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30.12.2024. Die Initiativen für die Freilassung von Boualem Sansal lassen nicht nach: Eine Gruppe aus Autoren und Universitätsleuten veröffentlicht einen Aufruf in L'Express. Der algerische Präsident Abdelmadjid Tebboune griff Sansal in seiner Neujahrsansprache derweil scharf an, berichtet Marianne. Die FAZ amüsiert sich in Tallinn mit den Bildern des estnischen "Kosmo-Erotikers" Ülo Sooster, dem auch die Sowjets das Lachen nicht austreiben konnten. Die Filmkritiker bejubeln Dominik Grafs neuen "Polizeiruf"-Krimi "Jenseits des Rechts".
Am Wochenende waren die sozialen Medien voller Gerüchte, dass Boualem Sansal zu den etwa 2.400 Begünstigten der Neujahrsamnestie des algerischen Präsidenten Abdelmadjid Tebboune gehören würde. Aber bisher haben sich die Gerüchte nicht bestätigt (obwohl sie auch nicht verstummen, mehr hier in Mondafrique). Stattdessen hat Tebboune den Schrifsteller in seiner Neujahrsansprache scharf attackiert, berichtet Rachel Binhas in Marianne: "Vor dem Parlament griff der algerische Präsident den 80-jährigen Mann an. Die Tirade war heftig: 'Da ist ein Betrüger, dessen Identität und Vater unbekannt sind, der es wagt zu sagen, dass ein Teil Algeriens das Eigentum eines anderen Landes war.' Der Autor des 'Eids der Barbaren' (Gallimard, 1999) zahlt insbesondere für die historischen Grenzkonflikte zwischen Marokko und Algerien. Unter diesen Umständen ist es schwer zu glauben, dass der Literat zu den Gefangenen gehört, die von dieser 'Befriedungsmaßnahme' profitieren."
Die Initiativen für Boualem Sansal lassen unterdessen nicht nach. In Frankreich bildet sich eine Gruppe von Autoren und Universitätsleuten, die eine Internetseite für Sansal hochziehen wollen: Wenn Sansal gehindert wird, seine Fragen zu stellen, so ist es am Publikum, über sie zu debattieren, so die Idee. Im Aufruf der Gruppe, der in L'Expressveröffentlicht wurde, heißt es: "Es wurden vielleicht zu viele geostrategische Überlegungen angestellt und nicht genug über sein Werk gesprochen. In seinem Roman 'Dis-moi le Paradis' erklärt einer der beiden Erzähler, Tarik: 'Der Leser wird suchen, das ist sein Beitrag zu unserer Befreiung. Zu irgendetwas müssen Freunde ja gut sein'. Tatsächlich versteht Boualem Sansal seine Romane auch als Räume, als Übungsfeld für die demokratische Praxis. Um diese Utopie zu verwirklichen, bittet er immer wieder um die Hilfe des gutwilligen Lesers: des 'klugen Lesers, der sein Wissen vertiefen will, um sich seines Urteils zu versichern', des Lesers, der sich nach einer 'echten Debatte' sehnt, ohne vor 'den Einschüchterungen der einen oder anderen Seite' zurückzuschrecken ('Governing in the Name of Allah')." Unterzeichnen lässt sich der Aufruf hier. Die Gruppe stellt auch ein Plakat zur Verfügung, das - ähnlich wie in der deutschen Initiative - von Buchhändlern ausgehängt werden kann:
Plakat des Appells "Littérature et liberté".
Bestellen Sie bei eichendorff21!Weitere Artikel: "Der verkehrte Himmel" von MikaelRoss ist laut Tagesspiegel-Jury der beste Comic des Jahres. Die tazveröffentlichtMuriDaridas beim Berliner Open Mike mit dem Publikumspreis ausgezeichnete Erzählung "Neue Leichen braucht das Land". Jörg Wimalasena empfiehlt in der Welt die grotesken Kriminalromane von JohnSwartzwelder, der früher schon die Drehbücher zu mit den besten "Simpsons"-Folgen geschrieben hat und ansonsten die Öffentlichkeit scheut wie sonst nur Thomas Pynchon Kameras. Gerade in Zeiten wie diesen ist JohnMiltons "Paradise Lost" brandaktuell, findet Hannes Stein in der Welt: "Hier wird gezeigt, wie autokratische Herrschaft funktioniert." Die Schriftstellerin JaneS. Wondaklärt Manfred Rebhandl vom Standard im Gespräch über die Eigenheiten des "DarkRomance"-Genres auf, bei dem erotische Fantasien mit Schuften und Scheusalen im Vordergrund stehen.
