Efeu - Die Kulturrundschau

Dann eben Erfundenes

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10.05.2021. Die Nachtkritik feiert Svenja Viola Bungartens kraftmeiernde Splatter-Blasphemie "Maria Magda", die auf dem Heidelberger Stückemarkt den Autor*innenpreis erhalten hat. Die Welt goutiert Christian Thielemanns nobel gestrigen Eskapismus. Auf einen zur Schau getragenen Starrsinn erkennt der Tagesspiegel bei Peter Handke, der sich in der Republik Srpska von Milosevic-Getreuen feiern lässt. In der FAZ überlegt die Bauingenieurin Lamia Messari-Becker, was wir mit all den Ruinen des Leerstands anfangen, die uns die Pandemie hinterlassen wird. Und die taz freut sich, dass Clubs künftig als Kulturstätten gelten.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.05.2021 finden Sie hier

Bühne

Filmstill aus Svenja Bungartens "Maria Magda"

Der Heidelbeger Stückemarkt ist mit der Verleihung des deutschsprachigen Autor*innenpreis an Svenja Viola Bungartens "Maria Magda" zu Ende gegangen. Für Nachtkritiker André Mumot eine "atemberaubende" Entscheidung, das Stück selbst beschreibt er als religionskritische Phantasmagorie, furios, anmaßend, brillant, böse und banal zugleich, eine "kraftmeiernde Splatter-Blasphemie": "Svenja Viola Bungarten, derzeit Hausautorin in Koblenz, führt mehrere junge Mädchen in einer abgelegenen katholischen Klosterschule zusammen, umspukt sie mit gängigen Horrorgenre-Motiven und konfrontiert sie mit einer Gegengeschichte der Hexenverfolgung: Erzählt wird von Nonnen, die männliche Hexenmeister gejagt und getötet haben. Eine derartig unverschämte weibliche Selbstermächtigung ruft schließlich Gott persönlich auf den Plan, der einiges klarstellen möchte: 'Maria, du kleine Bitch. Weil ich ein Gott bin, werde ich dich vergewaltigen.'"

Richard Strauss' lässt in seiner letzten Oper "Capriccio" von 1942 einen Zirkel von Aristokraten in Paris über die Oper disputieren. Dass Christian Thielemann in Dresden dieses Stück der "alleredelsten Sahneharmonien" ausgerechnet jetzt dirigiert, ist für Welt-Kritiker Manuel Brug schon reinster Eskapismus: "Mehr sich selbst bespiegelnde splendid isolation geht wohl kaum. Aber irgendwie war es dann doch gerade in seiner Aberwitzigkeit toll", bekennt er freimütig: "Aber was tut's? Wir haben noch die von der vollständig angetretenen Wunderharfe Staatskapelle gar köstlich irrisierend zelebrierte Partitur. Die Christian Thielemann auf noble Art gestrig auffächert. Er verbreitet Wohlfühl-Vintage, selige Klangbäder, aus der Zeit gefallene Opernwonnen. Er tut das aber auch, im leeren Haus kann das durchaus laut werden, mit plötzlich emporschnellender, lustvoller Aggressivität. Seinsvergessenheit mutiert zu Angriffsübermut. Und die sich aufplusternde, gleißende, prunkende, zitatverliebte, gelehrtheitspompöse Musik, sie wird immer wieder durchscheinend, warm, menschlich."

Weiteres: Im Standard sucht Margarete Affentranger Wege aus dem für Machtmissbrauch anfälligen Theater.
Archiv: Bühne

Film

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Auf Instagram entpuppt sich die vom SWR und BR produzierte Serie "Ich bin Sophie Scholl", die in Echtzeit erzählt wird und ganz so, als hätte Sophie Scholl selbst ein Smartphone gehabt, mit beträchtlich wachsenden Abo-Zahlen zum Reichweitenerfolg. In den Anstalten wird bereits der Sekt geöffnet, aber Heike Hupertz meldet in der FAZ Zweifel an: "Auch wenn man den Authentizitätsbegriff großzügig fasst: Ist es richtig, Sophies erste Entdeckung der Stadt München unkommentiert mit Fremdaufnahmen zu unterlegen, etwa Wochenschauaufnahmen, die in dieser Zeit wohl kaum politisch und dramaturgisch 'neutral' zu sehen und unkommentiert illustrierend einzusetzen sind? ... Regisseur Tom Lass, der die Umsetzung zusammen mit Social-Media-Redaktionsleiterin Suli Kurban verantwortet, äußerte sich im Interview mit der Welle BR2 zu seinem Authentizitätsbegriff. Frage: Was etwa ist mit Tagen, an denen man auf keine Überlieferung zurückgreifen kann? Gepostet werden muss; dann eben Erfundenes. Dass hier frei dramatisiert wird, kann man durchaus für problematisch halten." Bert Rebhandl porträtiert im Standard die Schauspielerin Luna Wendler, die die Titelfigur spielt.

