Efeu - Die Kulturrundschau

Originell wie ein Paganini-Capriccio

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03.05.2021. Die Nachtkritik studiert mit Yukio Mishima bei den Ruhrfestspielen die Verhaltenslehre der Kälte. Der Tagesspiegel möchte der Skandalreihe der Berliner Bühnen auch etwas Positives abgewinnen. Die FAZ lernt im Musée du Luxembourg, wie  französische Malerinnen die männliche Bastion der Pariser Akademie einnahmen. Auf Revolver huldigt der Filmhistoriker Christoph Draxtra der technischen Imperfektion. Standard und Jungle World reagieren mit verhaltener Begeisterung auf das neue Album von Ja, Panik.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.05.2021 finden Sie hier

Bühne

Yukio Mishimas "Die Seidentrommel" bei den Ruhrfestspielen. Foto: Christophe Raynaud de Lage

Verführung als Trauma erlebt Nachtkritiker Andreas Wilink bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen, die mit der Tanz-Theater-Kreation "Die Seidentrommel" nach Yukio Mishima eröffneten. Ein faszinierendes, aber auch gewagtes Stück, findet Wilink: "Eine Gestalt wie Mishima findet sich in der westlichen Literatur kaum. Schon deshalb nicht, weil der Antagonismus von Geist und Tat, der so häufig das unglückliche Bewusstsein europäischer Autoren prägt, bei ihm sich aufhebt und zur 'Ethik der Tat' wird, wie es der Ehrenkodex der Samurai fordert. Mishima war ein Radikaler im politischen Sinn und in seinen Operationen am offenen Herzen: reaktionär und avantgardistisch, nationalistisch und kosmopolitisch; beeinflusst von der europäischen Dekadenz - Oscar Wilde, Baudelaire, Lautréamont, D'Annunzio und dem frühen Thomas Mann - wie von Japans Tradition; ein von Leibesertüchtigung besessener Athlet, Aktivist, Schauspieler, Krieger und Ästhet... Alle Versuchungen, Aberrationen und Selbstzerfleischungen, Lustbarkeiten und Grausamkeiten haben zu geschehen unter der reinen und reinigenden Kraft apollinischen Lichts. Yukio Mishima hat die Verhaltenslehren der Kälte studiert und, wer weiß, nicht nur Nietzsche, sondern auch Carl Schmitt gelesen."

Dass nach Volksbühne und Staatsballett nun auch das Gorki-Theater mit Vorwürfen von Machtmissbrauch und mobbender Intendantin Shermin Langhoff umgehen muss (unser Resümee), ist für das "Musterhaus der linken, diversen und interkulturellen Spielpraxis" besonders peinlich, meint Rüdiger Schaper im Tagesspiegel, der aber auch etwas Gutes in der Skandalreihe sieht: "Üble Chefs gibt es überall, Mobbing und Übergriffigkeit sind pandemisch. Am Theater bricht jetzt etwas auf. Missbrauch wird nicht mehr unbedingt hingenommen. Befördert durch die Corona-Not, gibt es juristische und personelle Konsequenzen." In der taz bemerkt Katrin Bettina Müller zu den Vorwürfen gegen Gorki-Intendantin Langhoff, dass auch die derzeit angespannte Situation die Erregungskurve ansteigen lasse.

Besprochen werden Teresa Doplers Stück 'Das weiße Dorf' zum Auftakt des Heidelberger Stückemarkts (SZ), zwei neue Inszenierungen von Andrea Breth, Prokofjews "Feuriger Engel" im Theater an der Wien und Brittens "Turn of The Screw" am Brüsseler Théâtre de la Monnaie ("Viel Entwicklung ist bei dieser Regisseurin nicht mehr", mosert Manuel Brug in der Welt), Isaak Dentlers Vortrag von Walter Jens' Text "Ich bin ein Jud" am Schauspiel Frankfurt (FR), neue Choreopgrafien von Kyle Abrahams und Justin Peck, die für die Aufzeichnung mit namhaften Regisseuren wie Ryan Marie Helfant und Sofia Coppola zusammengarbeitet haben ("Fabelhaft" findet Wiebke Hüster in der FAZ die "vermehrten Kollaborationen der Tanzwelt mit Popstars und Kinoregisseuren: "Sie sind von Respekt gezeichnet".)
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Kunst

