Efeu - Die Kulturrundschau

Mit schwingender Hüfte

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16.09.2024. Die taz erlebt bei Frank Castorfs Inszenierung von Hans Falladas Roman "Kleiner Mann - was nun?" am Berliner Ensemble "zu Brillanz aufgepeitschte" Schauspieler. Die nachtkritik findet: zu viel Ideologiekritik und zu wenig Struktur. Die FAZ empfiehlt den Machern der neuen Mafia-Serie "Tulsa King" mit Sylvester Stallone, sich voll und ganz auf den Instinkt ihres Hauptdarstellers zu verlassen. Die Welt schwebt über die Flickenteppiche des Künstlers Mark Bradford im Hamburger Bahnhof.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.09.2024 finden Sie hier

Bühne

Szene aus "Kleiner Mann - was nun?" am BE. © David Baltzer

Ein "zu wilder Brillanz gepeitschtes Ensemble" präsentiert taz-Kritiker Tom Mustroph eine Adaption des berühmtesten Roman Hans Falladas im Berliner Ensemble. Frank Castorf hat sich für die Inszenierung allerdings nicht auf die Handlung des Buches beschränkt, das zur Zeit der Weltwirtschaftskrise spielt, sondern verquickt die Handlung unter anderem mit biografischen Elementen Falladas, so der Kritiker:  "Weitere Feuerkraft gaben Einsprengsel von Dramatiker Heiner Müller und Lieder etwa aus dem Spanischen Bürgerkrieg. Den Rahmen bildeten aber die Drogen. Aus einer siebenköpfigen Bande mit Glitzerklamotten heraustretend zerdehnte, zerdrückte und zerkaute zunächst Jonathan Kempf eine expressionistische Beichte Falladas über Suizidfantasien, Entfremdungsgefühle und Rauschzustände. Auch Entwöhnung ist Thema. Im schmissigen Chor schwören alle sieben Darstellenden mit dem Song 'Nie wieder' dem Kokaingebrauch ab." Mustroph gefällt das gut.

nachtkritikerin Esther Slevogt ist hingegen zwiegespalten. Castorf hat aus dem Stoff einen Abend über die großen Ideologien des Zwanzigsten Jahrhunderts gemacht: "Die rote Fahne vom Anfang taucht auch immer wieder auf. Mal als bewegte Masse, dann als rotes Tuch, in das Andreas Döhler wie ein wütender Stier immer wieder rennt. Irgendwann hat sich das Tuch über alle Spieler gesenkt, die unter seinem Schutz noch mal von einer besseren Zukunft (und einem besseren Theater) träumen." Viel Schönes dabei, findet Slevogt, zuweilen wirken die verschiedenen Erzählstränge aber doch ziemlich "disparat". Rüdiger Schaper ist im Tagesspiegel indes ziemlich genervt von diesem Abend.

Außerdem: Die Ballerina Michaela de Prince ist im Alter von 29 Jahren unerwartet verstorben, berichtet Wiebke Hüster in der FAZ. De Prince wurde als Dreijährige von einer amerikanischen Familie aus Sierra Leone adoptiert und verarbeitete ihre Erfahrungen im Buch "Taking Flight. From War Orphan to Star Ballerina". In der SZ schreibt Dorion Weickmann einen Nachruf.

Hier tanzt sie:


Weiteres: In der Welt berichtet Manuel Brug vom "Bayreuth Baroque Opera Festival".  Besprochen werden Lola Arias Inszenierung von "Los días afuera" mit Ex-Häftlingen am Gorki Theater Berlin (taz), Ricardo de Paulas Tanzstück "Carne" in den Uferstudios in Berlin (taz), Axel Schneiders Inszenierung von Karsten Dusses Krimi "Das Kind in mir will achtsam morden" am Altonaer Theater in Hamburg (taz), Jette Steckels Inszenierung von Deha Lohers Stück "Frau Yamamoto ist noch da" am Schauspielhaus Zürich und Christoph Marthalers Inszenierung von "Doktor Watzenreuthers Vermächtnis" am Theater Basel (FAZ), David Böschs Inszenierung von Shakespeares "Viel Lärm um nichts" am Landestheater Linz (nachtkritik), Rafael Sanchez Inszenierung von Mike Müllers Stück "GRMPF - eine musikalische Baustelle" am Schauspiel Köln (nachtkritik), die Georg Büchner- Version "Dantons Tod und Kants Beitrag. Eine revolutionäre Theatersatire" am Theater Dortmund, inszeniert von Kieran Joel (nachtkritik), Eline Arbos Inszenierung des Musiktheaters "Haugtussa" nach Arne Garborg und Edvard Grieg bei der Ruhrtriennale (FAZ), Michael Webers Inszenierung von "Deutschwald im Herbst" vom Theater Willy-Praml im Frankfurter Stadtwald (FR) und Leonie Böhms Inszenierung von Kafkas "Verwandlung" am Schauspielhaus Zürich (NZZ).
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Film