Besprochen wird Thomas Vinterbergs Alkoholfilm "Another Round" (NZZ).
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Literatur

Dass Peter Handke sich in Serbien vor nationalistischen Intellektuellen und Milosevic-Getreuen feiern und mit einer überlebensgroßen Statue als Nationalheld verehren lässt, war zu erwarten, meint Gerrit Bartels im Tagesspiegel. "In Stockholm hatte der Schriftsteller kein Wort über Serbiens Kriegsverbrechen verloren, geschweige denn, sich davon distanziert oder entschuldigt. Warum sollte er sich, so seine Logik, nun anders verhalten? Nach allem, was war, dem zur Schau getragenen Starrsinn, ist Handke nicht auf Versöhnung aus. Von einer 'namenlosen Freude' ist in seiner 2020er- Erzählung 'Das zweite Schwert' die Rede, einer Freude 'am weiteren Lassen und Nichtstun, weiter so nichts tun und lassen'. Daran hat sich Peter Handke in Banja Luka und Višegrad gehalten."

Wie konnte es dazu kommen, dass Frankreich lange Zeit sehr nachsichtig war gegenüber Autoren, die offen mit Sympathie über Pädophilie schrieben? Vielleicht, mutmaßt Frédéric Beigbeder im Freitag-Gespräch, hat das auch mit Baudelaire zu tun, "dem wegen seines Meisterwerks 'Les Fleurs du Mal' Obszönität vorgeworfen wurde. Seitdem waren die Richter, die Polizei, aber auch das intellektuelle und literarische Pariser Milieu extrem tolerant. Man wollte diesen Fehler, den größten französischen Dichter zu verurteilen, nie wieder begehen."

Weitere Artikel: Mia Eidlhuber assoziiert sich im Standard anhand des Wortes "Mutter" durch die Literaturgeschichte. In der FAZ-Reihe "Dantes Verse" wirft Andreas Platthaus einen Blick auf Dantes Verhältnis zur antiken Literatur. Norbert Hummelt erinnert in der FAZ daran, dass Marbach schon im 19. Jahrhundert als Durchreise- und Verweilort literarischer Größen Geschichte geschrieben hat.

Besprochen werden unter anderem ein Band mit ausgewählten Gedichten von Wanda Coleman (taz), Christoph Heins "Guldenberg" (ZeitOnline, FR), Yulia Marfutovas "Der Himmel vor hundert Jahren" (NZZ), Björn Stephans "Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau" (FR), Curtis Sittenfelds "Hillary" (Standard), die gesammelte Korrespondenz Marcel Prousts mit seiner Nachbarin (Tagesspiegel) und Katharina Döblers "Dein ist das Reich" (Tagesspiegel).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Hartmut Kraft über Joseph Beuys' "Ohne Titel":

"Das Geheimnis der Knospe zarter Hülle
Zart und leise deckt dich das Lilienkelch-
blatt ein. ..."
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Architektur

Die Pandemie erzeugt gerade die größten Ruinen unserer Zeit, warnt in der FAZ die Bauingenieurin Lamia Messari-Becker: Läden, Parkhäuser, Bürotürme. Aber sie möchte diesen Leerstand als Weckruf begreifen für eine neue Baukultur in den Städten: "Den Leerstand abzureißen und durch Neubauten zu ersetzen wäre ökologischer Irrsinn. Den pandemiebedingten Leerstand sollten wir gewissermaßen als Leergut begreifen: Er kann ein Gefäß sein für einen sozial-ökologischen Stadtumbau. Bauen unter Einbezug des Bestands dürfte räumlich, architektonisch und ingenieurtechnisch eine der spannendsten Aufgaben der jüngeren Baugeschichte werden."
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Kunst

