Efeu - Die Kulturrundschau

Die Schweine tanzen die Krankheit

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07.06.2021. Mit klingelnden Ohren kommen Nachtkritik und Standard aus Elfriede Jelineks Pandemiestück "Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen!" Die FAZ sieht Moskaus Kunstszene innerlich emigrieren. Oder feiert sie ein Pestgelage?  In 54books erklärt Barbara Vinken die Mode zum Protest gegen eine Politik des gesunden Menschenverstands. In der SZ spürt der Historiker Carlo Gentile den NS-Verbrechen von Documenta-Mitbegründer Werner Haftmann nach. In der taz beteuert Stefan Dettl, dass die Musik von LaBrassBanda auch zur Yoga-Meditation passt.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.06.2021 finden Sie hier

Bühne

Diese Schweine: Eva Mattes in Jelineks "Lärm". Foto: Matthias Horn / Hamburger Schauspielhaus

Im Hamburger Schauspielhaus hat Karin Beier das Pandemiestück "Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen!" von Elfriede Jelinek uraufgeführt. Es geht ums "mediale Gesums in verseuchten Zeiten", erzählt Christine Dössel in der SZ, die einen prallen Jelinek-Abend in alpenländischem Après-Ski-Setting erlebte, der durchaus bittere Kontur entwickelt: "Sie schreibt von ihrem Wachturm aus, der nicht aus Elfenbein ist, immer gleich los, als Schnellste, Grellste von allen, zündelt und richtet einen Textflächenbrand an. Auch diesmal wieder. Mehr als 80 eng beschriebene, anstrengend zu lesende Seiten, ein rauschender Schwall aus Angelesenem, Aufgeschnapptem, Zitiertem, Kolportiertem - böse Zungen würden sagen: Jelinek-Logorrhoe -, ohne Rollenzuschreibungen, ohne Figuren, dafür gibt es eine Regieanweisung, eine einzige, sie verlangt 'ein Schweineballett im Chor', dazu die Ansage: 'Die Schweine tanzen jetzt die Krankheit.'"

Standard-Kritiker Stephan Hilpold attestiert dem Stück Witz und Bildstärke, hätte sich aber von Jelinek mehr Deutung erwartet: "So wirklich abheben will der Abend aber nicht. Genauso wie die letzten 15 Monate weniger intellektuelle Luftsprünge als dumpfes Stimmengewirr hervorgebracht haben, erschöpft sich 'Lärm' in der Verstärkung der Vielstimmigkeit einer Gegenwart, deren Übereinkünfte außer Kraft gesetzt wurden." Für Nachtkritiker Falk Schreiber funktioniert der Abend so gut wie ein Seuchenthriller: ""Beiers Theater ist auch ein Theater der Affekte, weswegen sie jetzt die Gelegenheit wahrnimmt, kaum erträgliche Bilder vom realen Schweineschlachten einzuspielen (Video: Severin Renke). Da macht es sich die Inszenierung - wie hin und wieder - ein bisschen leicht." FAZ-Kritikerin Irene Bazinger erlebte einen virtuos-verstörenden Abend "theatralischer Traumbewältigung" mit "großartigem Ensemble".

Besprochen werden außerdem die Uraufführung von Miroslav Srnkas Oper "Singularity" im Münchner Cuvilliés-Theater (SZ), Thomas Ostermeiers Inszenierung von Virginie Despentes' "Vernon Subutex"-Romantrilogie an der Berliner Schaubühne ("Braves Nachzähltheater", winkt Eva Behrendt in der taz ab, Welt) und ein Gisela-Elsner-Abend in den Münchner Kammerspielen (SZ).
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Design

Im großen 54books-Gespräch mit der Modetheoretikerin Barbara Vinken geht es auch um das geringe Standing, das Mode außerhalb der einschlägigen Bubble hat: "Hierzulande interessieren an der Mode hauptsächlich zwei Aspekte: 1. People, also Klatsch und Tratsch und der Schauder vor der Verworfenheit dieser Welt, und 2. eine moralische Kritik der Mode als umweltschädliche, als ausbeuterische Industrie. ... In Deutschland hält man es für Verschwendung, etwas für den perfekten Moment vielleicht gar aus purem caprice zu kaufen." Nicht zuletzt werde auch "völlig vergessen, dass die Mode Protest ist gegen die Politik des quadratisch, praktisch, guten und überhaupt gegen den Utilitarismus. Letzten Endes ist sie auch Protest gegen eine Politik des vernünftigen, gesunden Menschenverstandes."

