Efeu - Die Kulturrundschau

Quasi aus dem Nichts

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15.10.2020. Die FAZ freut sich riesig über Max Beckmanns "Selbstbild mit Sektglas", das das Städel erworben hat. Zeit online bewundert, was der Modedesigner Martin Margiela alles mit einem Champagnerkorken anstellen kann. Der Tagesspiegel bestaunt die subversiven Strategien, mit denen Carmen Losmanns in ihrer Doku "Oeconomia" Geldexperten auf den Zahn fühlt. Der Guardian erinnert an den großen Fotografen Chris Killip, der jetzt gestorben ist.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.10.2020 finden Sie hier

Design

Foto ©: nfp/filmwelt 

Carmen Böker (Zeit online) hat einen Film über die Sphinx unter den Modemachern gesehen, den Belgier Martin Margiela, dessen Gesicht über all die Jahre in der Öffentlichkeit unbekannt ist. Margiela betrat Anfang der 80er die Modeszene, zusammen mit den Antwerpen Sechs (Walter Van Beirendonck, Ann Demeulemeester, Dries Van Noten, Dirk Van Saene, Dirk Bikkembergs und Marina Yee). Margiela war der avantgardistischste unter ihnen, ein Bastler, der Kleider auseinandernahm und so zusammensetzte, dass man sie nur mit einigem Befremden wiedererkannte. Auch in Reiner Holzemers Doku bekommt man ihn nicht zu Gesicht: "Eine Hand, die einen Champagnerkorken hält, die andere Hand, die die Metallkappe abfrickelt, das Drahtkörbchen wieder aufsetzt, wieder abnimmt, ein Band drum herum windet: Das ist mehr, als man von Martin Margiela jemals gesehen hat. Seine Stimme, die den Satz 'Mir gefällt die Idee nicht, berühmt zu sein' spricht, während man sich fragt, ob das Korkengebilde die Inspiration für ein neues Kleid sein könnte: Das ist mehr, als man von Margiela bisher gehört hat."
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Kunst

Vater und Sohn betrachten eine Parade in West-End of Newcastle, Tyneside, 1980. Fotograf: Chris Killip


Im Guardian schreibt Sean O'Hagan den Nachruf auf den britischen Fotografen Chris Killip, der mit 74 Jahren gestorben ist. "Killip war vor allem für seine bahnbrechende Serie 'In Flagrante' bekannt, die er zwischen 1973 und 1985 im industriellen Nordosten Englands fotografierte. Über das 1988 erschienene gleichnamige Fotobuch sagte er später: 'Geschichte ist das, was geschrieben wird, meine Bilder sind das, was geschehen ist.' Von der einflussreichen Generation britischer Dokumentarfotografen, die in den 1970er Jahren volljährig wurde, war Killip vielleicht der einschneidendste und humanistischste."

Max Beckmann, Selbstbild mit Sektglas, 1919. Städel Museum


Das ist vielleicht nicht die Zeit, teure Kunst zu kaufen. Andererseits: Wann ist schon die Zeit dafür? In der FAZ ist Stefan Trinks jedenfalls heilfroh, dass das Städel Max Beckmanns "Selbstbildnis mit Sektglas" von 1919 erworben hat: "Es ist ein Bild der Widersprüche in einer Zeit voller Widersprüche. Obwohl die Ikonografie des Bildes auf Feiern deutet, gleicht der Kopf mit den tiefen Augenhöhlen einem Totenschädel, was gut zu dem Satz seines Frankfurter Kunsthändlers Israel Ber Neumann im Kapitel der unveröffentlichten Biografie 'Sorrow and Champagne' passt, der geliebte Franzosentrunk sorge bei Beckmann dafür, 'dass sich die Totenmaske der Erschöpfung von seinem Gesicht löste' - es handelt sich im 'Selbstbildnis mit Sektglas' demnach um den transitorischen Moment der Entspannung bei anhaltend konzentriertester Beobachtung." In der FR schreibt Friederike Meier über das Bild.

Was ist schon eine Orginal-Aufnahme gegen eine Original-Bearbeitung , fragt sich in der SZ Alexander Menden, der im Düsseldorfer K 20 die Austellung von Thomas Ruff gesehen hat: "Die Frage, inwieweit es sich bei den Fotos ... wirklich um Ruffs eigene handelt, berührt den Kern der gesamten Schau. Sämtlich in den vergangenen 20 Jahren entstanden, sind sie keine wirklichen Readymades, denn Ruff hat sie ja in vielen Fällen verändert. Sie sind aber auch keine 'genuinen' Ruffs, denn was fast alle Bilder der Schau - die Ruff selbst ungern als 'Retrospektive' bezeichnet - vereint, ist der Umstand, dass der Fotograf das Quellenmaterial nicht selbst aufgenommen hat. Er hat vielmehr gefundenes Material einem Prozess unterzogen, der mit subtilem Nachdruck auf die Gemachtheit der Fotos, in Teilen auch auf die Folgen der Digitalisierung für die Fotografie hinweist."