Besprochen werden unter anderem OlgaTokarczuks "E.E." (Standard), RomanEhrlichs "Videotime" (NZZ), EvaIllouz' "Explosive Moderne" (online nachgereicht von der FAZ), ToreRenbergs "Die Lungenschwimmprobe" (NZZ), TheaSternheims "Die Pariser Jahre. Aus den Tagebüchern 1932 -1949" (online nachgereicht von der FAZ), PhillipB. Williams' "Ours. Die Stadt" (FR), DavidWagners "Verkin" (Standard), GüntherWessels "Alfred Wegener. Universalgelehrter, Polarreisender, Entdecker" (NZZ), und DanielaSeels Lyrikband "Nach Eden" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Hubert Spiegel über SebastianBrants "Von unnützen Büchern":
"Man hat mir den Platz des Vortänzers gegeben, weil ich ohne jeden Nutzen viel Bücher besitze, die ich nicht lese und nicht verstehe ..."
Jedes Detail hat seinen Sinn: "Jenseits des Rechts" von Dominik Graf (BR/PROVOBIS Gesellschaft für Film und Fernsehen mbH /Hendrik Heiden) Mit dem "Polizeiruf"-Krimi "Jenseits des Rechts" lief gestern der neue, vom SZ-Kritiker TobiasKniebe geschriebene Film von DominikGrafin der ARD. Sonntagabendkrimi-Kolumnist Matthias Dell ist auf Zeit Online von diesem Filetstück schwer begeistert - insbesondere vom Schauspiel, aber auch von allem anderen: "Es sieht alles so einfach aus in diesem Polizeiruf, weil alles stimmt: die Erzählung mit ihren Abschweifungen, das Spiel, die Komparserie, die Kamera, der Schnitt oder auch nur, wie München vorkommt in den Außenszenen. Dahinter steckt präzise Arbeit, die vonLiebegetragen ist zu dem, was sie tut, weil noch das kleinste, im ersten Moment vielleicht überflüssig wirkende Detail seinen Sinn hat." Auch Welt-Kritiker Elmar Krekeler hat viel Freude an diesem "grandiosen Polizeifilm", für den im Amateurporno-Milieu ermittelt wird.
FAZ-Kritikerin Sandra Kegel lobt insbesondere das Spiel der gestandenen Burgtheater-Schauspielerin Johanna Wokalek als Ermittlerin Cris Blohm, "die tatsächlich einen anderen Zugang zum Verbrechen findet." Sie "hat vor allem dieses zarte Gesicht, in dem sich abzeichnet, was sich zusammenbraut, noch bevor der Sturm losbricht. ... Die Mittvierzigerin ist so unscheinbar wie die graue Wandfarbe der Münchner Villa. Sie fällt nicht auf. Das ist Blohms stärksteWaffe - und wie Wokalek diese Farblosigkeit ausmalt, ist große Kunst."
Tilman Schumacher wägt auf critic.de eher ab: Dieser Film will viel und mehr und immer mehr und dies "mit Hang zur Absurdität des Zeitgeists: ein Kaleidoskop menschlicher Leidenschaften mit aristokratischer Fallhöhe, ein Film, der gleichermaßen von Sipp- und Seilschaften, Darknet, Finanzweltlage, Tiktok, Teenage Angst, 'Digga'-Jargon, McDonalds-Albträumen und juristischen Grauzonen erzählt." Das ist ein "Fluch, weil vieles in der gebotenen Kürze notwendig Skizze bleibt, was mehr ausgemalt doch mehr Spaß bereitet hätte. ... Vielleicht ist das Sprunghafte aber auch ein Segen? Der Genremix hat jedenfalls bei aller Unzulänglichkeit auch sein Unerschrockenes: Grafs Polizeiruf ist der Versuch eines Fernsehgenrefilms, der erzählerisch Neues ausprobiert."
