen Gewusel darunter so manches unbewältigte Problem verscharrt."
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Stichwörter: La Défense, Paris

Kunst

Der Weg zur Freiheit führt über die Diszipinierung der Massen. Foto: Peter Mochi /Belvedere, Wien


Das Wiener Belvedere zeigt eine Ausstellung zum "Wert der Freiheit", und in der taz bekommt Beate Schede das Gefühl erschlagender Fülle. Fünfzig künstlerische Positionen, über zwölf Stunden Videos, kein roter Faden. Toll! Bei Šejla Kamerić habe die Freiheit sogar Stacheln: "Mit großen Buchstaben hat sie das Wort 'Liberty' geformt. Neonweiß strahlt es wie eine hübsche Leuchtreklame. Berühren sollte man den Schriftzug jedoch besser nicht. Die Künstlerin hat Metall-Spikes, wie man sie zur Taubenabwehr einsetzt, oben auf den Lettern angebracht. Keiner soll ihnen offenbar zu nahe kommen. Braucht es etwa Gewalt, um die Freiheit zu schützen?"

Weiteres: Bei einer Ausstellung von Michelangelos Zeichnung braucht es eigentlich nicht die "leeren Spektakel" von Bill Violas Videos, meint Guardian-Kritiker Adrian Searle zur Doppelschau "Bill Viola/Michelangelo: Life Death Rebirth" in der Royal Academy in London. Für den Standard erkundet Ivona Jelcic im Münchner Lenbachhaus das Verhältnis des Österreichers Alfred Kubin zum Blauen Reiter.
Archiv: Kunst
Stichwörter: Belvedere Wien