Nisa Villers: Porträt der Madame Soustras beim Schnüren ihrer Schuhe, 1802
Paris. © Rmn-Grand Palais (musée du Louvre)

Dass die vom männlichen Blick dominierte Kunstgeschichte revidiert werden muss, ist für FAZ-Kritikerin Bettina Wohlfahrt eine Evidenz. Hervorragende Arbeit leiste das Pariser Musée du Luxembourg mit der Schau "Peintres Femmes, 1780-1830. Naissance d'un combat", die vierzig Malerinnen zwischen Aufklärung und Romantik zeigt, zum Beispiel Elisabeth-Louise Vigée Le Brun, die Tochter eines Pastellmalers, die wegen ihrer Porträts von Marie-Antoinette königliche Fürsprache erhielt: "Vigée Le Brun nahm es sich sogar heraus, ihre Kandidatur mit einem Historienbild anzutreten, dem nobelsten und "großen" Genre, das Frauen untersagt blieb, auch weil es Aktstudien voraussetzte. Vigée Le Brun nahm mit einem Streich gleich zwei Bastionen einer Männerdomäne ein. Ihre Gemälde haben etwas Kühnes: wenn sie die Korsage im Porträt der Schwester von Ludwig XVI. mit einem blutroten Band lässig schnürt oder im Selbstporträt selbstbewusst, ein wenig herausfordernd, den Betrachter anblickt, den Zeichenstift in der einen Hand, ein Bündel Pinsel in der anderen."

Für die NZZ trifft Susanna Petrin in New York den Graffiti-Künstler Al Diaz, der zusammen Michel Basquiat angefangen hat, aber nie die Disziplin für eine große Karriere aufbrachte. Jetzt aber sei er im Kommen, weiß Petrin: "Die Kunst von Al Diaz ist geistreich und gewitzt; Anagramme, die Alltagsphilosophie vermitteln - auf Wände, Schilder oder Leinen geklebt. Kommunikation sei ihm das Wichtigste, sagt Al Diaz. 'Wet Paint' habe ihm irgendwann nicht mehr ausgereicht, neuerdings nehme er U-Bahn-Nummern und Zeichen hinzu. Dank dem G-Train lässt er uns wissen: 'We are a recurring disaster.'"

Weiteres: taz-Kritikerin Brigitte Werneburg tummelt sich ein bisschen lustlos an den Orten des Gallery Weekends: "Das Wetter ist kalt und grau an diesem Wochenende, als wolle es signalisieren, nichts ist gut, entspannt euch bloß noch nicht." Tom Mustroph empfiehlt in der taz noch einmal das "Museo de la Democracia" in der Berliner nGBK. Claus-Jürgen Göpfert gratuliert in der FR Herbert Beck, dem langjährigen Direktor von Städelmuseum und Liebieghaus, zum Achtzigsten.
Archiv: Kunst
Stichwörter: Louvre

Literatur

Für due NZZ hat Margrit Sprecher Eugen Gomringer besucht, um sich zu erkundigen, wie der Dichter den Skandal um die Entfernung seines Gedichts von der Fassade der Berliner Alice-Salomon-Hochschule verarbeitet hat. Doch "Fragen zum Skandal empfindet er als pure Zeitverschwendung. Zwar tut er so, als wolle er sich erinnern. Dann spricht er lieber vom wirklich Wichtigen, von seinen Gedichten, die eben ins Spanische übersetzt werden."

