Efeu - Die Kulturrundschau
Die Bösen müssen wegtauchen
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.07.2024. Die taz besucht in Bristol das Label Skep Wax, bekannt für seinen twangy Gitarrenpop. In der FAZ erkennt Autor Eckart Nickel in Taylor Swift die Erfüllung eines Wunsches der Pet Shop Boys. Die NZZ hört und sieht den "Freischütz" bei den Bregenzer Festspielen als technisch avanciertes Popcorn-Kino. Warum muss die Interimsoper in Nürnberg ausgerechnet auf das Reichsparteitagsgelände, fragt die FAZ. Der Tagesspiegel freut sich, dass es kein Geld mehr für die Lolas gibt.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
19.07.2024
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Architektur
Während die Nürnberger Oper saniert wird, will die Stadt den Interimsspielort auf das frühere Reichsparteitagsgelände legen - und ihn nahezu unsichtbar machen, wie Matthias Alexander in der FAZ bemängelt: "Klug und zeitgemäß? Eher doch feige vor der Geschichte. Die Ausweichspielstätte für die Nürnberger Oper, die innerhalb des Kongresshallentorsos auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände entstehen soll, wird an allen Seiten und auf dem Dach begrünt sein. Für den entsprechenden Entwurf des Stuttgarter Architekturbüros LRO hat sich der Nürnberger Stadtrat am Donnerstag entschieden. Baureferent Daniel Ulrich sagte in einer ersten Stellungnahme, der Neubau verstehe sich als bewusste Gegenposition zum riesigen hufeisenförmigen Bau der Nationalsozialisten, der nie fertiggestellt wurde. Daher verberge er sich hinter der Fassadenbegrünung und verzichte auf eine eigene Architektursprache." Da war der Grazer Architekt Günther Domenig vor 25 Jahren mit seinem Dokumentationszentrum um einiges mutiger, so Alexander: "Der hatte einen Keil aus Stahl und Glas in das Gebäude getrieben, dem auf diese kühne Weise die Monumentalität ausgetrieben wurde."
Weiteres: Die taz interviewt Architektur-Studierende zur Zukunft des Elbtowers und hat auch selbst Vorschläge zu seiner Nutzung parat.
Weiteres: Die taz interviewt Architektur-Studierende zur Zukunft des Elbtowers und hat auch selbst Vorschläge zu seiner Nutzung parat.
Literatur
In der Welt schreibt Matthias Heine eine kleine Hommage an Sempés und René Goscinnys "Kleinen Nick". Jan Wiele besucht für die FAZ Kafkas Kurort, die Naturheilanstalt Jungborn am Harz.
Besprochen werden Elif Shafaks Roman "Am Himmel die Flüsse" (NZZ), der Briefwechsel zwischen Adorno und Ludwig von Friedeburg 1950-1969 (FAZ), Heinz-Dieter Frankes Kulturgeschichte der Krebse "Kleine rote Fische, die rückwärts gehen" (FAZ) und Anja Dreschkes Medienethnografie "Kölner Stämme" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr.
Besprochen werden Elif Shafaks Roman "Am Himmel die Flüsse" (NZZ), der Briefwechsel zwischen Adorno und Ludwig von Friedeburg 1950-1969 (FAZ), Heinz-Dieter Frankes Kulturgeschichte der Krebse "Kleine rote Fische, die rückwärts gehen" (FAZ) und Anja Dreschkes Medienethnografie "Kölner Stämme" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr.
Musik
Dirk Schneider besucht für die taz im englischen Bristol das Label Skep Wax, Nachfolger von Sarah Records, beide gegründet von Rob Pursey und seiner Frau Amelia Fletcher und bekannt für ihre Gitarrenpopbands: "Zwischen 1987 und 1995 existierte das Label Sarah Records im englischen Bristol, und die britische Musikpresse hat das Label und seine Künstler mit Inbrunst gehasst. Für die Kritik war die Musik der Sarah-Bands etwas für wehleidige Bettnässer. Speziell die Künstlerinnen wollten einfach nicht den Sex-Appeal liefern, den die großmäuligen Alphatiere der damals noch wöchentlich erscheinenden Musikmagazine NME und Melody Maker verlangten." 2021 haben die beiden dann ihr Label Skep Wax gegründet: "Zumindest ungewöhnlich war es auch, dass das Label 2022 mit 'Under the Bridge' einen Sampler veröffentlicht hat, mit neuer Musik von jenen Leuten, die früher gemeinsam bei Sarah Records unter Vertrag waren. Das kam so gut an, dass sie mit 'Under the Bridge 2' nun nachgelegt haben, sogar mit einem Doppelalbum! Wer die Musik von Sarah Records mag, wird verblüfft sein: Auch 2024 machen diese Künstler noch Musik, die ihren Veröffentlichungen von vor dreißig Jahren in nichts nachsteht. Dieser träumerische, meist höchst melancholische twangy Gitarrenpop, für den Sarah Records berühmt war, fliegt diesen Leuten auch mit sechzig jungbrunnenhaft und federleicht aus den Verstärkern."