Hat Instrinkte, denen man vertraut: Sylvester Stallone in "Tulsa King" (Paramount)

Knautschgesicht Sylvester Stallone als New Yorker Mafioso, der sich nach 25 Jahren Knast im amerikanischen Hinterland ein neues Imperium aufbaut: Die Paramount-Serie "Tulsa King" hatte in ihrer ersten Staffel zwar durchaus Schauwerte, schreibt Nina Rehfeld in der FAZ: etwa wenn "Stallone mit so viel selbstverständlichem Charme (und in tadellosen Maßanzügen) durch die Sets schlendert". Aber es gibt auch Schwächen: "Wiewohl Stallone sein komisches Talent locker ausspielt, ruckelte der Tonfall der Serie zu oft plump zwischen blutigem Mafiathriller und beschwingter Kleinstadtkomödie hin und her", wohl auch weil die Macher "sich nicht trauten, Stallones komödiantische Kapazitäten ohne haufenweise Action Raum zu geben." Das ändert sich nun in den ersten Folgen der zweiten Staffel, die ganz "den Instinkten ihres Stars vertraut" (der, nebenbei bemerkt, durchaus berüchtigt dafür ist, Produktionen an sich zu reißen).

Weiteres: Silke Wichert fragt sich im Tagesanzeiger, warum Brigitte Macron sich wohl für einen Cameo-Auftritt in der Serie "Emily in Paris" hergegeben hat. Im Filmdienst erinnert Leo Geisler an Kathryn Bigelows Heist-Movie "Gefährliche Brandung" von 1991. Besprochen wird Julia von Heinz' "Treasure" mit Lena Dunham und Stephen Fry (online nachereicht von der FAZ).
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Literatur

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Für die Jungle World spricht Niklas Lämmel mit Tomáš Kraus, dem Sohn des Schriftstellers und Auschwitz-Überlebenden František Robert Kraus, dessen autobiografischer Bericht "Gas, Gas, … und dann Feuer" aus dem Jahr 1945 erst jetzt bei einem deutschen Verlag untergekommen ist. Eine der Ursachen dafür liegt auch in der politischen Entwicklung der Tschechoslowakei: "Bis 1948 konnte das Buch in der Tschechoslowakei erscheinen, es gab sogar drei Auflagen. Nachdem die Kommunisten an die Macht gekommen sind, war das nicht mehr möglich. Wenn in dieser Zeit über den Zweiten Weltkrieg gesprochen wurde, musste es immer um den kommunistischen Widerstand gehen. Das war aber nicht das Thema von 'Gas, Gas, … und dann Feuer'. ... In den sechziger Jahren wurde ihm dann gesagt: 'Das ist doch jetzt schon 20 Jahre her. Was interessiert uns die Vergangenheit? Wir bauen den Sozialismus auf!' Unter diesen Umständen wäre es ein großes Risiko gewesen, Kontakt zu einem westdeutschen Verlag aufzunehmen."

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Durchaus beeindruckt resümiert Petra Ahne in der FAZ das Internationale Literaturfestival Berlin, bei dessen Programmierung man "den Eindruck bekommen konnte, allerorten reagierten Autoren auf die krisenhafte Weltlage des frühen 21. Jahrhunderts mit einerim sartreschen Sinn engagierten Literatur. ...  In einem Moment, in dem Migration fast nur noch als Sicherheitsrisiko und Überforderungsgefahr diskutiert wird, waren beim ilb Geschichten derer zu hören, die das Land ihrer Geburt verlassen haben. Geschichten vom Überleben wie bei der ruandischen Autorin Beata Umubyeyi Mairesse, von Überwachung wie beim uigurischen Schriftsteller Tahir Hamut Izgil, von der Hoffnung auf Veränderung im Heimatland wie bei der Belarussin Olga Bubich. Je weiter man sich als Festivalbesucher wegwagte von der eigenen westeuropäischen Erfahrungswelt, desto erstaunlicher konnten die Einsichten werden, etwa in den Rassismus, den in China arbeitende Afrikaner erfahren. Noo Saro-Wiwa erzählt davon in 'Black Ghosts' einem von vielen noch nicht ins Deutsche übersetzten Büchern, die das ilb präsentierte."