Weiteres: Im Tagesspiegel stellen Christiane Meixner Birgit Rieger vier Künstler auf der 11. Berline Biennale vor. Besprochen werden zwei Ausstellungen im Wiener Weltmuseum und im Mamuz in Mistelbach über die Azteken und Maya (Standard) und eine Ausstellung in der Dresdner Kunsthalle über die Verehrung in der DDR für die amerikanische Bürgerrechtlerin Angela Davis (FAZ).
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Bühne

In der Reihe 30 Jahre deutsche Vereinigung der nachtkritik erzählt Christian Holtzhauer, Intendant am Nationaltheater Mannheim, wie er erst nach der Wende zum Ossi wurde. Und Frauke Adrians erzählt, wie man sich als westdeutsche Theaterkritikerin in Erfurt fühlte. Elena Philipp stellt in der Berliner Zeitung den Tänzer und Choreografen Raphael Hillebrand vor, der gerade mit dem Deutschen Tanzpreis ausgezeichnet wurde.

Besprochen werden Händels Oper "Tolomeo" in Lübeck (nmz), Mozarts "Entführung aus dem Serail" in der Regie von Hans Neuenfels in Wien (Standard), Chris Harings Choreografie "Posing Project B - The Art of Seduction" beim Impulstanz-Festival in Wien (Standard) und Alvis Hermanis' Dokumentardrama "Gorbatschow" am Moskauer Theater der Nationen (FAZ).
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Stichwörter: Lübeck

Film

Mauernde Kapitalisten: "Oeconmia" von Carmen Losmann

Woher kommt eigentlich Geld? Was bedeutet Wirtschaftswachstum? Was geht in den Schalträumen des Kapitalismus vor sich? Fragen, denen sich Carmen Losmanns essayistischer Dokumentarfilm "Oeconomia" widmet. Die Sache kratzt notgedrungen ein bisschen an der Pforte vor den Hotspots des Wirtschaftsgeschehens, erklärt Michael Kienzl in der Berliner Zeitung: Große Unternehmen lassen sich natürlich nur sehr ungern in die Karten schauen. "Es ist die Kombination aus sorgfältiger Recherche und ernsthaft betriebener Vermittlungsarbeit, die den Film auszeichnet. Er behält den spröden Sound der Finanzsprache bei, setzt ihn aber in einfache Slogans und Bilder um. ... Wie viel es tatsächlich zu entwirren gibt, wird besonders dann deutlich, wenn die Experten selbst ins Stocken kommen. Meist sind es sehr banale Fragen, die Losmanns Gesprächspartner aus dem Konzept bringen. Dann wird gestottert, irritiert in die Kamera geschaut oder Zeit geschunden." Losmann steht in der Tradition Harun Farockis, erklärt Silvia Hallensleben im Tagesspiegel: Sie "ist ambitioniert und klug genug, diese Hindernisse in eine fast subversive dokumentarische Strategie umzumodeln."

Geld, erfährt SZ-Kritikerin Martina Knoben in diesem Film, "entsteht quasi aus dem Nichts. Man erfährt, dass die Wirtschaft wächst, wenn die Geldmenge wächst, und dass ständiges Wachstum die Bedingung ist, damit das alles weiter funktioniert. Eine Runde kapitalismuskritischer Experten hat Losmann in der Frankfurter Fußgängerzone an einem Tisch platziert und lässt sie 'Monopoly' spielen. Gleichzeitig kommentieren sie die Mechanismen der Finanzwirtschaft wie ein griechischer Chor. ... Dass das Finanzsystem künstlich ist, sich abgekoppelt hat von der Warenproduktion, ja von der Realität, gleichwohl zunehmend unser Wirtschaftssystem und die Politik bestimmt - auf diese Kritik steuert der Film ganz unaufgeregt zu."

Außerdem: Der Guardian spricht ausführlich mit Isabella Rossellini unter anderem übers Älterwerden, das Nachteile (Gewichtszunahme, Falten), aber auch Vorteile (man schert sich nicht mehr um viel und tut, wonach einem der Sinn steht) mit sich bringt.

Besprochen werden Xavier Burgins Dokumentarfilm "Horror Noire: A History of Black Horror" über das Verhältnis des Horrorfilms zu Schwarzen (taz), Michael Fetter Nathanskys "Sag du es mir" (taz), die DVD-Veröffentlichung von Sion Sonos "Antiporno" (taz), Nathan Grossmans Dokumentarfilm "I am Greta" über Greta Thunberg (Zeit, Standard), Shelagh McLeods "Astronaut" mit Richard Dreyfuss (Berliner Zeitung), Benjamín Naishtats "Rojo" (SZ), Peter Cattaneos "Mrs. Taylor's Singing Club" (Tagesspiegel), die Netflix-Serie "Emily in Paris" (klischeebeladen, dumm und sexistisch, schimpft Tomasz Kurianowicz in der Berliner Zeitung) und die vom ZDF online gestellte Serie "Breaking Even" (Berliner Zeitung, FAZ).
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Literatur