Außerdem: Eva-Lena Lörzer geht für die taz mit dem Schriftsteller Mischa Mangel spazieren. Im Freitag empfiehlt Georg Seeßlen antifaschistische Comics. Gina Thomas erinnert sich in der FAZ daran, wie der SPD-Politiker Carlo Schmid früher bei ihren Eltern im privaten Rahmen Dante rezitierte, dabei aber nie über die erste Zeile kam. Roman Bucheli schreibt in der NZZ einen Nachruf auf den Schriftsteller Martin Kluger. In der FAZ gratuliert Bernd Eilert dem Schriftsteller Klaus Modick zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden unter anderem Natalka Sniadankos "Der Erzherzog, der den Schwarzmarkt regierte, Matrosen liebte und mein Großvater wurde" (Standard), Stefan Gärtners "Terrorsprace. Aus dem Wörterbuch des modernen Unmenschen" (taz), Issac Rosas "Glückliches Ende" (Tagesspiegel), Ulrike Edschmids "Levys Testament" (online nachgereicht von der FAZ), Michael Gerard Bauers Jugendroman "Dinge, die nicht so bleiben können" (online nachgereicht von der FAZ), Bücher zum 100. Geburtstag von Erich Fried (Tagesspiegel) und neue Krimis, darunter David Peace' "Tokio, neue Stadt" (FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Michael Lentz über Franz Mons "worttaktik""

"beschreibungen anritzen:
ihre aufgetriebenen, gespannten hülsen..."
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Archiv: Literatur
Stichwörter: Gomringer, Eugen

Film

Warum wird bei digitalen Filmrestaurationen etwa für BluRays eigentlich stets der Rückgriff aufs Original-Kameranegativ als Qualitätsmerkmal ganz besonders hervorgehoben? Der Filmhistoriker und Kurator Christoph Draxtra meldet in einem lesenswerten Facebook-Kommentar auf der Seite des Filmmagzins Revolver erhebliche Zweifel an diesem Fetisch an: Das Kameranegativ mag etwas mehr Schärfe aufweisen, aber nur eine fürs Kino erstellte Positivkopie weist auch die richtigen Referenzwerte in Sachen Farbtemperatur, Kontrast und Textur auf, schreibt er. "Ein Negativscan wird immer eine etwas glattere, weniger plastische Textur abbilden (durch die im Positiv auch oft mehr räumliche Tiefe entsteht und von der Inszenierung und Ausleuchtung dezidiert hervorgehobene Details erst richtig sichtbar werden), auch das ein zentraler Punkt. Negativ und Positiv tragen ihre Namen nicht umsonst. Die Filme wurden immer mit dem Resultat im Hinterkopf gedreht, welches nur durch eine Umkopierung erzielt werden konnte. Und dann lässt man wegen ein paar kleinen Kratzern und etwas Dreck automatische Filter über das Bild laufen, die neben den Katzern und dem Staub gleich auch noch die Hälfte des matten Negativkorns mit aus dem Bild walzt. Man muss die Imperfektionen am technischen Ende als organischen Teil des Ganzen betrachten, nicht als ein Defizit, dass es nachträglich auszumerzen gilt."

Weitere Artikel: Stephan Ahrens wirft für die Jungle World einen Blick ins Programm der Kurzfilmtage Oberhausen (mehr dazu bereits hier). Claudia Tieschky schreibt in der SZ über die Hintergründe des Landgerichts Berlin, das der Zeit bestimmte Passagen in der Berichterstattung über Marc Wieses Dokumentarfilm "Die Unbeugsamen" untersagt hat. Nadine Lange schreibt im Tagesspiegel einen Nachruf auf die Schauspielerin Olympia Dukakis. Michael Ranze erinnert im Filmdienst an den indischen Autorenfilmer Satyajit Ray, der vor 100 Jahren geboren wurde.

Besprochen werden Karin Schlössers persönlicher Essayfilm "Szenen meiner Ehe" (Freitag), Cristi Puius auf Mubi gezeigtes Historiendrama "Malmkrog" (Freitag, unsere Kritik hier), Michalis Konstantatos' "All the Pretty Little Horses" (Jungle World), Hüseyin Tabaks Boxerinnen-Drama "Gipsy Queen" (Tagesspiegel), Lee Daniels' "The United States vs. Billie Holiday" (SZ), Neil Burgers Science-Fiction-Film "Voyagers" (Freitag), die Netflix-Serien "Fatma" (taz) und "Sexify" (FR) sowie die Arte-Serie "Detectorists" (Freitag) und die in der ZDF-Mediathek gezeigte Serie "Derby Girl" (FAZ).
Archiv: Film