Besprochen wird Virgil Ablohs Bildband über Nike-Sneakers (NZZ).
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Stichwörter: Vinken, Barbara, Mode, Sneakers

Kunst

Mitte Juni eröffnet im Deutschen Historischen Museum eine Ausstellung zur Geschichte der Documenta. Höchste Zeit findet es in der SZ Catrin Lorch, dass die NS-Verstrickung deutscher Kulturfunktionäre endlich aufgearbeitet wird. Über Werner Haftmann, einen der wichtigsten Akteure der Weltkunstschau, kommen zum Beispiel immer genauere Einzelheiten zum Vorschein. Der Historiker Carlo Gentile etwa weist nach, dass Haftmann als Wehrmachtsoffizier nicht das harmlose Intellektuellenleben führte, von dem er nach dem Krieg sprach, sondern am Partisanenkrieg in Italien beteiligt war. Und das auch noch, als die Alliierten längst schon in Sizilien gelandet waren: "Er kannte das Gebiet und die Sprache, er und seine Männer hatten die Erlaubnis, sich frei zu bewegen. Durch seine Abwehrtätigkeit war er gewohnt, nicht aufzufallen. Er hatte also beste Voraussetzungen, um desertieren zu können. Und was tat er? Er ging befehlsgemäß zurück, meldete sich beim Korps und übernahm die Mission, an dessen Ende der 20 Jahre alte Partisan und der 54-jährige Bauer getötet wurden."

Gehen Moskaus KünstlerInnen gerade in die innere Emigration oder geben sie à la Puschkin ein Festgelage in Zeiten der Pest? Aus Moskau berichtet Kerstin Holm in der FAZ, wie die Stadt einen ungeahnten kulturellen Boom erlebt, während der Kreml im Lukaschenko-Stil gegen Oppositionelle vorgeht: "Moskau leistet sich synchron mehrere Theater-, Musik- und interdisziplinäre Festivals, zugleich erfüllen der betörende Duft und die Farben des blühenden Flieders die Innenstadt und erinnern Kunstliebhaber an die Fliedersträuße des stalinistischen Malers Pjotr Kontschalowski (1876 bis 1956) aus politisch angespannter Zeit. Weihnachtsschmuck in Gestalt glitzernder gläserner Stalaktiten, der über den Fußgängerzonen rund ums Jahr hängen bleibt, fügt einen Hauch Wintermärchenatmosphäre hinzu."

Weiteres: Für die Welt besucht Bettina Hagen das Internationale Kunsthaus in Göttingen, für das der Verleger Gerhard Steidl jahrzehntelang gestritten hat und das nun endlich eröffnet wurde. Im Standard unterhält sich Nicole Scheyerer mit Karola Kraus, die seit zehn Jahren das Wiener Mumok leitet. Besprochen werden eine Ausstellung der Berliner Künstlerin Songwen Sun-von Berg in der Galerie Zeisler (Tsp), Retrospektive des verstorbenen Bildhauers Karl Menzen im Schloss Britz (Tsp).
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Film

In der Zeit fragt Andreas Bernard gallig, ob die vom SWR und BR produzierte Instagram-Serie "Ich bin Sophie Scholl", deren Machern er vorwirft, Scholls exizistenzielles Engagement mit dem Gratismut heutiger Influencer-Aktivisten mehr oder weniger gleichzusetzen, am Ende wohl mit einem Selfie vom Schaffott enden wird: "Das wäre doch ein emotionales letztes Posting, am 22. Februar 1943, so radikal subjektiv, mit dem Kopf schon unter dem Fallbeil."

Weitere Artikel : Dominik Kamalzadeh berichtet im Standard vom Festival "Crossing Europe". Außerdem spricht Kamalzadeh für den Standard mit dem Schauspieler Viggo Mortensen.

Besprochen werden Max Barbakows Zeitschleifenkomödie "Palm Springs" ("eine der lustigsten und originellsten romantischen Komödien der vergangenen Jahre", schwärmt Kathleen Hildebrand in der SZ), Lisa Gottos und Dominik Grafs Buch "Kino unter Druck" über Filme aus dem früheren Ostblock (taz), Shane Meadows' Serie "The Virtues" (Freitag), die Dokuserie "I'll be gone in the Dark", die sich als Alternative zum True-Crime-Mainstream versteht (taz), Christian Raabes Horrorfilm "Haunted Child" (SZ), Brad Ingelsbys HBO-Serie "Mare of Easttown" mit Kate Winslet (Freitag) und der in der Schweiz im Kino anlaufende Spionagethriller "The Courier" mit Benedict Cumberbatch (NZZ).
Archiv: Film
Stichwörter: Scholl, Sophie, Instagram

