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Efeu - Die Kulturrundschau

Faktoren der Instabililität

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.07.2019. Hyperallergic berichtet, wie massiv Peking auf einmal gegen die Kunstszene der Stadt vorgeht. Die SZ lernt vom Atelier Loidl, dass soziales Park-Design nur ohne Distanzgrün funktioniert. Die taz stemmt sich gegen die Versuche von rechter Seite, den Asphaltliteraten Jörg Fauser für ihre Systemfeindlichkeit zu vereinnahmen. Im Konzertsaal zählt nicht mehr anerkennender Applaus, konstatiert die NZZ, sondern der eksatische Begeisterungssturm.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.07.2019 finden Sie hier

Kunst

Eine Zeit lang haben die Pekinger Behörden die Kunstszene der Stadt hofiert, jetzt geht sie rabiat gegen Künstler und Galerien vor, berichtet Zachary Small auf Hyperallergic: "Vorige Woche begannen Einsatzkommandos der Pekinger Polizei mit der Vertreibung von mehreren hundert Künstlern aus ihren Ateliers in den Kunstdistrikten von Luomahu und Huantie. In den meisten Fällen waren den Mietern nur sieben Tage gewährt, sich etwas Neues zu suchen. Art Newspaper zufolge haben Vertreter der Distriktverwaltung die Räumung als Vorgehen der Regierung gegen Mafia-Aktivitäten bezeichnet, auf Plakaten in Huantie wurden die Künstler als 'Sicherheitsproblem' und 'Faktoren der Instabililität' bezeichnet... Die regelmäßige Zerstörung von Studios begann im letzten Sommer mit der Räumung von Ai Weiweis Studio im Galerie-Bezirk Caochangdi, nur wenige Meilen von Huantie entfert. Die Erklärungen der Regierung haben sich seitdem verschoben. Damals hieß es, die Zerstörungen seien Teil der Neubaupläne für die Hauptstadt; jetzt heißt es, es gehe darum, organisiertes Verbrechen einen Riegel vorzuschieben." 

In der Welt schreibt Hans-Joachim Müller zum Tod des Verlagserben, Mäzen und Kunstsammlers Frieder Burda, der Baden-Baden ein Museum mit populärem Ausstellungsprogramm vermachte: "Weder Intellektueller noch Bauchmensch, hat Frieder Burda seine sammlerischen Beutezüge nie generalstabsmäßig vorbereitet, sich aber auch kaum einmal auf Gefühl und Intuition allein verlassen. Er stand dazu, dass ihm eine Arbeit gefallen müsse, doch er wollte schon auch wissen, warum sie ihm gefällt." Dass für Burda "Kunst ein Gefühlsrausch" sein musste, bestätigt Saskia Trebing in Monopol. Weitere Nachrufe in Tagesspiegel und NZZ.

Besprochen werden eine Ausstellung in der Kunsthalle Krems, die die Mondlandung vor fünfzig Jahren mit dem Entstehen der Land-Art verbindet (Standard), Olafur Eliasons Schau "In real Life" in der Tate Modern (die Laura Cumming im Observer deutlich positiver bewertet als ihr Kollege zuletzt im Guardian) und die Schau "Kerker der Phantasie" mit Werken von Piranesi und Goya bis zu Rosemarie Trockel in der Sammlung Scharf-Gerstenberg in Berlin (Tsp).
Archiv: Kunst

Architektur

Atelier Loidl: Baakenpark Hamburg. Foto: Leonard Grosch


In der SZ stellt Till Briegleb die Landschaftsarchitekten des Berliner Büros Loidl vor, die sich bei den von ihnen gestalteten Parks nicht auf Fragen der Ästhetik beschränken. Aber auch Nützliches - Distanzgrün Begleitgehölz, Böschungsfläche gibt es bei ihnen nicht: "Natürlich gibt es in den ausgezeichneten Projekten von Atelier Loidl auch 'Design'. Ziegelrote Stahlrohrbegrenzungen etwa, farbige Tartanflächen oder Tribünen aus Cortenstahl-Platten am Gleisdreieck oder einen steilen romantischen Hügel auf der Insel im Hamburger Hafenbecken mit Namen 'Himmelsberg'. Aber diese Parkmotive folgen keinem Zeitgeschmack im Sinne künstlerischer Selbstverwirklichung. Sie dienen dazu, Menschen anzulocken und mit Fremden in Kontakt zu bringen. Denn, so Grosch: 'Öffentliche Räume, die nicht ausdrücklich mit dem Ziel entworfen werden, Menschen anzuziehen und im Alltag intensiv nutzbar zu sein, bleiben öde und leer.' Deswegen verfolgt Atelier Loidl eine Form des sozialen Park-Designs, das Wünsche der Besucher erfüllen soll."