Wir hören rein:
Autor Eckhart Nickel (FAZ), Ende der neunziger Jahre Teil des popliterarischen Quintetts, kommt mit einer Erkenntnis aus dem Taylor-Swift-Konzert in Gelsenkirchen: "Swift ist, und das macht sie so anders und universell anschlussfähig, weil sie die in der Popwelt lang ersehnte Verkörperung dessen darstellt, was die Pet Shop Boys auf ihrem ikonischen Album 'Nightlife' 2001 forderten: 'I want a positive role model'." auf Spon schreibt Tobias Rapp, auf Zeit online Daniel Gerhardt, in der Welt Lena Karger.
Weitere Artikel: Tomasz Kurianowicz berichtet in der Berliner Zeitung vom deutsch-polnischen Festival Liederlauschen im Oderbruch. In der SZ denkt Helmut Mauró über die Namen einiger Musikklassiker nach - Wolfgang Amadeus Mozart (eigentlich Joannes Chrysostomus Wolfgangus Theophilus Mozart) oder Peter Tschaikowsky (ist er nicht doch eher ein Piotr?) Wolfgang Sandner schreibt in der FAZ zum Tod der Jazzpianistin Irène Schweizer.
Besprochen werden das neue Album von Travis "L.A. Times" (SZ) und Cassandra Jenkins' CD "My Light, My Destroyer" (taz).
Wir hören rein:
Autor Eckhart Nickel (FAZ), Ende der neunziger Jahre Teil des popliterarischen Quintetts, kommt mit einer Erkenntnis aus dem Taylor-Swift-Konzert in Gelsenkirchen: "Swift ist, und das macht sie so anders und universell anschlussfähig, weil sie die in der Popwelt lang ersehnte Verkörperung dessen darstellt, was die Pet Shop Boys auf ihrem ikonischen Album 'Nightlife' 2001 forderten: 'I want a positive role model'." auf Spon schreibt Tobias Rapp, auf Zeit online Daniel Gerhardt, in der Welt Lena Karger.
Weitere Artikel: Tomasz Kurianowicz berichtet in der Berliner Zeitung vom deutsch-polnischen Festival Liederlauschen im Oderbruch. In der SZ denkt Helmut Mauró über die Namen einiger Musikklassiker nach - Wolfgang Amadeus Mozart (eigentlich Joannes Chrysostomus Wolfgangus Theophilus Mozart) oder Peter Tschaikowsky (ist er nicht doch eher ein Piotr?) Wolfgang Sandner schreibt in der FAZ zum Tod der Jazzpianistin Irène Schweizer.
Besprochen werden das neue Album von Travis "L.A. Times" (SZ) und Cassandra Jenkins' CD "My Light, My Destroyer" (taz).
Kunst

Hannes Hintermeier freut sich in der FAZ über die HAP Grieshaber-Renaissance, die das Murnauer Schlossmuseum mit der Ausstellung "Drucken ist ein Abenteuer" anstößt. Holzschnitte sieht man ja nicht mehr so oft: "Die Fünfzigerjahre sollten das Jahrzehnt werden, in denen Grieshaber den seit dem Mittelalter nur noch punktuell florierenden Holzschnitt zu einer neuen Blüte führte. Er arbeitet in nie da gewesenen Großformaten, schafft Drucke vom Format ein mal zwei Meter, und er führt das Genre mit expressivem Farbauftrag in eine eigene Liga, irgendwo zwischen Tafelbild und Skulptur. Es gibt ein SWR-Video in der Ausstellung, das Grieshaber 1964 bei der Arbeit zeigt, ein Berserker, der dem Holz mit Messern, Kreissäge, Flex, Fräsen und Lötkolben zu Leibe rückt, der mit hochenergetischem Körpereinsatz die Druckblöcke immer wieder mit Farbe traktiert. Und der als Hauptantrieb für seine Kunst die Trauer nennt. Grieshaber gibt aber auch dem Eros Raum, generell dem Kreatürlichen. So verarbeitet er motivisch die zahleichen Tiere, die auf der Achalm leben, darunter ein Chow-Chow, ein Hängebauchschwein und ein Rhesusaffe."
Hier das Grieshaber-Porträt des SWR von 1964:
Besprochen werden "Zwischen weißen Wänden" im PEAC Museum Freiburg (Monopol), "Tim Burtons Labyrinth" in der Radsetzerei (Tagesspiegel), "Survival in the 21st Century" in den Hamburger Deichtorhallen (Monopol), "Opera of a Black Venus" von Grada Kilomba in der Kunsthalle Baden-Baden (taz), "Loitz" von Barbara Camilla Tucholski im Kunstverein Schwerin (taz) und "Winter/Hoerbelt - Das Verkehrswesen" in den Jakobshallen Bad Homburg (FAZ).