Weitere Artikel: Kurt Leutgeb spricht für den Standard mit dem Schriftsteller J. M. Coetzee, der mitunter einräumt, dass er sich "in den Anglo-Kulturen ... nie zu Hause gefühlt" hat und eine "verfeinerte Übersetzung" eines Buches einem "tollpatschigen Original" stets vorziehen würde. Die Literarische Welt hat Mara Delius' Würdigung von Siegfried Unseld, der Ende September 100 Jahre alt geworden wäre, online nachgereicht. In der NZZ spricht der Schriftsteller Axel Hacke mit Birgit Schmid über sein Verhältnis zu seinem Körper, über das er eben auch ein Buch vorgelegt hat.

Besprochen werden unter anderem eine Neuauflage von Wassili Grossmans "Armenische Reise" (Standard), Monika Zeiners "Villa Sternbald oder Die Unschärfe der Jahre" (NZZ), Tommy Oranges "Verlorene Sterne" (FR), Tijan Silas und Lena Schneiders "Lila Leuchtfeuer. Geh nicht nach Nimmeruh!" (online nachgereicht von der FAZ), Nathan Thralls "Ein Tag im Leben von Abed Salama" (SZ) und neue Hörbücher, darunter Susanne Aßmanns und Lisa Ossowskis Hörspiel "Alice und was sie im Wundern fand" nach Lewis Carroll (FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Thomas Combrink über Ludwig Greves "Vor Havanna":

"Dreimeilenzone. Endlich kennt das Auge
die Herkunft: Kanaan. Davor die Juden
in Reihen stehen wie vor Jahrmarktbuden ..."
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Musik

Tim Caspar Boehme resümiert für die taz die Konzerte der letzten Tage beim Musikfest Berlin: Neben Hommagen an den vor wenigen Wochen verstorbenen Komponisten Wolfgang Rihm (unser Resümee) zeichnet sich das Programm durch einen Schwerpunkt zu Anton Bruckner aus, dessen "dramatisch monumentale Formen des Insistierens" dem Kritiker mitunter Schwindelanfälle bescheren. Die von Kirill Petrenko dirigierten Berliner Philharmoniker spielten Bruckners polyphon angelegte Fünfte (hier zum Nachhören beim Dlf Kultur): Bruckner "steigert sich in immer heftiger anbrandende Wellen, die endlos weiter anschwellen zu können scheinen. Überhaupt gerät diese konsequente Mehrstimmigkeit bei Bruckner zur perfekten Meeresmusik, ein unüberschaubarer Ozean aus sich gegenseitig überlappenden Wellen öffnet sich, reißt einen mit, wird an Stellen zum ohrenbetäubenden Tosen. Petrenko steuerte die Berliner Philharmoniker sicher durch diese unruhige See, tosender Applaus hinterher dafür." Weitere Konzerte des Musikfestivals lassen sich in dessen Mediathek und beim Dlf Kultur nachhören.

Weitere Artikel: Der Tagesanzeiger hat Marlene Knoblochs SZ-Bericht über ihre Begegnung mit Moon Unit Zappa, der Tochter von Frank Zappa, online nachgereicht. In der FAZ gratuliert Jan Brachmann dem Pianisten Alexei Lubimov zum 80. Geburtstag.

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Architektur

Die "Smart City" kommt, warnt Dankwart Guratzsch in der Welt und mit ihr die Absicht, Abläufe immer weiter "rationalisieren" und steuern zu können. Das Individuum bleibt hier auf der Strecke, so Guratzsch: "Dem Verbraucher offenbart sich diese Allmacht einer abstrakten Logik in 'Gebrauchsanweisungen', die in Dutzenden Sprachen weltweit darüber aufklären, dass die Maschine besser weiß als wir, wie wir uns zu fühlen haben, ob und wann wir die Fenster öffnen oder duschen dürfen. Unser Gefühl und Bedürfnis ist subjektiv, die Maschine objektiv. ... Sie funktioniert nur mit Nutzern, die auf dem Boden des Grundgesetzes der Mechanik stehen: Jede Reibung muss unterbunden werden. Die Automatik befreit den Menschen vom Nachdenken, Steuern, Entscheiden. Doch sie handelt emotionslos, bedenkenlos, auf rein mathematischer Grundlage. Dabei wird der Mensch zum Hauptgefährder. Im Kosmos der Automatik ist er der Störfaktor der reibungslosen Abläufe."
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Stichwörter: Smarthome