Weitere Artikel: In einem Essay für den Filmdienstverzweifelt Sebastian Seidler am Zustand der feministischenFilmkritik. Besprochen werden LucaGuadagninosBurroughs-Verfilmung "Queer" mit DanielCraig (FAZ), MichaelGraceys Biopic "Better Man" über RobbieWilliams, in dem der Entertainer von einem digitalen Affen dargestellt wird (NZZ) und der Horrorfilm "Heretic" mit HughGrant (FAZ, unsere Kritik).
Beim von RiccardoMuti dirigierten Neujahrskonzert der WienerPhilharmoniker wird "heuer erstmals das Stück einer Komponistin integriert, der Ferdinandus-Walzer von ConstanzeGeiger, die erst zwölf war, als sie ihn schrieb", berichtet Ljubiša Tošić im Standard von der Pressekonferenz vom vergangenen Samstag. Max Nyffeler spricht für die FAZ mit der Witwe von LuigiNono, Nuria Schönberg Nono.
Besprochen werden EricClaptons Album "Meanwhile" (FAZ), die in der Edition Bru Zane erschienene Urtext-Version von JacquesOffenbachs "La Vie Parisienne" (FAZ) und PöbelMCs Konzert in Frankfurt (FR).
Ülo Sooster. Mona Lisa. 1960. Sooster Family Collection. Die Bilder eines "Kosmo-Erotikers" kann FAZ-Kritiker Jan Brachmann im Mikkel Museum in Tallinn bewundern: Eine große Ausstellung widmet sich dem estnischen Künstler Ülo Sooster, einem "lustvollen, witzigen Nonkonformisten", der sich durch die gesamte Kunstgeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts malte "vom Spätimpressionismus bis zum Surrealismus und der abstrakten Malerei", so Brachmann. Die Sojwets fanden seine Bilder weniger witzig - Sooster musste ins Arbeitslager, wo er allerdings munter weilter malte: "Die Eierbilder gehören zu den lustigsten und originellsten. Eine große Filzstiftzeichnung von einem Ei zeigt auf dessen Oberfläche Strukturen, die an die gewundenen Gänge eines Tritonshorns oder eine Vulva erinnern. Sooster bringt das Ei und Gustave Courbets 'Ursprung der Welt' zusammen, wie er auch sonst viele intertextuelle Scherze liebt und in einer Bleistiftzeichnung von Leonardos 'Mona Lisa' deren Mund und linkes Auge surrealistisch gegeneinander tauscht."
Auch Michaela Nolte ist im Tagesspiegelangetan: "Wir beschreiten fragile Wege, bewegen uns auf frei schwebenden Plateaus oder plötzlich endenden Planken, die über gähnende Tiefen ragen; blicken in die Ferne oder auf Wand- und Dachkonstruktionen. Wobei der delikate Duktus in den transparenten Partien ebenso auf den Baustoff Glas und die damit einhergehende Offenheit der Architektur Mies van der Rohes rekurriert."
Außerdem: In der FAZ freut sich Peter Kropmanns über die beendete Restaurierung der prächtigen "Chapelle de la Vierge" in der Pariser Kirche Saint-Sulpice. Besprochen wird die Ausstellung "Ribera - Ténèbres et lumière" im Petit Palais in Paris (NZZ)
In der FRgratuliert Sylvia Staude dem Choreografen William Forsythe zum 75. Geburtstag. Besprochen werden Hiroko Tanahashis und Max Schumachers Inszenierung des Stücks "Trojan Horse" nach Homer am TD Berlin (taz) und Bárbara Lluchs Inszenierung von Puccinis Oper "La Bohème" bei den Tiroler Festspielen in Erl (Standard).
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