Dankwart Guratzsch donnert in der Welt noch eimal kräftig gegen den revolutionären Architekten und Stadtplaner Ernst May, unter desen Neuem Bauen er bis heute leide: "Alles ist nur noch öffentlicher Raum - mit der Folge, dass,wie der Schweizer Stadtplaner Jürg Sulzer kritisiert, die für die Wohnzufriedenheit so wichtige Raumgeborgenheit verloren geht. Der Stadtbürger wird zum Freiwild gesellschaftlicher Beobachtung von allen Seiten."
Archiv: Architektur

Bühne

Akram Khans "Outwitting the Devil":  Jean Louis Fernandez / Colours International Dance Festival 2019

Beim Stuttgarter Tanzfestival Colours ist auch Akram Khans "Outwitting the Devil" zu Gast, für die Choreograf das Gilgamesch-Epos mit dem Anthropozän koppelt und von der Vernichtung des Zedernwalds durch den jungen König erzählt. Das muss man gesehen haben, jubelt Dorion Weickmann in der SZ: "Dass 'Outwitting the Devil' ein pulsierender Organismus ist, eine die Publikumsfantasie packende Bestie, ist nicht zuletzt den vier Männern und zwei Frauen zu danken, die dem Stück Gestalt verleihen: Den Tänzern, die Khan aus allen Erd- und Stilkontinenten - vom indischen Bharatanatyam bis zum Ballett - zusammengerufen hat. Sie beatmen Flora und Fauna, Mensch und Gott, Täter und Opfer mit einer Bewegungssubstanz, die Ethno-Elemente in zeitgenössische Formen gießt."

Weiteres: Daniele Muscionico sagt den beiden Theatermachern Peter Kastenmüller und Ralf Fiedler ade. die das Theater am Neumarkt verlassen, das sie nach einigen Turbulenzen zum kulturellen Hotspot in Zürch machten: "Das Haus in der Altstadt war erstens ein Treffpunkt von unterschiedlichsten Menschen geworden, zweitens war es ein real existierender Klub, und drittens war es eine coole Location, die man, im besten Fall, um eine Welterfahrung reicher verließ, als man sie betreten hatte." Sandra Luzina porträtiert im Tagesspiegel den französischen Choreografen Benjamin Millepied, dessen "Bach Suites" auf dem Moviementos-Festival in Wolfsburg zu sehen sein werden. Stephan Mösch berichtet für die FAZ vom Musikfestival im schwedischen Dalarna.
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Archiv: Bühne

Literatur

Jenseits der poetischen Transzendenz: Jörg Fauser (Bild: Fauser Archiv/Diogenes Verlag)

"Alles Braune war ihm zuwider", schreibt Katja Kullmann in der taz anlässlich von Jörg Fausers 75. Geburtstag, den der Schriftsteller heute hätte feiern können, wäre er 1987 nicht bei einem Unfall verunglückt. Notwendig ist diese politische Feststellung auch deshalb, weil Fauser als Asphaltliterat zuletzt auch von der rechten Seite vereinnahmt wurde, erklärt Kullmann. Ein ästhetisches Missverständnis, sagt sie mit Blick auf Fausers literarische Methode, in der sich zeigt, "wie lebendig, wie lehrreich, wie zeitlos ein Schreiben sein kann, das gerade nicht auf literarische, gar 'poetische' Transzendenz abzielt - sondern das sich ganz auf seine jeweilige Gegenwart einlässt, ganz auf den je aktuellen Schmutz und Jargon, die Widersprüche und Verlogenheiten der unmittelbaren Umgebung. Fausers längst vergangene Gegenwart scheint stets auf die heutige zu antworten oder umgekehrt. Anders gesagt: Der Mann provoziert noch immer." In der rechten Vereinnahmung "zeigt sich eine Schwäche des nichttranszendenten Schreibens, wie Fauser es betrieb: Spätere Missverständnisse sind nicht auszuschließen."

