Efeu - Die Kulturrundschau

Eine gewisse Historizität des Dancefloors

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24.09.2020. In der Welt erzählt der Schriftsteller Colson Whitehead, wie schwer es für einen schwarzen Vater in den USA ist, einen positiven Ort für seine Kinder zu finden. Die Berliner Zeitung kann sich gar nicht satt sehen an den Bildern des kenianischen Künstlers Michael Armitage im Münchner Haus der Kunst. Die Zeit lernt mit Armitage sogar Paviane, Alligatoren und Schlangen lieben. Die SZ stellt anlässlich von Corona-Infektionen beim Gallery Weekend in Berlin fest: Künstler sind auch nicht besser als Fußballfans. Die Musikkritiker trauern um Juliette Greco, die Filmkritiker um den Schauspieler Michael Gwisdek.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.09.2020 finden Sie hier

Literatur

Pablo Guimón unterhält sich für die Welt mit dem amerikanischen Schriftsteller Colson Whitehead, den die momentane Lage in den USA nicht gerade positiv stimmt - Polizeiübergriffe wie die auf George Floyd seien keine Ausnahmen, sondern die Regel, nur würden sie heute eben dokumentiert, sagt er. Diese gesellschaftliche Lage grundiert auch sein Schreiben: Seine letzten Bücher handeln alle von Flucht. "Ich habe in den letzten zehn Jahren mit alldem gekämpft und bin mir nicht einmal ganz sicher, warum. Ich nehme an, dass es für einen Vater sinnlos erscheint weiterzumachen, wenn er nicht daran glaubt, dass es einen sicheren Ort für seine Kinder gibt. Meine letzten drei Bücher sind aus der Hoffnung heraus entstanden, dass es trotz aller gegenteiliger Befunde doch immer einen positiven Ort gibt, den man erreichen kann."

Weitere Artikel: Hans Ulrich Gumbrecht schlägt in der NZZ vor, Musils "Mann ohne Eigenschaften" doch mit genauem und wertschätzendem Blick auf die Figur der Agathe zu lesen. Für die FAZ porträtiert Oliver Jungen den Übersetzer Frank Henseleit, der seinen formal seit den 90ern bereits Liebhaberbroschüren veröffentlichenden Kupido-Verlag nun auch allgemein für literarische Veröffentlichungen öffnet. Frankreich streitet darüber, ob Verlaine und Rimbaud ins französische Pantheon umgebettet werden sollen, meldet Jürg Altwegg in der FAZ.

Besprochen werden unter anderem Hans Ostwalds Reportagenband "Berlin - Anfänge einer Großstadt" (FR), Sara Sligars "Alles, was zu ihr gehört" (FR), Richard Fords "Irische Passagiere" (Dlf Kultur), Sonja Hildebrands Biografie über den Architekten Gottfried Semper (SZ) und Helena Janeczeks "Das Mädchen mit der Leica" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Archiv: Literatur

Kunst

Michael Armitage The Fourth Estate, 2017 © Michael Armitage. Photo © White Cube (George Darrell)


Susanne Lenz kann sich gar nicht satt sehen an den Bildern des kenianischen Künstlers Michael Armitage im Münchner Haus der Kunst. Sie sind nicht nur schön, sondern auch eminent politisch, schreibt sie in der Berliner Zeitung: "Armitage ist ein politischer Bilderschöpfer. ... 'Die vierte Gewalt' zeigt eine Wahlkampfveranstaltung, Menschen in Kostümen, mit grünen Perücken und Plakaten, merkwürdigerweise zeigen einige eine Kröte, im Hintergrund ist die Skyline von Nairobi zu sehen. Die Menschenmenge ist riesig, einige Teilnehmer sind auf einen Baum geklettert und haben auf einem ausladenden Ast Platz genommen - wohl, um von dort bessere Sicht zu haben. Man hat so etwas schon im Prado gesehen, in einem der 'Disparatos' von Goya: Was für ein raffiniertes Zitat. Einen Raum weiter hält 'Antigone' ihre Klitoris ins Bild, in einem Land, in dem Mädchen noch immer beschnitten werden. Ein Laokoon kämpft im Foltergefängnis unter dem Nyayo House in Nairobi mit einer Giftschlange, die sich um seinen Fuß wickelt. Alles bei Armitage ist mehrdeutig, doppelbödig."

"Armitage macht Ernst mit der viel beschworenen Hybridität, dem Miteinander divergierender Welten", lobt auch Hanno Rauterberg in der Zeit. "Mühelos durchkreuzt er die üblichen Erwartungen, bedient sich bei Goya, Velasquez oder Gauguin und lässt zugleich keinen Zweifel daran, dass er ein Künstler aus Kenia ist. Er kennt die Fallen der folkloristischen Klischees und malt trotzdem Paviane, Alligatoren, Schlangen und auch sonst so ziemlich alles, was zu einer afrikanischen Bildsafari dazugehört. Er entwirft diese Bilder mit einigem Trotz, das merkt man schon am Farbauftrag, der oft ruppig ist und ungeduldig. Denn wo käme er hin, wenn er nur deshalb keine Paviane, Alligatoren, Schlangen malte, weil sie im Westen als Kitsch gelten könnten? Das fände er seltsam unfrei. Von der Freiheit aber will seine Kunst erzählen."