Musik

SZ-Kritiker Harald Eggebrecht jubelt nach dem Durchhören des neuen Albums von Augustin Hadelich, für das der Geiger Johann Sebastian Bachs Sonaten und Partiten eingespielt hat: Ein Hörerlebnis, das historisch informiert ist, ohne falsch verstandener Orthodoxie zu frönen, warte hier. "Die raschen motorischen Sätze wie etwa das Schluss-Presto der Sonate in g-Moll lässt Hadelich nicht stromlinienförmig abschnurren, sondern das blitzt und funkelt so originell wie ein Paganini-Capriccio. Das Allegro assai der Sonate in C-Dur, das oft zur Geläufigkeitsstudie verkleinert wird, hat bei ihm deutlich gezeichnete Kontur bis in die letzte Figuration hinein. Das Preludio der Partita E-Dur, häufig zur brav gefiedelten Etüde degradiert, entwickelt er zur strahlenden Eröffnung. Laut-leise-Kontraste werden in keinem Satz zu Fortissimo versus Pianissimo übertrieben, aber die Gegensätze sind so unmissverständlich, wie sie sich zugleich ergänzen." Wir hören rein:



Die in Berlin ansässige, österreichische Diskurspop-Band Ja, Panik rund um Andreas Spechtl meldet sich mit dem Comeback-Album "Die Gruppe" aus der siebenjährigen Bandpause zurück. Ein wenig ratlos und unterwältigt wirken die Rezensionen allerdings schon: Standard-Kritiker Christian Schachinger, um Formulierkunst sonst nie verlegen, referiert die Geschichte der Band. Auf dem neuen Album - das so ruhig geraten sei, dass es "beinahe etwas aus der Zeit gefallen wirkt" - verbreitet sie "Optimismus, ohne gleichzeitig Trost zu spenden. Eine Apokalypse bedeutet ja nicht das Ende der Welt." Dass die Platte wie die Musik zu einem Arthouse-Science-Fiction-Film klinge, verdanke sich auch dem Saxophon, das zur Klangfarbe der Band neu hinzugekommen sei, schreibt Maximilian Haase in der Jungle World: Gastmusikerin Rabea Erradi improvisierte damit über die fertigen Kompositionen. "'Es schnattert und knarzt und tönt famos auf 'Die Gruppe'. Wie sich 'Ja, Panik' einst die Authentizitätsfanatiker dadurch vom Leib hielten, dass sie plötzlich Funk statt des für Jungs üblichen Indierocks spielten und lieber in einem Sprachenmix statt auf Deutsch sangen, so irritieren nun die Anklänge an Free Jazz all jene, die Saxophon-Soli noch immer als kitschig verachten."

Für den Freitag hat Jürgen Ziemer mit Spechtl über das Album gesprochen. Mit Zeilen wie "Life's a dream on livestream" wirkt es fast wie ein Kommentar zur Coronakrise, doch die Zeile ist älter, erfahren wir: Die "habe ich schon während meines Aufenthalts im Iran geschrieben. Während des Lockdowns musste ich oft an das Leben - zumindest das Leben, wie ich es mitbekommen habe - der jungen, regimekritischen Student*innen in Teheran denken: Alles passiert im privaten Rahmen, draußen ist quasi Feindesland, in das du nur zum Einkaufen gehst. Wenn du dich mit der Welt verbindest, dann tust du das über Streams, Zoom oder Skype." Wir hören rein:



Weiteres: The Quietus kürt die beste neue Musik des letzten Monats. Jan Brachmann spricht für die FAZ mit der Dirigentin Oksana Lyniv. Artur Weigandt stellt in der FAZ russische Rapper vor.

Besprochen werden Lesley Chows Buch "You're History: The Twelve Strangest Women in Music" (4 Columns), ein Konzert der Berliner Philharmoniker (Tagesspiegel), "Save Your Software" von Der Plan (Jungle World), neue Alben von Danger Dan (FAZ), diverser österreichischer Duos (Standard), der Broilers (SZ) und der ukrainischen Rapperin Alyona Alyona (taz) sowie und ein vor Publikum gespieltes Konzert des Tonhalle-Orchesters Zürich (NZZ). Dessen Livestream steht auf Youtube:

Archiv: Musik