In der Literaturkritik würdigt Sascha Seiler Fauser: "Das Wunderbare an Fausers Texten ist, dass man gleichzeitig abgestoßen und angezogen wird, man möchte ein Teil dieser Welt sein. Und wenn man jung ist, wenn man mit diesen Texten zum ersten Mal in Berührung kommt, werden sie einen ein Leben lang prägen." Außerdem bespricht die Literaturkritik die Neuausgabe von Fausers Westberlin-Krimi "Das Schlangenmaul".

Besprochen werden unter anderem der Abschluss der Gesamtausgabe von Erich Mühsams Tagebüchern (taz), Judith Kuckarts "Kein Sturm, nur Wetter" (Berliner Zeitung), Norbert Zähringers "Wo wir waren" (SZ), Benoîte Groults "Vom Fischen und von der Liebe" (Dlf Kultur), Thomas Stangls Erzählband "Die Geschichte des Körpers" (Standard), Raynor Winns "Der Salzpfad" (Dlf Kultur) und Anselm Nefts "Die bessere Geschichte" (FAZ).

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
Archiv: Literatur

Film

Besprochen werden die neue Staffel von "Jessica Jones" (Freitag), die von Arte online gestellte Dokumentation "Die Eroberung des Mondes" (FAZ) und Ziska Riemanns "Electric Girl" (SZ).
Archiv: Film

Musik

Kulturwandel beim klassischen Konzert: "Künstler wie Publikum wollen auf die ekstatische Attitüde nicht verzichten", beobachtet NZZ-Kritikerin Hannelore Schlaffer nach Exzessen des Publikumszuspruchs, während vor kurzem hier noch noch Kontemplation und höflicher Applaus zum Anstand zählten. Vor allem junge Musiker animieren mit zur Schau gestelltem Enthusiasmus das Publikum zum Äußersten: "Die unüberschreitbare Grenze zwischen Arena und Konzertsaal, zwischen provokativer Körperbejahung und strikter Körperverneinung ist gefallen. Mehr noch als eine soziale war diese Grenze eine biologische gewesen. Mit der Pop-Kultur wurde Jugendlichkeit zur Norm der Kunst auch für die bildungsbürgerliche Oberschicht, die bisher Andacht für die Musik als Statussymbol zelebriert hatte. Der Transfer der Begeisterungsstürme der Arena in den Konzertsaal hätte so schnell nicht stattfinden können ohne Mitwirkung der modernen Medien. Die exzentrische Gymnastik der Konzertvirtuosen ahmt die Gestik der Arena nicht zuletzt deshalb nach, weil diese sich besser eignet für die Aufzeichnung im Fernsehen, via Live-Stream oder auf DVD."

Weitere Artikel: Der Leiter der Cappella Musicale Pontificia Sistina des Vatikans musste offenbar wegen Veruntreuung zurücktreten, berichtet Manuel Brug in der Welt. Zu Herbert von Karajans heutigem 30. Todestag erinnert der Historiker Oliver Rathkolb in der SZ an Karajans Ehefrau Anita Gütermann, der der Dirigent einiges an Karrierehilfe zur Zeit des "Dritten Reich" verdankte. Frederik Hanssen erinnert sich im Tagesspiegel an seine Begegnungen mit Karajan. Für die taz besucht Lars Fleischmann die Disco-Krautrocker Von Spar in deren Kölner Studio. Das Umsatzplus durch Streaming ist mittlerweile auch im etwas verschlafenen deutschen Musikmarkt angekommen, notiert Michael Pilz in der WamS. Samir H. Köck berichtet in der Presse vom Pohoda-Festival beim slowakischen Trenčin.

Besprochen werden Ed Sheerans neues Album (Standard) und neue Wiederveröffentlichungen, darunter solche der B-52s (SZ).
Archiv: Musik