Film
Der deutsche Filmpreis Lola wird künftig nicht mehr mit drei Millionen Euro dotiert, meldet eine zufriedene Christiane Peitz im Tagesspiegel: "Nach jahrelanger vergeblicher Kritik an der Lola-Vergabepraxis ist Schluss mit der fragwürdigen Vermischung von kultureller Filmförderung und Gewinner-Kür durch die Deutsche Filmakademie. Seit 2005 haben die Mitglieder der Filmakademie per Mehrheitsbeschluss über die Vergabe von Fördermitteln, also Steuergeldern an die eigene Branche entschieden. Auch die Autorin dieser Zeilen hat gebetsmühlenartig auf den Missstand eines an Selbstbedienung grenzenden Procederes hingewiesen. Der Staat überließ seine höchstdotierte Exzellenz-Kulturförderung naturgemäß befangenen Filmschaffenden, die Preise an Freunde, Kollegen, Konkurrenten vergaben. Die Lolas wurden unweigerlich zur Konsensschleuder: Wenn über Kunst nicht gestritten, sondern abgestimmt wird, ist der Sieger nicht der wagemutige Film, die ästhetische Meisterleistung oder der virtuos-freche Publikumsrenner, sondern der kleinste gemeinsame Nenner. Dieser wurde dann mit Subventionen belohnt."
Weiteres: Zeit online meldet den Tod des Komikers Bob Newhart, hierzulande bekannt als Professor Proton in "The Big Bang Theory". Im Medienboard Berlin-Brandenburg wird es einen Führungswechsel geben, meldet Kurt Sagatz im Tagesspiegel: Sarah Duve-Schmid löst Mitte 2025 Kirsten Niehuus ab.
Besprochen werden Rose Glass' "Love Lies Bleeding" (taz, Spon), der Noir "Lady in the Lake" mit Natalie Portman bei Apple TV (BlZ), Kurt Langbeins Dokumentarfilm "Projekt Ballhausplatz" über Sebastian Kurz (SZ) und die neue Staffel der Netflix-Serie "Kleo" (Welt).
Weiteres: Zeit online meldet den Tod des Komikers Bob Newhart, hierzulande bekannt als Professor Proton in "The Big Bang Theory". Im Medienboard Berlin-Brandenburg wird es einen Führungswechsel geben, meldet Kurt Sagatz im Tagesspiegel: Sarah Duve-Schmid löst Mitte 2025 Kirsten Niehuus ab.
Besprochen werden Rose Glass' "Love Lies Bleeding" (taz, Spon), der Noir "Lady in the Lake" mit Natalie Portman bei Apple TV (BlZ), Kurt Langbeins Dokumentarfilm "Projekt Ballhausplatz" über Sebastian Kurz (SZ) und die neue Staffel der Netflix-Serie "Kleo" (Welt).
Bühne

Die Handlung der am Ende des Dreißigjährigen Krieges angesiedelten Oper "Der Freischütz" von Carl Maria von Weber erfährt in der Inszenierung von Philipp Stölzl bei den Bregenzer Festspielen einige Modifikationen, bei der die Musik zu kurz kommt, ärgert sich Egbert Tholl in der SZ: Sie ist "von Enrique Mazzola viel zu zaghaft dirigiert, der Prager Philharmonische Chor sitzt drinnen bei den Wiener Symphonikern und wackelt bedenklich vor sich hin. Keine Not wird erzählt, jede Sehnsucht zerschellt an dem nächsten optischen Ereignis. Vielleicht sieht man hier ja die Post-Corona-Zukunft des Musiktheaters: Es geht um nichts, schaut aber gut aus." Michael Stallknecht ist in der NZZ ebenfalls skeptisch: "Sicher ist nur, dass man in Bregenz nun Oper als technisch avanciertes Popcorn-Kino erleben kann. Es taugt als Kino wenig und als Oper gar nichts."
Bezüglich des Bühnenbilds konstatiert Manuel Brug in der Welt: Es "ist mit seinen elf windschiefen Häusern samt versunkenem Kirchturm, käsigem Mond und 28 kahlen Bäumen sehr clever bei Tim Burton abgeguckt, irgendwo zwischen 'Sleepy Hollow' und 'Nightmare Before Christmas'. Das duckt sich auf dem Schneehügel und spiegelt sich im Sumpfwasser, aus dem sich zur bonbonbunt verrauchten Wolfsschlucht-Schlange Nessie ein Gaulgerippe mit Feuerräderwagen erhebt. Auch vorher tauchte hier schon ein beinahe hollywoodwürdiges Wassernixenballett auf. Wie überhaupt dieser 'Freischütz' nur was für Sänger mit Seepferdchenabzeichen ist. Jeder wird hier nass und muss mindestens einmal in den See; die Bösen müssen sogar wegtauchen." Weitere Besprechungen in der FR, Neuen Musikzeitung, im Standard und im Tagesspiegel.
Weiteres: Nachtkritikerin Shirin Sojitrawalla interviewt Dorothea Hartmann und Beate Heine zum Beginn ihrer Intendanz in Wiesbaden. Besprochen wird Dada Masilos "Hamlet"-Interpretation auf dem Impulstheater-Festival im Burgtheater (Standard).
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