Allen Sicherheitskonzepten zum Trotz gab es auch beim Gallery Weekend Berlin einige Corona-Ansteckungen, berichtet Catrin Lorch in der SZ. Passiert ist das offenbar vor allem bei gemeinsamen Abendessen und privaten Veranstaltungen. Da stellt sich ihr die Frage: "Wie weit gehören soziale Events zur Kunst? Die Vorstellung, auf die persönliche Nähe zu Künstlern, Kuratoren, Sammlern und Sponsoren zu verzichten, fällt vielen schwer. Deswegen bleibt die zweite Frage: ob das kultivierte Kulturpublikum - im Kunstbetrieb, aber auch im Theater oder Konzert - womöglich genauso unkontrollierbar ist wie Fußballfans, die vielerorts nur deswegen nicht in die hygienisch korrekten Stadien dürfen, weil man nicht ausschließen kann, dass sie auf dem Rückweg gemeinsam herumgrölen oder sich in den Armen liegen." Die Reaktionen auf eine Galeristin, die ihre Besucher telefonisch informierte, dass sie an Corona erkrankt sei, lässt wenig Hoffnung: Eine ganze Reihe lehnte es ab, sich nun selbst testen zu lassen. "Ihr Fazit: Die Krankheit stigmatisiert."

In Wien sollen die geplanten zwei Kunstmessen aber stattfinden, berichtet Katharina Rustler im Standard: "Kaum vorstellbar, aber die Zeit der großen Parallel-Partys scheint vorbei - zumindest in bekanntem Ausmaß. Dafür könne man, wie im Programm zu lesen ist, Cocktails auf der Dachterrasse des ehemaligen WKO-Gebäudes zu sich nehmen. Die Kunst aber stehe jetzt im Fokus."

Besprochen werden die Keith-Haring-Retrospektive im Folkwang Museum in Essen (SZ), eine Ausstellung zur Geschichte des Georg-Kolbe-Museums in Berlin (Berliner Zeitung), "We never sleep", eine Ausstelllung zur Kunst der Spionage in der Schirn, die auch Kritikerin Sandra Danicke um den Schlaf bringt (FR), die Ausstellung des fotografischen Gruppenprojekts "B1 - eine Straße durch Berlin" in Schloss Biesdorf in Berlin (taz) und die Schau "Voll das Leben!" des Ostkreuz-Fotografen Harald Hauswald im C/O Berlin (FAZ).
Archiv: Kunst

Bühne

Im Standard porträtiert Margarete Affenzeller die Wiener Theaterautorin Miroslava Svolikova. Noemi Herzog berichtet in einem Brief an die nachtkritik vom Kampf um die Autonomie der Universität für Theater- und Filmkunst in Budapest, der auch ein Kampf sei gegen die "allgemeine Unterdrückung der Freiheiten und des autonomen Denkens in Ungarn". Annika Glunz wandert für die taz über den Parcours "Der Dominoeffekt oder Die unsichtbaren Fäden der Natur", zu dem das Berliner Theater an der Parkaue einlädt.

Besprochen werden die Uraufführung von Christoph Nußbaumeders "Eisenstein" in der Inszenierung von Anselm Weber am Schauspielhaus Bochum (nachtkritik). Außerdem zeigt die nachtkritik heute ab 19 Uhr die Zoom-Performance "Metamorphosis" des inklusiven Hijinx Theatre aus Cardiff/Wales als Gastspiel in Mainz.
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Archiv: Bühne