Literatur

Marie-Luise Goldmann berichtet in der Welt von einer (hier nachhörbaren) Veranstaltung des Literarischen Colloquiums Berlin mit Hadija Haruna-Oelker, Uda Strätling und Kübra Gümüşay, den drei Übersetzerinnen des Gorman-Gedichts "The Hill We Climb". Naturgemäß ging es dabei auch um die Kontroverse, die sich rund um Fragen der Übersetzung des Gedichts entbrannt hatte. Die Übersetzerinnen winken auf der Bühne eher ab, die ganze Debatte sei von vornherein falsch verstanden worden und auch Marieke Lucas Rijneveld habe in den Niederlanden ja mehr oder weniger freiwillig von dem Job Abstand genommen. "Der Verdacht drängt sich auf, dass Haruna-Oelker, Strätling und Gümüşay selbst Strohmänner der Kritiker gebrauchen, denen sie Strohmannargumente vorwerfen. ... Denn natürlich hat die andere Seite zu keinem Zeitpunkt behauptet, mit 'nicht dürfen' sei 'gesetzlich verboten' gemeint. Dass sich auf der Bühne eine süffisante Drohung an die andere reiht, macht die Sache nicht besser."

Weitere Artikel: Der Schriftsteller Michael Krüger schreibt in der Welt einen Nachruf auf Friederike Mayröcker (viele weitere Nachrufe bereits hier). Andreas Kilb berichtet in der FAZ vom Literaturfestival Potsdam, das vorsichtig mit Publikum stattfinden konnte  - wobei "die Pointe dieses postdigitalen Präsenzfestivals darin lag, dass es einen Themenschwerpunkt hatte: die Digitalisierung." Felix Stephan liest für die SZ Devoney Loosers Darlegungen in der TLS darüber, ob Jane Austens Familie für oder gegen Sklaverei gewesen sei und gelangt zu dem Fazit: "Es ist kompliziert. .. Sie war beides." In der Dante-Reihe der FAZ schreibt Karlheinz Stierle über Dantes Begegnung mit Odysseus. Der Schriftsteller Ondrej Cikán schreibt im Standard über seinen Kollegen H.C. Artmann, der am 12. Juni 100 Jahre geworden wäre. Wilhelm v. Sternburg erinnert in der FR an den Schriftsteller Gerhart Hauptmann, der vor 75 Jahren gestorben ist. In der FAZ gratuliert Patrick Bahners dem Literaturredakteur James Campbell zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden unter anderem Tillie Waldens Comic "Auf einem Sonnenstrahl" (Intellectures), Ben Lerners Essay "Warum hassen wir die Lyrik?" (54books), Ulrike Edschmids "Levys Testament" (FR), Isaac Rosas "Glückliches Ende" (Intellectures), viele neue Lyrikbände (Freitag), Lavinia Braniştes "Sonia meldet sich" (Freitag) und neue Krimis, darunter Viet Thanh Nguyens "Die Idealisten" (FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Kristina Maidt-Zinke über Gottfried Kellers "Zeitlandschaft":

"Schimmernd liegt die Bahn im tiefen Tale,
Über Tal und Schienen geht die Brücke
Hoch hinweg, ein Turm ist jeder Pfeiler,
..."
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Musik

Im taz-Gespräch mit Stefan Dettl von LaBrassBanda erfährt man unter anderem, wie gut es sich zu Blasmusik meditieren lässt - zumindest hatte der Auftrag, eine Yoga-Meditation zu beschallen, zu krassen Reaktionen geführt: "Viele Menschen sind einfach nur eine Stunde lang auf der Matte gesessen und haben geweint. Andere hatten richtig Spaß." So hört sich dann meditative bayerische Blasmusik konkret an:



Weiteres: Julia Spinola berichtet in der NZZ vom Finale des Klavierwettbewerbs Concours Géza Anda. Magnus Klaue erinnert in der Jungle World an Lee Hazlewoods vor 50 Jahren erschienenes Album "Requiem for an Almost Lady". Julian Weber schreibt in der taz einen Nachruf auf den House-Pionier Rodney Bakerr.

Besprochen werden Marianne Faithfulls "She Walks In Beauty" (FR), das neue Album der Counting Crows (FAZ), ein Konzert der Berliner Philharmoniker mit Sakari Oramo und Sunwook Kim (Tagesspiegel), ein Mahler-Konzert des Konzerthausorchesters unter Iván Fischer (Tagesspiegel) und das Album "Jubilee" von Japanese Breakfast (Tagesspiegel).
Archiv: Musik
Stichwörter: Labrassbanda, Blasmusik, Yoga