Hat Elias Canetti 1965 mit einem Brief, in dem er der Schwedischen Akademie mitteilte, dass Heimito von Doderer NSDAP-Mitglied gewesen ist, dessen Chancen auf einen Nobelpreis zu seinen eigenen Gunsten gesenkt? Das jedenfalls behauptete vor kurzem Willi Winkler in einer beiläufigen Anmerkung in der SZ und berief sich dabei auf Robert Menasse. Sven Hanuschek und Kristian Wachinger, die Canettis Briefwechsel herausgeben, ist von einem solchen Brief jedoch nichts bekannt, hat Alexander Kosenina mit einer Anfrage für die FAZ herausgefunden. Wohl aber ist er auf ein Menasse-Interview von 2005 in der Welt gestoßen, in der der Autor besagte Behauptung aufstellt. Doch "solange Menasse, der im vergangenen Jahr durch die Fingierung einer Hallstein-Rede in Auschwitz nicht nur in seinem Roman 'Die Hauptstadt', sondern auch in Essays für eine Debatte sorgte, den der Forschung unbekannten Brief Canettis nach Stockholm nicht vorlegt, ist seine Behauptung zweifelhaft. Hanuschek erklärte auf Nachfrage, das Ganze sei höchstwahrscheinlich eine Erfindung - und keine besonders gute."

Gestern wurde die Frankfurter Buchmesse eröffnet, so gut man eben von einer Buchmesse im Digitalstream reden kann. Tagesspiegel-Kritiker Gerrit Bartels vermisst wehmütig den Rummel. Dirk Knipphals von der taz schnuppert zumindest bei der ZDF-Gesprächsreihe "Das Blaue Sofa" ein bisschen Messeluft, auch wenn das Sofa diesmal fernab vom Main in einem Berliner Studio aufgebaut ist: Zu sehen gibt es "Bücher, Themen, Thesen am Fließband. Als Richard David Precht dran war, habe ich Mittagspause gemacht", aber dafür sagt Anna Mayr "sehr kluge Sachen erstens dagegen, als Autorin auf seine Biografie festgelegt zu werden - 'Ich bin mehr als meine Biografie' -, und zweitens über das Elend unserer Arbeitsgesellschaft, die Arbeitslose unter Sozialschmarotzerverdacht stellt."

Außerdem: Paul Ingendaay erinnert in der FAZ an Mario Puzo, der vor hundert Jahren geboren wurde.

Besprochen werden unter anderem Anne Webers "Annette, ein Heldinnenepos" (Zeit), Thomas Hettches "Herzfaden" (Standard), Margaret Laurence' "Der steinerne Engel" (Berliner Zeitung), Gabriele Radeckes "Fontanes Kriegsgefangenschaft" (Freitag), Leonhard Hieronymis "In zwangloser Gesellschaft" (Zeit), der Band "Vom Frühling und von der Einsamkeit" mit Gabriele Tergits Gerichtsreportagen aus der Weimarer Republik (Freitag), eine Neuausgabe von Alexandre Dumas' "Georges" von 1843 (SZ) und Maggie O'Farrells "Judith und Hamnet" (FAZ).
Archiv: Literatur

Musik

Vierzehnmal am Stück hat Matthias Goerne Beethovens Fünfte gehört, als er ihr erstmals begegnete - eine Liebe fürs Leben. In der FAZ gewährt der Bariton auch einen kleinen Einblick in seinen Arbeitsalltag: Für seinen Berufsstand hat der Komponist nämlich einige Herausforderungen im Angebot, zum Beispiel was das Luftholen betrifft: "Wenn eine Phrase in der Mitte des Taktes endet und die neue Phrase dort beginnt, atmet man höchst ungern an diesem Punkt. Das erscheint einem zunächst falsch, weil es der Moment ist, den man gemeinhin als tot empfindet, so dass man mit dem Atem über ihn hinwegphrasieren will. Ein Lied wie 'Adelaide' will erst einmal begriffen werden. Es ist ein Abgesang auf die nur noch in der Vergangenheit existierende größte Liebe eines Lebens. Dann kommt das calando, das leise Ausblenden, zum Schluss, und man merkt: Das ist ein Sterbelied, das ist der letzte Atem; die Schnelligkeit des Mittelteils hat damit zu tun, dass in diesem Moment die letzte große Exaltation im Leben stattfindet."

Weitere Artikel: Regine Müller hat sich für den Tagesspiegel mit Christoph Koncz getroffen, der für Mozartaufnahmen auf die Geige des Komponisten zugreifen konnte. Arnaud Robert porträtiert für VAN das Trio Chemirani. Für die SZ besucht Reinhard J. Brembeck die Proben für ein neues Violinkonzert von Beat Furrer. In VAN vergleicht Arno Lücker verschiedene Interpretationen von Mozarts Sonate KV 332 in F-Dur. Außerdem schreibt er in seiner Reihe über Komponistinnen über Juliane Reichardt. Karl Fluch erklärt im Standard, warum es gleichzeitig total wichtig und völlig egal ist, dass der Rolling Stone kürzlich seine Liste mit den 500 wichtigsten Alben der Pop- und Rockgeschichte aktualisiert hat. Besprochen wird Sa-Rocs "The Sharecropper's Daughter" (taz). Wir hören rein:

Archiv: Musik