Musik

Die französische Chansonsängerin und spätere Schauspielerin Juliette Gréco ist tot. Damit stirbt auch eine Ikone der französischen Nachkriegskultur, schreibt Beat Grossrieder in der NZZ: Sie "verkörperte das Lebensgefühl einer ganzen Generation. ... Im Existenzialismus fand sie ihr philosophisches Widerlager, doch das eigentliche Leben spielte sich zwischen Bars, Jazzkellern und der Universität ab. Grécos Markenzeichen waren damals schwarze Hosen, kombiniert mit schwarzem Lidstrich, die Lippen ungeschminkt. So soll sie damals dem Philosophen Sartre aufgefallen sein, der für sie ein erstes Chanson verfasst hat." Zu ihren Bewunderern zählte auch Miles Davis, der von ihr ganz hypnotisiert war, wie er in seinen Memoiren schrieb. Doch "Gréco hatte ihn zuerst gesehen", schreibt Samir H. Köck in der Presse. "Seine elegante Erscheinung machte Eindruck. Umgekehrt genauso. Mit ihrem schwarzen Rollkragenpullover, dem schwarzen Lidstrich, dem engen Kostüm und Strümpfen mit Bleistiftnaht war die Gréco schon kurz nach dem Krieg eine Stylerin. Zudem war sie hochintelligent, hatte Sinn für trübe Poesie und war obendrein noch sexy. Das war eine unerhörte Mischung in den Fünfziger- und Sechzigerjahren, ihrer Glanzzeit." In der Welt schmilzt Manuel Brug dahin: Gréco war "ewig unkaputtbar, zeitgeistig und schnell zeitlos gültig. Über sieben Jahrzehnte lang. Immer würdevoll, Dame und Göre, Göttin und irdisch schöne, charaktervolle, lebenskluge Frau." In der taz schreibt Jan Feddersen.

Wir verabschieden uns:



Poptheoretiker und Schriftsteller Thomas Meinecke, für den "ein Leben ohne Bässe schwer vorstellbar ist", tauscht sich im großen Jungle-World-Gespräch mit Jana Sotzko darüber aus, ob sich in der coronabedingten Auszeit für die Clubs nicht auch "eine gewisse Historizität des Dancefloors as we knew it offenbart." Vielleicht könnte die momentane Krise auch wieder zurück zu den Wurzeln führen: "Selten hat eine Subkultur so viele Jahrzehnte lang ungestört und spätestens seit Wowereit sogar ausgiebig gefördert bestanden. Trotzdem sollte man sich immer wieder in Erinnerung rufen, dass auch diese Auswüchse in einer dissidenten Subkultur wurzeln."

Außerdem: Michael Jäger berichtet im Freitag vom Musikfest Berlin. Besprochen werden neue Jazzklavier-Veröffentlichungen von Dominik Wania und Michael Wollny (Tagesspiegel).
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Film

Ein Cowboy, der noch was vorhat: Michael Gwisdek 2009 auf der Berlinale (Bild: Siebbi, CC BY 3.0)

Die Feuilletons trauern um den Schauspieler Michael Gwisdek, einen der wenigen Darsteller aus der DDR, der in der Nachwendezeit gesamtdeutsche Popularität gewann. Das dürfte auch viel mit Andreas Dresens "Nachtgestalten" von 1999 zu tun haben, schreibt Matthias Dell auf ZeitOnline: Sein Spiel "ist irre genau, den Opportunismus seiner Figur kann er durch die Art und Weise spielen, wie sein Peschke beim Essen die Finger hält. ... Die tragische Seite von Peschke ist auch die offene Frage an das Spiel und die Karriere von Michael Gwisdek: Ob es nicht noch eine andere, größere Rolle für ihn hätte geben können als all die wunderbaren Miniaturen, die er in den Filmen hingelegt hat, die ihn allein für die Komik wollten?" Tazler Tim Caspar Boehme beschlich bei Gwisdek immer "auch der Eindruck, dass er in seinem Spiel ein bisschen so etwas wie Fleisch gewordene DDR-Geschichte verkörperte. Was einerseits an seiner ostdeutschen Biografie und andererseits an seiner spezifischen Art mit diesem gelassenen Berliner Singsang beim Sprechen, dieser leicht servil spannungslosen und dabei doch sehr würdigen Körpersprache gelegen haben mag." Und Regine Sylvester schwärmt in einem sehr persönlichen Nachruf in der Berliner Zeitung: "Von dir konnte man lernen, Filme und Schauspieler uneingeschränkt zu lieben. Keiner konnte Filme so nacherzählen und Schauspieler so neidlos vergöttern wie du." Dlf Kultur spricht mit Andreas Dresen über Gwisdek.

Weitere Artikel: Die Tatsache, dass das Zurich Film Festival seit vier Jahren zum Großteil im Besitz der NZZ-Gruppe ist, schlage sich nicht auf die Festivalberichterstattung der Zeitung nieder, beteuert Urs Bühler in der NZZ: Den eigentlich naheliegenden Schritt - auf Berichterstattung zu verzichten - könne man "Vollblutjournalisten" nicht zumuten.

Besprochen werden Faraz Shariats "Futur Drei" (SZ), Katrin Gebbes "Pelikanblut" mit Nina Hoss (taz), Thomas Frindts Dokumentarfilm "Freie Räume" über die Jugendzentrumsbewegung der Siebziger (FR), Armando Iannuccis "David Copperfield" (Freitag, Tagesspiegel), die Netflix-Sportdoku "Phönix aus der Asche" (ZeitOnline) und Roger Michells Sterbehilfedrama "Blackbird" mit Susan Sarandon (FR).
Archiv: Film
Stichwörter: Gwisdek, Michael, Netflix