Kunst

Ausstellungsansicht, Mark Bradford. Keep Walking, Hamburger Bahnhof - Nationalgalerie der Gegenwart © Courtesy Mark Bradford und Hauser & Wirth / Foto: © Staatlichen Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Jacopo LaForgia

Vorsichtig geht Welt-Kritiker Marcus Woeller über das Kunstwerk "Float" von Mark Bradford, dessen Werke im Moment im Moment im Hamburger Bahnhof zu sehen sind. Bradfords Leben als schwarzer und homosexueller Künstler war 'tough', weiß der Kritiker, und seine Kunst ist durchaus politisch. Als "Aktivist" will sich Bradford aber nicht sehen: "Über den Flickenteppich fällt der Blick auf eine Videoprojektion im nächsten Raum. Wir sehen einen Mann, der mit federndem Gang in klobigen Schuhen, mit schwingender Hüfte in einer engen gelben Hose eine Straße entlangläuft. 'Melvin', erzählt Mark Bradford, 'ist jahrelang an meinem Atelier vorbeigelaufen, da habe ich ihn irgendwann gefragt, ob ich ihn filmen dürfe'. Sein Video hat er 'Niagara' genannt, wie den Spielfilm von 1953, in dem Marilyn Monroes darstellerische Leistung von der zeitgenössischen Kritik weitaus weniger gewürdigt wurde als ihr erotischer Hüftschwung. Melvins Gang dagegen, so Bradford, habe nicht jedem im Viertel gefallen, manche Leute sogar zu Aggressionen provoziert."

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Der Kunsthistoriker Uwe M. Schmeede hat eine Monografie über Gerhard Richter geschrieben: Im FR-Gespräch mit Lisa Berins erklärt er den Erfolg des Malers und zeichnet dessen künstlerischen Weg von den Anfängen der fotorealistischen Arbeiten bis zur Abstraktion nach. Ist Richter ein politischer Künstler? "Er selbst hat es immer von sich gewiesen. Aber mit Blick auf diese frühen Fotos mit ihren Hintergrundgeschichten, den RAF-Zyklus aus dem Jahr 1988, den Birkenau-Zyklus über Auschwitz würde ich sagen: Er ist vielleicht kein dezidiert politischer Künstler, das würde zu kurz greifen, aber er ist jemand, der außerordentlich bewusst auf die eigenen Zeitumstände reagiert und dabei auch bestimmte Belastungen empfindet. Mehrfach, und zwar als er in den 60er Jahren das Bildnis 'Onkel Rudi' und im Jahr 2014 den Birkenau-Zyklus malte, hat er davon gesprochen, dass es für ihn eine bestimmte Verpflichtung gegeben habe, das zu 'erledigen'. Da steht schon eine gewisse gesellschaftliche Verantwortung dahinter."

Weiteres: In der SZ teilt Till Briegleb Eindrücke von der Berlin Art Week. Besprochen werden die Ausstellung "heimaten" im HKW Berlin (FAZ, SZ) und die Ausstellung "Surréalisme. L'exposition du centenaire" im Centre Pompidou in Paris (NZZ)
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Design

Zeigt Anflüge von Selbstironie: Anna Wintour in "In Vogue: The 90s"

FAZ-Kritiker Alfons Kaiser ist zwar dankbar für die vielen Anekdoten und Anekdötchen in der auf Disney+ gezeigten Dokuserie "In Vogue: The 90s" über Anna Wintour und ihre Zeit als Chefredakteurin bei dem wohl einflussreichsten Magazin für Modefotografie. Fast hautnah erlebt man hier mit, wie das Zeitalter der Supermodels ausgerufen wurde. Doch, weh, "der Preis für solche schönen Einblicke ist die Selbstbeweihräucherung. In den Szenen glaubt man zu erkennen, wie der um Inhalte bemühte Streaminganbieter mit dem marketinggestählten Magazinverlag Condé-Nast ringt. Dabei kommen viele beschönigende Nullsätze heraus. ... Alles ist hier 'rebellious', 'amazing', 'magical', 'incredible'. Selbstironisch wird nur Anna Wintour selbst. ... Immerhin wird in den sechs Folgen der Serie sichtbar, dass das Wettrennen zwischen den Zeitschriften mindestens so brutal war wie heute die peinliche Konkurrenz um Klickzahlen."
Archiv: Design