Besprochen werden die große Alice-Neel-Retrospektive im New Yorker Metropolitan Museum (taz), die Tizian-Schau "Mythologische Leidenschaften" im Prado (FAZ) und das Ausstellungsprojekt "Existing otherwise" in der kommunalen Galerie Wedding (Tsp).
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Musik

Clubs gelten fortan nicht mehr als Vergnügungs-, sondern als Kulturstätten und reihen sich somit bei Theatern, Opern, Museen und Konzerthäusern ein - das hat der Bundestag am vergangenen Freitag beschlossen. Dadurch genießen sie höheren Schutz und müssen weniger Steuern zahlen, erklärt Jens Uthoff in der taz: Jetzt "können bestehende Veranstaltungsorte nicht mehr so leicht verdrängt werden, neue Clubs haben zum Beispiel auch Chancen, in Wohngebieten eröffnen zu können." Jamin Schneider von der Welt geht dieser neue Schutz nicht weit genug, "um dem Verfall der Clubkultur wirklich entgegenzuwirken". Ein bereits 2019 eingegangener Antrag von Clubbetreibern fordert, dass auch die "Lärmschutzregularien auf ihre Angemessenheit geprüft und ein Bundeslärmschutzfond eingerichtet werden, aus dem notwendige Umbaumaßnahmen für Clubs finanziert werden könnten. ... Weiterhin sollen das 'Agent-of-change-Prinzip' und ein zusätzlicher, mietrechtlicher Schutz eingeführt werden. Das Agent-of-change-Prinzip hat sein Vorbild in London und sieht vor, dass Eigentümer oder Investoren, die in das Umfeld eines schon bestehenden Clubs ziehen, selbst für etwaige Lärmschutzmaßnahmen verantwortlich sind."

Die FAZ spricht mit dem Jazzsaxofonisten Shabaka Hutchings über das neue Album "Black to the Future" von Huchings Londoner Gruppe Sons of Kemet, über "Blackness", Afrika als menschheitshistorischem Bezugspunkt und über Pharoah Sanders als Vorbild, dessen sprirtueller Kraft Hutchings kürzlich auch einen Essay gewidmet hat. Hutchings hat dabei vor allem Sanders' "besondere Auffassung von 'Sound' überzeugt. Ich habe die Tonbildung von Sanders regelrecht studiert. Welche Bedeutungen schwingen in seinem Sound mit? Haben seine Schreie auf dem Saxofon nur Symbolcharakter, oder sind sie eine eigene Sprache? Wenn ich jetzt allerdings versuchen würde, diesen Sound zu verbalisieren, dann würde ich ihn reduzieren. Man kann den Klang, auch meinen eigenen, nicht in Worte fassen, man muss ihn erspüren." Wir hören rein:



Weitere Artikel: Harry Nutt (FR) gratuliert Donovan zum 75. Geburtstag. Willi Winkler (SZ) und Edo Reents (FAZ) schreiben Nachrufe auf den Soulmusiker Lloyd Price. Für Pitchfork holt Lindsay Zolads das ALbum "The Gilded Palace of Sin" von den Flying Burrito Brothers aus dem Jahr 1969 wieder aus dem Plattenschrank.

Besprochen werden Iceages Album "Seek Shelter" (Pitchfork),  Tony Allens posthumes Album "There Is No End" (Pitchfork), Green-Houses Album "Music for Living Spaces" (Pitchfork), das neue gemeinsame Album von Matt Sweeney & Bonnie 'Prince' Billy (Jungle World), das neue Album von Lana Del Rey (Jungle World), Lucinda Williams' "Tribute To Tom Petty" (FR), eine Doku über die spanische Rockband Heroes del Silencio (WamS), Steve Croppers Soulalbum "Fire It Up" ("die Rückkehr einer Schlüsselfigur des Rhythm & Blues", jubelt Edo Reents in der FAZ) und St. Vincents neues Album "Daddy's Home": "Der Groove des Albums ist unglaublich", meint Wiebke Hüster in der FAZ. Wir hören rein:

Archiv: Musik